Ich frage mich mal …

Das ist die Rückseite der Visitenkarte eines Facharztes, wie sie für die Patienten zur Verfügung steht.

Die Vorderseite ist kaum zu beanstanden. Dass sie die Praxis als Medizinisches Versorgungszentrum des Dr. X und Kollegen GmbH ausweist, daran habe ich mich ja schon gewöhnt. 

Aber diese Rückseite zeigt unleserlich aber deutlich, dass das dort erwirtschaftete Geld hinten und vorn nicht reicht. Ich sollte dort mal den Steuerberater zum Blutdruckmessen dort vorbei schicken.

Es könnte aber auch sein, dass ganz wenige Ärzte im Nebenjob eine sehr große Anzahl solcher Zentren betreiben, während die allein standortbeständige Praxishilfe die Geschäftsführung übernommen hat. Aber das erklärt ja die offensichtliche Armut nicht. – Die Fragen bleiben …

Reerding oder Wir sind am kompostieren

Reerding soll eine neue Form der Bestattung sein. So geht es jedenfalls mit Werbeeffekt durch die Presse. Eigentlich geht es dabei um das kontrollierte Schnellkompostieren. Man kennt das aus dem Hinweis in der Bibel (1 Mose 18,27) entnehmen (Asche zu Asche, Staub zu Staub …).  Als man noch Ehrfurcht davor hatte, dass die Natur das eigentlich selbst macht, was jetzt in gepimpter Form in den Markt gedrückt werden soll, entnahm man derartige Hinweise meist aus der Bibel. Das Ergebnis des Reerdings ist jedenfalls naturnah und weitgehend umweltfreundlich, also voll im Zeitgeist. Dagegen ist die so beliebte Feuerbestattung zunächst einmal ein Fanal der ökologischen Verzweiflung, das 242 Kilogramm CO₂ pro Person in den Himmel oder sonst wo hin bläst.

Das extra geschöpfte Wording „Reerding“ schwappt ebenfalls im Zeitgeist umher. Es ist erdig deutsch und in der Verlaufsform (Gerundium) doch reines Englisch. Da lacht der englische Nativespeaker sich schlapp und der Deutschsprachlerin nimmt wohlwollend und bereichernd einen Hauch Internationalismus in sein endliches Leben auf.

Wenn dich der Tod wirklich interessiert, empfehle ich trotzdem: Bert Brecht: Es gibt viele Arten zu töten, aus: Me-ti. Buch der Wendungen …

 Corona im Griff

Wir erinnern uns an das Virus, das weltweit mit dem schnellen Tod Furore gemacht hat. Nach ein paar Jahren wurde es in die Reihe der üblichen Viren zurückgestuft, mit denen der Mensch gelernt hatte, irgendwie zurecht zu kommen. In der kollektiven Erinnerung hat die fundamentale Verletzlichkeit des Menschen als schwebende Drohung überdauert. Ich habe in der Zeit der Pandemie ohne Unterlass Essays produziert, die Details der Seuche fokussieren und hin und her wenden. Ich habe sie in meiner Sammlung „Coronagate – ein Virus geht viral“ verfügbar gemacht.

Ich möchte heute aber noch einen Schlusspunkt hinzufügen. In der Zeit der Pandemie gab es zunächst keine von den erforderlichen Masken. Ich habe zunächst nach einer Anleitung alte T-Shirts zurecht geschnitten. Dann gab es das eine oder andere Hobby-Schneiderlein, das seine Werke bundesweit vertrieb. Dann gab es die Affären um Krisengewinnler, die im internationalen Maskenhandel Millionen verdient haben. Vielfach gab es keine der besonders wirksamen FFP2 Masken zu kaufen, danach nur für viel Geld in der Apotheke. Schließlich gab es Masken sogar im Supermarkt. Erst als sie fast nicht mehr gebraucht wurden, waren sie erschwinglich. 

Heute – im Jahr 2024 – rächt sich die Einkaufspolitik der Supermärkte. Sie bieten heute noch in ihren schmuddeligen Ecken Masken zum Schnäppchenpreis an. Doch niemand muss mehr vorsorgen. Jeder Mensch hat an vielen Stellen  in der Wohnung noch reichlich Päckchen mit Masken liegen, direkt bei den Einmaltests, die aber wohl bald verfallen sein werden. Hier ein Foto von Heute: Kisten aus dem Supermarkt meiner Wahl voller Masken.

Zwischen Leben und Tod

Der Mangel an Parkplätzen in der Innenstadt hat viele Vorteile. Bei einem Spaziergang zu meinem eigentlichen Ziel habe ich heute wegweisende Aufnahmen gemacht.

Noch relativ frisch geduscht warte ich gerade auf eine Untersuchung …

Etwas später: Das Ergebnis ist hervorragend gut.

Ich schreibe das nur, weil das ganze Leben dazwischen stattfindet – ebenso wie in jedem Film, der  immer genau zwischen den Bildern abläuft …
[in memoriam Werner Nekes]

Wofür halten sie mich?

Damit ich nichts vergesse, habe ich einen Terminkalender. Da mischt sich gern die moderne Onlineplattform zur Terminvermittlung bei Ärzten namens Doctolib ein. Diese Plattform hat mir einmal einen günstigen Termin in einer weit entfernten Stadt besorgt, während sie die günstigen Termine in meiner Gegend mutmaßlich in dieser entfernten Stadt an den Patienten gebracht hat. Jedenfalls hält mich diese Plattform wohl für ziemlich dösig. Die Erinnerungen an den Termin per Mail nehmen kein Ende und ich lese zum x-ten mal auch, dass ich die Praxis in der ersten Etage auch gut mit dem Aufzug erreiche, wo ich parken kann und wie ich meinen Termin verlegen kann und vieles mehr. Würde ich derartige Erinnerungen und Hinweise in meinen Kalender einbauen, würde er mit mir an Erschöpfung zusammenbrechen.

Die freie Arztwahl wird bei Doctolib sehr stark beachtet. Meistens will man ja einen Termin und keinen  Arzt als Auswahlkriterium. Die Ärzte mögen einen noch so interessanten Lebenslauf haben, wenn ich keine Erfahrungen mit einem ganz bestimmten Arzt habe, die ich liebend gern erneuern  will, ist er nur ein unvermeidbares Anhängsel, um einen Termin zu buchen.

Einmal hatte ich in diesem System einen Termin bei Dr. Z. gebucht. Beim Einchecken in der Praxis hieß es dann, dass man gar nicht wisse, ob der Dr. Z. mich überhaupt behandeln würde, man werde das aber noch klären. Als Privatdozent wird ihm vom Personal offenbar lieber eine andere Arbeit zugeschoben. Ich habe dann an zwei unterschiedlichen Wartepositionen der geräumigen Praxis an diesem Text hier geschrieben und diverse Zeitschriften gelesen, die man so richtig anfassen konnte. Sie hatten bedauerlicherweise keine Umblätterhilfe. Dass man so etwas über Jahrhunderte ertragen hat, verstehe ich nur schwer. Dann wurde ich ausgezeichnet von Dr. Z. bedient. Ich habe es aber auch schon erlebt, dass der gebuchte unbekannte Arzt als Platzhalter im Onlinesystem fungierte. Es hat mir ohne Federlesen ein völlig anderer und ebenfalls unbekannter Arzt zur Gesundheit verholfen. Warum bestimmte Igelleistungen nicht von der Krankenkasse übernommen werden? Das fällt in den Zuständigkeitsbereich der Krankenkasse – hieß es – obwohl sich die Frage danach immer nur in der Arztpraxis stellt. Das ist alles etwas seltsam. Aber offenbar funktioniere ich gut im Gesundheitssystem. Ich bin so scheiße gutmütig, vor allem, wenn ich etwas krank bin.

Arzt und Apotheker sind nicht allein

Die Werbebranche lebt doch sehr agil, wenn es um die Werbung für Medikamente geht. Selbst frei verkäufliche Medikamente mit zweifelhafter Wirkung sollen wirksam in der öffentlichen Meinung ankommen. Deren Hersteller freuen sich nun, endlich einmal mit den Herstellern der ernsthaften Medizin auf Augenhöhe geadelt zu werden.  Das gilt auch für den Hersteller einen Mittels gegen Blähungen, dessen Werbung am Ende mit einem Furz eines Hundes aushallt. Danach kommt  ein grauer und äußerst schnell gelesener Warntext in Bild und Ton. Der Gesetzgeber will damit die Naivität aus den Werbeversprechungen herausnehmen und weist auf die Fachexperten hin.

Menschen aller Generationen kennen den Text: „… und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ auswendig. Die ganze Republik kann den Text fehlerlos und schnell nachsprechen.

Nun hat die Bundesregierung den Warntext aber geändert, weil an den Genderprofis vorbei die ganzen Jahre nicht aufgefallen ist, dass es auch Ärztinnen und Apothekerinnen gibt.

Wie bei allen wichtigen Reformen erscheint die neue Variante, die wir nun lesen und hören, aber auch nicht so ganz optimal zu sein. 

Neuerdings lautet der offizielle Warntext: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt oder fragen Sie in Ihrer Apotheke“.

Es bleibt nämlich unbeantwortet, ob man in der Apotheke nun den Apotheker oder die Apothekerin fragen soll oder gar noch jemanden anders, der da so `rumläuft. Die Apotheke selbst kann ja wohl hoffentlich erst dann sprechen, wenn ihr demnächst ein Anrufbeantwortungs- oder Kundenbedien-BOT implementiert worden ist.


Es ist schade, dass „der Deutsche“ im internationalen Vergleich den Ruf verdient, sehr fehlerhaft gründlich zu sein, auch wenn es sehr viel Zeit kostet.

Claude Ekel oder der Aufruhr der Aerosole

Immer wieder gibt es Berichte in den Medien, dass dem geöffneten Klodeckel beim Abspülen allergefährlichste Aerosole zu verdanken sind. Der Rat ist dann, stets den Deckel vor dem Abspülen zu schließen. Das behindert die Krankheitserreger, verhindert sie aber nicht. Wenn ich nun das Klo sauber verlassen will, öffne ich nach 15 Minuten, wenn sich der Aufruhr der Aerosole gelegt hat, den Deckel abermals, um mit der Klobüste nachzuarbeiten, wiederhole das Deckelprozedere und besetze oder verriegele den Toilettenraum für weitere 15 Minuten während die Bürste ungeschützt so vor sich hin sprenkelt.

Man beachte die zarte Klofußumpuschelung!

In der Theaterpause dürfte das nicht zu schaffen sein. Wir brauchen den gläsernen Klodeckel, der sich für eine bestimmte Zeit am Topf festsaugt und eine auf Knopfdruck selbsttätige Klobürste, die völlig unzugänglich arbeitet. Die Ingenieure vom Fach haben da wohl etwas verkackt.

Triage …

Triage ist ein Begriff aus der Katastrophenmedizin und beruht auf leidvollen Erfahrungen. Aus diesen Erfahrungen kann selbstverständlich für die Medizin außerhalb von Katastrophen das eine oder andere übernommen werden. Triage bezieht sich auf Situationen, in denen sehr viele Schwerverletzte in einer unübersichtlichen Situation nach einem Alarm auf Fachleute aus dem Gesundheitsbereich treffen, die keine helfende Infrastruktur vorfinden aber in der Not wenigstens mobile, aber immer noch unzureichende Hilfsmittel dabei haben, um trotzdem wirksam zu helfen. Sie haben also keine Rechtsnormen oder Verständigungen über Verfahrensweisen und sie müssen unmittelbar handeln. Dabei ist es meist so, dass man eben nicht allen gleichzeitig helfen kann und sich punktuell denen zuwendet, deren Verletzung unmittelbar behandelt werden muss und die nach einer ersten Einschätzung in der bestehenden Situation auch wirksam, meist lebensrettend geholfen werden kann. Auch medizinische Verfahrenstechniken und Hygienebedingungen sind dabei meist eingeschränkt. Man wendet sich dann mit medizinischer Absicht nicht denen zu, die mutmaßlich sehr schnell sterben werden. Die Situation ist also stets ethisch unbefriedigend und dennoch vom Ethos der Medizin getragen. Es ist naheliegend, dass in solchen Situationen die Rechtslage pragmatisch in den Hintergrund tritt. Gleichwohl bleibt die Frage bestehen, oder der eine oder andere Akteur in dieser und jener Situation nicht anders hätte handeln müssen. Eine Antwort dazu wird es aber nur selten geben, weil jeder Akteur mit seiner schnellen Einschätzung per se einen schmalen Blickwinkel hat und nicht über die Zeit verfügt, um weiter differenzierend zu gucken und dann auch zu handeln.

Der Bundesgerichtshof hat nun in einem Urteil feststellt, dass es einer Regelung des Gesetzgebers bedarf, um Behinderte davor zu schützen, in einem Triageverfahren aussortiert zu werden. Das gebietet das Grundgesetz. Das ist einerseits richtig so, verordnet aber der medizinischen Praxis in der Katastrophe Regelungen, die für die geordnete Bewältigung entwickelt worden sind, also beispielsweise eine Begutachtung einer Patienten unter 4 oder gar 6 Augen. Und damit verlässt der Schrecken der Triagepraxis die Katastrophe und zwingt alle Akteure in einen zeitfressenden bureaukratischen Ablauf, den es ja gerade zu vermeiden gilt.

Man merkt schnell, dass sich die Ungerechtigkeit in Situationen der Triage nicht vermeiden lässt. Deshalb sollten im Vorfeld einer Triage alle Vorkehrungen getroffen werden, dass sie erst gar nicht eintritt. Das sichert letzt sich auch die Rechtsstaatlichkeit. Man braucht also politische und administrative Regelungen im Vorfeld der Triage, deren Nichteinhaltung an unmittelbare Konsequenzen gebunden ist.