Radikalismus als Entwicklungsstörung

Der Glaube an einen einzigen Gott, der zudem Inbegriff alle Guten ist, bringt es mit sich, dass einzelne Menschen sich ihm so nahe wähnen, dass sie ihn fast schon im sicheren Besitz zu haben glauben. Dann wandelt der Gott plötzlich seine Bedeutung und wird zur Ware. Er ist verfügbar und nicht mehr der unantastbare Garant einer heilen Welt. Die monotheistischen Religionen haben immer wieder große bis dominante Strömungen, das dialogisch-dialektische Verhältnis zu ihrem Gott auf die Erde zu holen, ihn in Institutionen zur Verwaltung des Glaubens als heißestes Eisen unterzubringen und dann in seinem Namen für ein Heil zu sorgen, das sich nach der Besitznahme als das Gegenteil, also als Unheil entpuppt. Insbesondere Menschen, deren Entwicklung noch nicht – oder immer noch nicht – abgeschlossen ist, suchen Antworten in einfachen Lösungen nach dem Modell der Rollenidentität und lassen sich, wie in der Kindheit von den Eltern, vorschreiben, wie die Welt zu deuten ist. Der auf der Erde vermarktet Gott ist ihnen sympathischer als ein Gott, der mit theologischer Annäherung immer bunter schillert und im positiven Sinn frag-würdig ist wie der eschatologische Vorbehalt, die allerletzten Dinge des Lebens und des Glaubens nicht wissen zu können. Eine prinzipiengeleitete und flexible Ich-Identität, die in modernen Gesellschaften grundsätzlich  überlebensnotwendig ist, steht für die Freunde der einfachen Lösung nicht an. Damit gäbe es für sie zeitgemäße Voraussetzungen, Friedfertigkeit in eigener Verantwortung und trotzdem kompatibel mit kollektiven Strömungen zu gestalten. Aber sie sind ja noch nicht so weit.

Die Krisen der monotheistischen Weltreligionen ähneln sich und sind irgendwie an die gesellschaftliche Entwicklung und die damit korrespondierende individuelle Entwicklung gebunden.

Mittelalterliche Gesellschaften, die die Rollen des Einzelnen vorgegeben haben, waren stets zufrieden mit denen, die folgsam ihre Rolle ausgefüllt und im Namen des Glaubens beispielsweise Hexen gejagt und verbrannt haben.

Mit der Entwicklung der Gesellschaft steigen aber nicht nur die Anforderungen und Möglichkeiten des Individuums, sondern auch die Anforderungen an und die Möglichkeiten von Institutionen, beispielsweise der Religionsgemeinschaften. Die Theologie entwickelt sich, Gott wird wieder in den Himmel verlegt und die außerreligiösen Vorgaben der Menschenrechte werden theologisch noch einmal neu bedacht. Die grundsätzlich Unwissbarkeit des Glaubens wirkt nicht als eine Verunsicherung, sondern als ein Ansporn. So haben die christlichen Konfessionen grundsätzlich den Weg in die moderne Gesellschaft bewältigt. Die Existenz evangelikaler Randgruppen mit der Bibel als Lehrbuch steht nicht dagegen, denn sie werden mit dem herrschenden Anspruch entwickelter Gesellschaften und mit ihren Menschen konfrontiert und kritisiert. In Europa war die Französische Revolution ein Ereignis, das trotz aller Wirren im Übergang die gut integrierte mittelalterliche Gesellschaft beendet hat.

Wenn nun heutzutage beklagt wird, der weltoffene und friedfertige Islam würde an vielen Stellen immer wieder mit einem vermarkteten Gott ins Feld geführt, um Ungläubige als Freiwild auszurotten, dann liegt das daran, dass es im Islam keine umfassende Institution des religiösen gibt und unter den Schulen und Richtungen des Islam auch solche zu finden sind, und sich unter günstigen Bedingungen an bestimmten Orten entwickeln können, die einfache Antworten auf einfache Fragen geben. Im globalen Zusammenhang treten sie erst mit den globalisierten Medien und der globalisierten Mobilität in Erscheinung. Das entsprechende Islamverständnis ist nicht nur viel einfacher, als ohne erkennbares Ende, sich über Gott und die Welt in Diskurse zu begeben. Es ist zudem höchste wirksam für einen Adressatenkreis in einem dann bestimmten gesellschaftlichen Kontext. Dort, wo die Gesellschaft noch nach dem Muster der Rollenidentität funktioniert und es deshalb keinen kollektiven Anreiz gibt, sich individuell weiter zu entwickeln, werden Topoi wie 72 Jungfrauen, Kampf gegen Ungläubige und ein korrespondierendes Elitedenken unmittelbar aufgenommen. Diese Reaktion entspricht der Reaktion des (noch in der Entwicklung befindlichen) Kindes auf die Vorgaben des Vaters, bis sich der Entwicklungsschub zum Erwachsensein im Widerspruch zum Vater ankündigt.

Wenn nun irgendwelche Kämpfer des Islam mit festem Rezeptbuch den Terror und die Unsicherheit in der Welt verbreiten, dann sind sie entwicklungslogisch Erwachsene in einer mittelalterlichen Gesellschaft, die einen Ausflug in die Neuzeit machen, oder aber Kinder in der heutigen Zeit, die noch ihrem als unverdächtig ausgetauschten neuen Vater folgen. Ihnen wurde also – warum auch immer – eine Entwicklung versagt, die aus der Kindheit oder dem Regelwerk der mittelalterlichen Gesellschaft hinaus führt. Wir haben es also mit einem Entwicklungsproblem zu tun, in dem die Entwicklung des Kollektiven (Gesellschaft) mit der Entwicklung des Individuellen (Individuum) verschränkt ist.

Auch wenn man sich nach alten Zeiten zurück sehnt: Entwicklung ist nicht umkehrbar. Wir können zwar Relikte mittelalterlicher Gesellschaften aufsuchen, verlieren damit aber die Werkzeuge, erwachsen zu werden und uns in der real existierenden Welt zurechtzufinden. Man kann aber so tun als ob, zum Beispiel in einer Familie, in der der Vater auch für die erwachsenen Kinder die entscheidenden Regeln ausgibt.

Es gilt in jedem Fall hilfreich, Entwicklungsverzögerungen fördernd zu ihnen zu begegnen. Kollektiv gelingt das nur, wenn der Geist der Menschenrechte und die Freude an der Vielfalt auch in gesellschaftlich abgehängten Lebensbereichen weht. Das gilt für elterndominierte Familien, verregelte Schulen, Subkulturen mit Gewinnermaxime, und für Kinder, die minimierte Chancen habe, eine gelungene Entwicklung als flexible und prinzipiengeleitete Ich-Identität zu erreichen.

Wer die Krise zum Erwachsenwerden nicht hinkriege, für den bleibt es allerdings weiterhin reizvoll, am zunächst unverdächtigen Ort das zu praktizieren, was er zuvor in der Familie gelernt hat. Er kann allerdings zu Bombe werden, weil er sich in eine Art mittelalterliche Enklave begibt, in der er erstmalig als „Erwachsener“ auftreten darf, ohne seine kindlichen Ansprüche zu verlieren.

Bitte Leute, freut euch, wenn euch die Kinder irgendwann widersprechen, sie sind auf dem richtigen Weg.

Wenn man nun hört, dass die Türkei den Politiker Erdoğan zum Vater hat, der unbegrenzte Macht beansprucht und nicht hinterfragt werden darf, und die Religion des Islam vor allem in ländlichen Bereichen und bei wenig gebildeten Leuten politisch gleichgeschaltet und auf den Vater ausgerichtet ist, dann sehen wir auch in diesem Zusammenhang, dass es läuft, wie beschrieben.

Es fällt nicht schwer, den oben skizzierten Erklärungsansatz auch auf dieses Phänomen anzuwenden. Die Symptome sind unübersehbar und drängen sich auf: Die Ausschaltung der Opposition, die Aushebelung von Rechtsstaatlichkeit, die Instrumentalisierung des staatlich verwalteten Islam zur Spitzeltätigkeit im Ausland, eine unbegründete Terroristenjagd nebst Terroristenangst, die grenzenlose Diffamierung unerreichbarer Widersacher außerhalb des unmittelbaren Erreichbarkeit.


Nachschrift:
Man vergisst es schnell. Die ersten mittelalterlichen Gesellschaften auf dem Reißbrett der jüngeren Zeit, waren meist christlich aufgemachte Bewegungen in den 70er Jahren, die dann als „Jungendreligionen“ mit ihrer destruktiven Wirkung Schlagzeilen machten. Sie haben die Entwicklungskrise Jugendlicher betriebswirtschaftlich aufgesetzt, Geld gemacht und Leid erzeugt. Ich habe damals zu diesem Thema lange geforscht. Der obige Text, ist eine Anwendung meiner damaligen Arbeitsergebnisse auf den Terrorismus im Namen Allahs. Ich habe es bewusst kurz und oberflächlich gehalten. Wer mehr dazu lesen will, dem empfehle ich die Projektpublikation des Pädagogischen Instituts Düsseldorf die ich, weil vergriffen, gerade als e-book auferstehen lasse. Band 1 (von 4) ist bereits online.

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