Overdressed

Die Moralwächter der iranischen Religionspolitik betreiben auch für das Fernsehen ein hartes Geschäft. Wenn das Bild aus dem Ausland kommt, wird es erst mit einer Zeitverzögerung an das iranische Publikum weitergeleitet. Den Moralwächtern bleiben 30 Sekunden, den roten Knopf zu drücken, wenn das Bild im geltenden Kontext unmoralisch ist. Ob sie für ihren Job eine Zulage bekommen, weil sie immer wieder an der Unmoral schnuppern müssen und mutmaßlich Schäden nehmen, ist mir nicht bekannt. Mit demokratischem Anspruch ist es undenkbar, den erwachsenen Menschen lediglich mit einem Ausschnitt aus der Lebenswirklichkeit abzuspeisen und ab und zu stattdessen eine selbstgemachte Welt einzuspielen.

Bei der Auslosung des Spielplans für die Fußballweltmeisterschaft zeigt sich das ganze Dilemma: Nicht die Moralwächter, sondern die iranischen Fußballfans haben inständig gebeten, dass die Kleider der Frauen sich an den iranischen Vorschriften orientieren, damit sie die Auslosung im Fernsehen verfolgen können. Ihnen es geht es also eigentlich gar nicht um die Kleidung, sondern um einen weitestgehend filterfreien Medienkonsument. Und dann war es auch so. Man ist den Fans entgegen gekommen und hat damit die iranischen Bekleidungsvorschriften für Frauen etwas ins Internationale verlängert. Allerdings hat das nicht viel genützt. Das Kleid der Moderatorin war wohl doch noch zu sehr geschlitzt. Es gab stattdessen im iranischen Fernsehen ein Interview mit einem Fußballspieler. Ich glaube, die Moralwächter waren von Sinnen. Hoffentlich haben sie gute Therapeuten, damit sie sich mit passenden Hilfen noch etwas in diesem aufreibenden Job halten können.

Aus der sicheren Distanz unter halbwegs demokratischen Gesichtspunkten, habe ich ein großes Interesse an Frauen und Männern in grenzenlos individualisierter Kleidung.  Ich gehe sogar so weit, dass mir der nackte Mensch näher steht, als der zweifelhaft verhüllte Mensch. Ich möchte selbst eine Ahnung entwickeln, was geschmackvoll sein könnte, ohne damit eine verbindliche Norm entwickeln zu wollen. Für die Menschen im Iran ist es ohnehin vergeblich, selbst wenn sich alle Welt probeweise an vorbestimmten moralischen Normen orientiert.

Religion verordnet mitunter Brillen, die nur das Bild verdunkeln und das Sehfeld begrenzen. Erst die Menschenrechte erklären diese Brillen als überflüssig, weil sie menschenfeindlich sind.

Und nebenbei: Ich erkenne Frauen, die  „Brigitte“ regelmäßig lesen zweifelsfrei an ihrer Kleidung und denke oft, dass es ebenfalls ein Fehler wäre, wenn es eine „Norbert“ wirklich geben würde.

Rex Hoeneß

Der höchst selbstgerechte und fremdgerechte Egomane Hoeneß bastelt sich jetzt auch seine Resozialisation selbst zurecht.

Sein Steuerbetrug bis zum bitteren Ende zeugt von einem Menschen, der die Welt als einen Baukasten betreibt, der ihm jedes Heil für seine sensible Seele liefert. Es war kein Zufall, dass er bei der Wahl seines Nachfolgers als Präsident des FC Bayern lediglich die Bösartigkeit der Welt beklagte, die für ihn, dem entlarvten Verbrecher, nichts Gutes mehr übrig hat und ihn in seinen Grundfesten aus der Verankerung zu reissen droht. Der neue Präsident war ihm Nebensache. Selbst der Almosengeber Hoeneß erscheint plötzlich in einem neuen Licht als selbstgefälliger Regler, der die Gerechtigkeit in der Welt nicht braucht, weil er mit irgendwelchen Geldgeschenken dem einen oder anderen armen Teufel selbst aus der Patsche hilft und darüber berichten lässt.

Als dem als Bundestrainer designierte Daum im Jahr 2000 Kokaingebrauch nachgewiesen wurde, hat Hoeneß das mit dem allgemeinen Merksatz: „Kriminelle haben im Fußball nichts zu suchen“ kommentiert.

Jetzt will Hoeneß als weltbekannter Verbrecher selbst noch einmal gern so ein mächtiger Vereinspräsident werden, wie er es vordem schon einmal war. Es ist nun zu erwarten, dass er seinen Merksatz nun auch auf sich selbst anwendet oder doch zumindest erklärt, warum es ihm mittlerweile gleichgültig ist, ob da ein Krimineller den Fußball bespielen lässt. Man hört dazu nichts. Offenbar haben alle Resozialisationsversuche für Hoeneß bisher nicht viel gebracht. Seine verhängnisvolle Grundorientierung hat wohl doch unbeschadet überdauert.

Ohne Hoeneß ist die Welt sogar so weit, dass sie Kriminelle vom Fußball grundsätzlich eben nicht ausschließt. Andererseits ist die Welt aber nicht so blauäugig, dass sie den Kriminellen – mir nichts, dir nichts – auf den Posten durchwinken, der über allem angesiedelt ist und ein Höchstmaß an Verständnis für die Welt, für den anderen und auch für sich selbst erfordert. Und ein Resozialisationsprogramm wäre in einer Chefetage ohnehin nicht wirksam. Als Assistent des Zeugwarts wären die Bedingungen weitaus besser, sich auch für noch verantwortungsvollere Aufgaben zu empfehlen.

Erstaunlich ist nicht, dass Hoeneß so bleibt wie er war. Erstaunlich ist, dass die Idee verbreitet wird, die Tat und der Täter gingen getrennte Wege. Der Täter wäre also nach der Tat und der verbüßten Strafe in der Rolle eines unbeschriebenen Blattes. Das erinnert doch stark an den mittelalterlichen Ablasshandel. Dahinter verbirgt sich hoffentlich nicht eine Initiative der Trumpianer, die mit ihrem Geld die öffentliche Meinung pachten, um den entfesselten Egomanen zum unerreichbaren Vorbild zu stilisieren.

siehe auch

Die Wurst der Gerechtigkeit

Es wird erzählt, der pressebekannte Wurstfabrikant und Sportmanager Uli Hoeneß könne auch als Gutmensch punkten und damit das stark belastete Leben als Steuersünder sogar im anstehenden Strafverfahren ausgleichen.

Das widerspricht aber nun jeder Vernunft, denn dann könnte man ja zur Vorbereitung der fiesesten Sachen mal schnell eine Runde Würstchen unter das Volk werfen. Der rheinische Ablasshandel könnte zur Orientierung gedient haben, solche doch sehr unterschiedlichen Dinge gegenzurechnen. Er findet vornehmlich an Karneval Anwendung: Man begibt sich auf den Weg der Sünde, weil man sicher ist, mit ein paar Gebeten alles wieder aus der Welt schaffen zu können.
Auch rein rechnerisch betrachtet würde der Bonus der angeblichen Wohltaten von Herrn Hoeneß den Malus der Steuerschuld bei weitem nicht ausgleichen. Es bleibt ein Defizit.
Ich sehe eigentlich überhaupt keinen Gutmenschenbonus für Herrn Hoeneß. Es ist also gar nichts zu verrechnen. Die von ihm gestreuten Gelder von angeblich fünf Millionen Euro für Bittsteller, arme Teufel und kleine Sportprojekte, sind nämlich einer sehr bedenklichen Eigenschaft seiner Person geschuldet, die immer schon erkennbar war, aber von seinen Nutznießern gern unbeachtet blieb. Er hat sich im Laufe der Jahre ein Selbstbild nach Gutsherrenart konstruiert, in dem er sein Publikum mit Almosen zu Claqueuren machte. Er feiert mit ihnen sein selbstgewähltes Leben als Goldfinger. Die Almosen sind also nur eine Randerscheinung einer im Grunde armseligen Selbstinszenierung. Bei genauer Beobachtung ist schon lange klar, das er in seiner phantasierten Allmacht so eine Art „Lex Hoeneß“ für anwendbar hält. Er stilisiert sich gar zum besseren Finanzminister, der die Steueranteile seiner Gewinne viel besser anzulegen weiß. Wenn nun heute das NDR-Satiremagazin Extra3 schreibt: „Kein Vertrauen in die Justiz: Hoeneß regelt Bestrafung selbst.“, dann wird damit seine grundlegende Fehlorientierung auf den Punkt gebracht.
Dem armseligen Würstchen Hoeneß verbunden, steht da eine geschlossene Garde treuer Vasallen, die allesamt huldigend den Herrscher bevorzugen, als sich selbst auf den herrschaftsfreien Dialog der Subjekte zu begeben. Ok – sie huldigen immer hin einem vermeintlich „guten“ Herrscher. Wenn wir Hoeneß jetzt nicht bremsen würden, dann würde er der Welt wahrscheinlich auf der Überholspur an Ludwig II vorbei dem Schloß Neuschwanstein noch weltbewegende Verbesserungen und ungeahnte Erweiterrungen hinzufügen, die ihn für alle Zeiten fest in den Herzen verankern …
Es gibt, wie er selbst sagt, mehrere Uli Hoeneß. Ich hoffe sehr, dass jetzt auch davon alle vor Gericht stehen.
Was ich eigentlich sagen will: Wohltaten gibt es nicht per se und meistens auch nicht kostenfrei. Man muss sie in Kontexten deuten …