Ziemlich beschissen

Wechselrahmen

Jetzt wurde aus einer Kunstausstellung in England ein Objekt des Guggenheim-Museums, New York, nämlich eine massivgoldene und funktionsfähige Toilettenschüssel, geklaut.

Weil es ob seines Materialpreises verstört, ist so etwas tatsächlich Kunst. Und so gibt der Künstler standesgemäß sein Objekt in die Welt und hütet sich davor, dem Betrachter interpretatorisch etwas in die Schüssel zu legen. – Bravo!

Aber:
Mit so einem Objekt würde auch der untalentierteste Künstler sofort Weltgeltung erlangen. Die Nachbildung ist eine rein handwerkliche Aufgabe. 

Es bleibt die Frage, wie der italienische Künstler Maurizio Cattelan an das Gold gekommen ist. Ich will die Antwort aber gar nicht wissen.

Künstlerisch etwas wertvoller wäre es allerdings, wenn man die Keramik aus Kacke modellieren würde.

Ich sage das nur, weil meine Kunstinstallation [Wechselrahmen 47] immer wieder gegen jeden Verstand als Klo bezeichnet wurde: „Guck mal Darwin, da steht ’n Klo!“

Ich gebe aber gern zu, dass mir Klofußumpuschelungen am Herz liegen.

Zum Untergang des Brötchens

Brötchen aus der marokkanischen Wüste …

Dass früher alles besser war, trifft nicht zu, außer bei Brötchen! Früher hatte man so seinen Lieblingsbäcker der sich auf Brötchen verstand. Dann irgendwann musste man ihn wechseln, weil der Niedergang des Brötchens Fahrt aufnahm. Bei weich aufgeblasener Krume zerbrach die Kruste immer laut im Biss und hinterließ hässliche Blutspuren an den Mundwinkeln. Ich bin dann vorsichtig geworden, habe um mich herum einen Splitterschutz aufgebaut und zur Not auch manchmal auf der Straße gegessen, um dem wertvollen Teppichen die scharfkantigen Splitter zu ersparen.

Man sagt ja, dass mit dem Aufkommen der Backkonzerne mit deren branchenüblichen Halbfertigprodukten nach und nach auch die kleinen Bäckereien geflutet werden. Hinter der Handarbeit verstecken sich der Preisdruck und eben haufenweise Industrieprodukte. In der Praxis wird das gute Brötchen umdefiniert, weil die Erinnerung daran verblasst. Manchmal kann man zum Höchstpreis Spezialbrötchen kaufen, die etwas besser sind, aber den Normalverdiener vom Kauf abschrecken. Ich bin nun in einer Phase, in der ich bei jedem unbekannten Bäcker ohne nachzudenken Brötchen kaufe. Danach bin ich bisher immer stärker verletzt, innerlich und äußerlich. In der nächsten Phase werde ich die Brötchen dann selbst backen.

Meine Erinnerung geht zurück an die unmittelbare Nachwendezeit. Auf einer Radtour habe ich im Raum Dresden eine kleine Bäckerei gefunden. Die Brötchen waren klein und kompakt, aber auch schwer. Nach meinen damaligen Ansprüchen waren sie unansehnlich. Doch dann ging es um Mundgefühl und Geschmack: Ich habe nie zuvor und auch nicht danach Brötchen gegessen, die leckerer und besser waren. Zudem waren sie auch noch preiswert.

Ich sage das jetzt alles nur, weil ich gern das Bild eines Brötchens aus der marokkanischen Wüste zeigen will.

Die Grabredner

Aus sehr traurigem Anlass habe ich gestern auch eine Grabrednerin bei der Arbeit beobachtet. Solchen Menschen höre ich immer gut zu und habe auch stets eine Menge kritisch anzumerken. Ich behalte meine Anmerkungen aber rücksichtsvoll für mich. Im Grunde habe ich sehr viel Respekt vor solchen Grabrednern. Ich habe auch keine unterschiedlichen Anforderungen an konfessionell gebundene und freie Grabredner. Ich könnte so etwas gar nicht, obwohl ich das Reden vor Publikum stets angstfrei bewältige. Es gibt zwei Standardsituationen, die mich hemmungslos emotional und fast unfähig machen zu reden. Das sind Beerdigungen, die mich stets innerlich stark treffen und sehr viel Kraft kosten. Ich verstehe das alles irgendwie nicht und habe trotzdem die Erfahrung, dass das alltägliche Leben unbeeindruckt davon nicht einmal für eine kurze Zeit stehen bleibt. Als Ergebnis bleibt, dass jemand dauerhaft wie von Erdboden verschluckt ist und der Alltag einfach darüber hinweg geht. Die andere Standardsituation – das hier nur zur Vollständigkeit – sind spielende Kinder, die noch ohne weitgehende Prägung durch das Leben der Erwachsenen grenzenlos vertrauensvoll, selbstbewusst und zukunftsfroh vor sich hin spielen. Da bekomme ich immer feuchte Augen, also genau genommen immer in der Nähe zum Anfang und zum Ende des Lebens.

Nein, Grabredner wäre ich nur gern in einem Auftritt satirischer Zielrichtung, also in der professionellen Distanz zum Ereignis des Todes.

Dass mich gerade Grabreden beeindrucken, hat nicht nur mit meiner emotionalen Ausnahmesituation zu tun, sondern auch mit einem Jahre zurückliegenden Erlebnis bei der Beerdigung einer nahestehenden Person.

Nach langem hin und her hatte sich der Pfarrer der Gemeinde, der die Person bis drei Jahre vor ihrem Tod zugehörig war, bereit erklärt, das Begräbnis „zu machen“. Ich hatte dann diesbezüglich mit ihm ein Gespräch. Von der Person wusste er nichts und ich dachte, er könnte da etwas von mir erfahren. Aber er hatte eigentlich nur die Frage, ob die Person oft und gern verreist ist. Ja, das war wohl so. Am Tag der Beerdigung gab es eine universelle Textbausteinrede in dem nur für ein X der Name einzusetzen war. „X ist sehr gern und viel gereist, und das ist hier und heute die letzte Reise.“ 

Die Verbetriebswirtschaftlichung der Welt macht auch angesichts des Todes keine Verrenkungen, beeindruckt aber sehr.

Wenn ich also Grabredner höre und sehe, habe ich viel Respekt, sehe aber immer wieder diese elenden Textbausteine, die zudem oft als falsche Zitate eingekleidet werden: „Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: …“ und mutmaßlich aus der Trauerfachliteratur stammen.

Mein Leben wäre um einiges einfacher, wenn ich auch einfacher zufrieden zu stellen wäre. Die Algorithmen zur Vermessung der Welt spüren mir zwar nach, sollen aber auch zukünftig an Einzigartigkeiten scheitern. 

Um von Tradition zu reden zu können, dauert es meist länger

Aus dem Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen kommen in diesen Tagen Informationen, die den Autokorsos bei türkischen Hochzeiten eine kulturelle Deutung türkischer Lebenswelten hinzu fügen. Das ist – wenn ich es richtig verstehe – so ähnlich, wie mit dem mittlerweile abgeschafften öffentlichen Aufgebot bei Hochzeiten in Deutschland – das aller Welt zu verstehen geben sollte, dass Braut und Bräutigam jetzt einen besiegelten Neuanfang einer Beziehung ohne eben die materiellen und emotionalen Beziehungslasten der Vergangenheit starten. Wenn man die öffentliche Diskussion um diese Autokorsos wirklich auf dem Hintergrund einer Kultur deutet, dann erscheint das alles als eine öffentlich bewegende Inszenierung, die zumindest in den angewandten Mitteln die Tradition verlässt, gleichwohl aus der Tradition ihre Rechtfertigung bezieht. Ein eher dörflich überschaubares Spektakel mit Fußgängern aus der großen Verwandtschaft, vielleicht auch noch Reitern und regionaler Festkleidung wird zum Donutfahren über alle Spuren der Autobahn mit Pistolenschüssen in den Himmel: „Seht, Mustafa und Aische kriegen für einen unvergesslichen Tag alles vorgeführt, was wir haben!“, nämlich gepflegte Autos und die Bereitschaft, die Autobahn zu sperren und abschließend noch einmal alle Waffen zu präsentieren und eigentlich für jetzt und immer alles zu geben.
Dagegen steht die Entwicklung vieler Gesellschaft, die Ehe und Familie privat werden lässt, in Deutschland ebenso wie in der Türkei. An den Hochzeiten der Fremden in der Nachbarschaft besteht kein großes Interesse mehr. Man ist da lediglich tolerant. Wenn man an den Rechtsnormen vorbei eine Privatschau abzieht, die meistens auch noch strafrechtlich zu verfolgende Elemente enthält, dann darf man nicht mit Zuspruch rechnen, nicht einmal mit Toleranz.

Das Werkzeug Auto gibt es seit etwa 100 Jahren. Der Tatort Autobahn ist noch neueren Datums. Traditionen sind Autokorsos sicher nicht, schon gar nicht, wenn sie strafrechtlich oder ordnungsrechtlich sanktionierte Elemente beinhalten.
Dass auch nichttürkische Hochzeitsgesellschaften hupend durch die Straßen fahren, ist auch nicht zu tolerieren und genauso wenig mit einer wirklichen Tradition zu belegen. Vor allem kann ein Fehlverhalten nicht genutzt werden, die Gleichheit vor dem Gesetz der Art einzufordern, dass man eben selbst einfach mal rumhupt. Wir geben uns unsere Rechtsnormen im Gemeinwesen selbst. Das ist ein guter Grund, sich daran zu halten. Wer bestimmte Normen nicht mag, aus welchen Gründen auch immer, kann sich für eine Gesetzesänderung engagieren. Das ist so vorgesehen.
Ich warte jetzt auf den Beerdigungskorso und den Kindergeburtstagskorso und äußere schon mal vorsichtshalber mein Desinteresse.

„Haste n Schaden?“

Zwei kleine Kinder haben in einem Haus einen Schaden von mutmaßlich 15000€ angerichtet. Und schon zitieren alle Kommentatoren das Baustellenschild: „Eltern haften für ihre Kinder!“ – „Das weiß doch jeder!“

Dabei ist es nach deutschem Recht stets so, dass jeder Mensch nur für das haftet, was er selbst angestellt hat. Irgendeine Sippenhaftung spukt trotzdem seit ewigen Zeiten durch die Köpfe. Richtig daran ist nur, dass die Angehörigen meist betroffen sind und Verantwortung fühlen, wenn ein einzelnes Familienmitglied etwas angestellt hat. Man ist dann meist gemeinsam bemüht, den Schaden aus der Welt zu schaffen und dem Geschädigten die Sache wieder gut zu machen, bevor etwa ein Rechtsanwalt das Szenario betritt. Das ist auch gut so.

Rechtsstaatlich ist lediglich die Verletzung der Aufsichtspflicht ein Thema, denn sie ist strafbar (§ 171 StGB) und hat eventuell auch noch zivilrechtliche Konsequenzen. So eine Verletzung zu belegen ist häufig nicht sehr einfach. Mit zunehmendem Alter der Kinder werden Eltern und Kinder entwicklungsnotwendig öfter einmal auch getrennte Wege gehen. Es kann also in einem Fall unbeanstandet bleiben, wenn Kinder etwas anstellen und die Eltern nicht dabei sind.

Den zivilrechtliche Schaden eines anderen – wenn das Kind also etwas kaputt macht oder klaut – hat das Kind grundsätzlich selbst zu begleichen. Dazu muss es aber deliktfähig sein. Unter 7 Jahren ist das aber, gesetzlich geregelt, nicht der Fall. Über 7 Jahren kommt es auf die geistige Entwicklung des Kindes an. Im Einzelfall kann es dabei ebenfalls recht schwierig sein, eine Einsichtsfähigkeit und damit eine Deliktfähigkeit zu belegen. Sind die Kinder volljährig, dann sind sie im Prinzip auch deliktfähig. Aber auch davon kann es Ausnahmen geben, wenn der Verstand irgendwie getrübt ist. Auch das ist oft nur schwer zu belegen.

Wird aber eine Verletzung der Aufsichtspflicht in einem Gerichtsurteil festgestellt, dann kann sich daraus auch ein zivilrechtlicher Anspruch auf Schadensersatz ergeben, aber nicht dann, wenn der Schaden auch dann entstanden wäre, wenn die Eltern ihrer Aufsichtspflicht genügt hätten.
Wenn also die Eltern tatsächlich haften, dann jedenfalls niemals für ihre Kinder.

Wenn nun die kleinen Kinder auf den Porsche klettern, um einen Apfel zu pflücken, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass auch der Porscheeigentümer auf dem Schaden sitzen bleibt. – Es ist ja gut, dass der Gesetzgeber vor allem kindergerecht agiert und nicht jeden privaten Schaden auffängt.

Es gibt wohl Haftpflichtversicherungen, die außerhalb der Rechtslage kulanterweise zur Kundenpflege bis zu 5000€ zahlen, wenn die Kinder, die etwas anstellen, ausdrücklich deliktunfähig sind. Verständnis habe ich dafür nicht.

Ai Weiwei packt die Koffer

GermanEatArt

Als großer und sensibler Künstler unserer Zeit durfte Ai Weiwei irgendwann die Drangsal in seiner chinesischen Heimat verlassen. Das gilt wohl dauerhaft. Berlin war der Zufluchtsort seiner Wahl. Immerhin gilt Berlin ja auch nicht zufällig als Metropole der Entfaltung und des innovativen Geschmacks. Aber – wie das so ist – auch in Berlin ist nicht alles gut. Und sogar auch die Entfaltung hat Widersacher. Ai Weiwei stört sich daran nicht, sondern ausdrücklich an so etwas wie konkrete Taxifahrer mit fragwürdiger Weltanschauung und übergriffigem Argumentationsgehabe und einem dazu passenden Deutschland, das ihm tatsächlich nicht offen für Innovationen vorkommt. Von Taxifahrern der beschriebenen Art gibt es sicher eine Menge, auch in Berlin. Gleichwohl ist – dies nur als Beispiel – die Spekulation mit Wohnraum das weitaus größere Problem in Berlin, wenn man denn damit konfrontiert wird. In der Lebenswelt Ai Weiweis war es nun der eine und andere Taxifahrer. Um das Wesen der Deutschen zu ergründen hätte er sicherlich auch etwas mehr Zeit und einen gehörigen Blick in die Tiefe investieren müssen. Wenn Ai Weiwei nun ankündigt, den Ort zu wechseln, dann kann man nichts dagegen sagen. Wenn er allerdings den Beweggrund ohne Blick auf die Fülle urbanen Lebens von bestimmten Taxifahrern ableitet, dann klingt das aber etwas armselig und erscheint als Lösungsversuch am falschen Objekt.

Wer hypersensibel leidet und als Lösung den Ort wechselt, der kann das machen, verfehlt aber auf Dauer ein pragmatisches Glück. Da bin ich ziemlich sicher. Oder packst du auch die Koffer?

Ai Weiwei sagt ja: „Wer sein Ziel kennt, ist kein Flüchtling mehr.“ Er zeigt uns allen deutlich, dass er als ewiger Flüchtling agiert und nicht so ganz heimatfähig sein will. Es wäre schade, wenn es nicht doch ein Geschäftsmodell für herausragende Artisten ist.

| Zigarre verpasst |

Ich mag Geschenke!
Seit verdammt vielen Jahren werde ich nun beschenkt. Ich sehe im Rückblick eine Entwicklungslinie des Schenkens, von der ich mich aber immer weiter entferne.

Die Geschenke und auch die tragende Philosophie des Schenkens haben sich so sehr gewandelt, dass ich alte Geschenke und neuere Entwicklungen so sehr beklage, dass ich immer mehr aus der Zeit falle, ohne mir aber die Freude an Geschenken nehmen zu lassen.

In meiner Kindheit waren Geschenke bescheiden. Deren Hauptzweck war – sehen wir einmal von den Sonderfällen der Bestechung und der Versorgung mit überfälligen neuen Kleidungsstücken ab – dass der Schenkende an einer Verbindung weiter knüpft, die ihn mit dem Beschenkten verbindet. Dabei waren und sind Einfühlsamkeit und aber auch Selbstdarstellung gefragt. Denn es geht ja immer um zwei Menschen, die ein Geschenk verbindet. Das Risiko bleibt dabei, dass die Verbindung nicht immer gestärkt wird, nämlich dann, wenn das Geschenk nur einem oder gar keinem der Schenkungsbeteiligten gefällt. Man hat in zurückliegender Zeit dann einfach gesagt: „Ach, das gefällt mir, Danke!“,  und alles blieb vorübergehend in Ordnung. 

Mittlerweile gibt es ja Geschenke auf Bestellung, die man in freiheitlichen Zusammenhängen sogar noch aus einer vorbereiteten Liste aussuchen darf. Das ist dann industriell eingedampfte Einfühlsamkeit und die Selbstdarstellung des Schenkenden bleibt gänzlich auf der Strecke. Die Beziehung zwischen den Geschenkbeteiligten ist dabei jedenfalls unwichtiger als der Rahmen, den das Geschenk kosten darf. Ein selbstgeschriebenes Gedicht, das manchmal lebenslang beglücken kann, steht auf solchen Listen kaum. Man kann auch alles bequem über einen Geschenkladen – gern auch online – abwickeln, der auch Anteilsscheine an größeren Geschenken verkauft. Wer so reich ist, dass ihm die Annahme von Geschenken peinlich wäre, der leitet die in Finanzströme konvertierten Geschenke ohnehin auf das Konto eines Anbieters im globalen Altruismusgewerbe und hat sich das lästige Unboxing und folgende Unannehmlichkeiten erspart. Das mache ich alles nicht mit! Auch Origamigeldscheine habe ich bei aller Unberechenbarkeit nicht im Portefeuille.

In meiner Kindheit waren noch Geschenke gern gesehen, die für Kinder aus der Erwachsenenwelt entlehnt wurde und heute als bösartige Manipulation gedeutet würden. Ich erwähne nur nebenbei den funkensprühenden Panzer, der ab und zu mit seinen Ketten über meine Bettdecke fuhr, wenn ich krank war. Als Kind bekam ich nicht selten Schokoladenzigaretten geschenkt. Die Geschenkindustrie und die korrespondierenden Geschenkmoden haben zwar ihre Zielgruppen im Griff wie nie zuvor, aber eine segensreiche Wirkung von Kinderzigaretten zu inszenieren, war dann wohl doch zu teuer. Man hätte ja auch gleich die gesundheitspolitische Debatte um das Rauchen für Erwachsene ausrotten müssen, um Kinderzigaretten gewinnbringend verkaufen zu können. Und nun ist die Schokoladenkinderzigarette ersatzlos vom Markt verschwunden und die echte Zigarette folgt ihr mit zeitlichem Abstand sogar gehorsam und ohne Qualm zu hinterlassen.

Ich erzähle das nur, weil mir in Kindertagen meine Oma zu Weihnachten gar Schokoladenzigarren geschenkt hatte. Sie waren so täuschend echt rekonstruiert, dass sie von echten Zigarren in ihrem gediegenen Kistlein nicht zu unterscheiden waren. Ich merkte dann aber bald, dass sie gar nicht aus Schokolade waren. Ich habe mich vorschriftsmäßig bedankt und die heiße Ware schmerzlos an meinen Vater weitergegeben. Enttäuscht war ich nicht. Meine Oma hatte sich eben geirrt. Aber sie war insgesamt irgendwie lustig, beanspruchte meine Toleranz aber bis zum Äußersten, als sie mir an meinen Cowboyhut Federn des verstorbenen Kanarienvogels annähte, um mir eine Freude zu machen. Heutzutage betone ich meine Seelenverwandtschaft mit den Indianern …

Die Luft nach oben

Wenn es um den einigermaßen komplexen Umgang mit Geld geht, dann weiß ich nie so recht Bescheid und komme deshalb auf die verrücktesten Ideen.

Es gibt ja Emissionszertifikate, die geldwert gehandelt werden. Sie erlauben – kurz gesagt – einer dreckigen Firma einer eher sauberen Firma Zertifikate abzukaufen, die letztere nun nicht mehr benötigt, weil sie eben sauberer geworden ist. Zusammengerechnet sind dann beide Firmen sauber, lediglich die eine wird durch einen Geldtransfer entlastet, während die andere belastet wird.

Wenn ich mich jetzt mit einem Menschen zusammentue, der in einer dieser sparsamen Kulturen in der abgeschiedenen Einsamkeit lebt, wo der ökologische Fußabdruck so sehr hervorragend ist, dann haben wir ja beide gemeinsam eine tadellose Ökobilanz. Weil er kein Bankkonto hat, kann ich ihm leider nichts überweisen. Das ist ja vielleicht auch gut so, denn sonst fängt er möglicherweise ja auch noch das Fliegen an. Und er hat ja auch keine Zertifikate, die er mir als Gegenleistung überlassen könnte. Er war nämlich nie so dreckig, dass ihm solche Zertifikate nach dem Prinzip des Grandfathering(!) zugeteilt worden wären.

Ich bin jedenfalls fein raus. In unserer Ressourcenverbrauchsgemeinschaft habe ich verdammt viel Luft nach oben.

Ursula – on the way to Brussels

… on the way to Brussels …

In diesen Tagen wird das EU-Parlament vorgeführt. Die Spitzenkandidaten für die Wahl zum Europaparlament werden leichtfertig beiseite geschoben und die Regierungschefs der EU zaubern Ursula von der Leyen auf die Bühne. Aber die Zustimmung des Parlaments bleibt unsicher. Dabei ist das Parlament stark genug, sich durchzusetzen, wenn sie die vorgeschlagenen Kandidaten einfach nicht wählt.