Nachdenkung über den Vergleich

Das kann man doch nicht vergleichen!
Es wird immer beliebter, in einer Auseinandersetzung zu behaupten, man könne das doch gar nicht vergleichen. Eigentlich wird damit immer nur eine von mehreren strittigen Positionen auf die Schiene des Siegers gehoben, ohne wirklich zu argumentieren. Die Redewendung entspricht der gewinntakischen Bedeutung der anderen Redewendung, dieses oder jenes wäre alternativlos. Man wird jeweils aufgefordert, die stets verfügbaren anderen Lösungen erst gar nicht zu prüfen. Die auch von der deutschen Bundeskanzlerin Merkel lange Zeit favorisierte Alternativlosigkeit wurde deshalb zum Unwort des Jahres 2010. Die Redewendung von der Unvergleichbarkeit beinhaltet aber noch etwas besonderes: Sie ist – unausgesprochen, wie grotesk – stets das Ergebnis eines Vergleiches. Man tut es also und behauptet gleichzeitig, dass es nicht ginge. Vergleichen kann man doch alles, wenn man denn ein Vergleichskriterium bestimmt. Sind Äpfel oder Birnen beliebter? Darauf gibt es eine Antwort. Manchmal hat man den Eindruck, dass das Reden von der Unvergleichbarkeit fälschlicherweise bedeuten könnte, dass bestimmte Dinge oder Sachverhalte nicht gleich sind. Aber das ist ja, wenn man genau misst, immer so. Es ist also nicht wert, hervorgehoben zu werden. Selbst der Klon kann den Platz nicht besetzen, den sein Ebenbild einnimmt.

Inklusion

Mein liebes Stiefmütterchen!

Da hat uns die Behindertenrechtskonvention der UNO unverhofft die Inklusion in den Diskurs gespült, weil sie geltendes Recht ist. Insbesondere Freunde und Feinde von Minderheiten sehen sich nun veranlasst, von der Integration vergangener Zeiten Abschied zu nehmen. Sie reden nun alle von der Inklusion. Sie erwischen sich aber sehr schnell dabei – nicht selbst, sondern gegenseitig – die ganze Sache so umzudeuten, dass alles beim Alten bleibt: Ihnen erscheint dann die Inklusion als das, was ihnen die Integration immer sein sollte. Dabei beinhalten die Inklusion, ganz anders als die Integration, eine Denkbewegung und keine Beschreibung von Vorgängen, um einen Endzustand zu erreichen. Es geht in der Inklusion auch nicht allein um Behinderte, sondern um das Verhältnis von Durchschnittsbürger und Außenseiter.

Ich will das einmal an deinem Beispiel deutlich machen.

Stiefmütterchen
Stiefmütterchen

Auf diesem Bild – aufgenommen am Rathaus Oberhausen-Osterfeld – siehst du eine Gesamtheit von Lebewesen. Sie erscheinen zunächst ziemlich gleich. In Wirklichkeit sind aber alle ganz unterschiedlich. Das ist auf den ersten Blick nur selten zu sehen. Augenscheinlich ist, dass ein Lebewesen doch deutlich farbloser ist, als die anderen. Es ist eher randständig. Zur Integration ist es aufgefordert, etwas mehr Farbe anzunehmen. Wohlwollend wäre es, aber auch integrierend, würden alle Anderen ein bisschen vornehme Blässe aufnehmen. Irgendwann trifft man sich dann – so oder so – in einer gemeinsamen Farbe und die Integration ist erfolgreich abgeschlossen.

Bei der Inklusion ist es ganz anders: Alle entdecken neugierig eine Vielfalt und erleben sie als Bereicherung. Die blasse Farbe des einen trifft auf die Sprachlosigkeit des andern, die Musikalität eines noch anderen auf unzählig vielfältige Talente und Begrenzungen aller anderen, die man möglicherweise gar nicht sieht. Man hilft sich gegenseitig, lernt voneinander und geht ständig neue interessante Verbindungen ein. Alle profitieren von der Vielfalt und alles blüht. Ach ja: Sie sind mitten in der Inklusion angekommen und deren Ende ist nicht abzusehen. —

Mach´s gut!

Durchblick

In diesen blitzsauberen Einkaufszentren ist es üblich, dass Brillenträger angesprochen werden. Letztens war ich unvermeidlich dran!

Sie so: „Darf ich ihnen die Brille putzen?“
Ich so: „Nö!
Sie dann so: „Schade, das hätte sich gelohnt!“
Muss ich mich in aller Öffentlichkeit von unbekannten Menschen derart als Schmutzfink beschimpfen lassen? – Oder habe ich ihr nur die Provision vermiest?

What the fuck is a Pain Nurse?

Manchmal liest man ja Dinge, die man eigentlich gar nicht lesen will. Das ist beispielsweise so, wenn man in einem Wartezimmer sitzt.
Da lag letztens die bunt und teuer aufgemachte Werbebroschüre eines Krankenhauses, die vermitteln sollte, dass sie eine Fachzeitschrift für Ärzte und Patienten ist.
Faszinierend fand ich den Bericht über die Fortbildung einer Gesundheits- und Krankenpflegerin zur „Pain Nurse“. Sie kam auch selbst zu Wort.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Pein-Schwester ist eine Schwester, die sich mit der Pflege von Menschen auskennt, die unter erheblichen Schmerzen leiden. Sie betreibt wohl keinen Sado-Maso-Fachdienst.
Ausgelöst von der pseudofachlichen Wortwahl  – PAIN NURSE – hatte ich unmittelbar erhebliche Schmerzen.

Finaler Kick!

Dass die Weltmeistermannschaft bei ihrem finalen Auftritt am Brandenburger Tor Helene Fischer zum musikalischen Mittelpunkt ihrer Welt inszenieren lässt, mag ja noch als ein unbedeutendes Nebenprodukt des vieldiskutierten Teambuilding in der Abgeschiedenheit toleriert werden. Dass die Mannschaft im Shirt uniformiert auftritt, dann aber die Individualität der diversen Protagonisten über Beinkleider, Brillen und Mützen zur Show stellt, mag noch als fußballnahe Ästhetik gedeutet werden können. Dass und wie die Mannschaft aber die „Deutschen“ von den „Gauchos“ in einer Darbietung optisch und akustisch absetzen, erinnert jedoch allzu deutlich an die in der Interpretation umstrittene erste Strophe des Deutschlandliedes. Die Darbietung war dann doch zu sehr am rücksichtslosen nationalistischen Massengeschmack ausgerichtet. Mich erschreckt, dass so etwas anstandslos durch läuft.

 

1 Nachtrag:

Ich habe in den letzten Tagen an verschiedenen Stellen in den sozialen Netzwerken meine Verwunderung zum Ausdruck gebracht, dass der nationalistische Hype der WM-Trunkenheit die Stellungnahme scheut. Dass das Kollektiv der Nationalmannschaft in tumben Tänzen ihre Überlegenheit so zeigt, dass sie auch die unterlegenen Argentinier parodiert ist mir dabei nebensächlich, wenn auch beispielhaft dafür, dass der Fan das rücksichtslos gut zu finden hat. 

Interessant finde ich aber die Reaktionen auf meinen Text.

Überwiegend werde ich ganz am Text vorbei so gelesen, als würde ich den Spaß am Fußball nationalsozialistisch deuten und Verfehlungen im Freudentaumel bestrafen wollen. Es wuchern sogar Mutmaßungen über mein Seelenleben in der ideologischen Einsamkeit, meine fußballferne Bitternis und es gibt den Wunsch, ich möge der Meinungsbildung erspart bleiben. Kurz: Nahezu alle Kommentare orientieren sich an Mutmaßungen, die keinen Anker in meinem Text beanspruchen können und schweifen unter die Gürtellinie ab.
Alles in allem gewinne ich den Eindruck, dass das archaische Kulturverständnis von einem im Kampf überlegenen Protagonisten auf Deibel komm raus mental und kollektiv gestärkt und über den legitimen Ort des Sports hinaus verlängert wird. Die Fußballkultur hat sich so etabliert, dass sie notfalls sogar auf den Sport verzichten kann. Sie sucht Bündnisse mit einer Popkultur und zeigt die Tendenz, abweichende Kultursegmente grundsätzlich anzufeinden und dabei auf die Mittel des Kampfes zu setzen, die ja nie zimperlich ausgerichtet werden und die die Verständigung als unsportlich ausschließen.
Damit werde ich in meiner Ausgangsthese bestärkt, dass nationalistische Überhöhungen zum Massengeschmack werden und keinen Widerspruch dulden.
Dabei muss man sich den Widersprechenden als einen fröhlichen, zugewandten und kreativen Menschen vorstellen.
Die öffentlich rechtlichen Massenmedien sparen bisher in der Berichterstattung meistens den „Gaucho -Tanz“ aus. 

2 Nachtrag:

Ohne Gegner wäre der Fan hilflos. Deshalb sucht er einen. Dabei ist es letztlich gleichgültig, ob dieser überhaupt mitmachen will …

Das erinnert an einen kleinen Kampfhund, der „einfach nur spielen“ will …
Wenn man Angst auslösen will, dann sagt man: „Du brauchst keine Angst zu haben!“
Wenn man eine Debatte anheizen will, dann sagt man: „Hört auf, ich will davon nichts mehr hören!“
Weniger ist mehr!

Frisch gestrichen!

„Frisch“ ist eines der merkwürdigsten Adjektive. Es ist unmittelbar verständlich, wenn es um Obst geht. Je größer die Distanz zum Obst ist, um so merkwürdiger sind die Verwendungen. Gerade machen sich die frisch gebackenen Fußballweltmeister in einer Bank frisch (ZDF WM Live 15.7.2014). Manche sind gar frisch verliebt, werden auf frischer Tat ertappt und sind dann wohl irgendwann auch frisch gestorben.
„Frisch“ erscheint mir als ein extrem hoch bewerteter Ausgangspunkt, der unweigerlich und zügig rückstandslos verfällt. So gesehen erscheint mir das Adjektiv „frisch“ als fröhlich geschminkter Hinweis auf eine nekrophile Weltdeutung.