Das alte Aufrüsten ist jetzt neu

Wer Putin nicht so richtig kannte, wird ihn in den ersten Wochen des Krieges auch nicht so richtig kennengelernt haben. Okay – er geht über Leichen. Was ihn dazu anregt oder davon abhält weiß nur der Teufel. Sein letztes konventionelles Kapital ist, dass die Öffentlichkeit im Bereich seiner Gegner gegensätzlich spekuliert, wie man seine Gefräßigkeit unterbinden kann. Wenn man dagegen hält, dann schielt er vermutlich auf die Atombombe, wenn man ihn besänftigt, dann frisst er generalstabsmäßig alle konventionell auf. In dem Dilemma hat er alle Humanisten und Demokraten als Widersacher. Er wird sich jedenfalls freuen, wenn die einen so und die anderen anders sagen. Dazwischen würde er vermutlich gern ungestört weiter machen.

Der fundamentale Paradigmenwechsel der letzten Wochen, dass nämlich die Humanisten und Demokraten selbst äußerst streitbar auftreten müssen, wenn sie nicht eine nach dem anderen zur Schlachtbank geführt werden wollen, ist unumgänglich. Boykott und Kampf sind neuerdings angesagt, auch wenn man die Werkzeuge für Boykott und Kampf eingemottet hatte. Alles andere ist nur Briefeschreiben für einen Berg ehrenwerter Texte, der darauf wartet, zu gegebener Zeit als entartet verbrannt zu werden.

Aus einem Heldenleben

Da geht nun der Held von Wimbledon am heutigen Tag für eine Weile ins Gefängnis. Sein Leben geht jetzt nicht mehr so recht weiter, wie er es bisher gestaltet hat. Wer den Insolvenzverwalter auf verlorenem Posten mit unzureichenden Angaben dilettantisch linken will, der hat auch nichts besseres verdient. Da lacht der Profi.

Auf die Strafmaßverkündigung musste das Publikum entgegen der Ankündigung des Gerichts ein paar Stunden warten. Ein Gerichtsreporter meinte, das Strafmaß zeige, dass es vor Gericht eben keinen Promibonus gebe. Das sehe ich anders: Der Rechtsstaat unterscheidet von vornherein nicht nach der jeweilen Prominenz des Angeklagten. Diese stundenlange Verzögerung ist dann aber doch ein Promibonus, und wird für die Weltöffentlichkeit standesgemäß zelebriert. 

Wenn der Held nach guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen wird, werden wohl viele Talkshows auf den Helden Boris Becker warten und sein Privatierskonto für die Wechselfälle des Lebens wieder auffüllen. Eigentlich sollte ja jeder Sträfling irgendwann in eine Talkshow entlassen werden. Aber daran besteht wohl kein wirtschaftliches Interesse. – Schade!

Hinz und Kunz

Nadja Müller kennen sie nicht? Es ist die Frau vom Eishockeynationalspieler Moritz Müller. Sie regte sich während der Olympischen Spiele in Peking (auf Focus) fürchterlich auf, weil das ZDF mitten im Eishockeyspiel auf Rodeln umschaltet. Jetzt mag sie das ZDF überhaupt nicht mehr. 

Während sich Frau Müller aufregt, regt sich anderenorts auch Herr Meier auf. Er guckt auch das ZDF und sieht, wie auf dem Eis Bodychecks gegen das Leben das Spiel offenbar nicht stören. Er ist Humanist und möchte so etwas nicht. Zudem meint er, hat es der Eishockeyzirkus bis heute nicht vollbracht, den Puck fernsehgerecht, also groß, bunt und leuchtend zu gestalten und insgesamt so langsam zu spielen, dass er vor dem Fernseher das Spiel auch wirklich verfolgen kann. Er nickt ein und wird erst wieder hellwach, als die Rodler zwischen Start und Ziel einwandfreie Leistungen bringen.

Heute – einen Tag später – ist er erstaunt, dass Frau Müller es bis in die Berichterstattung schafft und  offenbar nicht einmal weiß, dass heutzutage jeder sein eigener Programmdirektor ist und stets das guckt, was er wirklich sehen will. Solche Sportereignisse finden parallel statt und werden auch parallel verfügbar gehalten.

Herr Meier träumt nun von einer Heirat mit irgendeiner Goldheidi, damit er mit seiner qualifizierten Meinung auch einmal in die Zeitung kommt.

Echotalk – Redundanz de Luxe

Reporter haben es schwer. Bei aller Vorbereitung sind sie darauf angewiesen, völlig spontan zu reagieren und können nicht einmal zurückspulen, wenn sie sich so sehr versprechen, dass der Zuhörer die Augen verdreht. Im Fernsehen ist es besonders schwer, weil man ja eigentlich auf das Sprechen verzichten kann, wenn die Bilder alles sagen und trotzdem sprechen muss. Beim Biathlon beispielsweise sind die Übertragungsstandards so weit entwickelt, dass der Zuschauer vom Reporter lediglich Hinweise auf den Rennverlauf braucht, die man nicht abbilden kann. Und dazu kommen dann immer noch fandienlich Geschichten über mehr oder weniger glückliche Lebensumstände antretender Sportler und die Vergleiche bestimmter Sportler mit anderen und Vergleiche zwischen der aktuellen und der zurückliegenden Form eines bestimmten Sportlers. Solche Vergleiche werden stets mit der Behauptung eingeleitet, dass da etwas „nicht vergleichbar“ sei.

Das mit der Unvergleichbarkeit von Vergleichen hat mich schon erheblich belastet.

Jetzt kommen die Echokommentare hinzu. Ich sehe beispielsweise im Bild, dass ein Biathlet ausgerechnet mit dem letzten Schuss nicht getroffen hat. Das Teilereignis ist optisch, also wortlos, von mir aufgenommen und verwertet worden. Während ich dem Ablauf des Wettbewerbs weiter folge, sagt dann der Reporter mit einer Echoverzögerung, dass der letzte Schuss das Ziel verfehlt hat und so weiter. Dieses Echo wiederholt sich in jeder Sportübertragungen zigfach und produziert stotternde Gedanken. Manchmal habe ich sogar den Gedanken, der Reporter hört mir zu und gibt dann meine Worte an die Öffentlichkeit weiter. Es ist sogar schon passiert, dass ich aus dem Medienzimmer in die Küche gerufen habe: „Au, au, au – ich glaube, es wird nichts mit dem Stockerl!“ Und dann kommt aus dem Off: „Au, au, au – ich glaube, es wird nichts mit dem Stockerl!“ Das ähnelt einem Telefongespräch mit einer Rückkopplung, die mir zeitversetzt meine eigene Stimme vorspielt. – Da wirst du bekloppt … 

Ich lobe mir die Fernsehreporter der 60er Jahre, als man im Bild die Fußballspieler kaum unterscheiden konnte und fast alles in der Totalen übertragen wurde: Da hat der gute Reporter nur immer die Namen der ballführenden Spieler genannt und leicht moduliert. Das war hilfreich. Wer mehr hören wollte musste damals das Radio einschalten.

In der Katholischen Kirche 

Der institutionelle Mangel frisst alle Funktionäre auf, erst das geweihte Fachpersonal und schließlich auch die zur Rettung herbeigerufenen Laien.  Ein korrupter Kegelclub mit Wahrheits- und Ewigkeitsanspruch entlarvt sich in der Demokratie mit den Jahren selbst … Niemand braucht Institutionen, die für alle Zeiten auf die Demokratie pfeifen und stattdessen Gottes Wort zurechttreten, wie es ihnen passt. Selbst die Theologie ist da schon mehr an Gott und den Menschen interessiert. Man denke nur an den eschatogischen Vorbehalt, also die Idee von der Unwissbarkeit des richtigen Glaubens.

Es gibt dazu einen alten Witz:
Der Papst Ratzinger steht vor dem Himmelstor und begehrt Einlass. Der Türsteher Petrus fragt nach seinen Referenzen. Ratzinger sagt, er sei Stellvertreter Gottes auf Erden gewesen. Petrus wandelt in die hinteren Räume, um den Umgang mit dem Bittsteller zu regeln. Er wendet sich dazu direkt an Gott: „Da draußen stent jemand der behauptet …“ Gott antwortet: „Meine Güte, existiert der Verein immer noch, den ich vor 2000 Jahren gegründet habe?!“

Die Initiative  #outinchurch liefert in diesen Tagen beeindruckende Dokumente über die Gewalttätigkeit der Katholischen Kirche und fordert ein Ende. Außerhalb der Kirche gibt es eine durchweg positive Resonanz. Wie die Resonanz innerhalb der Kirche ist, wissen wir nur über kleine Löcher in der Fassade. Und man kennt aus der Erfahrung die Grenze der Katholischen Kirche, damit umzugehen.

Institutionen mit festem Wahrheits- und Ewigkeitsanspruch gelten als nicht reformierbar. Verschönerungen an der Fassade mögen darüber hinwegtäuschen. Da bleibt es nur, die Tendenzbetriebe ihrer Tendenz zu berauben und dort die demokratischen Errungenschaften des Gemeinwesens insbesondere im Arbeitsrecht zuzulassen, sowie das Konkordat (von 1933) seitens des Staates zu kündigen, das die Finanzierung der Kirchen durch den Staat über jedes sinnvolle Maß hinaus sicherstellt.  Ein Staatsleistungsablösegesetz – StAblG) schlummert schon seit 2012 und wartet auf eine Verabschiedung. Danach werden Arbeitsplätze in den Kirchen vom Wort aus dem Vatikan entkoppelt sein. Was spricht dagegen, bereits jetzt sich einer anderen Glaubensgemeinschaft zuzuwenden oder gar eine neue Kirche zu gründen?

Risiko ist immer – wer weiß das besser als der bibelfeste Christ?

Die ortsübliche Miete gerät in Bewegung

Irgendwo auf der Welt ist so eine Art Kreuzfahrtschiff mit Eigentumswohnungen im Bau. Damit war zu rechnen. Wer also bereits Homeoffice beim Arbeitgeber gebucht hat, kann sich auch direkt die passende Wohnung dazu suchen. Ja und dann ist da noch das Finanzamt. Steuerberater in der Fachdisziplin Offshorewohning haben schon entsprechende Geschäftsmodelle vorbereitet. Die ganze Sache rechnet sich! – 

Ich aber sage euch: Sie werden zwischen Sumba und Viti Levu ihre Seele verkaufen, nachdem ihr Display in die Welt unter der gleißenden Sonne kapituliert hat.

„I remember“

Jeder leidet selbstverständlich mehr oder weniger und bestimmt auf seine Weise. Aber ein Leid oder Mit-Leid als Massenbewegung ist doch etwas völlig anderes. 

Hinz und Kunz präsentieren sich anlässlich des Jahrestages der Befreiung aus den Vernichtungslagern der Nazis jetzt mit dem gemalten Hashtag #weremember in einer fotogefälligen Position.

Da wälzt sich die Hilflosigkeit in einem Selbstdarstellungsgehabe als Massenbewegung durch die Medien. Alle sind dabei und folgen blind dem Mainstream des guten Tons.

Gut, – das ist besser als nichts. Eine ehrliche Anteilnahme am Leben der Opfer bleibt dahinter zumindest verborgen. Ich bin sicher, dass Leid in  der Form des Mit-Leids andere Ausgrucksformen braucht und hat, die nicht notgedrungen in die Medien gehören. Aber dann guckt ja wieder niemand …

Nachdenkung über die Vorbildfunktion

Der Mensch bastelt ja gern komplexe Substantive, um seinen Vorträgen Nachdruck zu verleihen. Früher war das offenbar nicht so sehr nötig. Noch vor einer Generation hieß es beispielsweise „Vorbild sein“, heute heißt es „Vorbildfunktion haben“.

Ich mag diese neue Überrüstung der Sprache nicht. Sie wirkt martialisch und verhindert dadurch auch, bestimmte Gespächsbeiträge zu bedenken. Sein ist ja immer authentischer als haben (siehe Erich Fromm) und eine Funktion ist ja eine abgeleitete Größe, die ja gar keine Rolle spielt, wenn es um sein oder haben geht.

Um am Beispiel zu bleiben: Das Vorbild an sich wabert seit hunderten von Jahren durch die Geschichte und ist seit jeher an die Idee gebunden, man würde durch reines Nacheifern erwachsen. Das galt für mittelalterlich gut integrierte Gesellschaften und gilt heute noch in wenigen Situationen bei Kindern, die entwicklungsbedingt noch in einer Rollenidentität leben. Für Erwachsene in der Gegenwart und für Kinder ab der Grenze zur sozialen Autonomie ist das Vorbild wertlos, wenn man nicht gerade verbindlich vorgeben will, was er zu tun und zu lassen, zu meinen und zu wünschen hat. Besser ist auf jeden Fall eine flexible Ich-Identität, in der autonome Mensch Kontakte zu allen anderen Menschen gestalten und verantworten kann – Diversität und Inklusion.

Also lasst doch einfach die überrüstete Sprache und alle Vorbilder in euren Denkgebäuden weg! Wir werden uns freuen.

Pflichtzölibat

Der Zölibat mutiert in diesen Tagen zum Pflichtzölibat. Warum? Die Diskussion von heue wurde mit gleichen Argumenten bereits lange zurückliegend geführt. An Ende der 60er Jahre haben ich – in einem Forschungsprojekt – mit über 50 katholischen Priestern diese Diskussion geführt. Es ging immer um den Zölibat und nicht um das Pflichtzölibat. Dieses erweiterte Wort wurde weder gebraucht noch vermisst. Nach geltendem öffentlichen Recht ist ein Zölibat erst gar nicht denkbar. Deshalb gibt es das Wort lediglich in bestimmten Organisationen des Religiösen, wie zum Beispiel der Katholischen Kirche. Ein eingefleischter Junggeselle käme niemals auf die Idee seinen Lebenswandel als zölibatär zu benennen. Wenn in einer Religionsgemeinschaft eine bestimmte Tätigkeit intern an einen Zölibat gekoppelt wird, dann erwächst daraus auch eine bestimmte Verpflichtung, den Zölibat auch einzuhalten. Nach den Regeln des Gemeinwesens ist der Zölibat so freiwillig, wie das vegane Essen. Einen Pflichtzölibat braucht der sprechende Mensch nicht. Es ist freilich an der Zeit, den Zölibat für alle Fälle nach den Regeln des Gemeinwesens auszugestalten und überall zur freien Disposition zu stellen. Damit wäre dann auch der fiese Kopplungsstrich in Pflicht-Zölibat dem Tod geweiht. 

Eine Nachdenkung für ehrliche Reformatoren der Scheinheiligkeit

Auf dem Weg der Jodelsynode gibt es nichts zu gewinnen.

Eine Religionsgemeinschaft könnte ihrem Gott kündigen, wenn sie ein besseres Geschäftsmodell gefunden zu haben glaubt. Das wäre allerdings mit einer heftigen Glaubenskrise der Mitglieder verbunden, weil die Gültigkeit des Glaubens unerwartet zur Disposition steht und der Gott zur Handelsware gemacht würde. Eigentlich kann das eine Religionsgemeinschaft nicht überleben. Sie wäre am Ende eine andere. Man kann aber jederzeit völlig problemlos eine neue Glaubensgemeinschaft gründen. Das hat es ja schon oft gegeben. Es gibt übrigens allein in Deutschland eine hohe zweistellige Zahl von Menschen, die  sich als Gott zur Gefolgschaft anbieten. Viele davon sind bei aller Mission doch sehr stark vereinsamt.