Befeuerung

Tja, das passiert unweigerlich, wenn ein Symbol, wie die Notre Dame in Paris, abbrennt:

Die Süddeutsche floskelt los:
„Der Großbrand in dem Wahrzeichen Frankreichs kam aus dem Nichts und hielt die ganze Welt in Atem. Sechs Stunden später ist klar: Die Kathedrale ist gerettet, die Wunde ist dennoch tief.“

Und prompt wird die Süddeutsche noch im Kommentar getoppt:
„Funkenflug mitten ins Herz.“

Und der Tagesspiegel sowie die Welt beklagen voyeuristisch, dass die öffentlich-rechtlichen Medien gar das Ereignis verschlafen haben, weil keine Sondersendung nach Art des „Brennpunkts“ (sic!) ausgepackt wurde: „Notre-Dame brennt – und die ARD pennt.“

Und allerlei reiche Leute laden auch noch zu Spende ein:
Der ambitionierte CDUler Friedrich Merz tut das auch.

Dabei ist es ja so:
Floskeln verstopfen nur die Kommunikationskanäle und Spendenaufrufe gaukeln Solidarität vor, um den Abstand zwischen Arm und Reich zu vergrößern, wie bei jeder Sammelaktion und jeder Lotterie. – Unter gerechten Lebensbedingungen wäre das ja wirklich ganz okay. Floskeln könnten dann auch im Giftschrank bleiben.

Ich glaube aber fest, dass die mediale Berichterstattung ein Volk von Schaulustigen und Gaffern züchtet, die bei Verkehrsunfällen in ihrer Lebenswelt noch geächtet werden, aber gebraucht werden, um selbstredende endlose Flammen einer Kirche zu betrachten, denen kein Journalist etwas hinzu zu fügend vermag, damit die Trauerquote der Betroffenheit und Anteilnahme hoch gehandelt werden kann.

Hängen im Schacht – ein paar Kohlen aus einem Leben …

Die Kohleförderung im Ruhrgebiet ist nach 200 Jahren beendet. Ich bin ja mitten im Ruhrgebiet groß geworden. Da ist man am Bergbau nur selten vorbeigekommen. Es hat sehr lange gedauert, bis mir klar war, dass das mit der Kohle eine Episode von geschichtlich sehr übersichtlicher Dauer war und bleiben würde.

Der Schacht, in dem ich einmal besuchsweise auf 1000 Meter durfte, der stand sogar auf einer grünen, umwaldeten Wiese. Da fiel es nicht schwer, zu rekonstruieren, dass die ganze Gegend noch zu Urgroßvaters Zeiten insgesamt grün und bäuerlich geprägt war. Und trotz aller urbanen Verdichtung kannte und kennt dort jeder irgendeinen Bauernhof in seiner Nähe.

Auf so einem ehemaligen Bauernhof in unmittelbarer Nachbarschaft der Zeche Rosenblumendelle habe ich meine Kindheit verbracht. Mein Vater hatte dort auch seinen Handwerksbetrieb, direkt gegenüber der Wohnung. Ich spielte auf dem Land und war doch ein richtiges Kind der Stadt. Beim Schichtwechsel töte die Sirene in einer Lautstärke, dass bis zum Abschwellent jedes Gespräch unmöglich war. Man stellte auch seine Uhr danach oder setzte mit der Sirene die Kartoffeln auf.

Wann das in meiner Familie mit dem Bergbau angefangen hat, das weiß ich nicht. Meine Oma sagte immer: „Wir dienen dem Hause Stinnes schon seit 150 Jahren.“ Sie hat dabei wohl alle Beschäftigungszeiten in der Verwandtschaft zusammengezählt. Mein Großvater väterlicherseits war Bergmann. Ich habe ihn noch 5 Jahre erlebt. Er war mit seiner Staublunge schon lange in Rente und total witzig. Er trug aus Zweckmäßigkeitsgründen eine Glatze, unterhielt die ganze Hausgemeinschaft, erledigte Einkäufe und kroste im Garten. Das war die Zeit, in der man auch noch gern als Selbstversorger Tabak anbaute. Für die Hühner und für mich schnitt er immer die Brotkrusten klein. Zum Geburtstag bekam ich einmal eine Riesentüte mit getrockneten Brotkrusten. Es war ein Spaß, aber ich habe mich gefreut. Einmal schickte er mich und die anderen Kinder durch die Nachbarschaft. Wir sollten Persil besorgen, um die Hühner zu waschen. Eines meiner Spielzeuge war eine Hühnerpfote, die man bewegen konnte, wenn man an der Sehne zog. In unmittelbarer Nähe – erzählte man – wurde infolge plötzlicher Bergschäden ein ganzes Fuhrwerk verschluckt. Das war mir unheimlich, machte aber niemanden ängstlich.

Mein anderer Opa arbeitete in weißem Hemd und Anzug in der Bergschädenabteilung. Irgendwo steht, er sei „Bergwerksbeamter“ gewesen. Er war wohl wichtig, aber was er genau gemacht hat, weiß ich nicht. Er hatte aber ein Telefon im Bureau. Er war ebenfalls frühzeitig, allerdings wegen einer Herzerkrankung, Rentner und für mich immer etwas unnahbar. Meine Oma erzählte noch lange, dass er bei seinem Betriebsjubiläum geweint habe, als der Bergmannschor das Steigerlied gesungen habe.

Mein Vater war auch auf dem Pütt. Als er mit 25 Jahren aus dem Krieg kam, war für ihn nicht daran zu denken, sein Maschinenbaustudium fortzusetzen. Essen, trinken und wohnen waren wichtig, garniert von kleinen Alltagsfreuden. Die Opas hatten ihm einen Job unter Tage besorgt, da konnte er erst einmal als gelernter Schlosser arbeiten. Es gab zunächst nur dort gutes Geld, ein Kohledeputat und allerlei Lebensmittelunterstützungen. Meine Mutter bekam wohl während der Schwangerschaft mit mir die legendären Butterbrote von der Zeche, weil sie die am besten vertrug. Nach zwei Jahren wechselte mein Vater zur AEG und bereitete unsere Auswanderung nach Kanada vor. Er hatte schon das Schiff gebucht. Mein Vater konnte gut französisch, meine Mutter gut englisch. Das hätte gepasst. Und das Ein- und Auswandern passt ja immer schon ins Ruhrgebiet.

Als dann beide Großväter 1952 starben, war das Familienkapitel Bergbau beendet und die Auswanderung auch, bevor sie begonnen hatte. Denn die Omas wollten nicht allein bleiben. Überliefert sind die Bergbaugeschichten meines Vaters. Ich habe viele davon gehört. Am meisten beeindruckt haben mich die Grubenpferde, die ihr Leben unter Tage beendeten, dort aber bestens versorgt und umsorgt wurden. Im Tageslicht wären sie erblinden und hätten auch sonst kaum kaum gesundheitlich überleben können.
Ebenfalls beeindruckt hat mich, dass man unter Tage von Zeche zu Zeche fahren konnte, also praktisch durch die ganze Stadt. Für mich war das eine fantasievolle Alternative zur Straßenbahn.
Heute erzähle ich alle Geschichten sehr gern weiter.

Nur mal so …

Ach, das passt doch auch zum Aufbruch ins neue Jahr 2019 …
begeht es mit Freude, achtsam und nachhaltig.

Früher war der Gipfel oben

Wir haben ja eine repräsentative Demokratie. Wir wählen Parteien und Abgeordnete, die für eine gewisse Zeit für uns das Geschäft der Politik betreiben. Wenn uns das nicht gefällt, dann wählen wir andere.

Mittlerweile hat sich eine Mode der Gipfeltätigkeit herausgebildet, international und national. Während noch vor kurzem Horden von Wirtschaftslobbyisten einen Ausweis zum Betreten des Bundestages hatten, wurden mittlerweile die gern gesehenen Gäste der Abgeordneten kurz umgelegt. Denn die Volksvertreter versuchen nun mehrheitlich den Sachverstand der Wirtschaftsvertreter in sogenannten Gipfeln zu nutzen. Da treffen sich dann an gut bewirteten Orten Dieselgipfel, Digitalgipfel, Kohlegipfel, Islamgipfel und so weiter. Der Gipfel gilt als Inbegriff des Ziels, und wird manchmal sogar noch, surrealistisch überhöht, wenn sich beim Gipfeltreffen gleich mehrere Gipfel treffen.

Nun ist es so, dass dort die Wirtschaftsmächtigen auf Regierungsvertreter treffen, mittlerweile gern auch etwas angereichert durch fröhlich wirkende Vielfalt von Interessenverbänden, die nichts mit der Wirtschaft gemein haben. Weitere Widersacher stehen meist ganz vor der Tür.
Die Konstellation ist, wenn man von den unbeachteten Positionen absieht die, dass die Regierung in allen Gipfeln die Lebensqualität verbessern will, sich dann aber von der Wirtschaftsvertretern leider vorrechnen lassen muss, dass das so einfach nicht geht und dass es geradezu in einem Horrorszenario enden wird, wenn man nicht dem guten Weg der Wirtschaft folgt und politisch anders entscheidet. Gleichwohl gibt es geschickte Formulierungen, die eine Annäherung beider Seiten beinhalten und als Gipfel des Prozederes sogar einen Abschlussbericht zulassen, der nicht nur beide Positionen versöhnt, sondern auch den Volksvertretern die Arbeit abnimmt, nämlich Entscheidungen zu treffen, die meistens als Gesetze wirksam werden. Gipfel sind also auch so etwas wie das Outsourcen der Parlamentsarbeit. Man ist sich bei diesem Verfahren sicher, dass der kritische Ruf der sonstigen Experten bald verhallen wird. Wenn nämlich, wie fast jedes Mal, der nicht unbedeutende Verlust von Arbeitsplätzen zum Szenario gehört, dann sind Konzerne und die mit ihnen befassten Gewerkschaften ganz, ganz nahe beieinander und die Mitarbeiter für Sie demonstrierend unterwegs.

Ich würde mir wünschen, dass die Abgeordneten ihre Arbeit machen, frei überlegen, wie und wo sie sich sachkundig machen und dann im vorgesehenen Parlamentsbetrieb Entscheidungen treffen.

Ich werde Ihnen jetzt mal etwas mehr auf die Finger gucken. Gipfelgänger haben es schwer, von mir gewählt zu werden. Und die Gipfelergebnisse wären ja auch nicht erwähnenswert, wenn sie nicht selbst beinhalten würden, dass sie den Wert einer Etappe zum Gipfel, also bereits den Gipfel in sich haben und auch sonst unheimlich beachtenswert wären.


Martinswurst

Sankt Martin greift nicht nur immer häufiger auf Pferde zurück, die mit medizinischen Mitteln sediert sind. Die ganze Martinsszene ist auch von einer Volkskunst umgarnt, in der tagtäglich neue Künstler ihr Unheil suchen.

Ich komme darauf, weil meine Freundin M. [6 Jahre] anlässlich folgender Werbung ganz zurecht sagte: „Warum gibt der Mann dem denn ne Wurst?“

Nachtrag: Ich werde von ganz anderer Seite darauf hingewiesen, dass die rechte Hand des Mannes gerade einen mutmaßlichen Genitalschaden des Pferdes behebt.

Aus der ergonomischen Zwickmühle

Über die Ergonomie am Computer würde schon viel geschrieben.

Die Hilfen, die da so gegeben werden, sind mir aber zu einfältig.

Ich sitze also bequem im Sessel und lege die Füße auf den Hocker. Mit der linken Hand stütze ich das iPad in einer bestimmten Bauchfalte ab. In der rechten Hand führe ich so einen speziellen Stift, der präziser arbeitet als Wurstfinger und auch das Display nicht verschmiert. Zwischen den Fingern der linken Hand halte ich ein Butterbrot und schnelle mit dem Oberkörper jedes Mal nach vorn, wenn ich etwas abbeißen will. Meine Teetasse steht neben mir auf dem Schrank, so etwa in Kopfhöhe. Wenn ich nun trinken will, muss ich den Stift ganz leicht in der Hand verschwinden lassen, um zusätzlich den Tassengriff zu fassen. Das beeinträchtigt allerdings die Arbeit am iPad doch ganz erheblich. Eine schnelle und gezielte Dateneingabe ist so stark durch die Hand- und Kopfbewegung gestört, dass mir manchmal sogar der Tee die Krümel vom Display spült. Die Bedienung des TV erfolgt zwar problemlos über das iPad, aber wenn es Knabbereien oder das Mittagessen gibt, dann bin ich total aufgeschmissen und wünsche mir weitere Hände. Das das kann ja nun nicht die ergonomische Lösung sein.

Leben in Schleifen 

Die Redundanz in Bild, Ton und Text erschlägt mich fast.
Wenn es viel zu sagen gibt, ist die endlose Einsilbigkeit eine Frechheit.
Nun sagen wir seit der Deklaration der Menschenrechte milliardenfach, dass alle Menschen gleich sind.
Wie wir sehen, ändern solche Wiederholungsschleifen nichts. Sie provozieren höchstens Desinteresse, weil man ja schon weiß, was kommt.
Ich wende mich gern wieder Bildern, Texten und Noten zu, die mir mehr vermitteln als ein unwidersprochener Standard.

How many roads must a man walk down
Before you call him a man?
[Bob Dylan]

Rahmen sprengen

Professionelle Banden sprengen gern einmal Bankautomaten in die Luft, um dann das Geld für sich aufzufangen. Sie leiten zuvor meistens Unmengen von Gas in die Automaten, das dann zur Explosion gebracht wird.

Hier am linken Niederrhein ist das Nacht für Nacht sehr beliebt und wohl auch lukrativ. Im Verdacht sind niederländische Banden. Es hat viele Vorteile, wenn sie jenseits der Grenze operieren.

Jedesmal berichtet auch das Fernsehen darüber. Und die Bilder gleichen sich. Fließbandarbeit liefert eben mit der Zeit keine spektakulären Bilder mehr.

Es würde ja eigentlich reichen, wenn man nur einen Film hat und ihn dann alle paar Tage zeigt. Man muss ja lediglich im Ton den neuen Standort anpassen. Das Fernsehen könnte also das Geld sparen, das den Banken gestohlen wird. Die Banken ihrerseits verzichten auf eine Aufrüstung, weil die Spirale der Gewalt sehr schnell zum Einsatz von noch härteren Sprengstoffen führen würde. Sie schreiben lieber die Verluste ab und erhöhen zum Ausgleich die Kundengebühren.

Ziemlich wild

Bis in die 70er Jahre war der Western ein beliebtes Filmgenre. Der Western konnte mit  wenigen Stereotypen gut unterhalten. Mittlerweile ist das Genre ziemlich aufgebraucht.

Jetzt bin ich zufällig in so einen Western hinein geraten. Als die Protagonisten im Jailhouse saßen, obwohl sie nur ganz ehrlich ihr „Recht und Eigentum“ zurück haben wollten, und vor der Tür die johlende Menge sie lynchen und selbst die Ankunft des Friedensrichters nicht abwarten wollte, — dachte ich so an Facebook mit seinen Horden aus Reichsbürgern und Besserwissern, die ebenfalls Recht und Eigentum anderer Menschen mit abenteuerlichen Rechtsauffassungen und Ratschlägen totschlagen im unerschütterlichen Bewusstsein, dass sie ganz allein Bescheid wissen.

Diese Leute haben wohl die Fiktion des Westerns ausgemustert, um selbst den aufgestachelten besorgten Bürger zu spielen und wie der durchgeknallte Deputy auch noch zahlreiche Mitläufer um sich zu scharen. Sie nehmen es nicht an, dass die Szenarien der Western überholt sind und die Welt weitaus humaner, gerechter und zuverlässiger eingerichtet ist und dass sich gut und böse nur noch schwer unterscheiden lassen. Man muss allerdings gelernt haben, in der Gegenwart zu leben.

Gaff nicht so …

Bei Rettungseinsätzen ist immer wieder von Gaffern die Rede, die unethisch handeln und Rettungskräfte behindern. Dabei wird so getan, als sei die Sache mit der Bezeichnung Gaffer hinlänglich aufgeklärt, und der Mensch habe nichts anderes zu tun, als das Gaffen einzustellen.

Bei Verkehrsunfällen und Bränden werden selbstverständlich die Hilfe und die Helfer gestört, wenn jeder sich selbst ein Bild oder einen Film von der Situation machen will. Die sogenannten Gaffer werden in der öffentlichen Diskussion aber nur als schuldhafte, gedankenlose Monster gegen das Leben karikiert. Das ist aber höchstens die halbe Wahrheit.

Das sogenannte Gaffen hat archaische Elemente. Das sollte aber nicht zur Rechtfertigung, sondern als Erklärung beachtet werden.

In Katastrophen, also Ereignissen, die sich nicht unmittelbar und einfach selbst erklären, fehlen meist die Muster, darauf zu reagieren und man reagiert dann auch eher ohne eine intellektuelle Steuerung. Viele Einzelne bilden keine Gruppe, sondern verschmelzen zur sozialen Masse, die sich nicht an bestehenden Regeln orientiert, sondern Impulsen folgt, die nahezu zufällig erscheinen. Gleichwohl sind solche Situationen für den Einzelnen und seine Gemeinschaft zu wichtig, um sie zu übergehen und sie dann eben nicht so zu ergründen, dass man ihnen zukünftig anders begegnen kann.

Gaffer lediglich als blöde und emotionslose Menschen zu brandmarken ist selbstgerecht. Allerdings können sie lernen, mit intellektueller Leistung die Komplexität neuzeitlicher Katastrophen und die Leistungsfähigkeit von ebenfalls neuzeitlichen Rettungsdiensten zu verstehen, und damit den archaischen Untergrund zu kontrollieren. Erfahrungsgemäß gelingt das nicht jedem, nicht immer und nicht vollständig. Gaffexzesse wären demnach als eine unheilige Verbindung von archaischer Reaktionsmustern mit individuellen Fehlentwicklungen zu deuten. Nach meinem Verständnis sollte, wie es gerade diskutiert wird, das Gaffen jedenfalls nicht strafbar sein.

Das Gaffen wird ja auch erst mit einer vor kurzem noch unvorstellbaren Mobilität auf den Straßen und den Datenwegen zum Problem. Das bedeutet doch, dass die Mobilitätsentwicklung selbst am Gaffen nicht unbeteiligt sind.

Ich habe hier eine Erinnerung aus den 50er Jahren: An einer Straßeneinmündung wurde ein Motorradfahrer von einem Auto sehr schwer verletzt, weil einer von beiden, die Rechts-vor-links-Regel nicht beachtet hatte. Der Knall sorgte für Aufmerksamkeit. Mütter stellten den Herd ab und liefen auf die Straße, spielende Kinder riefen sich zu „Da ist ein Unfall!“ und rannten hin. Die Belegschaft ganzer Handwerksbetriebe lief auf die Straße. Und am Unfallort bildete sich eine große Gruppe von Menschen, die auch sofort die Schuldfrage diskutierten. Einige betreuten den Motorradfahrer, bis der Rettungswagen da war. Einer sagte: „Der darf nicht zu viel Blut verlieren!“ – Von Gaffern und Schaulustigen war nicht die Rede. Es gab nicht einmal eine Erwachsenenansprache für Kinder, sich aus dem Staub zu machen. Das war alles ganz normal. Und „rechts-vor-links˝ das kannten die Kinder dann schon, bevor die Abseitsregel beim Fußball noch wichtiger wurde.

Ein Unfall als Ort der Geselligkeit, sogar auch für den Verletzten – das ist heute unvorstellbar und wird im Zeitgeist vollkommen anders bewertet.
Das ist richtig, blendet aber die historische gesellschaftliche Bedeutung von Katastrophen ziemlich stark aus, so als könnten wir uns immer schon gegen Gott und die Welt versichern und uns sorgenfrei kaufen.