Harry & Meghan

Es gibt eine Trennung in einer königlichen Familie.

Die aktuelle Aufführung von Harry und Meghan Sussex erinnert mich an eine Erzählung von Heinrich Böll. Sie heißt: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ und ist einfach zusammengefasst:

Die Mutter der Familie zelebriert ihr Weihnachten nach einem bestimmten Muster und alle ringsum machen mit. In der schlechten Zeit damals neigt die Mutter dazu, die Feierrituale zu verlängern und immer weiter zu verlängern, weil das ihr Glück immer wieder für einen Moment rettet. Irgendwann können die Schauspieler nicht mehr bezahlt werden, die die Plätze und Rollen der Familienmitglieder irgendwann einnehmen und am Ende sitzen nur noch Puppen am Tisch. Das Ritual überlebt die handelnden Personen. Alle Kinder gehen ihren Weg außerhalb der unendlichen Feierei.

Die britische  Königsfamilie lebt in einer weitgehend ritualisierten Welt, die in Traditionen gründet, die man besser nicht befragt. Sie werden begleitet von einer Hofberichterstattung, die darauf achtet, dass niemand mit Extravaganzen ausschert und das System und seine Gewinner gefährdet.

Da ist es doch vollkommen normal, dass Harry und Meghan mit ersten Erfahrungen in der Erwachsenenwelt nach Unabhängigkeit streben und ihr eigenes Ding machen. Da will man ihnen respektvoll nicht einmal vorschreiben, wie das eigene Ding auszusehen hat.

Ich vermute, sie machen es goldrichtig, obwohl es ihnen letztendlich unmöglich sein wird, vom Gold und anderem Reichtum wegzukommen und wirklich eigenständig zu sein. Das ist eine schwere Hypothek. Vielleicht gelingt es ihnen ja, ihr Vermögen auf dem Weg zur unbedingten Freiheit runterzudampfen.

Affen im Krefelder Zoo sind in der Silvesternacht verbrannt.

Wer Tiere einsperrt, braucht dazu eine Rechtfertigung. Die Rechtfertigung in der Zoobewegung hat zur historischen Grundlage vor allem, eine Exotik fremder Welten in einer Zeit einzufangen und zu präsentieren, in der man nicht einmal eben durch die Welt reisen konnte. Die Rechtfertigung wurde jeweils im Zeitgeist ausgebaut und gibt heute vor, Arten zu erhalten. Im Jahr 1966 hat noch der Zoodirektor aus Duisburg mit dem sinnfälligen Namen Dr. Gewalt ohne Gewissensbisse auf einen Belugawal im Rhein geschossen, der sich nur etwas verschwommen hatte. Dass man alle Arten von Tieren wirksamer in ihren natürlichen Lebenswelt fördert und erhält, das ist die Gegenthese, die die Zoobewegung bis heute nur zögerlich aufnimmt. Manche Zoos leisten sich deshalb kleine Projekte in der Heimat bestimmter Tiere. Gegen die Einstellung der dämlichen, aber einträglichen Delfinshows hat man sich gewehrt, bis sie selbst vom Zeitgeist geächtet worden sind. Es tut sich etwas, aber wenig. Man merkt das, wenn süße(!?) Tierbabys für das Publikum aufbereitet und durch die Medien getrieben werden.

Neben der Rechtfertigung gibt es aber auch eine erhöhte Verantwortung für Gefangene. Jedes Gefängnis hat einen Notfallplan. Dem schlimmste Verbrecher würden die Türen geöffnet, bevor er verbrennt. Bei dem Wesen nach stets unschuldigen Tieren kann das im Prinzip nicht anders sein. Es gibt allerdings die Erschwernis, dass exotische Tiere in der Freiheit nur selten überlebensfähig sind und aber auch von Fall zu Fall gefährlich sein können.

Ungeachtet der Rechtfertigung gibt es auf der Ebene der Verantwortung die Frage, was man hätte tun müssen, um den Tod vieler Primaten im Krefelder Zoo, mutmaßlich verursacht durch Silvesterfeuerwerk, zu vermeiden. Eigentlich muss es unmittelbar benachbarte Ausweichquartiere geben, die im Fall eines Brandalarms automatisch für die Tiere zugänglich werden. Das klingt aufwändig und teuer, ist es aber nicht, wenn es um ein Leben geht. 

Ich bin gespannt, wie die Zoos nun reagieren.

Aktualisierende Ergänzung:
In der Pressekonferenz mit Polizei- und Zoovertretern am 1.1.2020 ergibt sich, dass wider Erwarten zwei Schimpansen verletzt überlebt haben. Über 30 Tiere sind aber tot. Als Ursache des Brandes wird zunächst eine Himmelsfackel angenommen. Diese Fackeln fliegen relativ weit und sind verboten. Das abgebrannte Gebäude war aus den 70er Jahren. Ein herkömmlicher Brandmelder funktioniert dort wegen der Staubentwicklung nicht und ist auch nicht vorgeschrieben. Es gab also nur eine Sicherung durch nachts patroullierendes Personal.

FAC SIMILE

Am Jahresende überlegt man bisweilen auch, wie die Zeit vergeht.

In dem Zusammenhang denke ich an meinen Faksimilestempel. Er ist aus den Stempelzeitalter und alle Menschen zeigten damals Stempeln gegenüber eine hohe Wertschätzung. Eine ganz besondere Wertschätzung hatten Dienstsiegel und Faksimilestempel, also Stempel mit einer echten Unterschrift, obwohl eine Stempelung ja streng genommen gar keine echte Unterschrift ersetzen kann. Es was Anfang der 80er Jahre, als ich ihn bekam. Das ist ja noch nicht so lange her. Er wurde ganz besonders registriert und sollte verschlossen aufbewahrt werden. Ich hatte den Stempel, um Unmengen von Briefen mit meiner persönlichen Unterschrift zu versehen. Die Zeiten haben sich damals schnell gewandelt und die Unterschrift wanderte in den PC. Dieser Wandel war bedenklich, weil die Unterschrift das ist, was einem auch dann gehört, wenn man gar nichts mehr hat. Aber dieser Bedeutungsschwund galt ja auch eigentlich schon für meinen Faksimilestempel. An den Faksimilestempel wurde ich dann 30 Jahre später erinnert, als mein Arbeitgeber fast schon entschuldigend seine ausgegebenen Faksimilestempel wieder einsammeln wollte. Wo meiner war, wusste ich auch nicht. Aber weil ich ja nichts wegwerfe, werde ich nun mal gucken, wo er ist. Ich bin hoffnungsfroh, ihn zu finden. Heutzutage haben Stempel bestenfalls eine dekorative Bedeutung und dienen dem Kinderspiel. Selbst Briefe vom Finanzamt gelten ohne Unterschrift. Mit der Zeit hat sich doch ne ganze Menge geändert, dafür wiederholt sich das Fernsehprogramm stetig.

Mein Gruß geht in die Welt …

Gott ist überall

Der Berliner Fernsehturm ist ja ein Wahrzeichen sozialistischer Überlegenheit. Für die Verkleidung der Kugel wurde allerdings seinerzeit ganz heimlich rostfreier Edelstahl aus dem anderen Deutschland verbaut. Seitdem erscheint bei Sonneneinstrahlung ein Kreuz auf der Kugel, das immer wieder gern christlich und als Makel des sozialistischen Wahrzeichens interpretiert wird. Mit etwas Anstrengung kann man es sogar sehen. Es soll vor der deutschen Wiedervereinigung Versuche gegeben haben, mittels einer Manipulation der Oberfläche des systemfremden Metalls die Erscheinung des Kreuzes zu verhindern.

Für diesen Effekt gibt es spezielle Filter für digitale Fotoaufnahmen. Man kann sich so ein Kreuz damit überall hin zaubern. Und dann ist Gott plötzlich überall …

Um von Tradition reden zu können, dauert es meist länger

Aus dem Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen kommen in diesen Tagen Informationen, die den Autokorsos bei türkischen Hochzeiten eine kulturelle Deutung türkischer Lebenswelten hinzu fügen. Das ist – wenn ich es richtig verstehe – so ähnlich, wie mit dem mittlerweile abgeschafften öffentlichen Aufgebot bei Hochzeiten in Deutschland – das aller Welt zu verstehen geben sollte, dass Braut und Bräutigam jetzt einen besiegelten Neuanfang einer Beziehung ohne eben die materiellen und emotionalen Beziehungslasten der Vergangenheit starten. Wenn man die öffentliche Diskussion um diese Autokorsos wirklich auf dem Hintergrund einer Kultur deutet, dann erscheint das alles als eine öffentlich bewegende Inszenierung, die zumindest in den angewandten Mitteln die Tradition verlässt, gleichwohl aus der Tradition ihre Rechtfertigung bezieht. Ein eher dörflich überschaubares Spektakel mit Fußgängern aus der großen Verwandtschaft, vielleicht auch noch Reitern und regionaler Festkleidung wird zum Donutfahren über alle Spuren der Autobahn mit Pistolenschüssen in den Himmel: „Seht, Mustafa und Aische kriegen für einen unvergesslichen Tag alles vorgeführt, was wir haben!“, nämlich gepflegte Autos und die Bereitschaft, die Autobahn zu sperren und abschließend noch einmal alle Waffen zu präsentieren und eigentlich für jetzt und immer alles zu geben.
Dagegen steht die Entwicklung vieler Gesellschaft, die Ehe und Familie privat werden lässt, in Deutschland ebenso wie in der Türkei. An den Hochzeiten der Fremden in der Nachbarschaft besteht kein großes Interesse mehr. Man ist da lediglich tolerant. Wenn man an den Rechtsnormen vorbei eine Privatschau abzieht, die meistens auch noch strafrechtlich zu verfolgende Elemente enthält, dann darf man nicht mit Zuspruch rechnen, nicht einmal mit Toleranz.

Das Werkzeug Auto gibt es seit etwa 100 Jahren. Der Tatort Autobahn ist noch neueren Datums. Traditionen sind Autokorsos sicher nicht, schon gar nicht, wenn sie strafrechtlich oder ordnungsrechtlich sanktionierte Elemente beinhalten.
Dass auch nichttürkische Hochzeitsgesellschaften hupend durch die Straßen fahren, ist auch nicht zu tolerieren und genauso wenig mit einer wirklichen Tradition zu belegen. Vor allem kann ein Fehlverhalten nicht genutzt werden, die Gleichheit vor dem Gesetz der Art einzufordern, dass man eben selbst einfach mal rumhupt. Wir geben uns unsere Rechtsnormen im Gemeinwesen selbst. Das ist ein guter Grund, sich daran zu halten. Wer bestimmte Normen nicht mag, aus welchen Gründen auch immer, kann sich für eine Gesetzesänderung engagieren. Das ist so vorgesehen.
Ich warte jetzt auf den Beerdigungskorso und den Kindergeburtstagskorso und äußere schon mal vorsichtshalber mein Desinteresse.

| Zigarre verpasst |

Ich mag Geschenke!
Seit verdammt vielen Jahren werde ich nun beschenkt. Ich sehe im Rückblick eine Entwicklungslinie des Schenkens, von der ich mich aber immer weiter entferne.

Die Geschenke und auch die tragende Philosophie des Schenkens haben sich so sehr gewandelt, dass ich alte Geschenke und neuere Entwicklungen so sehr beklage, dass ich immer mehr aus der Zeit falle, ohne mir aber die Freude an Geschenken nehmen zu lassen.

In meiner Kindheit waren Geschenke bescheiden. Deren Hauptzweck war – sehen wir einmal von den Sonderfällen der Bestechung und der Versorgung mit überfälligen neuen Kleidungsstücken ab – dass der Schenkende an einer Verbindung weiter knüpft, die ihn mit dem Beschenkten verbindet. Dabei waren und sind Einfühlsamkeit und aber auch Selbstdarstellung gefragt. Denn es geht ja immer um zwei Menschen, die ein Geschenk verbindet. Das Risiko bleibt dabei, dass die Verbindung nicht immer gestärkt wird, nämlich dann, wenn das Geschenk nur einem oder gar keinem der Schenkungsbeteiligten gefällt. Man hat in zurückliegender Zeit dann einfach gesagt: „Ach, das gefällt mir, Danke!“,  und alles blieb vorübergehend in Ordnung. 

Mittlerweile gibt es ja Geschenke auf Bestellung, die man in freiheitlichen Zusammenhängen sogar noch aus einer vorbereiteten Liste aussuchen darf. Das ist dann industriell eingedampfte Einfühlsamkeit und die Selbstdarstellung des Schenkenden bleibt gänzlich auf der Strecke. Die Beziehung zwischen den Geschenkbeteiligten ist dabei jedenfalls unwichtiger als der Rahmen, den das Geschenk kosten darf. Ein selbstgeschriebenes Gedicht, das manchmal lebenslang beglücken kann, steht auf solchen Listen kaum. Man kann auch alles bequem über einen Geschenkladen – gern auch online – abwickeln, der auch Anteilsscheine an größeren Geschenken verkauft. Wer so reich ist, dass ihm die Annahme von Geschenken peinlich wäre, der leitet die in Finanzströme konvertierten Geschenke ohnehin auf das Konto eines Anbieters im globalen Altruismusgewerbe und hat sich das lästige Unboxing und folgende Unannehmlichkeiten erspart. Das mache ich alles nicht mit! Auch Origamigeldscheine habe ich bei aller Unberechenbarkeit nicht im Portefeuille.

In meiner Kindheit waren noch Geschenke gern gesehen, die für Kinder aus der Erwachsenenwelt entlehnt wurde und heute als bösartige Manipulation gedeutet würden. Ich erwähne nur nebenbei den funkensprühenden Panzer, der ab und zu mit seinen Ketten über meine Bettdecke fuhr, wenn ich krank war. Als Kind bekam ich nicht selten Schokoladenzigaretten geschenkt. Die Geschenkindustrie und die korrespondierenden Geschenkmoden haben zwar ihre Zielgruppen im Griff wie nie zuvor, aber eine segensreiche Wirkung von Kinderzigaretten zu inszenieren, war dann wohl doch zu teuer. Man hätte ja auch gleich die gesundheitspolitische Debatte um das Rauchen für Erwachsene ausrotten müssen, um Kinderzigaretten gewinnbringend verkaufen zu können. Und nun ist die Schokoladenkinderzigarette ersatzlos vom Markt verschwunden und die echte Zigarette folgt ihr mit zeitlichem Abstand sogar gehorsam und ohne Qualm zu hinterlassen.

Ich erzähle das nur, weil mir in Kindertagen meine Oma zu Weihnachten gar Schokoladenzigarren geschenkt hatte. Sie waren so täuschend echt rekonstruiert, dass sie von echten Zigarren in ihrem gediegenen Kistlein nicht zu unterscheiden waren. Ich merkte dann aber bald, dass sie gar nicht aus Schokolade waren. Ich habe mich vorschriftsmäßig bedankt und die heiße Ware schmerzlos an meinen Vater weitergegeben. Enttäuscht war ich nicht. Meine Oma hatte sich eben geirrt. Aber sie war insgesamt irgendwie lustig, beanspruchte meine Toleranz aber bis zum Äußersten, als sie mir an meinen Cowboyhut Federn des verstorbenen Kanarienvogels annähte, um mir eine Freude zu machen. Heutzutage betone ich meine Seelenverwandtschaft mit den Indianern …

Zur Pflege der Parteienlandschaft: Klientelpartei, Volkspartei und dann?

In der politischen Diskussion kommt immer wieder das Wort Volkspartei vor, obwohl nach meiner Einschätzung stets einfach nur Partei gemeint ist. Damit wertet man wohl Parteien auf, die gerade prinzipiell ins Gerede gekommen sind. Man tut so, als seien das Parteien mit Sternchen, also etwas höherwertiger und unverzichtbarer. Man vermeidet auch ganz schlau jeden Hinweis darauf, was denn eine Volkspartei überhaupt zu sein hat. Lediglich die Grünen verzichten darauf und können das, wenn sie befragt werden, auch begründen.

Für alle anderen hier noch einmal mein traditioneller Schnellkursus!

Also: Volksparteien sind weder große Parteien, noch alte Parteien und schon gar nicht Parteien, die das Volk vertreten.

Volksparteien wurden historisch betrachtet so benannt, weil sie im Gegensatz zu Parteien mit besonderem Schwerpunkt für besondere Zielgruppen in ihrem Selbstverständnis die Interessen aller Bevölkerungsgruppen gebündelt haben. So, wie vor 100 Jahren die Klientelparteien fragwürdig wurden, werden heute offenbar auch die Volksparteien fragwürdig, weil sie in gewisser Weise unterschiedliche Interessen programmatisch ausgleichen und dabei oft bis zu Unkenntlichkeit verstecken. Ihre Auseinandersetzung darüber findet also ohne viel Aufsehen innerparteilich statt und dann eben nicht mehr zwischen Parteien im Parlament. Klientelparteien sind eindeutiger und glaubwürdiger, aber eben nur für Ihr Klientel.

Aber die gibt’s eigentlich nicht mehr. Im Bundestag sehe ich keine Partei, die nicht Volkspartei ist — mehr oder weniger. Bei der AfD allerdings eher weniger …

Je stärker sich Gesellschaften differenzieren, um so schwieriger wird die damit verbundene Aufgabe der Integration dessen, was sich gerade differenziert hat. Das gilt gerade auch für politische Parteien, die stark dem Volksparteiparadigma folgen. In einer bewusst auf Vielfalt und Inklusion angelegten Welt, werden die Interessengruppen politisch Gleichgesinnter in immer kleinere Einheiten aufgelöst und mit der Inklusion ganz neue Skills auf den Weg gegeben, um sich als Individuum in der Gesellschaft teilnahmsvoll inszenieren zu können. Die favorisierte Politik von Volksparteien kommen also immer schwerer zu dem von ihnen propagierten Konsens aller Bevölkerungsgruppen. Sie gehen vielfach auch hilflos dazu über, demoskopische Algorithmen zu bemühen, festzustellen, was der Bürger denn so will. Damit gehen auch die Unterschiede der Volksparteien sukzessive verloren. Der Bürger kann die politischen Parteien kaum noch unterscheiden und traut allen gemeinsam alles mögliche zu, aber nicht das, was er sich wünschen würde.

Damit ist das Ende einer Entwicklung der Volksparteien erreicht. Klientelparteien wirken dagegen plötzlich aussagestark, wenn sie das begleitende Gefühl vermitteln, dass diese Partei sich für den Einzelnen und Gleichgesinnte engagiert und die Frage nach dem leitenden Interesse der Partei, Ihrem Menschen- und Gesellschaftsbild unterbleibt.

Mit der Globalisierung der Welt ist es allerdings so, dass die Ressourcen der lebenswerten Welt immer besser erforscht und beschrieben werden und allerorten die Welt selbst Themen setzt, die herkömmliche Parteiprogramme ersetzen oder ihnen doch zumindest den Rahmen vorgeben. Grenzenloses Wachstum, zunehmend unbeherrschbarer Klimawandel, globale Ungerechtigkeiten und das ungeheure Potential, die Welt zu vernichten, sind nur Beispiele für universelle Themen, die zur Rettung der Welt anstehen und empirisch zudem gut erforscht sind. Politische Parteien, gleichgültig ob sie sich für ein bestimmtes Klientel oder allen Klientels verpflichten, sind künftig daran zu messen, wie und in welchen Zeiträumen sie Abhilfe versprechen. Sich Zeit zu lassen, um erst noch einmal alles zu besprechen, ist wohl ein Ausschlusskriterium im Spektrum wählbarer Parteien. Beschleunigte Politik wird im Vorteil sein.

Siehe aber auch:
Zur Unsterblichkeit der politischen Parteien

Mein erstes Fahrrad

Es war Mitte der 50er Jahre, als ein mir unbekannter junger Mann zu uns kam. Er brachte uns ein Fahrrad. Er hatte es sich für die Zeit seines Studiums von meinem Vater ausgeliehen. Jetzt war plötzlich ein Fahrrad da. Ich hatte nicht damit rechnen können, dass es so plötzlich ein Fahrrad in der Familie geben würde. Mein Vater fuhr stets Auto, zu der Zeit wohl einen Renault. Das Rad war einfach nur schwarz, aus der Vorkriegszeit und für erwachsene Männer. Keine Frau wäre damals damit gefahren. Viele Frauen, wie auch meine Mutter, konnten gar nicht radfahrern. Behütete Lebensbedingungen in der Kindheit beinhalteten häufig überhaupt keinen Kontakt zu einem Fahrrad. Kinderfahrräder waren sehr selten. Das Rad hatte keine Gangschaltung und keinen Kettenschutz, wohl aber eine überdimensionierte Lampe mit einem Drehschalter oben drauf, eine Rücktrittbremse, sowie eine Handbremse mit einem Gestänge, das im Betätigungsfallein breites Gummi oben auf den Reifen drückte. Die Schutzbleche klapperten nicht. 

Am nächsten Tag habe ich mit den Zwillingen, die auch im Haus wohnten, einen Plan gemacht, wie wir uns den Umgang mit dem Fahrrad aneignen könnten. Als geübte Rollerfahrer hatten wir mit dem Gleichgewicht auf dem Fahrrad kein Problem. Die Stange war so hoch, dass ich nur stehend fahren könnte und dabei immer Gefahr lief, schmerzhaft mit der Stange zu kollidieren und eventuell umzufallen. Wir schoben das Rad in den alten Weg gegenüber, der 100 Meter geradeaus ging, dann über die Brücke der Köttelbecke führte und nach einer Kurve sehr steil und uneben Anstieg. Auf dem ganzen Weg gab es außer uns Radfahrern nur Fußgänger. Zunächst fuhren wir abwechselnd auf dem geraden Stück und hielten uns dann irgendwann am Zaun der Brücke fest, manchmal auch vorzeitig am Weidezaun. Das Auf- und Absteigen blieb ein Problem. Die anderen beiden hatten schnell den Trick raus, das rechte Bein unter der Stange herzuführen, um mit leicht verdrehtem Körper auf dem leicht verdrehten Fahrrad zu fahren, weil ihre Beine einfach zu kurz waren, um in normaler Position zu fahren. Nachdem wir mehrmals abrupt halten mussten, weil sich die Hose zwischen Kette und Kettenblatt eingeklemmt hatte, haben wir die rechten Hosenbeine immer hochgekrempelt. Während einer fuhr, liefen die andern nebenher und gaben Tips und leisteten Nothilfe. Täglich trafen wir dort auch Opa Hekel, ein Bergmann in Rente, der an den Hängen der Köttelbecke seine Schafe weidete. Er hatte sogar einen Schlüssel von der Emschergenossenschaft für das Tor neben der Brücke, um sich dort um seine Schafe kümmern zu können und gleichzeitig die Ufer zu pflegen. Er war ein von allen Kindern der Gegend hochgeachteter, humorvoller und weiser Mann mit Regalen voller eingekochten Schaffleisches im heimischen Keller. Wir haben ihm dann immer gezeigt, wie gut wir waren. Das hat ihn beeindruckt. Dann wurde die Übungsstrecke irgendwann auf den Berg ausgeweitet. Ohne Gangschaltung und mit der Kraft der Siebenjährigen schafften wir den Berg nicht, der übrigens Mülheim-Heißen und Essen-Frohnhausen immer noch verbindet. Aber es war der Ehrgeiz, so weit wie möglich zu kommen, um dann dort Markierungen für einen Leistungsvergleich anzubringen. An irgendeiner Stelle war der Schwung aufgebraucht und man konnte dann noch ein einziges Mal das ganze Körpergewicht auf eine Pedale drücken, und dann war unweigerlich das Ende der Fahrt erreicht. Bis obenhin kam niemand.

Wir waren wohl einen ganzen Sommer damit befasst, dort mit unserem Fahrrad zu fahren. Es war eine schöne Zeit! – 

Mein zweites Fahrrad bekam ich erst ein paar Jahre später zu Weihnachten. Es war ein gebrauchtes graues HWE mit Dreigangkettenschaltung und Freilauf und wie neu. Ich bin damit immer zur Schule gefahren, habe es wöchentlich geputzt und ich habe damit die Städte der Umgebung erkundet. Fahrradfahren war ganz viel Freiheit … Übrigens hieß es nie Rad, immer Fahrrad, ausgesprochen: Farratt.

Die alten weißen Männer und ich

Warum hat die Frau Passmann diese „alten, weißen Männer“ auf die Spur zeitgenössischer Schreiberei gebracht? Ich glaube, es war ein Versehen. Und warum sind sie so schlecht, wie sie jetzt immer dargestellt werden? Mittlerweile geistern sie sogar zwischen den Zeilen herum, ohne ausdrücklich benannt zu werden.

Ich muss darüber jetzt eigentlich nichts schreiben. Frau Passmann hat das ja schon gemacht. Aber sie sind ihr dann doch entglitten und verstopft nun die Informationskanäle. Das ist so ärgerlich, dass ich nun etwas sagen will.

Er ist also alt. Hm .… dafür kann er nichts, weil uns das Leben im Lauf der Zeit allgemein alt macht. Er ist also weiß. Hm… dafür kann er nichts, weil die Hautfarbe über die Abfolge vieler Generationen vererbt ist. Er ist also ein Mann. Hm… dafür kann er nichts, weil die unzählig vielen Spielarten der Geschlechter sich bereits vorgeburtlich konkret einstellen.

Also können die alten, weißen Männer nur bemerkenswert sein, weil gerade diese dreifaltige Eigenschaftskombination bei einem Menschen stets eine verabscheuenswürdige Sozialisation hervor bringt und er sich partout nicht dagegen wehren will. Es wäre also etwas verständlicher, wenn diese Sekundäreigenschaften beschrieben würden und der alte, weiße Mann, so wie er durch die Welt läuft, aus der Haftung entlassen würde.

Ich bin selbst so einer und ich kann nur sagen: Ich bin humanistischer Anarchist, irgendwie auch ziemlich schwarz, jung und feministisch, fantasiebegabt, kommunikativ und an der sich entwickelnden und inklusiven Vielfalt interessiert. Als alter, weißer Mann werde ich mich weiß Gott nicht ins Spiel bringen.

— Und jetzt kommst Du!

„Die Jugend“

Der Autor trimmt sich jugendlich, ohne jeden Anspruch darauf, ernst genommen zu werden

Seitdem mit einem Schwerpunkt jüngere Menschen andere Parteien wählen als zuvor und damit die über Jahrzehnte geübte Wahlpraxis durcheinander bringen, fühlen sich mal wieder viele Leute veranlasst, über „die Jugend“ Mutmaßungen anzustellen.
Bei allem, was ich da bisher gelesen habe, sind es wohl ausnahmslos Besserwisser, die sich für die Beweggründe Jugendlicher nicht interessieren, aber krampfhaft überlegen, welches subkulturelle Produkt so hergerichtet werden kann, dass „die Jugend“ keinen Mist macht und sich für einen leblosen Mainstream einfangen lässt.

Das war nie anders. Es war bereits in der katholischen Jugendarbeit der 60er Jahre so, dass das wirklichkeitsfremde Konstrukt „Jazzmesse“ Heilwirkung entfalten sollte, obwohl nur billiger Softpop dabei herauskam. Es war ein Graus und alle versuchten sich gutgläubig daran, mit so einem schmalen Kunsthauch von Freiheit zu locken. Die Jeans aus der DDR war auch so ein kläglicher Versuch fehlgeleiteter Strategen.

Mein Rat ist, das ganze Ding ohne Erwachsene, aber mit Menschen zu machen und Mutmaßungen über die Jugend einzustellen.