Cheffe aller Moralen

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Die Moral hat unzählige Akteure. Darum ändert sie sich auch ständig.  Es gibt niemanden, der von oben herab wirksame Maßstäbe ausgibt, obwohl es in der Geschichte aller Staaten und Religionen immer wieder Versuche gab, das zu tun. Die Folge war eine moralische Entmündigung, ohne letztlich die Entwicklung aufhalten zu können.

Der fortschrittlich erscheinende Bischof, der jetzt den Moralkodex der Katholischen Kirche renovieren will, will also nur wieder einen Fuß in die Tür kriegen. Denn die Moral ist vor allem auch sein Geschäft.

Bildung würde helfen, die je und je gelebte Moral immer wieder verantwortungsvoll zu justieren.

Fahr langsam!

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Ab und zu gibt es ja die Forderung in politischen Parteien, die Höchstgeschwindigkeit in der Stadt zu reduzieren. Ich will gar nicht erwähnen, in welcher Stadt das nun wieder der Fall ist.

Wenn man Tempo 40 in der Stadt fordert, dann hat das den Anschein, alles würde dadurch alles ein Fünftel langsamer, ungefährlicher und menschenfreundlicher.

Das ist aber nicht so. An die Obergrenze von 50 Km/h haben wir uns über viele Jahrzehnte gewöhnt. Wir wissen auch, dass es Straßen und Situationen gibt, in denen weitaus langsamer gefahren werden muss. Es gibt allerdings auch Stadtstraßen, die so wirken, als sei Tempo 50 eine Schikane. Dort gibt es vermehrt Geschwindigkeitsübertretungen. Dann wird entweder vermehrt geblitzt oder die Straße wird für eine höhere Geschwindigkeit freigegeben. Würde man nun 40 als verbindliche Höchstgeschwindigkeit festlegen, würden also die Geschwindigkeitsübertretungen zunehmen und die Ausnahmen von der Regel müsste vermehrt werden. Das Ergebnis wäre, dass man sich letztlich von Straße zu Straße neu orientieren muss, wie schnell denn dort gefahren werden darf und die generelle Regelung ab dem Ortsschild wird zur Nebensache.

Wenn man das Auto nicht in der Stadt haben will, dann kann man das ja sagen. Ich wäre dafür und auch für eine angemessene Infrastruktur.

Einfach nur Tempo 40 in der Stadt zu fordern, das ist doch sehr populistisch.

Martinswurst

Sankt Martin greift nicht nur immer häufiger auf Pferde zurück, die mit medizinischen Mitteln sediert sind. Die ganze Martinsszene ist auch von einer Volkskunst umgarnt, in der tagtäglich neue Künstler ihr Unheil suchen.

Ich komme darauf, weil meine Freundin M. [6 Jahre] anlässlich folgender Werbung ganz zurecht sagte: „Warum gibt der Mann dem denn ne Wurst?“

Nachtrag: Ich werde von ganz anderer Seite darauf hingewiesen, dass die rechte Hand des Mannes gerade einen mutmaßlichen Genitalschaden des Pferdes behebt.

Merz ist mir gleichgültig, Spahn und Äikäikäi sind es auch

In der CDU gibt es seit sehr langer Zeit mal wieder eine Kandidatenauswahl für den Parteivorsitz. Was normal sein sollte, das ist einfach nur ein Sonderfall mit dem Anschein, dass das normal ist. Wen ich gern als Kanzler möchte, ist eine vernünftige Frage. Was aber interne Wahlen einer Partei betrifft, dazu habe ich keine Meinung, wenn mein Herz nicht für diese Partei brennt. Allgemein danach zu fragen, das ist sogar unsinnig. Wenn also jetzt immer in den Medien und durch Meinungsforschungsunternehmen gefragt wird, wen ich als Parteivorsitzenden der CDU bevorzuge, dann ist das unmittelbar an die Bindung des Befragten an diese Partei gekoppelt. Während der CDU-Anhänger vermutlich den nach seiner Ansicht fähigsten will, ist es bei Anhängern anderer Parteien und bei Menschen, denen die CDU insgesamt ein Graus ist, genau umgekehrt: In ihrem Interesse wäre es, wenn in der CDU der Unfähigste gewählt würde. Denn je schlechter es in der CDU läuft um so besser sind die Bedingungen für die konkurrierenden Parteien. Wenn ich also in meiner großen Distanz zur CDU beispielsweise für den Kandidaten Merz bin, dann verbinde ich damit nur die Hoffnung, dass dieser Merz die Partei so sehr abwirtschaftet, dass sie im Wählervotum an Bedeutung einbüßt.

Einfach quer durchs Land eine parteiinterne Abstimmung volksoffen nachzubilden, halte ich also für unredlich. Lasst doch die CDU das einfach mal machen. Denn: „Wichtig ist, was hinten raus kommt.“(Helmut Kohl)

Und wenn ich jetzt sagen sollte: „Ich bin für Merz!“, dann würden die meisten fälschlicherweise glauben, dass ich den gut finde.

Werbung, die ich mögen müsste

Gucke ich in meine Timeline, dann sehe ich seit Wochen zuerst und dann immer wieder eine freundlich, die Zähne zeigende Frau hinter einem aufgeklappten Laptop. Ich habe keine Ahnung, wofür sie wirbt. Aber damit sie bei mir erscheint, muß es schon recht teuer gewesen sein.

Nun weiß ich, dass Facebook meinen Geschmack nach all der Zeit gut kennt und weiß, warum ich einer bestimmten Zielgruppe zugeordnet bin. Nun habe ich die Möglichkeit, äußerst aktiv dafür zu sorgen, dass Facebook mich noch besser kennenlernt. Ich könnte nämlich dazu ganz einfach anklicken, dass mir diese Werbung nicht gefällt. Ich tue das aber nicht, weil ich sicher bin, dass Facebook mich dann seelenlos und ungefragt in eine andere Zielgruppe verschiebt und dass ich dann andere Ding sehen muss, die ich nicht mag, obwohl der Algorithmus vorgibt, dass ich sie mögen müsste. Damit wäre mir nicht geholfen, denn ich will eigentlich nur Werbung, die wirklich originell und gut gemacht ist. Die passende Zielgruppe hat Facebook aber nicht eingerichtet, weil sie immerzu Spaß haben, aber nichts kaufen will. Meinesgleichen bleibt also wirklich völlig egal, wofür geworben wird. Damit versinke ich in einer Leerstelle im Werbekonzept. Das Konzept kann in der Vereinigung der Werbenden mit dem Vermittler Facebook bei mir einfach nicht landen.

Ich befürchte, dass eines Tages Leute wie ich so behandelt werden, wie die ganzen Nippelposter, die jetzt schon rausgekickt werden, auch wenn sie Rubens zitieren.
Ich denke, die heutzutage gehandelten Werbetheorien gehören wieder einmal auf den Prüfstand. Wer einmal mit einer cineastischen Fragestellung ein Werbefilmfestival besucht hat, wird mich da verstehen. Der Weisheit letzter Schluss der Werbung ist noch unbekannt. Ich behalte ihn auch für mich. —

Was will die Zähne zeigende Frau eigentlich schon wieder von mir?

Bereits ein einzelner Kürbis kann dich aus der Bahn werfen

Es gab ja mal Zeiten, in denen Lebensmittel nicht weggeworfen wurden. Es war die Zeiten des Hungers, aber auch die Zeiten des Überfressens bei günstiger Gelegenheit.

Dabei ist die Natur ohne den Menschen so extrem verschwenderisch, dass sie sich gar selbst weg wirft und sich sogar notfalls ökologisch sinnvoll entsorgt. Der Weizen käme mit sich selbst klar. Die Bucheckern und Kastanien warten massenweise auf zyklisch gute Lebensbedingungen und gehen, ob vernascht oder nicht, irgendwie den Weg alles irdischen.

Bei den Kürbissen ist das wohl anders, denn der Ablauf gerät ins stocken. Stell dir vor, du hast so ein tonnenschweres Teil im Garten, was ja wohl öfter mal so ist. Du findest, wie von weiser Hand vorbereitet, immer und überall Kochrezepte und Bastelanleitung für den Kürbis. Du stattest deine Küche mit einem Kran und diversen Motorsägen, Messgeräten, Elektromessern, Zerschnitzelmaschinen und Hochöfen aus. Du beschaffst dir tonnenweise Gewürze, um die blöde Masse geschmackvoll und in divers eingestellten Texturen auf den Tellern herzurichten. Deine Küche gleicht einem Industrieschlachthof. Dein Esszimmer ist auf mitesserfreundliche Gastlichkeit getrimmt. Und wenn dein Ranzen nach dem Essen spannt, ist nicht viel gewonnen.

Der Kürbis wird trotzdem noch auf Jahre deine Küche dominieren und dich vom kochen leckerer Gerichte fern halten. Dabei warten im Garten und im Handel noch überwältigende Kürbisreserven. Sie quellen unübersehbar ins öffentliche Bewusstsein. Aber du hast ja mittlerweile eine unendliche Breite der Kürbiszubereitung im Portefeuille und erzählst zur Not sogar im Fernsehen, wie geil und vielfältig so ein Kürbis ist und schiebst mit Freude noch dein Lieblingsrezept nach. Und so weiter.

Ich bin derweil in die Fritte verliebt, weil sie ohne Federlesen guten Geschmack und Sinnlichkeit vermittelt. Eine große, heiße Tüte Fritten in kalter Nacht zwischen den Fingern, die würde ich für nichts in der Welt eintauschen. Dagegen ist der Kürbis eben nur eine blöde Masse, die letztlich nur unverrückbar platziert ist.

An dich und auch an dich …

Ich trage das NO bereits in meinen Initialen. Das Nein-sagen-können ist mir also in die Wiege gelegt. Und ich mache Gebrauch davon.

Wenn du mich beispielsweise aufforderst, dieses oder jenes zu liken oder zu teilen, dann tue ich das nicht. Dabei ist auch gleichgültig, ob es online oder offline sein soll. Mein Liken und Teilen ist eine positive Rückmeldung zu deiner Äußerung. Ich will also nur deine nackte Äußerung und sonst nichts. Sie muß mir also wirklich gefallen, damit ich sie zustimmend bewerte. Da musst du dir schon Mühe geben, wenn dir daran gelegen ist.

Manchmal ist es sogar so, dass ich geneigt bin, dir aus voller Überzeugung zuzustimmen. Und dann lese ich so etwas wie: „Wenn du auch der Meinung bist, dann liken und teilen …“ Ja, dann hast du Pech gehabt, weil ich nicht mehr unbeschwert auf deine Äußerung reagieren kann.

Wenn ich besonders leckeres Brot kaufe, dann erzähle ich das gern weiter, aber nicht, wenn der Bäcker mir die Verpflichtung dazu direkt mitverkauft.

Die Schule ist doch so schlecht auch wieder nicht

Nach vielen Beobachtungen von und Gesprächen mit einer Freundin, die jetzt auch Grundschülerin ist, stellte sich wieder Frage der Erwachsenen, ob es die Lehrer früher besser hatten, oder ob sie es heute besser haben. Damals war es wohl so, dass die Kinder weniger offensiv waren und eher respektvoll mit den Machtmitteln der Familie für die Schule eingespurt waren, während heute doch sehr viel mehr autonome Kinder auch in der Schule ihr Ding machen.
Die Voraussetzungen für den Schulunterricht haben sich also zumindest sehr stark gewandelt. Und das hat Folgen. Es gibt ein Beispiel, das den Wandel deutlich macht.
Gucken wir einmal auf die Schulmilch, die mittlerweile ihren Zweck verloren hat und nur noch den Handel satt macht.
Wir beobachten eine aus der Sicht der Kinder böse Lehrerin, die sich für die Pause eine Milch beiseite schafft. Wenn ein Kind krank ist, bleibt nämlich so eine Milch übrig. Es wäre heute zu erwarten, dass ein Kind mit guten Argumenten die Lehrerin zur Rede stellt. In den 50er Jahren unterrichtete noch Fräulein Hallmackenreuter (Name geändert), die gerne nach dem bekannten Schema die Milch abzweigte. Verbürgt ist, dass sich mehrere Kinder zusammentaten, um Fräulein Hallmackenreuter unbemerkt in die Milch zu spucken. Heute wissen sie immer noch nicht so genau, ob die Lehrerin das wirklich nicht gemerkt hat.
Wir sind also mit der Schule auf einem insgesamt guten Weg. Meine Freundin mag die Schule in jeder Beziehung und vertraut auch ihrer Lehrerin.

Randbemerkungen zur Wahl

Die bemerkenswerte Landtagswahl in Bayern vermittelt auch den Eindruck, dass es parteiübergreifende Textbausteine gibt, sich in der Berichterstattung aus der Affäre zu ziehen. Sie sind einfallslos und werden wohl mit der Absicht eingesetzt, dass der Bürger sie für unheimlich vernünftig hält.

Ich habe da einmal vier Beispiele ausgewählt, die im Nebeneffekt darauf hinweisen, dass der wortführende Politiker ziemlich stark bürgerverdrossen ist.

  • Wenn die involvierten Politiker Verluste einfahren und dann sagen: „Es gibt nichts zu beschönigen“, dann frage ich mich, wie sie denn darauf kommen. Haben sie etwa erwogen, entgegen den Tatsachen, ein gutes Bild abzugeben?
  • Wenn die involvierten Politiker Verluste einfahren, nach Konsequenzen befragt werden und dann sagen: „Wir müssen zunächst das Ergebnis ausführlich analysieren“, dann haben sie den Wahlkampf verschlafen. Im Wahlkampf und den dazugehörigen Prognosen ist das Ergebnis immer schon ziemlich deutlich bekannt und die Mängel in ihrer Politik sind es auch. Am Wahlabend gibt es nur das passende Ergebnis zur vorliegenden Analyse.
  • Wenn die involvierten Politiker Verluste einfahren und dann sagen: „Der Regierungsauftrag liegt bei uns“ dann blenden sie aus, dass ein Landtag gewählt wurde, dessen Mitglieder selbständig entscheidet, wer welche Regierung bilden soll. So einen „Auftrag“ gibt es nicht. Er ist nur eine kleine Machtmusik.
  • Wenn die involvierten Politiker Verluste einfahren, nach personellen Konsequenzen gefragt werden und dann sagen: „Wir müssen Antworten auf Sachthemen liefern. Das Personal ist nachgeordnet“, dann soll meist verschleiert werden, dass es einen Entscheidungsstau zu allen wichtigen politischen Fragen gibt, weil das Personal sich in konservativer Manier vor Entscheidungen fürchtet und deshalb die Lösung der Personalfrage erst den Weg zu den Sachthemen frei machen kann.

Macht doch einfach mal was und rettet beispielsweise die Welt.

Lassen sich Fans überhaupt schockieren?

Wir kennen die übertreibenden Schlagzeilen aus der Boulevardpresse. Sie haben dazu geführt, dass man auch unglaublichen Schlagzeilen folgt und bei einer Räuberpistole landet, die aber nur der geübte Leser als Attrappe erkennt. Die Verkaufszahlen machen die Boulevardpresse ingesamt trotzdem reich. Das wird auch dadurch verstärkt, dass man nahezu jede Idee zur Story aufblasen kann, wenn sie leicht zu konsumieren ist und deshalb auf Hintergründe und Zusammenhänge verzichtet. Man schreibt deshalb auch nur wenig. Oft ist die voraussichtliche Lesezeit in Sekunden angegeben.

Zunächst schienen mir andere Pressesegmente sicher vor Texten, die überhaupt nicht zur Überschrift passen wollen. Seitdem aber Klicks Beachtung und Einnahmen bedeuten, hat sich das zumindest bei den Onlineabteilungen der Blätter gewandelt. Und der Spaß an irrsinnigen Überschriften nimmt zu und droht, sogar in die Redaktionsstuben der Printfreunde zu schwappen.

Bisher hatte ich gedacht, dass die Branchen mit den drögen Themen von dieser Entwicklung unbeeindruckt bleiben. Sie mögen zwar alle nicht so gern die Fachprodukte in ihrem Segment schlecht machen, bleiben aber gleichwohl auf der Spur, Sachinformationen auszuliefern und lesergerecht zu bündeln. Für alles andere haben sie keinen Markt. –
Das dachte ich!
Bis ich jetzt lese: „Schock für Samsung-Fans„. Im Text stelle ich fest, dass Handys ohne Kopfhöreranschluß geplant sind. Aha! Der Konkurrent Apple liefert schon lange seine Handys ohne so einen Anschluss aus, ohne dass infolgedessen über eine Schockbehandlung von Fans berichtet wurde. Es gibt nichts zu berichten, aber sie tun es trotzdem.

Sollten wir eines Tages nur unsere eigenen Texte lesen, weil wir uns etwas von der Vermarktung und der unbedingten Zustimmung freigearbeitet haben? Auf der Straße sehe ich mittlerweile viele Menschen, die einsam so vor sich hin sprechen. Sie gehen Begegnungen aus dem Weg und werden auch selbst kaum beachtet.

– Shockproofed!