Selfiestick

Selfiesticks sind peinlich. Das lese ich fast überall. Bei Reisenden aus Ostasien ist allerdings aufgefallen, dass das Gefühl der Peinlichkeit sich nicht nachweisen lässt.

Ich vermute mal, dass das mit der Milch zusammenhängt. Die ist – umgekehrt – in Ostasien weitgehend unverträglich. Dass ich offenbar mitteleuropäische normal bin, merke ich daran, dass die Peinlichkeit mich voll trifft.

Ich sehe keine Chance, meine nun schon seit Jahrzehnten währende Selfieleidenschaft durch einen Selfiestick zu krönen. Meine Arme wachsen mir nun mal nicht in den Himmel. Die Gnade der Geburt am richtigen Ort ist nicht mehr menschenmöglich.

An alle Wahlgewinner: Auch Kluge und Dumme sind gleichberechtigt – so ist das in der Demokratie

Ich wende einmal meinen Blickwinkel ab von den vereinzelten Parteien, die nach der Wahl in Berlin absehbar, weiterhin darunter leiden, dass sich die Wählerstimmen nun ganz anders verteilen, als es über Jahrzehnte üblich war. Größere Parteien haben weniger Zuspruch. Kleinere Parteien und sogar neue Parteien haben an Zuspruch gewonnen.

Während die traditionellen größeren Parteien in der öffentlichen Berichterstattung irgendwie abgeschmiert sein sollen, sehe ich nicht einmal ein Debakel. Denn das, was den Ansprüchen der einzelnen Parteien hie und da verloren geht ist besonders gut für die Interessen des wählenden Bürgers.

Erinnern wir uns daran, dass die erste große Koalition der Nachkriegszeit 1966 eine kritische Öffentlichkeit auf den Plan rief, die um eine wirkmächtige Opposition fürchtete. Mittlerweile werden große Koalitionen unter diesem Aspekt nur noch selten thematisiert. Sie werden hauptsächlich als Garanten für eine starke Regierung gehandelt. Das Streitbare in der Demokratie ist wegorganisiert und der verbleibende Widerspruch aus dem verbleibenden Häuflein der Opponenten findet meist vor leeren Stühlen statt. Die Parteien konzentrieren sich auf sich selbst. Sie gewinnen ihr Ansehen nicht in Rededebatten, sondern in der endlosen Auffächerung ihrer „corporate identity“. Das Ziel, Wahlen zu gewinnen orientiert sich an „Benchmarks“ und widerspruchslosem Auftritt in der Öffentlichkeit. Die Forschung zeigt, dass der Bürger die Harmonie auch dann über alles liebt, wenn sich damit gar keine streitbare Demokratie herstellen lässt.

Der Effekt ist, dass die parteiübergreifenden Ziele, wie Wohlstand, Gerechtigkeit, Gesundheit und so weiter zur Floskel werden. Der Bürger merkt kollektiv nur zu gut, dass das, was da in der Politik der Parteien geschieht, mehr Behauptung und rhetorische Rechtfertigung ist, als das Ergebnis einer Auseinandersetzung um den mutmaßlich richtigen Weg. Am Beispiel: Wenn die Reichen so reich sind wie nie zuvor und die Armen immer ärmer werden, dann dauert es nicht lange, bis die Rechtfertigungen entlarvt sind und die politische Praxis in eine Legitimationskrise gerät. Der Widerspruch von Anspruch und Wirklichkeit läßt sich nicht mehr vermitteln und der Bürger reagiert auf seine Weise. Er fühlt sich immer weniger an tradierte Wahlentscheidungen gebunden und wendet sich verstärkt Parteien zu, die die Legitimationskrise nicht zu vertreten haben. Das sind dann Parteien, die nur selten oder gar nicht Regierungsverantwortung getragen haben.

Und schon finden wir ein Parteienspektrum vor, von dem der zur Demokratie motivierte Bürger nur träumen kann: Eine Vielfalt an Parteien, die keinen Spielraum für arrogante Auftritte und Selbstgefälligkeit lässt. Eine Partei muß einfach nur gut sein, um dem Bürger zeigen zu können, was er sehen will.

Eine über Jahrzehnte zementierte Macht hat stets dazu geführt, dass sich der Bürger abgewandt hat und der Funktionsträger keinen Anreiz hatte, seine Arbeit über den Machterhalt hinaus zu betreiben. Selbst in der Opposition war es oft nur möglich, auf die Gnade der Machthaber zu schielen. Ein gutes Beispiel ist die konservative Arbeit der SPD in den Kommunalparlamenten des Ruhrgebiets. Sie war so dominant, dass man lange Zeit beliebig walten könnte – bis es schließlich keine innovativen Kommunalpolitiker in den eigenen Rehen und kaum noch einen Parteinachwuchs gab. Die Jusos wurde zur versprengten aber trotzdem gehätschelten Splittergruppe unterhalb der Wahrnehmungsgrenze. Die Opposition stellte sich dauerhaft als geduldetes Nischenprodukt in Szene. Ein Beispiel was dagegen steht, ist die Kulturpolitik in der Stadt Frankfurt: Ständig mögliche wechselnde Mehrheiten waren Ansporn, eine weltweit beachtete Kulturszene zu gestalten, die selbstverständlich auch bei geänderten Mehrheiten fortgeführt wurde. Schließlich hatte der Bürger das Gefühl, dass seine Stimme etwas bewirkt.

Ich kann mir nur vorstellen, dass Parteien, die auch am Wählerzuspruch auf Augenhöhe ausgerichtet sind, vernünftiger streiten können als es bisher der Fall ist. Wenn es gelingt, dem Bürger zu zeigen, dass eine belebte Parlaments- und Straßenöffentlichkeit über den Disput getragen wird, anstatt sie mit Waren aus der Gedankenwelt der Parteizentralen zu unterlaufen, dann wird wohl alles ein bisschen besser.

Gülle hier, Gülle da

Die Belastung der Böden mit Nitrat ist besorgniserregend. Das ist schon sehr lange so und eine Folge der intensiven Tierhaltung verantwortungsloser Menschen. Ab und zu wird das Thema auch in die Öffentlichkeit gespült. Dass gültigen Grenzwerte verletzt werden, hat offenbar bisher nichts zur Folge. Bauern aus den Niederlanden schonen dagegen ihre ebenfalls grenzwertig belasteten Äcker und bringen ihren Dünger über die Grenze, an den deutschen Niederrhein. Die EU droht nun mit Sanktionen. Dem Landwirtschaftsminister fehlt – wie er sagt – zu der eingeforderten schnellen Regelung ein zeitlicher Spielraum. Er befürchtet, dass ein unmoderater Übergang zur Rechtmäßigkeit den kleinen Bauern trifft. Das will er nicht und spekuliert mit der Zustimmung der Bürger.

Allerdings ist es wohl so, dass auch der kleine Bauer ein großer Nitratverteiler auf deutschen Feldern ist und damit bewusst ordnungswidrig handelt. Es ist nicht zu erklären – rechtlich schon gar nicht – dass Fehlverhalten unterstützt wird, weil der große Bauer sich ebenfalls daneben benimmt.

Zudem ist es ja wohl so, dass das alles seit Jahrzehnten so abläuft. Lediglich die Nitratbelastung erhöht sich und sickert sogar ins Grundwasser. Mit Nitrat im Grundwasser kann man eine Brunnenvergiftung diagnostizieren, an der sich viele noch namenlos beteiligen. Wenn der Minister also Zeit braucht, dann ist es die Zeit, die in den letzten Jahrzehnten untätig verstrichen ist. Wir sollten nicht bereit sein, noch mehr Zeit ins Land gehen zu lassen.

Irgendwann ist es dann auch mal gut. Der Minister muss handeln. Danach kann er sich ja mit den Folgen für den kleinen Bauern beschäftigen und die Gülle selbst absaugen und vielleicht mit den aussortierten Fleischteilen direkt nach Afrika exportieren. Als eine weitere Fehlleistung wäre es ihm zuzutrauen.

Tipp Übung auf dem I Fon mit Killer Feature

Den Wieder Stand gegen Rechtschreiben Korrektur geben wir so langsam auf und geben Zähne knirschend nach. Wir halten schließlich Hinterhof Wohnung für eine korrekte Schreibweise und erhoffen dafür den Jury Preis.

Das wird sich rächen – Siri!

Streit um ein Wort – da irrt der Autor

Ein Redakteur der ZEIT, Kai Biermann, meint, man könne der AfD-Sprecherin Pauly den Gebrauch des Wortes völkisch streitig machen. Dabei wartet das Wort, wie jedes andere Wort auch, selbst auf einen Streit. Eine Definitionsprivileg hat Frau Petra nicht, aber der gegnerische Redakteur auch nicht!

Sellerie: Die Fruchtzwerge
Sellerie:
Die Zwerge der Völker

Da irrt der Autor: Wörter dienen der Verständigung und stehen jedem Sprechenden frei zur spezifischen Bedeutungszuweisung zur Verfügung. Weil er allerdings verstanden werden will, nimmt er Rücksicht auf den Mainstream in der Gemeinschaft der Sprechenden und erforderlichenfalls ein paar Nebenstreams der Bedeutungszuweisung und differenziert seinen Sprachgebrauch. Verbrannte Wörter entstehen dadurch, dass es bei einer dominante Bedeutungszuschreibung kaum mehr eine Chance für einen abweichenden Sprachgebrauch gibt. Das Wort ist daran unschuldig. Und die Sprechenden akzeptieren das im Alltag auch. Anstatt einen Friedhof der Sprachlosigkeit mit Wörtern auszubauen, auf dem potentiell jedes Wort zu liegen kommen wird, ist eine Rehabilitierung erforderlich, die die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten zurück gewinnt.

Die Versuche zur Herrschaftsgewalt über Wörter ist nicht nur im Roman 1984 von George Orwell gescheitert, er scheitert auch bei einer petryschen Neudefinition als auch bei der Bewahrung ihrer Bindung an vergangenes Unrecht, so wie es der Autor macht. Zudem zeigt der Autor mit seinem Rekurs auf Definitionen selbst, dass man das besagte Wort gar nicht benötigt, um eine bestimmte Bedeutung auszudrücken.

Die Wörter gehören niemandem.
Respektiert sie bitte.
Und wenn ihr Gebrauch zu einem Missverständnis führt, dann sprecht miteinander. Das ist der alltäglich Normalfall der Kommunikation. Die hundertprozentige Verständigung ist eine Fiktion und hätte die Sinnlosigkeit jeder Verständigung zum Ergebnis.

Urlaub

Urlaub kann alles Mögliche sein, ist aber meistens und in jeder Beziehung sehr weit weg von der Politik. Nun wird diskutiert, ob die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern, die bekanntlich eine stramm rassistische Fraktion hervorgebracht hat, den Fremdenverkehr beeinträchtigt und ob es sinnvoll ist, gerade jetzt das Urlaubsgebiet aufzusuchen.

Weil der Urlaub als politische Aktion oder gar als politische Willenserklärung ziemlich unbrauchbar ist, bietet es sich an, vorläufig gern auf solche Urlaubsgebiete verzichten.

Es scheint mir auch wenig sinnvoll, die selbstgemachte Fremdenfeindlichkeit durch aktive Fremde auszugleichen, die mit ihrem Geld wirtschaftliche Einbußen verhindern.

Da müssen Meckmann und Pommfrau allein durch!

Ich habe mir die Profile der gerade in Mecklenburg-Vorpommern gewählten Landtagsabgeordneten der AfD einmal angeguckt. Da fällt mir nur eine Sache auf, die mich  wirklich beeindruckt. Da fordert wohl jemand das Pflichtschweinefleischessen von Migranten an der Grenze. Das zeigt, dass der Rassismus doch wenigstens Anregungen für Kleinkunstprogramme gibt – sonst nichts! Gott sei Dank dominiert auch das Schweinefleischesser dort das gastronomische Gewerbe noch lange nicht programmatisch. Aber es gibt einen Beigeschmack! Ab und zu findet man „Tote Oma“ herausgehoben auf den Speisekarten.

Ich halte es für ratsam, Urlaube ganz einzustellen und sein Leben so lebenswert einzurichten, dass es das feindliche Leben gar nicht mehr gibt, das uns bis zur Urlaubsreife auffrisst. – Aber das ist fast ein eigenes Thema.

Protest

Ich habe auch das Potential zum Protestwähler.

Wenn nun die etablierten Parteien sich, aus der Angst vor dem Protestwähler, in die Nähe rechtspopulistischer Einfrierungen der Lebensdynamik begeben, dann steigt nur mein Protestpotential.

Offenbar gibt es Entwicklungen von Parteien, in denen der Glaube an das Gute der eigenen Politik verdinglicht und der Kontakt zum Wahlvolk und den politischen Sachfragen eingebüßt wird. Im guten Glauben kann dann schmerzlos alles verkauft werden. Parteien, die sich nur noch rechtfertigen und von ihren Gewährsleuten nicht mehr von außen betrachtet werden können, sind nicht erneuerungsfähig. Das ist nebenbei das Schicksal vieler Großorganisationen.

Zu wünschen ist, dass Parteien entstehen und dann auch wieder vergehen, wenn ihr Zweck erfüllt, ihre Zeit abgelaufen ist. Mein Protestpotential kann eigentlich nur dann nützlich aufgefangen werden, wenn die Versuche der Politik ab und zu auch einmal außerhalb tradierter Besitzstände ihren Ausgang nehmen.