Um von Tradition zu reden zu können, dauert es meist länger

Aus dem Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen kommen in diesen Tagen Informationen, die den Autokorsos bei türkischen Hochzeiten eine kulturelle Deutung türkischer Lebenswelten hinzu fügen. Das ist – wenn ich es richtig verstehe – so ähnlich, wie mit dem mittlerweile abgeschafften öffentlichen Aufgebot bei Hochzeiten in Deutschland – das aller Welt zu verstehen geben sollte, dass Braut und Bräutigam jetzt einen besiegelten Neuanfang einer Beziehung ohne eben die materiellen und emotionalen Beziehungslasten der Vergangenheit starten. Wenn man die öffentliche Diskussion um diese Autokorsos wirklich auf dem Hintergrund einer Kultur deutet, dann erscheint das alles als eine öffentlich bewegende Inszenierung, die zumindest in den angewandten Mitteln die Tradition verlässt, gleichwohl aus der Tradition ihre Rechtfertigung bezieht. Ein eher dörflich überschaubares Spektakel mit Fußgängern aus der großen Verwandtschaft, vielleicht auch noch Reitern und regionaler Festkleidung wird zum Donutfahren über alle Spuren der Autobahn mit Pistolenschüssen in den Himmel: „Seht, Mustafa und Aische kriegen für einen unvergesslichen Tag alles vorgeführt, was wir haben!“, nämlich gepflegte Autos und die Bereitschaft, die Autobahn zu sperren und abschließend noch einmal alle Waffen zu präsentieren und eigentlich für jetzt und immer alles zu geben.
Dagegen steht die Entwicklung vieler Gesellschaft, die Ehe und Familie privat werden lässt, in Deutschland ebenso wie in der Türkei. An den Hochzeiten der Fremden in der Nachbarschaft besteht kein großes Interesse mehr. Man ist da lediglich tolerant. Wenn man an den Rechtsnormen vorbei eine Privatschau abzieht, die meistens auch noch strafrechtlich zu verfolgende Elemente enthält, dann darf man nicht mit Zuspruch rechnen, nicht einmal mit Toleranz.

Das Werkzeug Auto gibt es seit etwa 100 Jahren. Der Tatort Autobahn ist noch neueren Datums. Traditionen sind Autokorsos sicher nicht, schon gar nicht, wenn sie strafrechtlich oder ordnungsrechtlich sanktionierte Elemente beinhalten.
Dass auch nichttürkische Hochzeitsgesellschaften hupend durch die Straßen fahren, ist auch nicht zu tolerieren und genauso wenig mit einer wirklichen Tradition zu belegen. Vor allem kann ein Fehlverhalten nicht genutzt werden, die Gleichheit vor dem Gesetz der Art einzufordern, dass man eben selbst einfach mal rumhupt. Wir geben uns unsere Rechtsnormen im Gemeinwesen selbst. Das ist ein guter Grund, sich daran zu halten. Wer bestimmte Normen nicht mag, aus welchen Gründen auch immer, kann sich für eine Gesetzesänderung engagieren. Das ist so vorgesehen.
Ich warte jetzt auf den Beerdigungskorso und den Kindergeburtstagskorso und äußere schon mal vorsichtshalber mein Desinteresse.

| Zigarre verpasst |

Ich mag Geschenke!
Seit verdammt vielen Jahren werde ich nun beschenkt. Ich sehe im Rückblick eine Entwicklungslinie des Schenkens, von der ich mich aber immer weiter entferne.

Die Geschenke und auch die tragende Philosophie des Schenkens haben sich so sehr gewandelt, dass ich alte Geschenke und neuere Entwicklungen so sehr beklage, dass ich immer mehr aus der Zeit falle, ohne mir aber die Freude an Geschenken nehmen zu lassen.

In meiner Kindheit waren Geschenke bescheiden. Deren Hauptzweck war – sehen wir einmal von den Sonderfällen der Bestechung und der Versorgung mit überfälligen neuen Kleidungsstücken ab – dass der Schenkende an einer Verbindung weiter knüpft, die ihn mit dem Beschenkten verbindet. Dabei waren und sind Einfühlsamkeit und aber auch Selbstdarstellung gefragt. Denn es geht ja immer um zwei Menschen, die ein Geschenk verbindet. Das Risiko bleibt dabei, dass die Verbindung nicht immer gestärkt wird, nämlich dann, wenn das Geschenk nur einem oder gar keinem der Schenkungsbeteiligten gefällt. Man hat in zurückliegender Zeit dann einfach gesagt: „Ach, das gefällt mir, Danke!“,  und alles blieb vorübergehend in Ordnung. 

Mittlerweile gibt es ja Geschenke auf Bestellung, die man in freiheitlichen Zusammenhängen sogar noch aus einer vorbereiteten Liste aussuchen darf. Das ist dann industriell eingedampfte Einfühlsamkeit und die Selbstdarstellung des Schenkenden bleibt gänzlich auf der Strecke. Die Beziehung zwischen den Geschenkbeteiligten ist dabei jedenfalls unwichtiger als der Rahmen, den das Geschenk kosten darf. Ein selbstgeschriebenes Gedicht, das manchmal lebenslang beglücken kann, steht auf solchen Listen kaum. Man kann auch alles bequem über einen Geschenkladen – gern auch online – abwickeln, der auch Anteilsscheine an größeren Geschenken verkauft. Wer so reich ist, dass ihm die Annahme von Geschenken peinlich wäre, der leitet die in Finanzströme konvertierten Geschenke ohnehin auf das Konto eines Anbieters im globalen Altruismusgewerbe und hat sich das lästige Unboxing und folgende Unannehmlichkeiten erspart. Das mache ich alles nicht mit! Auch Origamigeldscheine habe ich bei aller Unberechenbarkeit nicht im Portefeuille.

In meiner Kindheit waren noch Geschenke gern gesehen, die für Kinder aus der Erwachsenenwelt entlehnt wurde und heute als bösartige Manipulation gedeutet würden. Ich erwähne nur nebenbei den funkensprühenden Panzer, der ab und zu mit seinen Ketten über meine Bettdecke fuhr, wenn ich krank war. Als Kind bekam ich nicht selten Schokoladenzigaretten geschenkt. Die Geschenkindustrie und die korrespondierenden Geschenkmoden haben zwar ihre Zielgruppen im Griff wie nie zuvor, aber eine segensreiche Wirkung von Kinderzigaretten zu inszenieren, war dann wohl doch zu teuer. Man hätte ja auch gleich die gesundheitspolitische Debatte um das Rauchen für Erwachsene ausrotten müssen, um Kinderzigaretten gewinnbringend verkaufen zu können. Und nun ist die Schokoladenkinderzigarette ersatzlos vom Markt verschwunden und die echte Zigarette folgt ihr mit zeitlichem Abstand sogar gehorsam und ohne Qualm zu hinterlassen.

Ich erzähle das nur, weil mir in Kindertagen meine Oma zu Weihnachten gar Schokoladenzigarren geschenkt hatte. Sie waren so täuschend echt rekonstruiert, dass sie von echten Zigarren in ihrem gediegenen Kistlein nicht zu unterscheiden waren. Ich merkte dann aber bald, dass sie gar nicht aus Schokolade waren. Ich habe mich vorschriftsmäßig bedankt und die heiße Ware schmerzlos an meinen Vater weitergegeben. Enttäuscht war ich nicht. Meine Oma hatte sich eben geirrt. Aber sie war insgesamt irgendwie lustig, beanspruchte meine Toleranz aber bis zum Äußersten, als sie mir an meinen Cowboyhut Federn des verstorbenen Kanarienvogels annähte, um mir eine Freude zu machen. Heutzutage betone ich meine Seelenverwandtschaft mit den Indianern …

Zur Pflege der Parteienlandschaft: Klientelpartei, Volkspartei und dann?

In der politischen Diskussion kommt immer wieder das Wort Volkspartei vor, obwohl nach meiner Einschätzung stets einfach nur Partei gemeint ist. Damit wertet man wohl Parteien auf, die gerade prinzipiell ins Gerede gekommen sind. Man tut so, als seien das Parteien mit Sternchen, also etwas höherwertiger und unverzichtbarer. Man vermeidet auch ganz schlau jeden Hinweis darauf, was denn eine Volkspartei überhaupt zu sein hat. Lediglich die Grünen verzichten darauf und können das, wenn sie befragt werden, auch begründen.

Für alle anderen hier noch einmal mein traditioneller Schnellkursus!

Also: Volksparteien sind weder große Parteien, noch alte Parteien und schon gar nicht Parteien, die das Volk vertreten.

Volksparteien wurden historisch betrachtet so benannt, weil sie im Gegensatz zu Parteien mit besonderem Schwerpunkt für besondere Zielgruppen in ihrem Selbstverständnis die Interessen aller Bevölkerungsgruppen gebündelt haben. So, wie vor 100 Jahren die Klientelparteien fragwürdig wurden, werden heute offenbar auch die Volksparteien fragwürdig, weil sie in gewisser Weise unterschiedliche Interessen programmatisch ausgleichen und dabei oft bis zu Unkenntlichkeit verstecken. Ihre Auseinandersetzung darüber findet also ohne viel Aufsehen innerparteilich statt und dann eben nicht mehr zwischen Parteien im Parlament. Klientelparteien sind eindeutiger und glaubwürdiger, aber eben nur für Ihr Klientel.

Aber die gibt’s eigentlich nicht mehr. Im Bundestag sehe ich keine Partei, die nicht Volkspartei ist — mehr oder weniger. Bei der AfD allerdings eher weniger …

Je stärker sich Gesellschaften differenzieren, um so schwieriger wird die damit verbundene Aufgabe der Integration dessen, was sich gerade differenziert hat. Das gilt gerade auch für politische Parteien, die stark dem Volksparteiparadigma folgen. In einer bewusst auf Vielfalt und Inklusion angelegten Welt, werden die Interessengruppen politisch Gleichgesinnter in immer kleinere Einheiten aufgelöst und mit der Inklusion ganz neue Skills auf den Weg gegeben, um sich als Individuum in der Gesellschaft teilnahmsvoll inszenieren zu können. Die favorisierte Politik von Volksparteien kommen also immer schwerer zu dem von ihnen propagierten Konsens aller Bevölkerungsgruppen. Sie gehen vielfach auch hilflos dazu über, demoskopische Algorithmen zu bemühen, festzustellen, was der Bürger denn so will. Damit gehen auch die Unterschiede der Volksparteien sukzessive verloren. Der Bürger kann die politischen Parteien kaum noch unterscheiden und traut allen gemeinsam alles mögliche zu, aber nicht das, was er sich wünschen würde.

Damit ist das Ende einer Entwicklung der Volksparteien erreicht. Klientelparteien wirken dagegen plötzlich aussagestark, wenn sie das begleitende Gefühl vermitteln, dass diese Partei sich für den Einzelnen und Gleichgesinnte engagiert und die Frage nach dem leitenden Interesse der Partei, Ihrem Menschen- und Gesellschaftsbild unterbleibt.

Mit der Globalisierung der Welt ist es allerdings so, dass die Ressourcen der lebenswerten Welt immer besser erforscht und beschrieben werden und allerorten die Welt selbst Themen setzt, die herkömmliche Parteiprogramme ersetzen oder ihnen doch zumindest den Rahmen vorgeben. Grenzenloses Wachstum, zunehmend unbeherrschbarer Klimawandel, globale Ungerechtigkeiten und das ungeheure Potential, die Welt zu vernichten, sind nur Beispiele für universelle Themen, die zur Rettung der Welt anstehen und empirisch zudem gut erforscht sind. Politische Parteien, gleichgültig ob sie sich für ein bestimmtes Klientel oder allen Klientels verpflichten, sind künftig daran zu messen, wie und in welchen Zeiträumen sie Abhilfe versprechen. Sich Zeit zu lassen, um erst noch einmal alles zu besprechen, ist wohl ein Ausschlusskriterium im Spektrum wählbarer Parteien. Beschleunigte Politik wird im Vorteil sein.

Siehe aber auch:
Zur Unsterblichkeit der politischen Parteien

Mein erstes Fahrrad

Es war Mitte der 50er Jahre, als ein mir unbekannter junger Mann zu uns kam. Er brachte uns ein Fahrrad. Er hatte es sich für die Zeit seines Studiums von meinem Vater ausgeliehen. Jetzt war plötzlich ein Fahrrad da. Ich hatte nicht damit rechnen können, dass es so plötzlich ein Fahrrad in der Familie geben würde. Mein Vater fuhr stets Auto, zu der Zeit wohl einen Renault. Das Rad war einfach nur schwarz, aus der Vorkriegszeit und für erwachsene Männer. Keine Frau wäre damals damit gefahren. Viele Frauen, wie auch meine Mutter, konnten gar nicht radfahrern. Behütete Lebensbedingungen in der Kindheit beinhalteten häufig überhaupt keinen Kontakt zu einem Fahrrad. Kinderfahrräder waren sehr selten. Das Rad hatte keine Gangschaltung und keinen Kettenschutz, wohl aber eine überdimensionierte Lampe mit einem Drehschalter oben drauf, eine Rücktrittbremse, sowie eine Handbremse mit einem Gestänge, das im Betätigungsfallein breites Gummi oben auf den Reifen drückte. Die Schutzbleche klapperten nicht. 

Am nächsten Tag habe ich mit den Zwillingen, die auch im Haus wohnten, einen Plan gemacht, wie wir uns den Umgang mit dem Fahrrad aneignen könnten. Als geübte Rollerfahrer hatten wir mit dem Gleichgewicht auf dem Fahrrad kein Problem. Die Stange war so hoch, dass ich nur stehend fahren könnte und dabei immer Gefahr lief, schmerzhaft mit der Stange zu kollidieren und eventuell umzufallen. Wir schoben das Rad in den alten Weg gegenüber, der 100 Meter geradeaus ging, dann über die Brücke der Köttelbecke führte und nach einer Kurve sehr steil und uneben Anstieg. Auf dem ganzen Weg gab es außer uns Radfahrern nur Fußgänger. Zunächst fuhren wir abwechselnd auf dem geraden Stück und hielten uns dann irgendwann am Zaun der Brücke fest, manchmal auch vorzeitig am Weidezaun. Das Auf- und Absteigen blieb ein Problem. Die anderen beiden hatten schnell den Trick raus, das rechte Bein unter der Stange herzuführen, um mit leicht verdrehtem Körper auf dem leicht verdrehten Fahrrad zu fahren, weil ihre Beine einfach zu kurz waren, um in normaler Position zu fahren. Nachdem wir mehrmals abrupt halten mussten, weil sich die Hose zwischen Kette und Kettenblatt eingeklemmt hatte, haben wir die rechten Hosenbeine immer hochgekrempelt. Während einer fuhr, liefen die andern nebenher und gaben Tips und leisteten Nothilfe. Täglich trafen wir dort auch Opa Hekel, ein Bergmann in Rente, der an den Hängen der Köttelbecke seine Schafe weidete. Er hatte sogar einen Schlüssel von der Emschergenossenschaft für das Tor neben der Brücke, um sich dort um seine Schafe kümmern zu können und gleichzeitig die Ufer zu pflegen. Er war ein von allen Kindern der Gegend hochgeachteter, humorvoller und weiser Mann mit Regalen voller eingekochten Schaffleisches im heimischen Keller. Wir haben ihm dann immer gezeigt, wie gut wir waren. Das hat ihn beeindruckt. Dann wurde die Übungsstrecke irgendwann auf den Berg ausgeweitet. Ohne Gangschaltung und mit der Kraft der Siebenjährigen schafften wir den Berg nicht, der übrigens Mülheim-Heißen und Essen-Frohnhausen immer noch verbindet. Aber es war der Ehrgeiz, so weit wie möglich zu kommen, um dann dort Markierungen für einen Leistungsvergleich anzubringen. An irgendeiner Stelle war der Schwung aufgebraucht und man konnte dann noch ein einziges Mal das ganze Körpergewicht auf eine Pedale drücken, und dann war unweigerlich das Ende der Fahrt erreicht. Bis obenhin kam niemand.

Wir waren wohl einen ganzen Sommer damit befasst, dort mit unserem Fahrrad zu fahren. Es war eine schöne Zeit! – 

Mein zweites Fahrrad bekam ich erst ein paar Jahre später zu Weihnachten. Es war ein gebrauchtes graues HWE mit Dreigangkettenschaltung und Freilauf und wie neu. Ich bin damit immer zur Schule gefahren, habe es wöchentlich geputzt und ich habe damit die Städte der Umgebung erkundet. Fahrradfahren war ganz viel Freiheit … Übrigens hieß es nie Rad, immer Fahrrad, ausgesprochen: Farratt.

Die alten weißen Männer und ich

Warum hat die Frau Passmann diese „alten, weißen Männer“ auf die Spur zeitgenössischer Schreiberei gebracht? Ich glaube, es war ein Versehen. Und warum sind sie so schlecht, wie sie jetzt immer dargestellt werden? Mittlerweile geistern sie sogar zwischen den Zeilen herum, ohne ausdrücklich benannt zu werden.

Ich muss darüber jetzt eigentlich nichts schreiben. Frau Passmann hat das ja schon gemacht. Aber sie sind ihr dann doch entglitten und verstopft nun die Informationskanäle. Das ist so ärgerlich, dass ich nun etwas sagen will.

Er ist also alt. Hm .… dafür kann er nichts, weil uns das Leben im Lauf der Zeit allgemein alt macht. Er ist also weiß. Hm… dafür kann er nichts, weil die Hautfarbe über die Abfolge vieler Generationen vererbt ist. Er ist also ein Mann. Hm… dafür kann er nichts, weil die unzählig vielen Spielarten der Geschlechter sich bereits vorgeburtlich konkret einstellen.

Also können die alten, weißen Männer nur bemerkenswert sein, weil gerade diese dreifaltige Eigenschaftskombination bei einem Menschen stets eine verabscheuenswürdige Sozialisation hervor bringt und er sich partout nicht dagegen wehren will. Es wäre also etwas verständlicher, wenn diese Sekundäreigenschaften beschrieben würden und der alte, weiße Mann, so wie er durch die Welt läuft, aus der Haftung entlassen würde.

Ich bin selbst so einer und ich kann nur sagen: Ich bin humanistischer Anarchist, irgendwie auch ziemlich schwarz, jung und feministisch, fantasiebegabt, kommunikativ und an der sich entwickelnden und inklusiven Vielfalt interessiert. Als alter, weißer Mann werde ich mich weiß Gott nicht ins Spiel bringen.

— Und jetzt kommst Du!

„Die Jugend“

Der Autor trimmt sich jugendlich, ohne jeden Anspruch darauf, ernst genommen zu werden

Seitdem mit einem Schwerpunkt jüngere Menschen andere Parteien wählen als zuvor und damit die über Jahrzehnte geübte Wahlpraxis durcheinander bringen, fühlen sich mal wieder viele Leute veranlasst, über „die Jugend“ Mutmaßungen anzustellen.
Bei allem, was ich da bisher gelesen habe, sind es wohl ausnahmslos Besserwisser, die sich für die Beweggründe Jugendlicher nicht interessieren, aber krampfhaft überlegen, welches subkulturelle Produkt so hergerichtet werden kann, dass „die Jugend“ keinen Mist macht und sich für einen leblosen Mainstream einfangen lässt.

Das war nie anders. Es war bereits in der katholischen Jugendarbeit der 60er Jahre so, dass das wirklichkeitsfremde Konstrukt „Jazzmesse“ Heilwirkung entfalten sollte, obwohl nur billiger Softpop dabei herauskam. Es war ein Graus und alle versuchten sich gutgläubig daran, mit so einem schmalen Kunsthauch von Freiheit zu locken. Die Jeans aus der DDR war auch so ein kläglicher Versuch fehlgeleiteter Strategen.

Mein Rat ist, das ganze Ding ohne Erwachsene, aber mit Menschen zu machen und Mutmaßungen über die Jugend einzustellen.

Der Rezo und die Fridays-for-Future-Bewegung leuchten die Leerstellen aus

Es gibt ja immer wieder Sachen, die man beiseite schiebt oder erst gar nicht wahrhaben will. Das macht die eine und der andere. Es werden damit Leerstellen produziert. Sie sind irgendwie da, aber man sieht sie so wenig, wie das Chaos im Wäscheschrank. Es ist wie mit Bielefeld oder wie mit dem Dornröschenschloss: Die Hecke gehört zum Alltag und das dahinter ist außerhalb aller Denkhorizonte praktisch ausgelöscht. Die Welt ist dann so, wie sie gefällt, aber eben teilweise unsichtbar. Astrid Lindgren und Andrea Nahles haben schon frühzeitig darauf hingewiesen, dass es so etwas in Pippi-Langstrumpf-Manier geben sollte oder auch nicht. Leerstellen sind jedenfalls Altlasten nach dem Badbank Modell, die das  Leben scheinbar schöner machen. Es werden alle medialen Verfahren eingesetzt, dass es auch so bleibt. Das Ergebnis ist eine ritualisierte Politik mit inszenierten Auseinandersetzungen und Lösungen, die so stark propagiert werden, dass man auch einen Entscheidungsstau als dynamische Politik verkaufen kann wie ein E-Auto. So wird endlos über die Erfolge der Klimapolitik berichtet, obwohl sie sträflich vernachlässigt wird.

Der YouTuber Rezo mit seinem Film „Die Zerstörung der CDU“ und mit seiner bemerkenswerten Reichweite ist in die Welt der Politik ohne Vorahnung und Vorwarnung eingebrochen. Obwohl – man hätte wissen können, dass so etwas kommen kann. Rezo ist der lang erwartete, liebende Prinz, der mit zurückbebender Leidenschaft und scharfem Schwert die Leerstellen offenlegt und großartige Denkgebäude hinter den Hecken offenlegt. Die FFF-Bewegung hatte bereits in den letzten Monaten fachlich und emotional vorgearbeitet. Die Zeit war reif. Die Politik kann weder den FFF-Aktivisten noch dem Rezo etwas entgegensetzen. Darauf sind die meisten Parteien nicht vorbereitet. Aber der Bürger freut sich über die verlorengegangene Themen und Blickpunkte auf die Welt. Es kann also nicht mehr so weitergehen und Rezo ist das Aufbruchssymbol, so wie die FFF-Bewegung auch. Die Chancen stehen gut wie lange nicht mehr, dass die tradierte Politik nicht mehr selbst die Themen wählt oder verschüttet.

Die Wahl zum Europaparlament 2019 zeigt jedenfalls überdeutlich, dass der Stolz auf Besitzstände vom Wähler nicht mehr honoriert wird, auch nicht die Aufrechnung konstruierter Erfolge und ihre Verlängerung in Pläne, die den Weg ihrer eigenen Realisierung verstopfen. Es zählt allein die Umsetzung in erlebbare politische Ergebnisse und ein kleiner Vertrauensvorschuss, den es bei schlechten Erfahrungen einfach nicht gibt. Mit den Stimmanteilen kann es also, schneller als bisher gedacht, ganz scharf nach oben oder nach unten gehen. Die Demokratie lebt!

Komplexität als Geschäftsmodell

Jetzt stellen wir in dem aufsehenerregende Prozess zum Unglück auf der Loveparade fest, dass es ein unentwirrbares Geflecht von Institutionen und Fehlentscheidungen in diesen Institutionen gegeben hat und dass in der Folge kaum konkreten Menschen dingfest gemacht werden können, die mehr als einen winzigen Teil zur Katastrophe beigetragen haben.
Das erscheint gerade so, als brauche man nur gehörig viel Komplexität, um sie aus der juristischen Verantwortung zu stehlen.
Die internationalen Finanzmärkte sind voll davon. Dort wird Geld generiert und niemand weiß so recht, wo das Geld herkommt und wer es rangeschleppt hat. Die juristischen Folgen sind immer schon unbefriedigend.
Erinnern wir uns an den Atomgau in Tschernobyl. Da gab es zwischen vielen Knöpfen ein menschliches Versagen, aber der ganze technologische und politische Überbau hatte direkt mitversagt. Man hätte es wissen können, hat aber nur für die Devise der Macher gearbeitet. Dass weiterhin ausrangierte Schiffe mit Atomantrieb verrotten und in den Weltmeeren alte Atomuboote auf Grund liegen, wird trotzdem weiterhin als Gefahr ausgeblendet. Hier in der Gegend ist das marode Atomkraftwerk von Tihange. Es ist abzusehen, dass bei einer Katastrophe die Verantwortung ebenfalls in der Komplexität verschwindet. Und wie ist das mit dem Stuttgarter Bahnhof, dem Brexit oder mit dem massenweise völkerrechtswidrigen Flüchtlingssterben? Das ist alles viel zu komplex um juristisch vermessen und ausgeleuchtet zu werden.
Offenbar müssen die Rechtsnormen ganz allgemein an der Komplexität ausgerichtet werden. Und wenn Komplexität unbeherrschbar und zum Geschäftsmodell wird, müsste man ja ganz andere Seiten aufziehen.

Hängen im Schacht – ein paar Kohlen aus einem Leben …

Die Kohleförderung im Ruhrgebiet ist nach 200 Jahren beendet. Ich bin ja mitten im Ruhrgebiet groß geworden. Da ist man am Bergbau nur selten vorbeigekommen. Es hat sehr lange gedauert, bis mir klar war, dass das mit der Kohle eine Episode von geschichtlich sehr übersichtlicher Dauer war und bleiben würde.

Der Schacht, in dem ich einmal besuchsweise auf 1000 Meter durfte, der stand sogar auf einer grünen, umwaldeten Wiese. Da fiel es nicht schwer, zu rekonstruieren, dass die ganze Gegend noch zu Urgroßvaters Zeiten insgesamt grün und bäuerlich geprägt war. Und trotz aller urbanen Verdichtung kannte und kennt dort jeder irgendeinen Bauernhof in seiner Nähe.

Auf so einem ehemaligen Bauernhof in unmittelbarer Nachbarschaft der Zeche Rosenblumendelle habe ich meine Kindheit verbracht. Mein Vater hatte dort auch seinen Handwerksbetrieb, direkt gegenüber der Wohnung. Ich spielte auf dem Land und war doch ein richtiges Kind der Stadt. Beim Schichtwechsel töte die Sirene in einer Lautstärke, dass bis zum Abschwellent jedes Gespräch unmöglich war. Man stellte auch seine Uhr danach oder setzte mit der Sirene die Kartoffeln auf.

Wann das in meiner Familie mit dem Bergbau angefangen hat, das weiß ich nicht. Meine Oma sagte immer: „Wir dienen dem Hause Stinnes schon seit 150 Jahren.“ Sie hat dabei wohl alle Beschäftigungszeiten in der Verwandtschaft zusammengezählt. Mein Großvater väterlicherseits war Bergmann. Ich habe ihn noch 5 Jahre erlebt. Er war mit seiner Staublunge schon lange in Rente und total witzig. Er trug aus Zweckmäßigkeitsgründen eine Glatze, unterhielt die ganze Hausgemeinschaft, erledigte Einkäufe und kroste im Garten. Das war die Zeit, in der man auch noch gern als Selbstversorger Tabak anbaute. Für die Hühner und für mich schnitt er immer die Brotkrusten klein. Zum Geburtstag bekam ich einmal eine Riesentüte mit getrockneten Brotkrusten. Es war ein Spaß, aber ich habe mich gefreut. Einmal schickte er mich und die anderen Kinder durch die Nachbarschaft. Wir sollten Persil besorgen, um die Hühner zu waschen. Eines meiner Spielzeuge war eine Hühnerpfote, die man bewegen konnte, wenn man an der Sehne zog. In unmittelbarer Nähe – erzählte man – wurde infolge plötzlicher Bergschäden ein ganzes Fuhrwerk verschluckt. Das war mir unheimlich, machte aber niemanden ängstlich.

Mein anderer Opa arbeitete in weißem Hemd und Anzug in der Bergschädenabteilung. Irgendwo steht, er sei „Bergwerksbeamter“ gewesen. Er war wohl wichtig, aber was er genau gemacht hat, weiß ich nicht. Er hatte aber ein Telefon im Bureau. Er war ebenfalls frühzeitig, allerdings wegen einer Herzerkrankung, Rentner und für mich immer etwas unnahbar. Meine Oma erzählte noch lange, dass er bei seinem Betriebsjubiläum geweint habe, als der Bergmannschor das Steigerlied gesungen habe.

Mein Vater war auch auf dem Pütt. Als er mit 25 Jahren aus dem Krieg kam, war für ihn nicht daran zu denken, sein Maschinenbaustudium fortzusetzen. Essen, trinken und wohnen waren wichtig, garniert von kleinen Alltagsfreuden. Die Opas hatten ihm einen Job unter Tage besorgt, da konnte er erst einmal als gelernter Schlosser arbeiten. Es gab zunächst nur dort gutes Geld, ein Kohledeputat und allerlei Lebensmittelunterstützungen. Meine Mutter bekam wohl während der Schwangerschaft mit mir die legendären Butterbrote von der Zeche, weil sie die am besten vertrug. Nach zwei Jahren wechselte mein Vater zur AEG und bereitete unsere Auswanderung nach Kanada vor. Er hatte schon das Schiff gebucht. Mein Vater konnte gut französisch, meine Mutter gut englisch. Das hätte gepasst. Und das Ein- und Auswandern passt ja immer schon ins Ruhrgebiet.

Als dann beide Großväter 1952 starben, war das Familienkapitel Bergbau beendet und die Auswanderung auch, bevor sie begonnen hatte. Denn die Omas wollten nicht allein bleiben. Überliefert sind die Bergbaugeschichten meines Vaters. Ich habe viele davon gehört. Am meisten beeindruckt haben mich die Grubenpferde, die ihr Leben unter Tage beendeten, dort aber bestens versorgt und umsorgt wurden. Im Tageslicht wären sie erblinden und hätten auch sonst kaum kaum gesundheitlich überleben können.
Ebenfalls beeindruckt hat mich, dass man unter Tage von Zeche zu Zeche fahren konnte, also praktisch durch die ganze Stadt. Für mich war das eine fantasievolle Alternative zur Straßenbahn.
Heute erzähle ich alle Geschichten sehr gern weiter.

Nur mal so …

Ach, das passt doch auch zum Aufbruch ins neue Jahr 2019 …
begeht es mit Freude, achtsam und nachhaltig.

Nikolaus 3.0

Die kolportierten Divergenzen zwischen Nikolaus und Weihnachtsmann beruhen auf einer einprägsamen Irreführung.

Hier der Katholische Bischof mit Mitra und Stab, der Kinder beschenkt. Dort der von Coca-Cola eingefärbte Weihnachtsmann, der das Weihnachtsgeschäft ankurbelt.

Aber so ist das nicht.

Bereits in den Alltagsbegegnungen mit den beiden überwiegen die Überschneidungen. Kinder verwenden die beiden Namen wahllos und das, was damit verbunden ist, geht praktisch wild durcheinander. Lediglich den Begleiter für den Nikolaus sieht man beim Weihnachtsmann so nicht. Er ist weitaus softer und könnte bestenfalls gestylte Engel und Rentiere vertragen, während der Nikolaus mit dem Zwarte Piet, dem Knecht Ruprecht oder dem Krampus kollaboriert, die nicht selten Angst und Schrecken verbreitet, wenn der Nikolaus sie nicht zur Ordnung ruft. Aber im oberflächlichen Erleben sind auch solche Unterschiede unbedeutend für eine Unterscheidung zwischen den beiden Herren.

Mit der Reformation wurde das traditionelle Wirken des Nikolaus erstmalig beschädigt. Weil die Welt der Heiligen in vielen Teilen Europas in die Kritik geraten war, wurde das Christkind als Geschenkebringer kultiviert und der Nikolaus in seiner Aufgabe erheblich zurechtgestutzt. Seitdem heißt es vielerorts, aber nicht überall: An Nikolaus gibt es kleine, an Weihnachen große Geschenke. Mit der Besiedlung der USA durch Europäer kam auch das Brauchtum und damit der Nikolaus dort hin. Der Nikolaus musste, so wie die anderen Einwanderer auch, eine länger Integrationsanpassung durchlaufen, um sich für alle Amerikaner empfehlen zu können. Dazu gehörte, dass er in den Metropolen interkulturell fit gemacht wurde und schließlich seine Einbindung in industrielle Produktions-, Werbe- und Verkaufsabläufe erfuhr, ohne dass er danach gefragt wurde, ob das in seinem Interesse ist. Die Bibel als Urgrund des nikolausischen Selbstverständnisses hatte nach und nach eine eher marginale Bedeutung. Um selbst zur Ware zu werden und seinerseits für Konsumwaren zu werben, eroberte er die Geschenkanteile des Christkindes zurück und wurde vollends zum Vehikel des umfassenden Weihnachtsmarketings: Er stand in grellem rot überall vor Kaufhäusern. Daran knüpfte die Mär an, der Weihnachtsmann sei eine Erfindung des Konzerns Coca-Cola. Richtig daran ist nur, dass Coca-Cola einer der aufstrebenden Konzerne war, die den Nikolaus ausgeschlachtet und für ihre Zwecke wieder gefüllt und hergerichtet haben. Mit der Expansion Coca-Colas hatte man direkt auch einen Weihnachtsmann für die ganze Welt.

Um das Schenken selbst dann auch noch rational an die christliche Familien heran zu führen hat man nach englischem Vorbild die amerikanischen Hauskamine in Szene gesetzt. Durch die Kamine werden bis heute – wie auch immer – alle vom Weihnachtsmann geförderten grellen Geschenkpakete in die gute Stube transferiert.

Wenn nun der amerikanisierte Weihnachtsmann über internationale Konzerne nach Europa reimportiert wird, dann stehen sich plötzlich Nikolaus und Weihnachtsmann gegenüber und finden es einfach unglaublich, dass einer wie der andere dem ursprünglichen Nikolaus entstammt. Seit 1950 ist der Weihnachtsmann in Europa auf dem Vormarsch. Das, was die amerikanische Variante durchgemacht hat, trifft die europäische Variante hart. Er beugt sich einfach nicht einem entfesselten Konsum. Lediglich sein Pferd hat sich im urbanen Lebensraum als unpraktisch erwiesen und wurde durch einen himmelsgängigen Schlitten mit allerlei Rentieren ersetzt, wie wir es vom Weihnachtsmann kennen.

Kinder sehen das sehr pragmatisch. Sie können mit diesem und jenem gut und widerspruchsfrei leben und sehen beide gut sozio-kulturell integriert. Sie bauen Ihnen sogar Brücken und weichen die Trennschärfe bereits im Sprachgebrauch auf.

Ich mag den Nikolaus mit Mitra und Stab sehr, weil er zur Gesellschaftskritik weitaus fähiger ist und damit auch zur Kindergerechtigkeit. Brav, dick und schrill, ist mir zu langweilig.