Zur Fußball WM 2018: Ein Tor ist ein Tor

 Die Fußballweltmeisterschaft lebt vom Hinten-dicht-machen und den vergeblichen Versuchen fast aller Torjäger und davon, dass die Opulenz des Ereignisses alle Beteiligten sichtbar überfordert. Ich habe deshalb zum Tagesgeschehen nach und nach viele Anmerkungen gemacht, die nur selten mit dem Wesenskern des Sports zu tun haben.

Ich verdichte hier mal meine verstreuten Miniaturen zum Ereignis.


Ich möchte gern als WM-Orakel arbeiten. Angebote als PN.


WATUTINKI heißt der Ort, in dem die deutsche Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft wohnt. Mich beschleicht die Ahnung, dass der Ort von Stefan Raab gegründet wurde, der deshalb dort nun Ehrenbürgermeister ist. Wir werden sehen …


Wenn der Torhüter den Ball beim ersten Zufassen nicht festhält, dann sagt so ein Reporter stets: „Leichte Unsicherheit!“ – Na gut, was soll er auch anders sagen? Vielleicht: „Oh, eine vermutlich entwicklungsbedingte motorische Störung! Deswegen musste er vor seiner Profilaufbahn auch seine Ausbildung zum Kellner abbrechen.“ – Ehrlich gesagt: Wenn man schon etwas sagen muss, dann gefällt mir die von mir ausgedachte Variante besser.


Wenn  der Schiedsrichter pfeift, dann ist das Spiel unterbrochen. Dann sagt der Reporter: „Das Spiel ist unterbrochen“.  – Na gut, was soll er auch anders sagen? Vielleicht: „Mehrere Spieler haben sich nach Hinweis an den Schiedsrichter in die Box gelegt, weil sie wollen, dass die Zeit ohne Fußballspiel vergeht, um ihr Geld möglichst angenehm zu verdienen.  – Ehrlich gesagt: Wenn man schon etwas sagen muss, dann gefällt mir die von mir ausgedachte Variante besser.


Bei Sport1 habe ich heute „So heiß sind Schwedens Spielerfrauen“ gelesen. Und dann kamen nur Bilder. Ich weiß echt nicht, was ich damit machen soll.


Nachdem der Fußballheld Kross festgestellt hat, dass so ein Spieler Eier haben muss, ergab sich in der WM-Home-TV-Scene sofort die Frage, mit welchen Körperteilen man eigentlich regelgerecht Tore schießen kann. 


Fußball ist nun doch mittlerweile ein Spiel intellektueller Geister. Das dürfte auch den Schöngeistern gefallen, wenn sie sich mal die Mühe machen würden. Ich habe an den Kommentaren von Frau Neumann nichts auszusetzen. Wenn man nicht abliest, passiert es allen anderen Kommentatoren auch, dass sie Vergleiche und Einschätzungen mitteilen, die sie gern im Nachhinein streichen würden. Vor 30 Jahren noch haben die Kommentatoren nur jeweils die Namen der ballführenden Spieler genannt, weil sie aus ihrer Position die Rückennummern lesen konnten und beim Tor die eingeübt Begeisterung gezeigt. Allein die Rundfunkreporter waren damals Stars. Auch wenn meistens das Leder zu häufig geschlenzt wurde. Aber das haben die Schöngeister ja nicht gehört.


Um in diesen Tagen der WM-Home-TV-Scene und den dort tätigen abermillionen Schiedsrichtern einmal einen neuen Impuls zu geben, habe ich heute während der Übertragung Eierlikör getrunken. Für die Nachspielzeit habe ich als Höhepunkt den in der Flasche verbleibenden Rest mit Limonade aufgemischt und getrunken. — Ich ging als Sieger vom Platz. Morgen reihe ich mich wieder ein und trinke Bier. Versprochen!


Ich habe mich schweren Herzens davon überzeugen lassen, dass Portugaller sich gegen Portugiesen nicht durchsetzen wird. Meinen Sprachgebrauch habe ich notgedrungen angepasst. Was haltet ihr eigentlich von den Senegiesen?


Heute gab es wieder eine 11-Meter-Entscheidung, die journalistisch so kommentiert wurde: „Das war nicht genug!“ – also genug des Fouls im Strafraum. Bisher war ich der Meinung, dass die Fußballregeln weitestgehend spielraumfrei sind, damit der Einfluss des Schiedsrichters auf das Spiel minimiert wird. Wenn es aber so ist, dass das Foul auf einer Scala einsortiert und dann auch noch eine Grenze bestimmt werden muss, wo auf der Scala das Foul beginnt, dann ist jeder Schiedsrichter überfordert, denn er hat gar keine Zeit, so eine Zuordnung vorzunehmen. Es bleibt also eine ziemlich beliebige Zufallsentscheidung, der man ganz einfach widersprechen kann. – Das ist doch recht merkwürdig in einer Zeit der Videobeweise.


Die deutsche Mannschaft wiederholt ihre Fehler aus den Vorbereitungsspielen. Die mexikanische Mannschaft kämpft, nutzt die Fehler und siegt verdient. Alle Akteure waren makellos frisiert! Aber woher kommt die Hoffnung, dass das nächste Spiel der Deutschen besser sein wird?


Renovierung der Fanmeile

Das Areal ist begrenzt. Man kann es wahlweise als Strecke oder Fläche mit zwei Stellen hinterm Komma vermessen und aus dem Ergebnis jeweils einen individuellen Namen ableiten, wahlweise in Kilometern oder traditionell in Meilen. 

Ich komme darauf, weil Kneipen neben Hochschulen mit Vorliebe Vierkommafünf heißen. — Geschafft!


Julian Brandt und Mats Hummels haben angeblich kein Tattoo.

Oh Gott, wenn das mal Schule macht!

Es wird sogar der Verdacht gehandelt, einer von beiden würde befürchten, mit einem Tattoo von der eigenen Mutter ermordet zu werden.

Es ist ein Graus mit der deutschen Fußballnationalmannschaft. Ein Kompromiss wäre doch ein Tattoo in der Achselhöhle für alle, das eine halbierte Zwiebel darstellt.


Ich träume von einem Film, für den das eine oder andere #Tattoo allein durch Körperbewegung animiert wird.

Ausgangspunkt für diese Idee ist das traditionelle Seemannstattoo mit dem Motiv der nackten Braut, die bei der Bizepsanspannung ihre Brüste hebt und danach wieder senkt. Das war immer schon großes Kino.

Mit guter Einkauspolitik käme es zu einem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft, das auch noch eine zweite, vollkommen andere Geschichte darüber erzählt, wie der Ball rollt.


Es ist höchst fragwürdig zu behaupten, der Sieg Deutschlands gegen Schweden anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2018 sei zustande gekommen, weil zuvor nach langer Zeit einmal wieder die Nationalhymne gemeinsam gesungen wurde. Die Hypothese ist zwar zulässig, erfordert aber eine höchst aufwendige Versuchsanordnung, um sie widerlegen zu können.

Ich vermute eher, dass die Mannschaft besser gespielt hat als der Gegner. Aus der Erforschung der Arbeitergesangvereine weiß man allerdings, dass gemeinsames Singen die Solidarität in einer Gruppe unterstützt, wenn man ein deutliches gemeinsames Ziel hat.


Deutschlandfahnen sind wider Erwarten über Nacht zum Ramsch verkommen. Wenn ich die jetzt in rauhen Mengen aufkaufe, kann ich doch … (vervollständige den Satz)


Ich fordere
den sofortigen
Rücktritt von
Sportminister Seehofer!


Heute hat mein Bäcker schon wieder kleine Brötchen gebacken. 

Ja, er ist auch Fan der deutschen Fußballnationalmannschaft.


Mein Nachbar sagt immer zu seinem Zahnarzt: „Geld spielt keine Rolle!“ — Es muss doch klar sein, dass auch das System Fußball mit so viel Geld verstopft ist, dass Geldstrafen immer sehr gern angenommen und beglichen werden.


In einem Interview der Welt am 5.7.  hat Herr Bierhoff entsetzlichen Mist erzählt. Daran zweifelt er selbst nicht. Er sagt, dass er und mehrere andere Verbandsvertreter beim Korrekturlesen nicht gemerkt haben, dass da gar nicht stand was er eigentlich sagen wollte. – Ich mag das nicht glauben!


„Man hätte vor der WM überlegen müssen, ob man auf Özil verzichtet, sagte der DFB-Manager gestern. Sogar Mesut Özil-Gegner kritisieren, dass Bierhoff jetzt so nachtritt.“ (Süddeutsche Zeitung)

Herr Bierhoff hätte wahrscheinlich unmittelbar vor der WM sagen sollen, dass aus gegebenem Anlass nur der Fußball zählt und sonst nichts, und dass man sich die Übeltäter Özil und Gündogan erst nach der WM vornehmen wird. – 

Aber wer würde so etwas sagen? 

Genau deshalb kartet Herr Bierhoff jetzt nach. Er wird sich das also nur so gedacht haben für den Fall, dass nicht alles eh im Freudentaumel untergeht und irgendwelche Gaucho als die Blöden verhöhnt werden können. – Man kann vermutlich nicht beides gleichzeitig haben, einen kritischen Umgang miteinander und eine zielgerichtete 11-Freunde-Ideologie sowie dann auch noch einen Sieg, der alles andere unbedeutend erscheinen lässt.


Erst meckert Nationalmannschaftsmanager Bierhoff und danach jetzt auch noch Fußballbundsvorsitzender Grindel am Fußballspieler Özil herum. Grindel stellt sogar die Forderung, Özil müsse sich nach seinem Urlaub irgendwie erklären. Damit ist der Urlaub dann wohl erst einmal gelaufen. Offenbar scheint dem DFB eine dämliche Rechtfertigung nach Gündogans Art aber auszureichen, denn der hat sich damit wohl vor der Kritik in Sicherheit gebracht. Warum sollte Özil sich erklären, wenn er bereits klar gemacht hat, dass er nichts sagen wird? Er könnte damit ja auch nur alles noch schlimmer machen. Der DFB wirkt wie so ein wildgewordener Manager fantasierter Ziele, der die Welt mit Parolen eindeckt und selbst nichts geregelt kriegt. Der DFB hätte sich vor der WM – durch wen auch immer – ohne wenn und aber, für oder auch gegen Özil (und Gündogan) aussprechen können. Das hat er aber nicht gemacht. Jetzt ist es zu spät. Man hat wohl nur noch im Repertoire den Deutschen raushängen lassen, der alles so viel besser weiß, dass er glaubt, sagen zu können, was für andere gut ist. Armselig … und so deutsch, dass ich es kaum hören mag.


Meine Freundin M. kommt in weiten Wochen in die Schule und kennt sich im Fanwesen insoweit aus, dass sie jetzt so frei ist, für Belgien zu sein. –

Aus der ergonomischen Zwickmühle

Über die Ergonomie am Computer würde schon viel geschrieben.

Die Hilfen, die da so gegeben werden, sind mir aber zu einfältig.

Ich sitze also bequem im Sessel und lege die Füße auf den Hocker. Mit der linken Hand stütze ich das iPad in einer bestimmten Bauchfalte ab. In der rechten Hand führe ich so einen speziellen Stift, der präziser arbeitet als Wurstfinger und auch das Display nicht verschmiert. Zwischen den Fingern der linken Hand halte ich ein Butterbrot und schnelle mit dem Oberkörper jedes Mal nach vorn, wenn ich etwas abbeißen will. Meine Teetasse steht neben mir auf dem Schrank, so etwa in Kopfhöhe. Wenn ich nun trinken will, muss ich den Stift ganz leicht in der Hand verschwinden lassen, um zusätzlich den Tassengriff zu fassen. Das beeinträchtigt allerdings die Arbeit am iPad doch ganz erheblich. Eine schnelle und gezielte Dateneingabe ist so stark durch die Hand- und Kopfbewegung gestört, dass mir manchmal sogar der Tee die Krümel vom Display spült. Die Bedienung des TV erfolgt zwar problemlos über das iPad, aber wenn es Knabbereien oder das Mittagessen gibt, dann bin ich total aufgeschmissen und wünsche mir weitere Hände. Das das kann ja nun nicht die ergonomische Lösung sein.

Unmaßgebliche Bemerkungen über das Foulspiel

Auch wenn wir es nicht mögen: Das Foul gehört existenziell zum Fußballspiel. Wenn sich also die Sportart weiterentwickelt, dann gilt das auch für die Fouls. Es erscheint dem naiven Betrachter so, dass Fouls nicht dazu gehören, weil sie ja grundsätzlich mit einem Freistoß der gegnerischen Mannschaft geahndet werden. Bereits das Wort Foul macht den Eindruck, dass wir ihm den Eintritt in die Sprache verwehren wollen. In den Anfängen des Fußballs, wie heute auch noch bei vielen Hobbymannschaften, waren Fouls nach Möglichkeit zu vermeiden. Je ernster der Sport betrieben wird, um so mehr merkt man, dass man, ohne aktiv zu foulen, fast immer den Kürzeren zieht. Der Spieler nimmt also im Zweikampf gern eine Prise von der Rücksichtslosigkeit, die so ein Foul heraufbeschwört. Es ist klar, dass auch die Ausbildung und die Praxis der Trainer vermittelt, wie man Fouls günstig einsetzt, den Verdacht zu vermeiden sucht, man habe vorsätzlich gefoult und insgesamt auch noch dabei auch noch die Unschuldsmine an den Tag legt.

Nun weiß ich wirklich nicht, worauf die Spieler der laufenden Weltmeisterschaft diesbezüglich trainiert sind. 

Da wird also der vielbeachtete und gut bezahlte Spieler Neymar übel gefoult. Er liegt am Boden, hält sich mit den Händen die Fußknöchel fest und wälzt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht minutenlang am Boden. Der Schiedsrichter ist geneigt, den Verursacher mit der gelben oder gar roten Karte zu bestrafen. Da springt Neymar auf, als ob nichts gewesen wäre und begründet den Verdacht des Schiedsrichters, er sei trotz des sichtbaren Fouls einer Spieleinlage aufgesessen. Solche Situationen mehren sich. Man weiß dabei nie, ab der eine oder der andere sich eine Bestrafung eingehandelt haben, oder gar beide.

Offenbar wird der Grundtatbestand des Fouls derart ausgestaltet, dass er Gegenstand der Sportwissenschaften ist und seitens der Trainer so etwas wie ein Training für Fouls geben muss, auch wenn das ein Fremdkörper in der Idee vom fairen Sport ist. Schließlich sind allerdings dann doch die Schiedsrichter mit der Bewerkstelligung des fairen Spiels allein gelassen.

Das legendäre “Mach et Otze!“ des Trainers Ruthemöller an seinen Spieler Ordenewitz (1.FC Köln) markierte bereits im letzten Jahrtausend die Aufforderung, sich über ein Foul die rote Karte zu holen, um dadurch die Bestrafung so zu steuern, dass man für ein hochwichtiges Spiel wieder unbelastet einsatzfähig ist.

Mittlerweile könnten allerdings die Leute vom Theater wertvolle Schützenhilfe leisten, das Foul möglichst so beeindruckend und glaubhaft auf den Platz zu bringen, dass Wirklichkeit und Fiktion untrennbar verschmelzen. Wer würde schon einem sich wälzenden Spieler, der von professionellem medizinischem Fachpersonal vor zigtausend Zuschauern in einen Nebel von Eisspray gehüllt wird sagen, er habe ja gar keine Schmerzen?

Ich bin SchLauspieler. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe noch reichlich viele Tips, das Foul auszugestalten.

Russisch Brot

Mit der uralten Industriebackware „russisch Brot“ werden die wehrlosen Kinder im Erstleseunterricht kontaminiert, meistens aber bereits im Kindergärten und in ehrgeizigen Elternhäusern.

Bei näherer Betrachtung müsste der kritische Mensch aber sofort merken, dass es sich bei diesem Produkt um einen Beitrag zur Weltverschwörung handelt, weil der Russe ja in kyrillischen Buchstaben schreibt. Entsprechend sind die Ergebnisse!

Meistens kommen ja auch nur Worte dabei heraus, wie


Babuschka lassen wir mal weg.

Kirchenglocken mit Hakenkreuz

unbefleckte Glocke als Symbol

Es ist ja verdammt schwer, das Symbol dem Glockenklang zu entnehmen. Erst jetzt, nach über 70 Jahren sind Leute mit dem allgegenwärtigen Handy in den Glockenturm gestiegen und haben Bilder mitgebracht. Und nun ist die Gemeinde verstört, weil die so vertraute Glocke ein Hakenkreuz trägt. Sie hatte all die Jahre gedankenlos ihren Klang über Stadt und Erdenkreis verbreiten dürfen und niemand war darauf vorbereitet oder gar geschult, den Unterton des speziellen Glockenreliefs zu hören.

Nun ist das Glockenseil erst einmal unberührbar. Quasimodo hatte wohl nie richtig hingeguckt. Jetzt ist er schockiert. Aber man muss schon initiativ sein, weil es so ja dauerhaft nicht bleiben kann.
Man kann Gras über die Sache wachsen lassen und die Glocke einstweilen im zufälligen Wechsel mit ihren unbefleckten Schwestern einsetzen und die Illusion fördern, sie spiele also zufällig nie mit.
Man kann die Glocke einschmelzen lassen, wohl wissend dass das unerwünschte Symbol im geänderten Aggregatzustand überlebt, auch wenn daraus ein Denkmal für die Menschlichkeit errichtet würde.
Man könnte aber auch ambulant die Oberfläche der Glocke bearbeiten. Das ginge sogar mit einem beliebten Hobbywerkzeug, der Flex. Eine Gruppe von Pragmatikern hat das auch schon einmal bei Nacht und Nebel gemacht. Aber auch in diesem Fall ist man das Symbol des Hakenkreuzes nicht losgeworden, nur seine Darstellung.

Was immer man auch macht, man kann letztlich nicht vermeiden, sich der Geschichte zu stellen. Man kann allerdings mit einer öffentlichen Klöppelkastration ein Ausstellungsstück herrichten, das im Museum einen Kontext ermöglicht, um über Glocken mit Hakenkreuz nachzudenken. Wenn dann die jetzige Frau Klöckner, die damals aus Marokko zu uns übersiedelte, das Museum besucht, wird sie scheu ihre Hände verstecken. Zu ihren traditionellen Tattoos gehören auch einige Hakenkreuze. — Alles sehr, sehr seltsam.

Die Post will das Briefporto erhöhen

Damals hatte sich das Briefscheiben und -lesen so fest etabliert, dass man seinen Briefträger mit Namen kannte. In meiner Kindheit wohnte ich genau auf der Grenze zweier großer Städte. Das hatte den Vorteil, dass man die Portokosten erheblich reduzieren konnte. Ich durfte nämlich immer für die ganze Familie zu den Briefkästen beider Städte laufen. Briefe im Ortsverkehr kosteten 10 Pfennig, im Fernverkehr jedoch 20 Pfennig. Hinzu kam auf jeden Brief noch die Notopfermarke, die 2 Pfennig kostete. Man war also sparsam, nutzte das Briefschreiben aber trotzdem intensiv.

Der Brief war das Medium der Wahl, wenn man sich über die unmittelbare Nachbarschaft hinaus unterhalten wollte. Es wurden Brieffreundschaften in aller Welt gehandelt und gepflegt.

Die Konkurrenz des Telefons etablierte sich zunächst nur langsam. Die Tonqualität war so schlecht, dass man zur Unterscheidung von drei anstatt zwei immer zwo sagen musste. Insgesamt war das Telefonieren eine extrem spannende Sache. Wenn es klingelte, stieg der Puls erheblich und man ging auf alle Fälle dran. Manche Leute trauten sich nicht auf die Toilette, weil ja zwischenzeitlich das Telefon klingeln könnte. Ausstöpseln könnte man das Telefon von Amts wegen nicht.

Weil ich – wie gesagt – auf der Stadtgrenze wohnte, tummelten sich in unserem Wohnzimmer fast täglich irgendwelche Menschen, die unbedingt telefonieren mussten. Dass bei uns eines der seltenen Telefone stand, hatte sich wohl herumgesprochen. Es kamen junge Mädchen, die unbedingt ihren Freund anrufen mussten oder andere Menschen in Notfällen, also wenn beispielsweise der Opa gerade ins Krankenhaus gekommen war. Manche Leute brachten zum Telefonieren eine ganze Rechtsanwaltsakte mit. Neben dem Telefon stand ein großer Kristallaschenbecher und die Leute sollten dann für das Ortsgespräch 20 Pfennig hinein legen. Für ein Ferngespräch wurde es kompliziert, weil der Preis auch damals schon zeitabhängig war. Es war nicht selten, dass sich Ortsgespräch dann doch nachträglich als kostspielige Ferngespräche entpuppten. Und an der Stadtgrenze war es durch einen kleinen Spaziergang eben auch möglich, ein Ferngespräch als Ortsgespräch zu führen.

Aktuell will also die Post wieder das Briefporto erhöhen. Das Telefon und die sogenannten neuen (?) Medien haben im Verbund das private Briefschreiben ausgebootet. Nur noch Werbung per Post und ein Teil der Geschäftspost überdauern noch. Am Markt müsste es allerdings eher eine Preissenkung geben, wenn man verhindern will, dass das Briefschreiben und das daran gekoppelte Brieflesen zu einer klitzekleinen Kulturnische für Wohlhabende wird.

Aber machen wir uns nichts vor: Urlaubseindrücke im Livestream zu schildern, ist der Ansichtskarte selbstverständlich in jeder Hinsicht überlegen. Deshalb neigen wir auch dazu, die letzte Ansichtskarte aus Rom gut wegzulegen, weil sie dann eine nett kolorierte Rarität bleibt.

Sollen sie doch mit dem Briefporto machen was sie wollen. Würde ich einmal einen Brief schreiben, dann würde mich das Porto jedenfalls nicht davon abhalten. Früher waren die Briefportotarife ein Politikum und standen für die Teilhabe am Leben. Das Porto festzulegen war infolgedessen eine hoheitliche Aufgabe. Es gab ein Postministerium, der Briefträger war Beamter und das Telefonwesen gehörte direkt auch dazu.

Das Telefon einfach nur ausstöpseln zu können, war in den 1980er Jahren eine bahnbrechende Errungenschaft, die mir irgendwie wichtiger war, als die Erfindung des Internet. Danach gab es kein halten mehr. Alte Briefe scanne ich gerade für die Weitergabe durch die Generationen. Meine Briefmarkensammlung hat ihren Gegenstand verloren und schlummert in einem Koffer. Ich bin ratlos, was ich damit machen soll, — etwa die Zacken zählen.

Aus nackten Sommern

Jetzt ist wieder die Zeit für den nackten Oberkörper. Und ich muss sagen, dass es unter der Sonne und bei Anstrengungen eine  Befreiung ist, wenn man auf ein verschwitztes Hemd verzichten kann. Nun ist es allerdings so, dass ich mit nacktem Oberkörper immer sehr, sehr stark angeguckt werde. Das ist mir unangenehm. Es liegt wohl daran, dass man bei mir auch dann kein Tattoo findet, wenn man einmal vollständig um mich herum läuft.

Hier ein qualitativ zweifelhaftes Szenenfoto in brütender Hitze irgendwo an der Donau im Jahr 1992 …

Das erinnert mich etwas an die 90er Jahre. Damals war eine Mitarbeiterin in ihrer Lebenswelt die erste, die eine kleine Rose verschämt auf der linken oberen Gesäßhälfte alt Tattoo trug. Ich weiß das so genau, weil darüber lange diskutiert wurde und anschließend die Mitarbeiterin mit vielen Kolleginnen zur Toilette verschwand, um das Tattoo ungestört vorzeigen zu können. Danach ging die Diskussion weiter. Ich habe mich damals schon gefragt, was es für einen Sinn haben soll, wenn ein Tattoo nicht öffentlich sichtbar ist, zumal dann, wenn man das Tattoo selbst nur mit einem Spiegel sehn kann. Ich lasse mich gleich mal von Kindern anmalen, dann habe ich hoffentlich die Beachtung, die mir zusteht – für eine ungeheure Schönheit.

Warum reden wir eigentlich von Antisemitismus?

Die Feindlichkeit gegenüber den Juden besteht schon lange. Weil das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen ist und der christliche Gottessohn Jesus zeitlebens ein Jude war, wurde lange die Tür zur Bekehrung der Juden offen gehalten und das Judentum als Vorstufe zum Christentum etwas höher bewertet, als andere nichtchristlicher Religionen. Das Angebot und der Druck zum Wechsel waren so wirksam, dass viele davon Gebrauch machten. Die weiterhin überzeugten Juden sahen sich allerdings Bewegungen ausgesetzt, die Juden als kollektiven Sündenbock für dies und jenes zu nutzen. Diese Bewegungen waren stets mit einen starken Nationalismus ideologisch aufgeladen, der zur eigenen Rechtfertigung immer wieder einen Hinweis auf die brauchte, die außerhalb der Nation und der Gesellschaft standen. Noch heute wird mit der Frage: „Wer oder was gehört zu Deutschland?“ ausgegrenzt. Ernstzunehmende Philosophen und Naturwissenschaftler versuchten fortan ergänzend die passende Theorie zur Judenfeindlichkeit aufzustellen. Bei diesem Basteln an wissenschaftlichen Begründungen wurden auch direkt Termini eingeführt, die besonders stark irgendwie wissenschaftlich rüberkamen. Aus diesem Dunstkreis kommen die Rassentheorien und das Reden vom (Anti-) Semitismus. Semiten sind ja – wenn man der Wortbedeutung folgt – die Nachfahren des biblischen Urvaters Sem. Nach heutigem Verständnis sind das Juden und Araber. Das Wort Antisemitismus hat sich als irgendwann als Judenfeindlichkeit etabliert. Würde man zur semantischen Wurzel zurück gehen, wäre beispielsweise der geschürte Konflikt zwischen Juden und Palästinensern einfach zu bereinigen, zumal sie sich kulturell näher sind als beide wahrhaben wollen. Das Essen ist beispielsweise nahezu identisch und die Sprache zeigt viele Ähnlichkeiten. Würde man sich von der fehlgeleiteten akademischen Judenfeindlichkeit als Antisemitismus befreien, könnte man auch wieder von Judenfeindlichkeit reden, um sie sinnvollerweise abzuschaffen.
Aber weil die Vielzahl der sprechenden Menschen bestimmt, was mit welcher Bedeutung gesprochen wird, bleibt es wie es ist: Alle sprechen bedeutungsvoll von Antisemitismus. Ich würde bedeutungsgerecht viel lieber von Judenfeindlichkeit reden. Wir würden gegebenenfalls sofort merken, dass wir das nicht wollen. — Wer macht mit?

In der Theorie endet das Echo nur in der Unendlichkeit

Für den „Echo‟, einen Preis der Musikindustrie, werden grob gesagt mit 50% die Verkaufszahlen der Musiktitel berücksichtigt. An denen orientiert sich aber auch eine Jury, die die restlichen 50% ausfüllt. Dass bedeutet auch, dass die Musikindustrie meint, nichts dazu zu können, wenn nun in diesen Tagen rassistische Musik beim Bürger so beliebt ist, dass man mit den selbst gestellten Regeln daran nicht vorbei kommt. Die Musikindustrie und ihre Vasallen  halten also den heftigen Widerspruch einfach nur aus und gewinnen. Niemand verlässt den Saal, niemand gibt seinen Echo zurück, alle gaffen auf die Prämierung von Rassisten, wie bei einen Verkehrsunfall und wahren den Rahmen der Kultur einzig mit dem Konsum von Schaumwein. Es ist jämmerlich.

Wenn man sich Regeln ausdenkt, die am Gewinn ausgerichtet sind, dann ist es doch naheliegend, dass irgendwann der gute Geschmack verloren geht, der ja auch in der Lebenswelt der Produzenten nur noch selten eine wichtige Rolle spielt. Wenn die Musikindustrie gern rassistische Texte durchwinkt, allein weil sie passabel gerappt sind, dann hat das auch damit zu tun, dass sie gern ein Publikum pflegt, das alles nicht so ernst und genau nimmt und einfach nur kauft.

Damit geht es auch um das Publikum: Offenbar gehört der Rassismus so ganz alltagspraktisch zu Deutschland, wenn rassistische Musik bereits die Charts erobert. 

Wenn wir in dieser Zeit immer wieder gefragt werden, was zu Deutschland gehört, so basteln direkt alle an einer unbestreitbaren Positivliste mit der Tendenz, sie ziemlich verbindlich zu machen. Aber das ist wertlos für eine demokratische Gesellschaft, die ihre eigene Entwicklung zur Aufgabe hat. Nehmen wir doch einfach mal alles, was da ist, ohne es zunächst zu bewerten: Das ist Deutschland im Gefrierschnitt. Nun öffnen wir Türen, denken um die Ecke und ziehen Strippen zwischen all den Elementen, die sich fremd vorkommen und sich nicht verstehen. Damit öffnen wir erst die Dynamik, in der Deutschland lebt und die so gern strategisch ausgeblendet wird, weil sie ja stören kann.

Das gesellschaftliche Leben hat seinen Ausgangspunkt in der Idee von der Inklusion: Alles was da ist, findet Beachtung und entwickelt sich wechselseitig. Demgegenüber fremd ist die Idee aller Innenminister, wir integrieren die Randständigen dort hin, wo der rechnerische Normalbürger bereits ist – und bereinigen ganz einfach mal nebenbei die Vielfalt und überweisen Sie zunächst zum Überleben und zur Rechtfertigung in die Fastfoodküchen in Citylage.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Musikindustrie bald nicht mehr umhin kann, den Wind der Inklusion durch ihr Selbstverständnis wehen zu lassen. Dabei fallen dann ganz nebenbei alle rassistisch ausgerichteten Rapper durchs Raster gesellschaftlicher Bewährung. Wer seine Texte sprechen, aber nicht lesen kann und darauf beharrt, muss die Erfahrung machen, dass er irgendwie nicht gemocht wird und ein Auslaufmodell ist. Für die Musikindustrie selbst wächst der Blick auf eine praktische gesellschaftliche Verantwortung und die Reformbedürftigkeit statischer Regeln. 

Und die ganzen Echogewinner können ja ihre Preise immer noch zurück geben, wenn ihnen etwas daran liegt, in der Rassismusdebatte etwas los zu werden.

– Und gegen alle Theorie hat sich so manches Echo schon verhallt.

Toll, was du so alles weißt!

Man zeigt ja immer gern auf, wenn man die Frage des Lehrers beantworten kann. Und so kommt es auch, dass vor allem die ganz, ganz einfachen Fragen nach irgend etwas sehr beliebt geworden sind. Man kann scheinbar risikolos mitreden. Bei derart einfachen Fragen wird deine Antwort bestimmt keinen Shitstorm auslösen.

In den sozialen Netzen trifft man nun täglich auf das Schema „Wer erinnert sich noch …“ und dann kommt ein Ereignis zu dem man sich bekennen kann oder das man sogar auch noch spezifizieren kann. Heute wurde gefragt: „Wer erinnert sich noch an seine alte vierstellige Postleitzahl?“ Man könnte die Antwort gern für sich behalten, weil es anderen Menschen vermutlich nichts nutzt, wenn sie deine Postleitzahl von 1993 erfahren und sie auch nicht beeindruckt, dass du dich daran erinnerst. Der wer-erinnert-sich-noch-Trick wird auch liebend gern in in Überschriften von Zeitungen und Mediensendungen eingesetzt, weil das nach aller Erfahrung stets Leser beziehungsweise Zuhörer und Zuschauer in Bewegung setzt.

Obwohl es nichts zu sagen gibt, klicken jedenfalls in den sozialen Medien stets tausende Menschen trotzdem und fügen direkt auch noch im gegebenen Fall als Beleg die alte Postleitzahl an. Der, der da fragt, den kennt man meist nicht. Man trägt aber seinen Anteil dazu bei, dass er begehrte Daten bündeln kann. Er weiß, dass du schon ziemlich erwachsen bist. Er erkennt meistens dein Geschlecht und kann dich mutmaßlich in einer begrenzten Gegend verorten. Und er weiß von vornherein, dass du beispielsweise bei Facebook leichtfertig mit deinen Daten umgehst und möglicherweise auch anderswo. Wenn er nun für den Verkauf entsprechende Datensätze von zigtausend Menschen zusammenstellt, möglicherweise mit anderen Datensätzen verknüpft, dann verdient er Geld damit und du bekommst unerwarteten, manchmal auch unbemerkten, Kontakt zu anderen, die dir maßgeschneiderte Angebote unterbreiten, weil ihnen das den Weg zu deinem Geld ebnet.

Es ist in jedem Fall besser, auf Fragen nicht zu reagieren, wenn deren einziger erkennbarer Sinn darin besteht, massenweise Klicks einzusammeln.

Und das ist noch längst nicht alles!

Facebook beispielsweise sammelt alles auch noch einmal mit, um es ebenfalls zu verkaufen und hat mindestens 98 Daten von dir zur Ergänzung. Da kommen dann im Verkauf schon mehrere Milliarden Euro bei rum und man fragt sich welch weltbewegenden Dinge passiert sind, um dieses Geld zu erwirtschaften. Du hast ja eigentlich nur 4 belanglose Ziffern in die Öffentlichkeit getragen.