Ein kleiner Kulturschock

Wir haben ein Futterhäuschen, das so gebaut ist, dass sich nur kleine Vögel dort niederlassen könnten. Es ist einem Wohnhaus nachgebildet und über der Tür steht Welcome.Die Sorge, dass die Vögel gar kein Englisch können, erwies sich sehr schnell als unbegründet.

Jetzt ist es aber so, dass riesengroße Rabenvögel Gefallen daran gefunden haben, das Futterhäuschen derart intensiv und ruckartig in Schwingung zu versetzen, dass dabei ein Teil des Futters aus dem Häuschen fliegt und danach bequem auf der Erde auch von jedem dicken Vogel verspeist werden kann. Die kleinen Vögel trauen sich kaum noch, das Futterhäuschen bestimmungsgemäß zu nutzen. Jetzt werde ich – wohl oder übel – auch noch auf das Häuschen schreiben: Only for little birds!

Das Mysterium der Hosentasche

Jetzt ist es aufgefallen: Frauen haben keine vernünftigen Taschen in den Jeans und anderen Hosen.
Gehen wir mal hypothetisch davon aus, dass Hosen jeweils an ein Geschlecht gebunden sind. Dann bestimmt die Phantasie der Hosenindustrie von der Modalfrau auch, was sie vermeintlich will. Es wird also lange dauern, bis sich die Frau an sich so heterogen am Markt inszeniert, dass die Frauenhose dieser Heterogenität folgt und die Frau bekommt, was sie wirklich will, also beispielsweise Hosentaschen, in denen man so einiges transportieren kann.
Gehen wir einmal von der Hypothese aus, das die Hose eigentlich ein Unisexkleidungsstück ist. Dann steht der Frau direkt die ganz Palette von gehandelten Hosen zur Verfügung und sie kann unter der Abwägung von Geschmack, Passgenauigkeit und Preis wählen, ohne dass beispielsweise die Taschen zu klein sind.
Offenbar besteht das Problem der kleinen Hosentaschen allein darin, dass die Hosenindustrie sich ihre Zielgruppen rücksichtslos zurecht legt, vor allem, wenn sie mit der Handtaschenindustrie kollaboriert. Denn die Handtasche wird als Substitutionsgut für Hosentaschen vermarktet. Es ist nicht einmal auszuschließen, dass die Handtaschenräuberindustie auch noch mit im Boot sitzt.

Schnittmenge: Von Land zu Land

Es gibt ja fast 200 Länder auf der Erde. Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, wenn von einem x-beliebigen Land die Rede ist, es irgendwo auf unseren innern Landkarten wiederzufinden.

Und jetzt kommt die Stufe zwei: Länder mit wenigen gleichen Merkmalen werden gemeinsam in unterschiedlichen, auch überschneidenden Stückelungen betrachtet und deshalb unter einem neuen Namen vereint. Es gibt die EU-Staaten, die Maghreb-Staaten, die OPEC-Staaten, die ASEAN-Staaten, die BRICS-Staaten, der Schengen-Raum usw. Daraus ergeben sich dann schon passable Quizfragen danach, wer das ist, welches Interesse dahinter steckt und wie stark die Gemeinsamkeit überhaupt vertreten wird usw.
Diese Verbundbezeichnungen verkürzen das Gespräch, verlassen aber auch die Alltagssprache und dienen dazu, die Gruppe der Wissenden exklusiv zu halten.
Manchmal wären wir also gut beraten, uns die Zeit zu nehmen, die Staaten einfach mal wieder in der vereinzelten Form zu benennen. Beispielsweise bei den Magreb-Staaten halte ich das fast immer für angebracht. Die Aufzählung der zuzuordnenden Länder würde die Sprache ohne Zweifel gerechter machen.

Weniger Wetter ist mehr

Journalisten, die eigentlich nichts zu sagen haben, reden deshalb auch immer mal wieder gern über das Wetter, über Rosenkriege und Cocktailtrends an Urlaubsorten.

Sie sind heilfroh, wenn beispielsweise ein neuer Regen erfunden wird. Es war der Starkregen, der ursprünglich einfach nur ein Regen war, der außergewöhnlich stark war, also eben starker Regen. Das führte einer stark zunehmende Berichterstattung über Starkregen aber zu keinem journalistisch veranlassten Mehrwert.
Jetzt, wo der Frühling kommt, gönnt man sich den Luxus, ihn gleich zweimal kommen zu lassen. Der klassische Frühling orientiert sich astronomisch an der Bahn der Erde um die Sonne, die uns ein Kontinuum von Sonne, Licht und Wärme in zunehmender und dann wieder abnehmender Intensität beschert. Man kann bequem nachlesen, warum es der 21. März ist. Damit lässt sich seit Jahrtausenden zuverlässig rechnen. Weil die Meteorologen ein paar Stichtage gesucht haben, um ihre Daten übersichtlich bündeln und fortschreiben zu können, haben sie damit gleich noch den meteorologischen Frühling und so weiter eingeführt. Wie gesagt, es geht dabei also gar nicht um den Frühling, sondern um Zeitabschnitte für die Statistik, die für Analysen und Prognosen des Wetters immer wichtiger wird. Eigentlich ist es für so eine mathematische Anwendung wie die Statistik kein großes Ding, die Daten auch so zu bündeln, damit sie auf die herkömmlichen Jahreszeiten passen. Aber sie einigen sich darauf weltweit einfach nicht. Als wichtigstes Ergebnis bleibt, dass der Journalist, der nichts zu sagen hat, jetzt einen zweiten Frühling ausleben kann, zunächst am 1. März und dann das gleich noch einmal zum 21. März. Nach meinem Geschmack ist das viel mehr Frühling als uns gut tut und es zeigen sich Wiederholungen, die wir nicht brauchen. Und mit den anderen Jahreszeiten ist es ja nicht anders.
Mein Tip: Unterlasst doch einfach nur „die grenzenlose Auffächerung von Unbedeutendem“ (Horkheimer/Adorno). Sie verkleistert doch nur unseren Blick auf die wichtigen Dinge des Lebens.

Alaaf und Helau

Der Karneval ist ja immer ein guter Zeitpunkt, die Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf auf die Spitze zu treiben.

Nachdem ich gestern im Brauhaus in der Kölner Südstadt war, möchte ich nun die Rivalität etwas anheizen.
Einer der Gäste hatte einen Schal, auf den Helau zu lesen war. Es gab rund herum nur ein müdes und weitgehend verstecktes Grinsen, keine Strangulierung, kein Hausverbot, einfach nichts.
Und dann habe ich mir Senf bringen lassen. Auf dem Senftöpfchen stand „Düsseldorfer Löwensenf“. Der Name war nicht einmal notdürftig überklebt. Niemand zerlegte das Interieur. Niemand bestellte einen Notarzt, um bei Unverträglichkeiten zu meinen Gunsten hätte einschreiten können.
Nun ja, dann hätte ich auch gleich ein Alt bestellen können, was ja angeblich auch zu Tumulten und Sanktionen führen soll.
Ich glaube fast, die Düsseldorfer sind den Kölnern nicht unähnlich.

So ein Theater

Landauf, landab versuchen DITIB-Gemeinden, die sich immer ungenierter als verlängerter Arm des türkischen Präsidenten Erdogan hervor tun, das Theaterstück „Son Kale Türkiye“ zur Aufführung zu bringen. Offenbar glorifiziert das Stück die hinlänglich bekannten Deutungen Erdogans rund um den gescheiterten Putsch gegen ihn im letzten Jahr.

Meistens kommt es jedoch erst gar nicht zur Aufführung, weil die Betreiber der ausgewählten Bühnen der vermittelten antidemokratischen Weltsicht kein Sprachrohr liefern wollen. Rein rechtlich gibt es allerdings keine Bedenken. Kunst und Kultur sind frei. Was ein gutes Theaterstück ist, weiß man auch nur, wenn man mit Gewinn auch ein schlechtes gesehen hat.
Als bekennender Freund schlechter Stücke und auch schlechter Inszenierungen bin ich entschieden auch für die Aufführung dieses Stückes. Es fällt in den Bereich der Toleranz und Vielfalt, die das demokratische Gemeinwesen prägen. Es wäre allerdings sinnvoll, den Aufführungen jeweils eine Pressevorführung vorzuschalten, damit die Auseinandersetzung zum Stück auch öffentlich stattfinden kann. Sonst bleiben eben nur die Theaterbesucher mit Fanschals und Fähnchen unter sich, die überhaupt nicht daran denken mögen, was da alles kontrovers gedeutet werden könnte. Ich würde mir das Stück auch mal gern ansehen. Es ist doch sicherlich zweisprachig!?

Aus dem Zyklus: Verfakenewed 0.17

Den Moritz kennen wir ja aus seiner Verbundenheit mit Max. Wir sagen Moritz – mit Betonung der ersten Silbe. Das würde sich mit seiner Heiligsprechung vermutlich ändern. In den Wintersportberichten sprechen sie jedenfalls von St. Moritz – mit Betonung auf der zweiten Silbe. Offenbar sind sich Religion und Sprache außerhalb der Einsilbigkeit nicht gleichgültig.

Wir lügen uns gern etwas zusammen

Das Lügenkönnen – also nicht das Lügenmüssen – gehört zu unseren Grundrechten.

In einer Welt verordneter Lügenfreiheit wären wir stumm und könnten bald nicht einmal mehr kreativ denken. Jede Forschungshypothese könnte als Lüge definiert werden, wenn sie sich nicht umgehend als Wahrheit belegen ließe.

Lediglich für wenige Lebenssituationen, also beispielsweise bei Zeugen und Angeklagten vor Gericht, gibt es ein gesetzliches Verbot zu lügen. Gerichte treffen dabei aber trotzdem meistens nicht auf die reine Lüge, sondern auf den Graubereich des Lebens, das sich stets zwischen Lüge und Wahrheit entfaltet.

Diese Nuss ist sprengstoffgeladen

Freilich müssen Lügen verantwortet werden. Das passiert in der alltäglichen Gegenrede. Aber wir brauchen auch soweit gebildete Menschen, die darauf verzichten können, die Welt in gut und böse zu sortieren und die Grautöne des vermeintlichen Lügners im Idealfall mit ihm entschlüsseln können.

Ein Schulz im Aufwind

Seit der verheerenden Sozialgesetzgebung in der Kanzlerschaft Schröders, die mit dem Namen Hartz verbunden ist, hat sich die SPD mutlos durch die Bundespolitik bewegt.

Ein deutlicher Widerspruch als Solidarität mit der betroffenen Mehrheit der traditionellen SPD-Wähler wurde durch kleine Rechtfertigungen im überschwänglichen Lob von CDU/CSU und FDP verspielt.

Seit dieser Zeit hat die SPD nichts mehr geliefert und sich als kompromisslerischer Juniorpartner angeboten und damit glänzen wollen, was die CDU auch ohne SPD  verwirklicht hätte.

Jetzt wirbt der neue, zur Lichtgestalt typisierte Spitzenkandidat Schulz für einen Vertrauensvorschuss der Wähler, weil er ja erst liefern kann, wenn er gewählt ist.

Nun ist der potentielle Wähler gerade bei den irgendwie mitregierenden Parteien anspruchsvoll. Er will erst die Politik sehen, die er wählen würde und nicht umgekehrt einen Vertrauensvorschuss in eine Wahlentscheidung legen, nur weil der Kandidat so nett ist und viel verspricht und sich damit einreiht in die vielen zurückliegenden Versprechungen, die hauptsächlich unerfüllt geblieben waren.

Das ist ein Dilemma: Der Kandidat kann nicht mehr, als versprechen, dass alles besser wird. Und seinem potenziellen Wähler ist das einfach zu wenig.

So kommt es, dass der Kandidat einfühlsam und individualisierend präsentieren muss, um wenigstens im Wettbewerb mit den Kandidaten der anderen Parteien die Nase vorn zu haben. Letztlich werden Sympathien für den Wahlausgang entscheidend sein, während die Partei der Kanzlerin Merkel zusätzlich auf ganz konservativ auf die setzen kann, die die bisherige Bundespolitik als Erfolg deuten und fortgesetzt haben wollen.

Der Herr Schultz ist ja wirklich nett. Er spricht auch deutlich. Es gibt viele Menschen, bei denen das auch so ist. Allerdings hängen die meisten nicht mit einer Partei zusammen, die selbstgefällig dahin schlummert und eigentlich nur gebraucht wird, die anfallenden Mandate zu besetzen. Es kann wohl sein, dass dabei ganz neue Talente nach oben gespült werden, die der sozialen Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen. Sicher ist das allerdings nicht.

DITIB: Wenn ein Staat Religion an den Mann bringt und exportiert

Im Grunde seit Martin Luthers Sicht auf die Welt oder doch wenigstens seit der Französischen Revolution ist es eine Errungenschaft, den Staat ohne ein kompatibles Religionsverständnis zu betreiben. Die Trennung von Staat und Kirche ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden. Das heißt, dass die Religionsausübung in Rahmen weltlichen Rechts zu erfolgen hat und dass sich der Staat für seine Zwecke nicht in die Religionsausübung eingreifen darf.

Dieses Verhältnis hat sich allgemein bewährt, wenn es auch weiterhin Streitereien über tradierte Besitzstände der Kirchen gibt.
Dem Religionsverständnis des Islam ist das überwiegend fremd und damit wechselwirkend fremd in Staaten, die hauptsächlich islamisch geprägt sind. Die Religion des Islam hat selbstverständlich eine derart weltlich Seite, dass sie nicht nur sagt, was gut und richtig oder aber verboten ist, sie trachtet danach, Wirkregeln mit Gesetzeskraft vorzugeben. Es gibt also ein islamisches Recht, das aus Offenbarungen und nicht aus dem Willen des Volkes abgeleitet ist und das sich das Volk mit Hilfe der Religion zu eigen machen soll. Diese Scharia unterliegt in der Praxis unterschiedlichen Deutungen und hat vor allem dann eine konkurrierende Wirkung zum staatlichen Recht, wenn irgendwo die Bindung an ein bestimmtes Islamverständnis absolute Bedeutung zugesprochen wird.
Das neuzeitliche Demokratieverständnis, das auf den Freiheitsrechten basiert, ist mit dem organisierten Islam nur selten vereinbar. Es ist freilich nicht auszuschließen, dass sich unabhängige Moslems in Gemeinden innerhalb der staatlichen Rechtsordnung zufrieden zusammenfinden. Allzu häufig ist das aber nicht der Fall, wie die ins Gerede gekommenen salafistischen Gemeinden zeigen.
Nun war es lange Zeit so, dass die 3,5 Millionen Türken in Deutschland in der Religionsausübung keine allgemeine öffentliche Aufmerksamkeit fanden. Die Idee zentraler Moscheen entwickelte sich spät und zunächst auch langsam. Das änderte sich, als die türkische Regierung ein Religionsministerium einrichtete und später mit der Regierung Erdogan, Politik über dieses Ministerium betrieb und dazu die Religion staatsdienlich instrumentalisierte. In Deutschland wurden die Tendenzen, Politik über Moscheen und deren Imame zu betreiben eher folkloristisch oder als Spielart einer respektablen Weltreligion betrachtet. Dabei ist seit vielen Jahren klar, dass die in Deutschland vom türkischen Staat betriebenen DITIB-Moscheen, vorrangig für den türkischen Staat arbeiten, der auch die Imame anstellt und den Islam selbst für seine Zwecke spezifiziert. Alternativen dazu gibt es in Deutschland kaum. Freigläubigen und eigenwilligen Türken wird das Leben schwer gemacht. Der Deutsche Staat bekommt das nur mit, wenn entsprechende Attacken in strafbaren Übergriffen enden.
Dass nun deutsche Lehrer von der DITIB bespitzelt werden verwundert nicht. Wahrscheinlich gibt es das als Eigenleistung dieser Gemeinden schon lange.
Dass die DITIB auch als wichtiger Kooperationspartner deutscher Ministerien arbeitet, um einen Islamunterricht in deutschen Schulen zu etablieren, war bisher darin begründet, dass die DITIB im Vergleich die überwiegende Anzahl moslemischer Gläubiger hinter sich hat. Nicht im Blick war bisher das staatlich reglementierte Religionsverständnis, das sich weder mit einem diskursiven Islamverständnis noch mit einer demokratischen Daseinsgestaltung verträgt.
Was und wie jemand glaubt, das hat den Staat in seinem Selbstverständnis nicht zu interessieren. Wenn – wie im Fall der DITIB – allerdings geltendes Recht unterlaufen wird und heilige Bücher so gedeutet werden, dass die türkische Regierung per se im Recht ist, dann ist es Zeit, auch einmal die Verfassungsfrage zu stellen. Offenbar etabliert sich hier unter der Religionsfreiheit eine Wahrheitsorganisation, die fremden Mächten dient und in die demokratisch verfasste Gesellschaftsordnung hineinregnet.
Herr Erdogan hat ja schon oft seinen Wahlkampf nach Deutschland getragen und Wohlverhalten für die türkische Sache und den Himmel eingefordert. Jetzt verankert er sein Standbein in Deutschland.

Bei alldem ist es wohl erforderlich, der DITIB die Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland zu untersagen. Sie ist als staatliche türkische Einrichtung nämlich nicht selbständig reformierbar. Die Bildung unabhängiger Glaubensgemeinschaften als ein Ersatz wäre dagegen zu fördern.