Hopp oder Flop

Dass im Spitzenfußball eigennützig Geldbeträge bewegt werden, deren Höhe jede Vorstellung sprengt, ist ein großes Thema in den Medien. Die dumpfen Fans mit Affengebrüll in einer Eliteverkleidung als Kutte oder unerkennbar sind einflusslos auf das, was Vereine mit Mäzenen, Konzernen und Scheichs so inszenieren. Fans in den Stadien haben weder die wirksame Sprache noch die Kommunikationskanäle, sich Gehör zu verschaffen. Ihre Sprache ist speziell für Stadien und die Welten rund um Stadien entwickelt. Dass diese Sprache gefährliche Elemente enthält die dann gern auch mal praktisch werden, zeigt die Polizeipräsenz an jedem Fußballwochenende. Und der Steuerzahler unterhält die Polizei ziemlich ärmlich, wenn man das Geld im Profikerngeschäft als Referenzgröße nimmt. Alles in allem darf man sich nicht beschweren, wenn die langjährig gezüchtete Fankultur so spricht, wie sie es mühsam gelernt hat. Allerdings ist die mediale Aufmerksamkeit diffus. Das, was die Fans zu sagen haben, bleibt irgendwie versteckt. Selbst im TV kann man nicht vollständig lesen, was die Fans da wirklich zu sagen haben. Es bleibt nur der Kommentar, Herr Hopp sei beleidigt worden. Es war lange Zeit zu hoffen, dass der Hype gesprochener und erlittener Beleidigungen abebbt. Die Zeiten der Ehre und der Ehrverletzungen sind ja auch weitgehend Geschichte. Duelle nach Ehrverletzungen finden nur noch verborgen oder im Dunstkreis entwicklungsgestörter Subkulturen statt. Es gibt kaum noch jemanden, der sich beleidigt fühlt, auch wenn ihm böse Sachen entgegen geschleudert werden. Insofern wundert es, dass man so einfach eine Beleidigung ausmacht. Das Beleidigtsein wird gar nicht erst abgefragt. Herr Hopp kann jederzeit Strafanzeige stellen. Aber offenbar sind die Akteuere der vermeintlichen Beleidigung in ihrer Fankultur unangreifbar sicher aufgehoben und tun dort, was sie gelernt haben. Impulse für eine bessere Fankultur kann man nicht ausmachen.

Ich meine, wir sollten das fragwürdige Gebilde Profifußball mit seinen Disfunktionalitäten allein lassen und sich anderen Sportarten zuwenden. Alle Probleme sind ja benannt und die gefragten Akteure sind bekannt, wie auch ihre Einbettung in den international desolaten Verbandsstrukturen. Konkurrenzverhältnisse begünstigen die Suche nach guten Lösungen. Das gilt nicht nur zwischen den Fußballvereinen, sondern auch zwischen den Sportarten. Biathlon ist doch ’ne tolle Sache – oder nicht?

Es ist ganz einfach: Wenn jemand zu mir sagt: „Ich fick deine Mutter!“, dann will er mich gehörig auf die Palme bringen. Über meine Mutter sagt er also nichts. Ein Gefühl, beleidigt zu sein, stellt sich bei mir auch nicht ein. So ähnlich ist das, wenn Herr Hopp in Fußballstadien als „Hurensohn“ tituliert wird. Es findet gerade eine große Bedeutungsverschiebung statt. Das hätte man sich ersparen können, wenn man rechtzeitig geredet hätte. Jetzt ändert man daran nur schwer etwa.

Auf allen Viren

Virulina (Symbolbild)

Wir schreiben das Jahr 2020. Es gibt einen neuen Virus. Er wird im Volksmund Coronavirus genannt, wie er so schön aussieht. Er ist derart neu, dass niemand über irgendwelche Antikörper gefügt, die ihn unschädlich machen könnten. Allerdings ist es auch so, dass gesunde und junge Menschen oft gar nichts vom Virus spüren. Andere allerdings können daran sterben. Man kann die Symptome bekämpfen oder erträglicher machen, aber gegen den Virus selbst ist noch kein Kraut gewachsen. Bis es einen Impfstoff geben wird, ist es die Strategie, die üblichen Wege der Verbreitung über Tröpfcheninfektion zu versperren. Man wäscht sich oft die Hände und meidet öffentliche Ansammlungen von Menschen. Dass man oft Viren verteilt, ohne sich krank zu fühlen, macht den ganze Auftritt des Virus tückisch. Die Menschen ändern ihre Lebensgewohnheiten und kaufen anders ein, als bisher. Verbreitet wird der Vorwurf, Leute würden hamstern und Unmengen Lebensmittel in ihre Kammern schaffen. Es gibt Fotos von leeren Regalen. Aufrufe, das nicht zu tun, haben offenbar keine Wirkung. Desinfektionsmittel und Gesichtsmasken sind ausverkauft und werden sogar in Krankenhäusern geklaut und tauchen sogar auf Märkten wieder auf, weil sich ihr Wert gesteigert hat. Dabei ist ihr Nutzen gegen den Virus für Privatpersonen begrenzt. Allerdings sind die Ärzte und Krankenhäuser an der Materialknappheit auch selbst schuld. Die Vorratshaltung ist schlecht und die Lieferketten sind derart auf Sparsamkeit getrimmt, dass weltweit der Nachschub fehlt, weil die chinesischen Produzenten ausfallen und den chinesischen Markt bedienen.

Das mit den Hamsterkäufen sehe ich zudem vollkommen anders, als es gerade medial vermittelt wird.
Wenn wir, wie gewünscht, unsere Umtriebigkeit reduzieren, was ja zur Verzögerung der Ausbreitung des besagten Virus beiträgt, weil man eben Verbreitungswege reduziert, wenn man also auch verstärkt zu Hause bleibt, dann ändern sich auch die Einkaufsgewohnheiten. Man kauft eher dann, wenn es in den Läden weniger drängelig und hektisch ist und kauft mehr, aber auch seltener. Das Warenangebot richtet sich hauptsächlich danach, was gekauft wird. Wenn sich die Kaufgewohnheiten ändern, dauert es also etwas, bis die Änderung logistisch nachvollzogen ist. Der just-in-time-Ablauf hat also einen kleinen Knick. Wenn beispielsweise jeder Käufer plötzlich zwei Großgebinde Toilettenpapier mitnimmt anstatt einem, dann ist bereits eine Lücke auf der Palette, wie man sie noch nie gesehen hat, die aber dann auch wieder aufgefüllt wird. Der Einkauf folgt den Versorgungsansprüche im Alltag und der Vorratshaltung aus akutem Anlass. Und ab und zu springt dabei auch mal ein Hamster vom Warenbeförderungsband und verschwindet in der Cerealienabteilung. Das ist normal! Es wird selten sein, dass in diesen Zeiten jemand mehrere Großpackungen Hackfleisch in den Kühlschrank stopft.

Die Vorratshaltung ist unter Mensch und sogar im Tierreich immer und überall ein Thema des Überlebens. Sie ist in den tiefsten Schichten der Entwicklung und des Bewusstseins verankert und läuft bereits ab, ohne dass man daran denkt, also im Kleinhirn. Dagegen kann man sich zwar intellektuell positionieren, aber nicht mit Erfolg.

Ach: Eine Apotheke in Bonn bietet gerade erfolgreich 100 ml Sterillium für 32 € an. Ein gutes Geschäft.

Ein kleiner Nachtrag:
Im Jahr 1961, also im kalten Krieg, hat die Bundesregierung alle Bürger mit sehr viel Aufwand zu Hamsterkäufen aufgefordert. Der Grund war die prekäre Sicherheitslage, in der man mit dem Schlimmsten zu rechnen hatte. Es gab sogar besondere Plakate mit Eichhörnchen, den vermeintlichen Superhamstern. Die Aktion war erfolglos. Es fehlte eben das Gefühl, in einer Notlage zu sein.
Das belegt meine These, dass über Hamsterkäufe nicht mit Argumenten entschieden wird.

Diakritika

Ääääää…

Wenn sich aus anderen Sprachen entlehnte Begriffe etabliert haben, fallen gegebenenfalls Diakritika weg, weil sie selten in andereren Sprachen gelten. Die Aussprache wird aber oft beibehalten, allerdings mundartlich angegepasst. So wird aus einem Bon gern einmal ein „Bong“, „Bongbong“ oder „gebongt“.

Ein Begriff wie Premiere ist wegen solcher exklusiven Besonderheiten für Leseanfänger meist nicht zu bewältigen. Sie müssen das Wort als Sonderfall lernen. Warum das Gegenwort Dernière seine Auszeichnung meist beibehält, mag daran liegen, dass sie vergleichsweise selten gefeiert wird. Man kann die Auszeichnung trotzdem weglassen, nimmt dann aber auch dem Leseanfänger einen wichtigen Hinweis auf so eine Besonderheit des Wortes.

Danke şön!

Über die politische Bollwerkstategie im Jahr 2020

Bollwerk (Symbolbild)

Die eher etablierten Parteien in Deutschland haben in den letzten Jahren alte Hilfslinien zum unverrückbaren Bollwerk ausgebaut und ideologisch aufgeladen. Sie nennen das Hufeisentheorie oder Äquidistanzprinzip, um der Sache eine nur scheinbar wissenschaftliche Weihe zu geben. Hinter dem Bollwerk liegen dann die Parteien, die man partout aus der politischen Willensbildung ausklammern will, weil sie das Selbstverständnis im Binnenbereich angreifen und Ziele verfolgen, mit denen man sich so wenig anfreunden kann, dass sie als staatsgefährdend aussortiert werden. Die geheimdienstliche Beobachtung schafft immer wieder Material herbei, die Ausgrenzung zu rechtfertigen. Das Material erscheint beliebig und hält meistens einer Prüfung nicht stand.

In der praktischen Politik hat das Folgen. Es prägt nicht nur die politische Arbeit innerhalb und außerhalb solcher Grenze höchst unterschiedlich, es trifft auch die verfassungsrechtlich verankerten Verfahrensweisen in Parlamenten. In den Thüringer Tagen des Februar 2020 gab es für CDU und FDP die Parteivorgabe, dass rechtsaußerhalb die AfD und linksaußerhalb die LINKE ohne wenn und aber ausgeschlossen waren, sich – wie auch immer – zu einer Kooperation zu verabreden. Der Wähler hatte aber das Parlament so gewählt, dass eine Regierungsbildung unter Beibehaltung der Ausgrenzungsdoktrin nicht möglich sein würde. Dabei hatte das Wahlvolk den bisherigen Regierungschef und seine Partei, die LINKE, mit einem beachtlichen Zuwachs an Wählerstimmen ausgestattet und sich in Umfragen mit großer Zufriedenheit über seine Arbeit geäußert. Unter dem Schwert der Ausgrenzungsdoktrin waren die Akteuere von CDU und FDP also handlungsunfähig für die Entscheidungsfindung im Parlament, ohne dass das allerdings öffentlich auffallen durfte. Man argumentierte gewagt und gewagter mit dem Tenor, dass die anderen Schuld sind, um wenigstens in der Berichterstattung noch vorzukommen. Und weil so eine Fraktion einer Partei eine heterogene Ansammlung ist, gab es auch gedankliche Vorstöße, die Doktrin in irgendeine Richtung zu kippen. Was da so gedacht wurde, das ist bei der nur 5-köpfigen Fraktion der FDP noch unerheblich. Bei der CDU weiß man aber, dass sich in den östlichen Bundesländern ein Flügel kultiviert hat, der eine deutliche Affinität zu Vereinigungen hat, die eher dem ausgegrenzten rechten Spektrum zuzuordnen sind. In der Werte-Union werden beispielsweise Werte vertreten, die die eigentlichen programmatischen Werte der CDU mit rechtem Gedankengut neu interpretieren und ausweiten. Es war also schließlich ein bloßes Symbol, Handlungsfähigkeit unter doktrinären Vorgaben zu demonstrieren, und einen FDP-Mann zum Regierungschef zu wählen, indem die AfD der FDP und der dahinter lauernden CDU fintenreich ihre Stimme für eine Mehrheit gab. Dass das keinen Bestand haben würde, war vielen Akteuren von CDU, FDP und eventuell AfD aber erst nach heftigem öffentlichem Widerstand deutlich.

Bei alledem fällt auf, dass das Reden der CDU von der Mitte die Bedeutung hat, sich selbst in der Mitte des Spinnennetzes zu verorten, gleichgültig, wo man tatsächlich ist.Die Mitte‟ steht wie eine Reviermarkierung sogar vorn auf dem gern präsentierten CDU-eigenen Rednerpult. Man ist damit gleichermaßen Herr über die Bestimmung, was peripher oder gar hinter dem Bollwerk der Doktrin draußen ist. Die Mitte ist dabei abgeleitet vom Mittelwert in der Gaußschen Normalverteilung. Statistiker wissen, dass dort am ehesten die Stimmen für Wahlgewinner zusammenkommen. Das hat sich herumgesprochen. Man ist nach diesem Muster stets dick in der Mitte, wenn man rechts und links potentielle Verbündete im Innenbereichen hinzurechnet, so wie man es gerade braucht. Allerdings wird – wie im gegebenen Fall – das Reservoir knapp, wenn die ausgegrenzten – warum auch immer – den starken Zuspruch des Wählers finden.

Es wird Zeit darüber nachzudenken, und das gilt nicht nur für die Welt der Politik, was einem bei einem doktrinären Verfahren so alles verloren geht außer der Mehrheit. Offenbar ist die Welt ressourcenreicher und vielfältiger, wenn wir über unsere selbstgewählten Bollwerkrand hinaus blicken.

Es ist beileibe nicht so, dass der selbstgewählte und errechnete Durchschnittsbürger das Maß aller Dinge ist. Deshalb habe ich einmal das eigentümliche Verhältnis von Durchschnittsbürger und Außenseiter in der Abfolge von 16 Thesen prinzipiell ausgeleuchtet und also die Bewertung verabscheuungswürdiger Außenseiter und ihrer Gruppierungen erst einmal weggelassen. Es ist – wenn man den Thesen folgt – einfach, damit politisch motivierte Ausgrenzung in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Wir sollten das unbedingt tun!

Vom Durchschnittsbürger und vom Außenseiter

1 • Den Durchschnittsbürger gibt es nicht wirklich, weil er eine statistische Größe ist.
2 • Der Durchschnittsbürger ist jedoch gerade deshalb wichtig. Denn er verhält sich genau so, wie man es am ehesten von einem (x-beliebigen) Menschen erwarten kann. Insofern kann gerade er als vollkommen normal eingestuft werden.
3 • Wenn die Menschen in ihrem Verhalten, Denken und Fühlen dem Durchschnittsbürger nahekommen, dann können sie problemlos leben, weil sie sich fast naht- und reibungslos in die herrschenden Erwartungen einfügen und deshalb als normal gelten.
4 • Der Durchschnittsbürger ist (statistisch) so festgelegt, dass jeder Bürger – wenn auch nur ein wenig – durch sein Verhalten, Denken und Fühlen den Durchschnittsbürger und damit die Richt-Schnur für problemlos-angepasstes Leben mitbestimmt, unabhängig
davon, wie er sich tatsächlich verhält.
5 • Erhebt man den Durchschnittsbürger zum Ideal, dann ergeben sich jedoch Schwierigkeiten: problemloses Sicheinfügen geht mit dem Verzicht auf Mitbestimmung und dem Verzicht auf Zielsetzung einher, denn als Durchschnittsbürger bestimmt man ja (scheinbar) immer nur das mit, was man immer schon vorfindet. Das Ziel des Durchschnittsbürgers wird somit die Gegenwart als status quo.
6 • Die Frage nach dem wünschenswerten Durchschnittsbürger (der Zukunft) kann nur einer Abweichung vom Ideal des (statistischen) Durchschnittsbürgers den Weg ebnen.
7 • Der Wille des Durchschnittsbürgers (volonté de tous) repräsentiert – wenngleich er oft bestimmend ist – offenbar nicht den Gemeinwillen (volonté général).
8 • Das Gegenstück zum Durchschnittsbürger ist der Aussenseiter. Auch ihn gibt es nicht und auch er ist wichtig, denn er verhält sich genau so, wie man es von keinem anderen Menschen erwarten kann.
9 • Der Außenseiter entgeht der gleichmachenden Kraft der statistisch erfassten Norm des Durchschnittsbürgers und erhält sich die Möglichkeit der Mitbestimmung und Zielsetzung durch seine Freiheit zum Anderssein. Er ist ein Jemand und nicht ein Ergebnis und Abklatsch einer statistischen Ermittlung.
10 • Doch der Außenseiter hat mit Schwierigkeiten zu rechnen: er hat – verständlicherweise – die dominierende Macht des Durchschnittsbürgers (volonté de tous) gegen sich; der Außenseiter gefährdet das „problemlose“ Leben des Durchschnittsbürgers.
11 • Ihre Probleme müssen der Durchschnittsbürger und der Außenseiter selbst lösen, auch die, die sie sich gegenseitig verursachen. Dennoch gilt:
* Der Durchschnittsbürger ist auf den Außenseiter angewiesen, wenn er sich von seinem statistischen Phantom befreien will.
* Der Außenseiter ist auf den Durchschnittsbürger angewiesen, wenn er in der Wirklichkeit (die in erster Linie die des Durchschnittsbürgers bleiben wird) (über-) leben will.
12 • Durchschnittsbürger und Außenseiter sind einander nicht gleichgültig, sie sind gleich-gültig.
13 • Der Durchschnittsbürger kann dem Außenseiter zu einem Vorbild werden, das sich durch Verhaltenssicherheit und Kalkulierbarkeit auszeichnet.
14 • Der Außenseiter kann dem Durchschnittsbürger zu einem Vorbild werden, das sich durch Risikofreude und soziale Kreativität auszeichnet.
15 • Mehr noch: Der Außenseiter kann – errechnet man den Durchschnittsbürger seiner Sub-Kultur – sogar mit diesem identisch sein und damit sich selbst und anderen gegenüber anders in Erscheinung treten, als er tatsächlich ist. Er tritt dann als ein Außenseiter auf und bleibt doch selbst der Durchschnittsbürger, dem er entgegentritt.
16 • Durchschnittsbürger und Außenseiter müssen ihre Leitidee relativierbar halten, wenn sie der destruktiven Macht der selbstgemachten Wahrheit entgehen wollen.

Da capo Thuringia

Parteienlandschaft (Symbolbild)

Ich sage ja schon lange, dass die Gruppe der Berufspolitiker bürgerverdrossen ist. Das kommt wohl daher, dass der Bürger im Alltagsgeschäft der Parlamentarier schon lange keine hervorragende Rolle mehr spielt.

In dem beschaulichen Land der Märchen und Wälder namens Thüringen fehlt zudem weitgehend der grenzüberschreitende Kontakt. Alle Parteizentralen sind weit weg. Man ist für sich allein und ist stolz darauf. Man zieht sogar eigenmächtig Grenzen nach rechts und links, gleichgültig, was das bedeutet. Kontakte zu aufdringlichen Rechtsradikalen sieht man eigenwillig und mit gewagter Interpretation. In dieser Gegend können schon mal Phantasie und Wirklichkeit eine unselige Verbindung eingehen, ohne dass man es zunächst so recht merkt. Und plötzlich zieht man einen Prinzen aus dem Brunnen, der dann ohne Hofstaat ungelenk da rumsteht.

Für den gut reflektierten Politiker, den gibt es als Minderheit sicher auch in Thüringen, ist sofort klar, dass man mit so einem als Ministerpräsidenten nichts anfangen kann. Für ihn ist aber auch klar, dass er seine Rechtfertgungsressourcen und das gelernte Gutreden aktivieren muss, um den maximalen Schaden zu vermeiden.

Die öffentliche Berichterstattung ist da allerdings schon weiter und bestimmt binnen weniger Stunden den Diskurs um Ursache und Folgen einer moralisch missglückten Wahl zum Ministerpräsidenten. So wandeln dann auch über Nacht gutmütige Politiker ihre Ansicht und erwarten eine Schadensbegrenzung, in dem sie explizit von Rücktritt und Neuwahlen reden. Sie werden dabei angetrieben von protestierenden Bürgern, die so etwas wie einen gezeichneten Scheißhaufen mit gelben Punkten durch die Städte tragen und sie werden auch angetrieben von der Presse, die landauf, landab so etwas von Bombe, Erdrutsch, Dammbruch, Knall, Beben, Feuer, Finte, Sensation Eklat, Schock titelt.

Freilich wird das deutliche Bild von den Vorgängen durch die thüringischen Wälder stark gedämpft. Im dortigen Landtag meinen die, die den neuen Ministerpräsidenten aus der Traufe gehoben haben immer noch, sie würden den Souverän nur verantwortungsvoll vertreten, alle Anfeindungen seien unwürdig und der parlamentarische Weg sei per se unkritisierbar wie die Thüringer Rostbratwurst die sie wie im Schwur hoch halten.

Es wird also noch ein paar Tage dauern, bis sich Protagonisten und disziplinierte Mitläufer aus CDU und FDP – eventuell auch der AfD – beschämt in eine unbekannt Versenkung zurückziehen, bis sie wieder fürs Dschungelcamp gebraucht werden.

Wir brauchen offenbar solche demonströsen Shows und Zerwürfnisse mit allen Beteiligten auf der Welt in allen Ausuferungen, um aus Erfahrung zu lernen und es besser zu machen. Mich stimmt das alles hoffnungsfroh. Rechtsradikale Landgewinne sehe ich im zu erwartenden Ergebnis nicht. – Warten wir mal ab! Vielleicht erwächst daraus ja auch schon eine Lehre, die weitergeht: Bei den CDU-Ministerpräsidenten im Osten Deutschlands gibt es ja immer wieder Versuche, die AfD mit eigenen rechtsradikalen Plänen aus dem Rennen zu werfen.

Die Konditionierung

China entwickelt mit überwältigender Unterstützung aus dem Volk ein Punktesystem mit Bonus und Malus, nach dem gute und schlechte Taten beeinflusst werden. Wenn also beispielsweise dein Hund in den Park kackt, darfst du nicht ins Ausland reisen.

Konditionierung vereinzelter Individuen verzichtet auf die Ressourcen und Skills, die sich der Mensch über Jahrtausende angeeignet hat. Mit Zirkustieren geht das erfahrungsgemäß ganz gut. Aber man muss so etwas nicht deshalb machen, weil es geht. Es ist schauderhaft, wenn Menschen im Kollektiv zum Produkt einer zentral verregelten Gesellschaft werden und allesamt Wachhundattitüden zeigen und aufs Fressen schielen.

Über Missbrauch zur Heirat

Wir schreiben das Jahr 2020.
In der Türkei ist ein Gesetz in der Planung, das Vergewaltigungen Minderjähriger straffrei stellt, wenn der Täter das Opfer danach heiratet. 

Zunächst habe ich darüber gelacht, weil ein Mittelalterfreak namens Erdoğan es schaffen könnte, seine Fantasien in ein Gesetz zu transformieren. Vor Jahren ist er damit zwar an der Opposition gescheitert, er ist jedoch beharrlich. Aber dann ist mir schon bald übel geworden, als ich daran gedacht habe, was das heutzutage bedeutet. Um solche autokratischen Besserwisser mit Sendungsbewusstsein sollte man einen großen Bogen machen. Aber man sollte auch eine Meinung dazu haben und äußern. Ansonsten lebt der Herr Erdoğan noch im Wahn, dass alle auf das Gesetz gewartet haben.

Die Kritik an dem Vorhaben hat nun zur Folge, dass die an Erdoğan orientierten Medien – allen voran TRT mit seiner deutschsprachigen Sparte – unsägliche Rechtfertigungen produzieren, die die Sache nur noch schlimmer machen. Und es treten immer mehr Vasallen des türkischen Machthabers in Erscheinung, die damit ihr besseres Wissen reklamieren und sich in der Belehrung der unwissenden Nichttürken hervortun. Solche Belehrungsattitüden kann ich nur schwer gelassen hinnehmen. Sie treffen sich in ihrem Selbstverständnis auf einer Ebene mit den deutschen Reichsbürgern, obwohl sie ja eigentlich mit denen ein Hassverhältnis betreiben.

Was kostet das Essen?

Jetzt stellen Politiker fest, dass im internationalen Vergleich die Lebensmittelpreise in Deutschland sehr gering sind. Das stimmt. Aber der Unterschied zu anderen Ländern ist nicht besonders auffällig. Arme Menschen haben durch die Geschichte letztlich erfolgreich dafür gekämpft, dass sie sich vielfältiges und gesundes Essen leisten können. Der Freischütz wurde als bösartiger Wilderer gebrandmarkt, obwohl er nur mit revolutionärer Attitüde den Überfluss der Waldbesitzer in die Mägen hungernder Familien umgeleitet hat. Vielleicht haben die Menschen gerade in Deutschland besonders erfolgreich gekämpft. Wer die Absicht hat, an den Preisen zu drehen, muss also mit Widerstand rechnen, der auch in der Geschichte begründet ist.

Es stimmt aber nicht, dass heutzutage der Lebensmittelhandel als Wohltäter armer Leute agiert. Geschäftliches Handeln hat anderes im Sinn. Solange die Einkommen für viele Menschen keine Gestaltungsspielräume haben, haben Handelskonzerne jeglicher Art leichtes Spiel, der Menschen Geld zu ihrem Wohl in ihre Kassen zu schleusen. Das unterdimensionierte Einkommen hat aber auch noch andere Trittbrettfahrer der Wohltätigkeit, nämlich die „Tafeln“(!?), die die Produktionsüberhänge auch noch kostenfrei raushauen und dem Staat ersparen, Rentner und prekär Beschäftigte mit so viel Geld auszustatten, dass man davon würdig und selbstbestimmt leben kann.

Davon abgesehen gibt es nur wenige Möglichkeiten, so etwas wie Lebensmittel einfach mal teurer zu machen. Und die Qualität würde dadurch auch nicht unbedingt besser, wenn man mehr bezahlt, so wie es die Bauern fordern, die gerade mit überdimensionierten Dieselaggregaten durch die Republik düsen. Wie der Bauer es sich vorstellt, funktioniert die Volkswirtschaft nicht. Ich werde einen Teufel tun, denen, die in der Foodbranche Gewinn machen, freiwillig noch mehr Geld zu geben für nichts. Wir können handeln, mehr aber auch nicht. Angebot und Nachfrage kann man nur durch begleitende Vergünstigungen und Erschwernisse an zahlreichen Stellen des Wirtschaftssystems und auf gewandelten Märkten mit neuen Impulsen ausrichten, wenn die zugleich vom Bürger und Verbraucher als gerecht erlebt werden. Fehlentwicklungen können also nur sehr langsam korrigiert werden. Den Preis für Grundlebensmittel zu erhöhen – egal wie -, das hat zudem schon immer die Menschen auf die Barrikaden getrieben. Der Versuch der Superfoodlabelwirtschaft, bestimmte Produkte so zu präsentieren, dass der Verbraucher allein im Vertrauen auf solche Label mehr bezahlt, hat bisher nicht gewirkt. Diejenigen, die trotzdem Labeln folgen, haben nur ihre Verbraucherpflicht abgegeben, selbst die Qualität der Produkte zu begutachten.

Als ich letztens in der Filiale einer Bäckereikette war, gab es dort diese preiswerten Brötchen, die noch billiger sind, wenn man 10 Stück davon kauft. Sie sahen mitleiderregend aus und schmeckten auch so. Separiert wurden Edelbrötchen zum 3-fachen Preis der billigen Brötchen angeboten, die besser waren, aber längst nicht so gut wie zu den Zeiten, als es diese Upgradebrötchen noch nicht gab. Mir ist klar, wie die Preise kalkuliert sind. Einen Einfluss darauf habe ich aber nicht. Eine Frage danach hat bäckereikettenübergreifend stets zur Antwort: „Der Kunde will das so!“ – und ich bin charmant in die Ecke des Außenseiters gedrängt, obwohl ich doch in meinen Gedanken absolut im Mainstream schwimme. Das einfache Brötchen guter Qualität ist zur Illusion geworden. Es wird also gar nicht erst verkauft. Wir werden die Erinnerung daran bald vergessen haben.

Unverpackt

Ganz ohne Verpackung gehts ja nicht. Ein Stück Käse kriegt man händisch nicht so leicht vom Einkaufsladen in die Wohnung. Neuerdings werden trotzdem Wege kultiviert, eine verpackungsfreie Zeit einzuleiten. Zurückliegend war es allerdings so, dass sich jeder selbst um die Verpackung kümmern musste. Selbst der servicebeflissene Händler hat bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhundert nichts anderes gemacht, als der Käufer auch gemacht hätte. Die ausgelesenen Zeitungen lagen als Verpackungsmaterial an den Marktständen. Der Käufer hatte für alle Fälle immer ein Einkaufsnetz dabei. Obst und Gemüse wurde meistens einfach nur aus dem Behälter der Waage direkt in die Einkaufstasche gekippt. Allein Fish und Chips, die in der Times serviert werden, haben aus dieser Zeit überlebt.

Die Verpackungsindustrie hat das Gefüge durcheinander gebracht, denn die neuen praktischen Verpackungen, vielfach aus Plastik, konnte man im Verkaufspreis kaum nachweisen. Es gab sie scheinbar umsonst. Erst seitdem Verpackungen als umweltbelastend eingestuft sind, werden bestimmte Verpackungen kostenpflichtig und oft auch durch vermeintlich umweltfreundlichere ersetzt, was sie nicht immer sind. Damit ist es an der Zeit, die Einmalverpackungen zunächst wieder durch Verpackungen zu ersetzen, die überdauernd genutzt werden können. Mit viel Phantasie findet man schnell neue Möglichkeiten, eigentlich alle herkömmlichen Verpackungen zu vermeiden oder zu ersetzen. So gibt es beispielsweise neuerdings biologisch unbedenkliche, fast unsichtbare Beschichtungen, die Avocados und Zitrusfrüchte doppelt solange frisch halten.

Ich wage die Prognose, dass die Wertschätzung unverpackter Waren bald auch auf den Onlinehandel übergreift. Es ist ja anachronistisch, wenn Kaufverträge vollkommen Papier- und verpackungslos im Internet abgeschlossen werden, die Auslieferung aber mit einer Begleitorgie aus Wellpappe, Plastik und falsch geparkten Auslieferungsfahrzeugen unter Einbeziehung zur Freundlichkeit gezwungener Nachbarn abgewickelt wird. Dem geliebten Unboxing erfolgt dann stets eine Extrafahrt zum Rohstoffcontainer. Das Weihnachtsfest der Verpackungen ist bereits zum Alltag geworden. Freude setzt unverständlicherweise vielfach Verpackung voraus.

Harry & Meghan

Es gibt eine Trennung in einer königlichen Familie.

Die aktuelle Aufführung von Harry und Meghan Sussex erinnert mich an eine Erzählung von Heinrich Böll. Sie heißt: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ und ist einfach zusammengefasst:

Die Mutter der Familie zelebriert ihr Weihnachten nach einem bestimmten Muster und alle ringsum machen mit. In der schlechten Zeit damals neigt die Mutter dazu, die Feierrituale zu verlängern und immer weiter zu verlängern, weil das ihr Glück immer wieder für einen Moment rettet. Irgendwann können die Schauspieler nicht mehr bezahlt werden, die die Plätze und Rollen der Familienmitglieder irgendwann einnehmen und am Ende sitzen nur noch Puppen am Tisch. Das Ritual überlebt die handelnden Personen. Alle Kinder gehen ihren Weg außerhalb der unendlichen Feierei.

Die britische  Königsfamilie lebt in einer weitgehend ritualisierten Welt, die in Traditionen gründet, die man besser nicht befragt. Sie werden begleitet von einer Hofberichterstattung, die darauf achtet, dass niemand mit Extravaganzen ausschert und das System und seine Gewinner gefährdet.

Da ist es doch vollkommen normal, dass Harry und Meghan mit ersten Erfahrungen in der Erwachsenenwelt nach Unabhängigkeit streben und ihr eigenes Ding machen. Da will man ihnen respektvoll nicht einmal vorschreiben, wie das eigene Ding auszusehen hat.

Ich vermute, sie machen es goldrichtig, obwohl es ihnen letztendlich unmöglich sein wird, vom Gold und anderem Reichtum wegzukommen und wirklich eigenständig zu sein. Das ist eine schwere Hypothek. Vielleicht gelingt es ihnen ja, ihr Vermögen auf dem Weg zur unbedingten Freiheit runterzudampfen.