Hurensöhne

Der Fußballspieler „Schweini“ Schweinsteiger singt vor einer Kamera über Dortmunder Hurensöhne, entschuldigt sich dann aus dem Urlaub per Video dafür und die Dortmunder finden das ganz ok so und bieten Gesangsunterricht an —

Das erinnert doch stark an den rheinische Katholizismus: Man darf im Suff alles ungestraft machen, wenn man anschließend nur ordentlich beichtet und zur Strafe etwas von Helene Fischer singt.
Warum ist die Fankultur auch für Weltmeister in der Kreisklasse stecken geblieben?

Finaler Kick!

Dass die Weltmeistermannschaft bei ihrem finalen Auftritt am Brandenburger Tor Helene Fischer zum musikalischen Mittelpunkt ihrer Welt inszenieren lässt, mag ja noch als ein unbedeutendes Nebenprodukt des vieldiskutierten Teambuilding in der Abgeschiedenheit toleriert werden. Dass die Mannschaft im Shirt uniformiert auftritt, dann aber die Individualität der diversen Protagonisten über Beinkleider, Brillen und Mützen zur Show stellt, mag noch als fußballnahe Ästhetik gedeutet werden können. Dass und wie die Mannschaft aber die „Deutschen“ von den „Gauchos“ in einer Darbietung optisch und akustisch absetzen, erinnert jedoch allzu deutlich an die in der Interpretation umstrittene erste Strophe des Deutschlandliedes. Die Darbietung war dann doch zu sehr am rücksichtslosen nationalistischen Massengeschmack ausgerichtet. Mich erschreckt, dass so etwas anstandslos durch läuft.

 

1 Nachtrag:

Ich habe in den letzten Tagen an verschiedenen Stellen in den sozialen Netzwerken meine Verwunderung zum Ausdruck gebracht, dass der nationalistische Hype der WM-Trunkenheit die Stellungnahme scheut. Dass das Kollektiv der Nationalmannschaft in tumben Tänzen ihre Überlegenheit so zeigt, dass sie auch die unterlegenen Argentinier parodiert ist mir dabei nebensächlich, wenn auch beispielhaft dafür, dass der Fan das rücksichtslos gut zu finden hat. 

Interessant finde ich aber die Reaktionen auf meinen Text.

Überwiegend werde ich ganz am Text vorbei so gelesen, als würde ich den Spaß am Fußball nationalsozialistisch deuten und Verfehlungen im Freudentaumel bestrafen wollen. Es wuchern sogar Mutmaßungen über mein Seelenleben in der ideologischen Einsamkeit, meine fußballferne Bitternis und es gibt den Wunsch, ich möge der Meinungsbildung erspart bleiben. Kurz: Nahezu alle Kommentare orientieren sich an Mutmaßungen, die keinen Anker in meinem Text beanspruchen können und schweifen unter die Gürtellinie ab.
Alles in allem gewinne ich den Eindruck, dass das archaische Kulturverständnis von einem im Kampf überlegenen Protagonisten auf Deibel komm raus mental und kollektiv gestärkt und über den legitimen Ort des Sports hinaus verlängert wird. Die Fußballkultur hat sich so etabliert, dass sie notfalls sogar auf den Sport verzichten kann. Sie sucht Bündnisse mit einer Popkultur und zeigt die Tendenz, abweichende Kultursegmente grundsätzlich anzufeinden und dabei auf die Mittel des Kampfes zu setzen, die ja nie zimperlich ausgerichtet werden und die die Verständigung als unsportlich ausschließen.
Damit werde ich in meiner Ausgangsthese bestärkt, dass nationalistische Überhöhungen zum Massengeschmack werden und keinen Widerspruch dulden.
Dabei muss man sich den Widersprechenden als einen fröhlichen, zugewandten und kreativen Menschen vorstellen.
Die öffentlich rechtlichen Massenmedien sparen bisher in der Berichterstattung meistens den „Gaucho -Tanz“ aus. 

2 Nachtrag:

Ohne Gegner wäre der Fan hilflos. Deshalb sucht er einen. Dabei ist es letztlich gleichgültig, ob dieser überhaupt mitmachen will …

Das erinnert an einen kleinen Kampfhund, der „einfach nur spielen“ will …
Wenn man Angst auslösen will, dann sagt man: „Du brauchst keine Angst zu haben!“
Wenn man eine Debatte anheizen will, dann sagt man: „Hört auf, ich will davon nichts mehr hören!“
Weniger ist mehr!

Fiese Wanne

  • Bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien gibt es ständig üble Verletzungen, weil der lästige Gegner den Weg des Balls zum Tor verstellt. Lediglich der guten Körperverfassung der Spieler ist es zu verdanken, dass nicht alle als Sportinvaliden vom Platz getragen werden. Gleichwohl ist eine offenbar normierte Spielertrage ständig im Einsatz, die sehr stark an eine Wanne erinnert, die gut nach unten abdichtet und die mutmaßlich auch noch über einen Deckel verfügt. Beides zusammen wäre dann auch als Verpackung für ein irgendwie abgeschlossenes Leben denkbar.
    Das Teil liegt ästhetisch nahe an der Ekelschwelle. Aber wir wissen ja, dass der FIFA nichts zu fies ist.

Fußball mit Biss

Wenn ein Fußballspiel erst beim Biss des Gegners in irgendein Körperteil spannend wird, dann bedeutet das doch, dass die bestehenden Regeln des Fußballs sukzessive aus dem Spiel genommen worden sind, um die Regelhaftigkeit des Durchbeißens als neue Norm einzuführen.
Ich frage mich schon lange, ob taktische Fouls, das provozieren foulträchtiger Berührungen und schwalbenähnliche Flüge ohne Kontakt mit dem Gegner nicht dem Spiel mit dem Ball, sondern dem Spiel mit den Regeln dienen.
Gelbe und rote Karten haben das Potential zum Fußballspiel zurück zu finden.

SENSATIONen

Bei der Fußballweltmeisterschaft wird täglich über Sensationen berichtet. Das ist bei vielen Spielergebnissen so, aber auch bei gern einmal ausgewählten einzelnen Tritten gegen den Ball.
Nach meinem Verständnis ist die Sensation eine so seltene Ausnahme, dass sie in der Erinnerung lange überdauert.
Meine ‪Sensation‬ bleibt auf alle Fälle in Erinnerung: Als ich einmal in der gerade bezogenen Wohnung in der Nacht mit dem Pantoffel eine Motte jagte, dann aber die Deckenlampe traf, die mit perfekter Ballistik durch das offene Fenster flog und schließlich eine Etage tiefer vor der Haustür zerschellte – war das irgendwie höchst sensationell.

Über die Elfenbeiner

Ich sehe gerade die Mannschaft der Elfenbeinküste Fußball spielen.
Die Menschen von der Elfenbeinküste – oder heißt es: aus der Elfenbeinküste – werden erstaunlicherweise von irgendwie fachkundigen Sprechern als Ivorer bezeichnet. Nun ist Ivoire aber dass französische Wort für Elfenbein. Die Bezeichnung ist wohl ein Relikt aus Kolonialzeiten. Sollten die Menschen dann doch nicht besser in der deutschen Sprache Elfenbeiner genannt werden?

Politik als Fußballspiel

Es geht mir nicht aus dem Kopf und deshalb schreibe ich es auf.

Wir suchen ja stets danach, mit Vergleichen argumentieren zu können, damit man uns zuhört. Es ist immer spannend zu hören, ob so ein Vergleich auch hält oder hinkt. Und wenn die Aufmerksam flächendeckend sichergestellt werden soll, dann nutzten wir immer gern den Fußballsport.
Am Wahltag (22. September 2013) war es auch so. Zunächst sagte wohl der Bundeskanzlerkandidat der SPD, Herr Steinbrück, der Ball liege nun in der Spielhälfte von Frau Merkel, der Bundeskanzlerin. Deshalb müsse sie nun den nächsten Spielzug der Koalitionsverhandlungen einleiten. In unzähligen Interviews mit bisherigen Oppositionspolitiker tauchte der Fußball an diesem Tag in den Medien immer wieder auf, und mit unwesentlichen Abweichungen sagten alle das selbe. Bis Frau Schwesig kam! Sie ist im Kompetenzteam von Herrn Steinbrück. Sie bestand darauf, dass der Ball nun bei Frau Merkel „im Tor“ liegt … Da hat sie doch wohl ein Eigentor geschossen! – und belegt, dass sie jedenfalls in Fragen des Fußballs vom Expertenstatus sehr weit entfernt ist. Ich glaube nicht, dass die regierende Welt des Fußballs so etwas jemals verzeiht.

Et hät noch emmerjootjejange – doch der Fan an sich ist behandlungsbedürftig

Nun ist das Sportgeschäft schon lange nicht mehr der Händler mit den Trainingshosen. Der Sport ist selbst ein Geschäft und pflegt Produkte, die sich blendend vermarkten lassen. Wer hätte damals gedacht, dass allein der Fussball das Geld sprudeln läßt? Allein Bayern München machte 2011 einen Umsatz von über  321 Millionen Euro und der Jahresverdienst der Fussballer ist mehr als ein Inflationsausgleich. Lionel Messi erhält im Jahr 31 Millionen Euro, das sich aus Gehalt und Werbeeinnahmen zusammen setzt.

Der Fan spielt jedoch ebenfalls eine große Rolle im Marketing aller Ligen und Vereine. Er füllt die Stadien, füttert die Presse, futtert Würste, kauft Devotionalien, Bier und Bengalos, macht Stimmung und wird genutzt, das gewünschte Image des Vereins zu leben und zu bestätigen. Er ist eigentlich unbezahlbar, zahlt aber selbst noch drauf und die Bettwäsche in den richtigen Farben bekommt er zum Geburtstag. Er merkt nicht mehr, dass die „Raute im Herzen“ auch in Mönchengladbach kein empirischer  Befund ist.

So lange der Fan mitspielt, werden keine Sorgen markiert. An dieser Stelle wird es brenzlig: Wir erwischen immer wieder Fans, die dem strategisch vorgegebenen Wunsch-Image einen Bärendienst erweisen, weil sie sich partout nicht an die Regeln halten. Sie werden deshalb kategorisiert. Für die Polizei sind Fans der „Kategorie C“ die schlimmste Sorte. Sie erfüllen aber trotzdem ihren Zweck und füttern sogar die Presse mehr als uns lieb sein kann.

Nun ist der Fan – gleichgültig welcher Kategorie – von vornherein bereit, sich in die Situation einer sozialen Masse zu begeben, in der tendenziell die Individualität aufgegeben wird und in der das ganz große Gefühl der Gemeinsamkeit über Rituale und Symbole auf die Spitze getrieben wird. Es bedarf nur kleinster, auch zufälliger Impulse und die Restindividualität geht den Bach runter und es kommt zu kollektiven und unkalkulierbaren Grenzüberschreitungen und Stimmungswechseln. Wenn also Fans vor dem Ende des Spiels die Wiese stürmen und sogar auch den Elfmeterpunkt als Devotionalie in Sicherheit bringen — wie am 15. Mai 2012  beim Relegationsspiel zwischen den Fußballmannschaften aus Berlin und Düsseldorf — dann sieht man doch klar, dass hier der Verstand aussetzt und man zur Norm des Handelns lediglich das zur Verfügung hat, was die Masse gerade macht. Alles andere ist ausgeblendet. Das Massenverhalten ist archaisch geprägt und läuft einfach so ab.

Dem Einzelnen gegenüber, der sich in solchen Situationen befindet, ist es also ungerecht, ihn als dumm, blöd, egoistisch und als Totengräber des lustigen Fussballs und der Fankultur zu bezeichnen, wie es in der veröffentlichen Meinung dominierend ist. Es ist auch nicht sinnvoll, ihn individuell zur Rechenschaft zu ziehen, wenn er überhaupt nicht individuell gehandelt hat. Der Fan kann nicht anders!

Er kann allerdings vor den Ereignissen, an denen er als Fan üblicherweise beteiligt ist, darüber nachdenken, ob er sich Situationen aussetzen will, in denen seine Individualität in der Masse aufgeht und in denen er sein Steuerungsvermögen einbüßt. Wendet er sich nicht ab, könnten spitzfindige Juristen über seine Gefährdungshaftung für Massenphänomene nachdenken.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand über den Durst trinkt. Es ist allerdings bedenklich, wenn er nicht aus der Erfahrung lernt. In der Fankultur ist es nicht anders. Die Fans werden mit sehr vielen Annehmlichkeiten  bei der Stange gehalten und für das Wirtschaftsunternehmen Sport ausgenutzt. Und sie werden allein gelassen, wenn sie in Situationen in und vor dem Stadion so viel Individualität einbüßen müssen, dass es zu unvertretbaren Übergriffen kommt.

Dem leidenden Fan sollte vom Nutznießer des Fanwesens eine günstige Therapiemöglichkeit vermittelt werden. — Wat wells de maache?