Ruhestand

Wer in meinem Beisein das Wort Ruhestand in den Mund nimmt, der spielt mit dem Tod. Ruhestand ist ja letztlich der Rest, wenn sich das Leben ausgehaucht hat. 

Im Zeitgeist müsste ich sagen, dass das Wort Ruhestand meine nichtreligiösen Gefühle so stark verletzt, dass das Wort wegen seiner Toxizität verboten gehört. 

So etwas sage ich aber niemals. Und ich habe auch keinen derart todsicheren Zugang zu meinen Gefühlen, dass ich das so sagen dürfte.

Ich beklage nur das gedankenlose Niveau des Sprachgebrauchs und den unweigerlich einsetzenden Gefrierschnitt durch ein Gespräch, der durchaus mit Wärme kaschiert sein kann.

Du – und ich auch – haben mehr Sorgfalt verdient.

Gartenillusionen

Vor ungefähr 30 Jahren hatte ich einmal eine Solitärpflanze im Topf, die damals in den Markt für Gartenpflanzen gedrückt wurden. Es ist der so bezeichnete Kirschlorbeer oder Lorbeerkirsch. Mit Kirschen und auch mit Lorbeer hat die Pflanze aber nichts zu tun. Sie hatte ursprünglich keinen Namen, weil sie in Kleinasien und Umgebung zu Hause ist. Es ist in Mitteleuropa eine ziemlich unsinnige Pflanze, die nur immengrün vor sich hinwuchert. Ich habe sie dann, weil sie zu groß wurde, als Sichtschutz ein Beet gepflanzt. Ein Gärtner vermittelte bei der Terassengestaltung die Idee, die Pflanze als Endpunkt einer ganzen Kirschlorberhecke zu nehmen. Vor einigen Jahren habe ich aber den ganzem Mist rausgerissen. Es hatten sich in der Hecke zwei Krankheiten breit gemacht. Kein Vogel hat sich für die Hecke interessiert. Die Blätter verrotteten kaum. Nur einmal hatte ein Vogel notgedrungen ein Nest in eine Zweiggabelung gebaut. Die Enkelkinder interessierten sich dann irgendwann für die giftigen Pflanzenteile, um irgendwelche Suppekochspiele mit Biomaterial anzureichen. Jetzt habe ich eine Hainbuchenhecke und bin sehr zufrieden damit.

Über den Irrsinn des Kirschlorbeers ist viel geschrieben worden. Das mag ich jetzt hier nicht wiederholen. Es hat aber meinen Blick für diese Pflanze geschärft.

Heute habe ich einen Neujahrsspaziergang durch die Wald- und Wohngegend hier ringsum gemacht. Ich habe in der überwiegenden Zahl der Hausgärten und an den Waldrändern davor unzähligen Kirschlorbeerpflanzen gesehen. Sie waren durchweg verwildert, manche bis zu 3 Metern noch. Sie wirken allesamt deplatziert und störend. Wer die Change hatte, die Pflanzen vor dem Grundstückszaun zu pflanzen und damit die Verantwortung abzugeben, hat zumindest einen exzellenten Sichtschutz und einen passablen Schallschutz. Grundstücke ohne Kirschlorbeer habe ich nur wenige gesehen.

Als ich einmal aus dem Kirschlorbeer heraus angegriffen wurde …

In der letzten Zeit beklagt man ja zu Recht die Schottergärten. Die habe ich auf meinem Spaziergang auch gesehen. Die Kirschlorbeergärten sollten die gleiche Beachtung erfahren.

Triage …

Triage ist ein Begriff aus der Katastrophenmedizin und beruht auf leidvollen Erfahrungen. Aus diesen Erfahrungen kann selbstverständlich für die Medizin außerhalb von Katastrophen das eine oder andere übernommen werden. Triage bezieht sich auf Situationen, in denen sehr viele Schwerverletzte in einer unübersichtlichen Situation nach einem Alarm auf Fachleute aus dem Gesundheitsbereich treffen, die keine helfende Infrastruktur vorfinden aber in der Not wenigstens mobile, aber immer noch unzureichende Hilfsmittel dabei haben, um trotzdem wirksam zu helfen. Sie haben also keine Rechtsnormen oder Verständigungen über Verfahrensweisen und sie müssen unmittelbar handeln. Dabei ist es meist so, dass man eben nicht allen gleichzeitig helfen kann und sich punktuell denen zuwendet, deren Verletzung unmittelbar behandelt werden muss und die nach einer ersten Einschätzung in der bestehenden Situation auch wirksam, meist lebensrettend geholfen werden kann. Auch medizinische Verfahrenstechniken und Hygienebedingungen sind dabei meist eingeschränkt. Man wendet sich dann mit medizinischer Absicht nicht denen zu, die mutmaßlich sehr schnell sterben werden. Die Situation ist also stets ethisch unbefriedigend und dennoch vom Ethos der Medizin getragen. Es ist naheliegend, dass in solchen Situationen die Rechtslage pragmatisch in den Hintergrund tritt. Gleichwohl bleibt die Frage bestehen, oder der eine oder andere Akteur in dieser und jener Situation nicht anders hätte handeln müssen. Eine Antwort dazu wird es aber nur selten geben, weil jeder Akteur mit seiner schnellen Einschätzung per se einen schmalen Blickwinkel hat und nicht über die Zeit verfügt, um weiter differenzierend zu gucken und dann auch zu handeln.

Der Bundesgerichtshof hat nun in einem Urteil feststellt, dass es einer Regelung des Gesetzgebers bedarf, um Behinderte davor zu schützen, in einem Triageverfahren aussortiert zu werden. Das gebietet das Grundgesetz. Das ist einerseits richtig so, verordnet aber der medizinischen Praxis in der Katastrophe Regelungen, die für die geordnete Bewältigung entwickelt worden sind, also beispielsweise eine Begutachtung einer Patienten unter 4 oder gar 6 Augen. Und damit verlässt der Schrecken der Triagepraxis die Katastrophe und zwingt alle Akteure in einen zeitfressenden bureaukratischen Ablauf, den es ja gerade zu vermeiden gilt.

Man merkt schnell, dass sich die Ungerechtigkeit in Situationen der Triage nicht vermeiden lässt. Deshalb sollten im Vorfeld einer Triage alle Vorkehrungen getroffen werden, dass sie erst gar nicht eintritt. Das sichert letzt sich auch die Rechtsstaatlichkeit. Man braucht also politische und administrative Regelungen im Vorfeld der Triage, deren Nichteinhaltung an unmittelbare Konsequenzen gebunden ist.

Ein Trauerspiel

Wer den Alliierten nach ihrem Rückzug aus Afghanistan geglaubt hatte, ist von einer langsam schwindenden Bedeutung der zuvor gepäppelten Zentralregierung in Kabul zu Gunsten der Taliban ausgegangen. Das Ergebnis war aber, dass diese Entwicklung tatsächlich im Zeitraffer stattfand: Am Morgen hat die Regierung noch die Mobilmachung zur Verteidigung vorbereitet, am Nachmittag flieht der Staatspräsident bereits ohne ernsthafte Gegenwehr zu leisten in ein Ausland, in dem die Presse nicht so viele Fragen stellt. 

In Afghanistan kamen Demokratisierungsversuche seit Menschengedenken immer von außen und konnten sich bis heute nicht etablieren, weil sie immer an das kapitalistische Wirtschaften und eine ebenfalls fragwürdige westliche Weltsicht gebunden waren mit symbolischen Wohlstandszuwächsen auf geringem Niveau. Letztlich ähneln die russischen und danach die US-amerikanischen Heilsversuche doch sehr stark der zurückliegenden Missionierung mit fremden Religion und Lebensarten in irgendwelchen am Ende armen Kolonien wohlhabender Länder seit Columbus die Weltbühne betrat. Befreiungen erwuchsen immer aus den geschundenen Gemeinwesen selbst, auch wenn sie zunächst meist in neuem Elend und sicherlich auch nur vorübergehend mit neuen Machthabern endeten. In Afghanistan wiederholen sich alte Erfahrungen. Soldaten dienen dem Kampf, eventuell noch der Absicherung eines Status Quo mit kleinen Pflanzungen der Zuverlässigkeit und der Demokratie. Das praktische Leben organisieren aber Warlords und ihre Vasallen, Marketender und korrupte Krisengewinnler und alle möglichen sektiererischen Heilsbringer. In ein ziviles Gemeinwesen wurde kaum investiert.

Angeblich wussten alliierte Soldaten schon im Voraus, dass die importierten Freiheiten zwar hi und da geschätzt, aber nicht verteidigt werden würden. Da wäre es ja besser gewesen, die verbleibende Macht mit der Verabschiedung der alliierten Macht direkt an die Taliban weiterzureichen und sie auch noch so gut es geht darin zu schulen, wie man für den gewachsenen Volksteil, der die neuen Freiheiten sehr schätzt ein Gemeinwesen lebenswert verwaltet kann. Die Welt hätte ob derart blöder Naivität zwar gelacht, aber es wäre besser gewesen, wenn man aktuell sieht, wie in Windeseile das hinterlassene Machtvakuum ausgeglichen worden ist.

Die Menschenrechte gelten universell, aber die Wege zu ihrer praktischen Anwendung kann man eben nicht mal schnell umpflanzen. Sie wachsen in jeder Kultur anders und vor allem auch in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Diejenigen, die bereits in afghanischen, emanzipatorischen Selbstbestimmungswind gern gelebt haben, werden in der Lebenswelt der Taliban als unnütze Störenfriede einen Platz finden, der nach aller Erfahrung auch einmal schnell mit den Tod bestraft wird. Ich habe großes Verständnis für alle Afghanen, die jetzt ganz schnell das Land verlassen wollen. Deren Zukunft hätte aber eigentlich auch mit der förmliche Einrichtung des Machtvakuums bereits bedacht sein und organisiert werden müssen. Jetzt steigen sie verzweifelt ohne Pass mit einer selbst angelegten Leiter mit Kind und Kegel auf alle Fluggeräte am Airport Kabul und es gibt kaum Länder, die sie aufnehmen wollen, am wenigsten in Mitteleuropa. Es ist ein Trauerspiel mit Toten. Der Exodus der Intellektuellen wird es mit dem Neustart für die Taliban im Moment einfacher machen. Da sind sie wohl sehr tolerant. Sollten sich in Afghanistan künftig einmal Freiheitsrechte etablieren, dann werden die Intellektuellen allerdings dort schmerzlich fehlen.

Der Meteorologe an sich ist übergriffig

Wir wollen heute wissen, wie das Wetter morgen sein wird. Der Rat des erfahrenen Landmanns reicht uns nicht aus. Wir beanspruchen den Meteorologen, der sogar Wahrscheinlichkeiten berechnen kann. Er pflegt eine eigene Fachterminologie, will aber seine Kenntnisse für den Bürger nutzbar machen. Er übersetzt und bedient etliche Medienkanäle immer wieder neu. Informationen über das Wetter sind eine leicht verderbliche Ware. Das Wetter von Gestern ist fast schon nutzlos, wenn man nicht gerade langzeitliche Entwicklungen dokumentieren will. Meine Wetterapp zeigt kein vergangenes Wetter an. Aber selbst in die Zukunft gerichtet sind Wetterprognosen mit einem gewissen Risiko behaftet, weil eine schnell unübersehbare Vielfalt der Messdaten anfällt, die Vorhersagen für längere Zeiträume nicht besser machen, als historische Wetterregeln.

Es gibt einen gnadenlosen Wettbewerb der  Meteorologen um Kunden und um Werbekunden, die das Vehikel Wetterbericht auf dem Weg zum Kunden als Trittbrettfahrer mit nutzen.

Die Kundenbindung erfolgt schließlich über den sympathischen Wettermoderator – der meist direkt auch der fachkompetente Meteorologe ist – und sein Vermögen, den Kunden als lernbereiten Menschen in seine Denkwelten einzubinden und ihm schließlich „sein“ Wetter in Serie anzubieten. „Bleiben Sie dran!“ Er erzählt etwas über den Golfstrom, den Schwund des Polareises, die Isobaren auf der Karte, das Tiefdruckgebiet namens Norbert, das gerade das Hochdruckgebiet  namens Jutta abgelöst hat. Und dann wird es kritisch: Er redet von einem meteorologischen Sommer, den es gar nicht gibt und der von der Riege der Meteorologen nur neu eingeführt wurde, weil er sich rechentechnisch lieber am Kalendermonat als an den Jahreszeiten orientiert. Er schafft damit Futter für irrsinnig viele Journalisten, die immer mal wieder und überflüssigerweise eine Jahreszeit zweimal anfangen lassen und gebührend feiern. Dann reden die Meteorologen im System der Temperaturscala nach Kelvin, weil das der Meteorologe unter bestimmten Bedingungen so macht, man aber ebenso gut Celsius sagen könnte. Ja und dann wird der Meteorologe sprachgestalterisch aktiv und macht aus starkem Regen das Gütesiegel des Starkregens und verhunzt mit einem Anspruch auf fachmetheorologische Gültigkeit die Sprache, die er eigentlich nur von den Bürgern – dem Sprachsouverän – geborgt hat. Und jetzt wird es ganz bescheuert: Der Meteorologe führt den „heftigen Starkregen“ ein, der in jedem Deutschaufsatz zu zweifacher Beanstandung einen Anlass geben würde.

Solche Besserwissigkeiten der Wetterfachkräfte ärgern mich von mal zu mal. Man kann ehrliches Wetter nämlich ohne fragwürdige Ad-ons unter das Volk bringen. Ich führe jetzt eine schwarze Liste der übergriffigen Wetterhändler.

Aber vielleicht hat das ja alles damit zu tun, dass der Deutsche – wie mir einmal so ein Wetterhändler vermittelt hat – dazu neigt, einen Wind unter ganz bestimmten Bedingungen Durchzug zu nennen, obwohl es eben nichts anderes als Wind ist und international auch so gehandelt wird. Ich glaube, es ist so! Wenn mein englischer Besuch im Durchzug sitzt, dann werde ich nichts von Wind sagen. Ich sage dann: „You are sitting in the  through train!“ und erzähle dann the fairy tale from the weather frog …

Frau Baerbock ist gar nicht böse

Dass es für die Nebeneinkünfte der Abgeordneten Regeln gibt, das ist ja richtig. Das ist ja wohl auch Konsens im Parlament. Weil Abgeordnete frei sind – streng genommen sogar frei von ihrer eigenen Fraktion – passt es nichts ins Bild, typisch deutsche Kontrolllinien einzurichten und die Verfolgung zu institutionalisieren. In der aktuellen Situation sehen wir, dass es öffentlich auffällt, wenn jemand schludert. Die Öffentlichkeit allein ist viel wirksamer als Instrumente des Misstrauens. Jeder hat so seine Schludrigkeiten, bis es dem Mitmenschen auf den Geist geht. – Also ich sehe keinen weitergehenden Regelungsbedarf, weil es so oder so klappt und der Souverän weiß, was er davon halten soll. Er merkt auch sofort, wenn da irgendwo Geld verschoben wird. Denn er kann es lesen. Aber bei Frau Baerbock – Kanzlerkandidatin der Grünen – ist ja am Geld selbst nicht gerüttelt worden.

Demnächst im Angebot: Religionen im „House of One“

Gerade wird in Berlin ein Haus gebaut, in den Muslime, Christen und Juden zu Hause sein wollen. Für mich ist das ein symbolisch entleerter Akt von Religionstechnologen.

Die Existenz unterschiedlicher Religionen hat Gründe. Sie existieren über eine Begründung ihrer je und je besonderen Lehre. Sie betonen also vor allem ihre Unterschiede, um auf dem Markt mit einem Alleinstellungsmerkmal der Beliebigkeit zu entgehen. In der Welt treffen sie sich als Konkurrenten auf dem Weg zum Seelenheil.

Wenn die Welt ihnen insgesamt ablehnend gegenüber steht, finden sie sich in einer Ecke wieder, die zur Abwehr die gemeinsame Stärke heraus kehrt und ein Zweckbündnis hervor bringt. 

Das inszenierte gemeinsame Gebäude dient einer Schau, die dem grundsätzlich glaubensbereiten Menschen vorgaukelt, er sei überall gleich gut aufgehoben. 

Das allerdings ebenso groteske Gegenbeispiel findet man in der bedeutungsvollen christlichen Grabeskirche von Jerusalem, in der sich in äußerster Feindschaft unterschiedliche christliche Richtungen Claims mit harten Grenzen erkämpft und abgesteckt haben. Lediglich der muslimische Verwalter der Kirche ermöglicht es, den fragilen Waffenstillstand mit profanem Geschick über die Jahrhunderte zu bringen.

Das eine Szenario ist ebenso grotesk wie das andere. Der gläubige Mensch schlittert hier wie dort in eine profanierte Beliebigkeit. Es ist gerade so, als unterhielten gegnerische Vereine einen gemeinsamen Fanshop mit abgestimmten Farben.

Und ganz nebenbei etwas Folklore: Die Türkei ist ist dagegen, weil dort wohl auch die Gülen-Bewegung ihren Platz haben soll. Erdogans Vasallen schießen wieder aus allen Rohren …

Auf der Lichtung

Im Licht der Freiheit betrachtet, braucht der demokratische Staat keine Monarchie. Manche Länder leisten sie sich trotzdem als historischen Zopf, der prunkvoll die nüchterne Sachpolitik dekorativ anrichtet. In demokratischen Verfassungen haben solche Monarchien nie eine entscheidende Bedeutung. Sie sind nur zum Schein eingebunden und ersparen ein gewähltes Staatsoberhaupt. Es wäre insgesamt ebenfalls prunkvoll aber auch sachgerechter, würde man Schützenfeste oder Ritterspiele als Festtage im Jahr verankern und damit an die Vorgeschichte der Demokratie erinnern. Damit würden dann Könige als Bürger mit Wahlrecht ausgestattet.

Und so stapfen nun Meghan und Harry Windsor nach ihrer Selbstbefreiung aus einem mit Geld beatmeten Königshaus durch die schöne Welt. Sie lernen den Zufall kennen und zeigen kleine bürgerliche Attitüden. Sie leben aber notgedrungen von ihrem Kapital, irgendwie extraordinär und einfach durch ihre Existenz wertvoll zu sein. Sie fallen also doch nicht so ganz aus der Rolle. Sie geben ein Interview zur besten Sendezeit und berichten zunächst ein Kapitel aus dem endlosen Fundus ihres sagenumwobenen Lebens. Danach können sie wieder für eine Weile sorgenfrei die Grenzen ihres Wohnanwesens ausloten und den Kindern wohlmöglich Spielgefährten dorthin einladen, die dann prompt das Königliche suchen würden, das ja eigentlich bereits aufgegeben war.

Es gibt auch Königinnen, die mit dem Fahrrad Brötchen holen oder für Zwerge kochen. Alles zwecklos … So einfach wird man das alles wirklich nicht los. — Und stets berichtet die Presse darüber und erinnert uns tagtäglich an die Vorkommnisse im Hochadel.

Corona aus dem Automaten

Es ist Anfang März 2021:
Die Bürde der Verantwortung im Umgang mit Corona ist so unermesslich groß, dass man sich einen politischen Automatismus ausgedacht hat, der fortan entlastet und alles selbst regelt.

Es gibt nun Lockerungen im Lockdown, die hie und dort sogar kleine Schneisen der Freiheit zu vernetzen ermöglichen, wenn bestimmte Messwerte eingehalten werden.

Beispielsweise öffnen wir die Gastronomie. Und weil der Satz gilt, dass soziale Kontakte keine absolute Sicherheit bieten, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Cafébesucher die gewonnene Freiheit auch direkt wieder verspielen. Dann wird Ihnen das Café bei steigenden Zahlen wieder weggenommen.

Wir haben mit den Automatismus in Wahrheit ein Konditionierungsprogramm für Entgrenzungsliebende: Bleiben sie zu Hause, bekommen sie ihr Café wieder zurück. Damit sind die Erfinder des Automatismus fein raus. Die Umsetzung erfolgt dezentral und der Bürger merkt sehr bald, dass er durch sein Verhalten selbst bestimmt, wie die Kurve der Infektionen gefahren wird.

Soweit, so gut!

Bleibt nur die dumme Angewohnheit, den Nachbarn für die steigenden Infektionszahlen verantwortlich zu machen.

Was Zeitungen nicht schreiben …

Das ist eine ganze Menge, was Tag für Tag so in Zeitungen so geschrieben wird. Die Texte sind manchmal gut und verständlich, manchmal aber auch schlecht oder nur mühsam zu verstehen. Einige Zeitungen gelten für ihre potentiellen Leser als besonders gut, andere wiederum als hauptsächlich schlecht. In solchen Beurteilungen spiegeln sich nicht nur prüfbare Fakten sondern auch Vorlieben der Leser. Der Leser entscheidet im Idealfall, welche Zeitung er liest und nicht die Zeitung, von wem sie gelesen wird. Wie dem auch sei, man muss sich allererst die Zeitung kaufen, um einem Thema oder einer sichtbaren Schlagzeile auf die Spur zu kommen. Meistens ist man dann aber enttäuscht. Denn viele Schlagzeilen locken in die Irre und man kauft dazu auch eine Menge weiterer Texte mit, die das eigene Interesse meist nur peripher streifen.

Wer die einzeln gekaufte Zeitung eigentlich nicht braucht, interessiert sich aber doch für deren Onlineausgabe. Ich habe damals mein Jahrzehnte währendes Abo einer allgemein hochgeschätzten Zeitung gekündigt, als ich nach einer kostenlosen Anfixphase die inhaltlich identische Onlineausgabe noch einmal zusätzlich hätte abonnieren müssen. Das fand ich extrem abgeschmackt und war verärgert.

Ich schätze seitdem die absolute Vielfalt der kostenlos und online verfügbaren Presseartikel sehr. Zu allen Themen gibt es kostenlose Texte bester Qualität. Es gibt auch viel Mist, aber daran kann man in alter Tradition gut vorbei lesen. Nun ist es aber so, dass Zeitungen nur widerwillig von ihrer Printabteilung Abschied nehmen und weiterhin mit gedruckten Texten Geld verdienen wollen, das sie dem Leser abverlangen. Dabei hat der Leser auch früher bestenfalls den Zeitungsboten bezahlt. Die Werbung und eine Vielfalt von Anzeigen haben aber die Wirtschaftlichkeit sichergestellt. Werbung und Anzeigen haben mittlerweile kaum noch eine Bedeutung für Zeitungen. Sie sind abgewandert. Und das Geld, speziell für Journalistentexte – das eigentliche Produkt – will auch nicht so recht fließen. 

Einige Zeitungen folgen jetzt dem Grundsatz der unbeschränkten Zugänglichkeit im Internet. Die TAZ argumentiert beispielsweise, dass es nicht sein soll, dass die Ergebnisse journalistischer Arbeit der allgemeinen Öffentlichkeit vorenthalten bleiben. Die meisten Zeitungen aber klammern sich an die Paywall, um Geld zu generieren, das wahrscheinlich kaum verfügbar ist. Sie überschwemmen mit Andeutungtexten die sozialen Netzwerke und werden bei geschickter Überschriftengestaltung und mit verheißungsvollen Teasern immer wieder beachtet. Doch dann beginnt der Konsument, sich für das Thema zu interessieren. Es klickt auf die Seite, die den Artikel verspricht. Er landet in einem Text, der nach einigen Zeilen bis ins Unlesbare seine Farbe verliert. Dahinter steht das Angebot, den Text zu kaufen oder gar direkt ein Abo abzuschließen, also direkt für tausende von unbekannten und noch nicht geschriebenen Texten. Der Leser hat mal wieder einige Minuten investiert – und findet das sehr, sehr ärgerlich. Er wird in der Paywallfalle einen Teufel tun und auch noch Geld bezahlen. Zum Thema findet er auch lesbare Texte, wenn er den Notausgang aus der Fälle wählt und anderenorts stöbert.

Aber es ist ja noch schlimmer. Denn die Überschrift, der Teaser und meist ein Symbolbild fluten bereits unbegrenzt die Welt aller sozialen Netzwerke. Und wie es in solchen Kommunikationsmedien so ist, wird auf dieser Basis über einen Artikel diskutiert und gemutmaßt, obwohl er gar nicht verfügbar ist. Es geht also plötzlich auch ganz ohne Text und man vergisst bald zu fragen, ob die Journalistenarbeit überhaupt gebraucht wird oder auf dem Friedhof allerbester aber ungelesener Texte auf Dauer verweilen darf. Jedenfalls ist der ungelesene Text per se wertlos. Bei so manchen Gesprächsbeitrag in den sozialen Netzwerken kommt dann zwar der Gedanke, dass ein guter Text auch zu einer besseren Diskussion führen würde. Aber das ist allzu hypothetisch. Die einfältige Zeitung bricht jedenfalls einen Disput vom Zaun ohne selbst Argumente zu seiner Bewältigung zu liefern. Manchmal ist es gar so, dass ein Thema von herausragendem kommunalen Interesse mittels Paywall nicht zum Zuge kommt und der interessierte und betroffene Bürger erst seine Volksvertreter bemühen muss, weil die Lokalausgabe einer Zeitung eben nichts liefert.

Am 3. März 2021 gab es in einer Lokalausgabe der Rheinischen Post unter der Titelzeile: „Urteilsspruch am Landgericht Mönchengladbach: „Fabio wurde Tag für Tag gequält“ wieder so ein Paywallplacebo mit weitreichender Wirkung. Es ging um den Tod eines 5-Jährigen, der vom Freund der Mutter zu Tode misshandelt wurde, wobei die Mutter nichts unternommen hat, das zu verhindern. In den sozialen Netzwerken gab es also nur die Überschrift und es gesellten sich dazu eine unüberschaubare Zahl von Hobbyrichtern, die ohne Kenntnis des Falls mit rassistischer und menschenverachtender Attitüde noch mehr als die Todesstrafe forderten und die Justiz beschimpften. Und dann kam auch noch die Drohung aus der Szene: „Ich sage jetzt besser nicht, was ich denke!“ Die Zeitung konnte sich über zahlreichen Klicks freuen, hat aber überhaupt nichts dazu beigetragen, die Kommentare zur Überschrift mit Verantwortung so zu moderieren, dass man hätte zufrieden sein können. 

Eine Zeitung, die nichts liefert, ist ziemlich unbrauchbar und überflüssig. 

Jetzt nur mal so als Experiment: Du darfst das hier eigentlich gar nicht lese – bis auf die Überschrift. Du musst erst einmal, sagen wir 3,80€, auf mein Konto überweisen.
Ich bin gespannt …