Namen als Nichtalleinstellungsmerkmal

Namen sind heutzutage hauptsächlich schöner Schall. Wenn der Name auch noch bedeutungsfrei ist, ist es noch besser: Namen erzeugen Aufmerksamkeit und lassen sich individuell mit Bedeutung füllen. Manchmal wird sogar im Zeitgeist eine Bedeutung abgeschnitten, um bestimmten Bedeutungsbesetzungen auszuweichen.

Damals war das anders. Man begnügte sich mit weitaus weniger Namen, verwendete sie in jeder Generation wieder neu. Als ein verwitweter Großonkel mit seiner ebenfalls verwitweten Schwägerin in der Not zusammenzog, war dort immer von „minnem Heini“ und „dinnem Heini“ die Rede, um die vereinte Kinderschar zu differenzieren. Man verband Vornamen aber auch gern bewusst mit einem mutmaßlich Heiligen der dann zeitlebens über dem Namensinhaber schwebte. Das Großstadtleben ermöglichte die ersten Nischen, davon abzuweichen.

Ich sollte ja nach einem Urgroßonkel, der am Rand der Weltgeschichte wohl hervorragend in Erscheinung getreten ist, Robert heißen. Meine Mutter mochte den Namen aber nicht und nutzte den Kompromiss, auf den ähnlich klingenden Namen Norbert auszuweichen. Deshalb blieb mir zum Glück Detlev erspart und ich wusste auch bald, was Kompromisse sind. Ich war in eine bis heute merkwürdige Verbindung mit dem historischen Bischof von Xanten hinein geboren. Xanten ist ja auch nicht weit weg. Und so trage ich bis heute dies als Folklore mit. Im Xantener Dom habe ich keine Privilegien. Ich nutze aber mein Leben gern für das eine und andere selbstbestimmte und bedeutungsstarke Pseudonym.

Als Norbert bin in guter Gesellschaft. Es gibt sehr viele Norberts in meinem Alter. Offenbar war der Zeitgeist immer schon mächtig, aber früher doch eher verdeckt auf verschlungene Pfade angewiesen.

Jedenfalls heißt ein guter Freund aus Kindertagen ebenso. Es ist trotz vieler Eigentümlichkeiten wie bei Zwillingen: Die Norberts sind doch irgendwie alle gleich auffällig. Ich kann das aber nicht bestätigen. Wir teilen den Nam’stag, der ohne die Namensgleichheit längst in Vergessenheit geraten wäre. Dabei war der Namenstag einmal bedeutungsvoller als der Geburtstag, jedenfalls in katholisch geprägten Gegenden. Auf Kalendern waren geläufige Namenstage vermerkt.

Norbert und ich gratulieren uns immer am 6. Juni und lachen uns kaputt in einer weitgehend verständnislosen Welt.

Namenstagsgeschenk? – Da sagst du was!

Integration in schwierigem Gelände …

Die Türken haben mit dem Ja nicht für die Verfassungsreform gestimmt und – wie es so aussieht – auch nicht für Erdoğan, sondern gegen Deutschland, das sie systematisch vernachlässigt.

Man möchte differenzieren und wird dann doch wieder derart grobschlächtig pauschal.
Wie ist das denn nun mit der Integration im allgemeinen und mit den Türken im besonderen?


In Deutschland gibt es ein gefälliges Schweigen über die Integration, so als habe man sich bereits vor der Ankunft fremder Menschen einstimmig darauf geeinigt, was das sein soll. Wenn die Fremden nicht mehr als solche zu hören und zu sehen sind -so sagt es gern der befragte Bürger – dann ist die Integration wohl gelungen. Aber dem liegt die erzkonservative Phantasie zugrunde, die Integration sei allein eine engagierte Anpassungsleistung des Fremden. Der Deutsche sagt nur, wie er es denn gern hätte. Wenn du so bleiben willst, wie du bist, dann kannst du das als eine gute Sache deuten. Aber wie schrecklich würde es ausgehen, wenn dein Nachbar sich von dir gar nicht mehr unterscheidet? Ihr würdet nicht einmal mehr miteinander reden brauchen, sondern würdet zum selben Bier Jahr für Jahr die selben alten Lieder gemeinsam singen. Eigentlich sind wir partiell ja auch schon viel weiter: Im direkten Kontakt mit dem Fremden erfahren beide Seiten abweichende Sichten auf die Welt, neue Möglichkeiten des Handelns und viel Respekt. Und die Vielfalt wird als Gewinn gedeutet. Es wäre ein Verlust, wenn der Fremde nur als Schützenkönig zeigen kann, wie verdammt gut er integriert ist.


Bei den Türken ist das nicht anders. Es gibt aber Besonderheiten, die dem zugereisten Türken schnell vermitteln, er würde in einer exterritorialen Provinz seines Herkunftslandes leben. Es gibt, über die Jahre gewachsen, größere Familien und Verwandtschaftsbeziehungen in denen sich der Kontakt nach außen auf wenige Personen delegieren lässt. Es gibt Infrastrukturen, die oft flächendeckend den Konsum, die Religionsausübung, die Politik, die Kultur und die Folklore ohne einen erkennbaren Integrationsanspruch und in türkischer Sprache ermöglichen. Die Elemente dieser Infrastruktur holen den Glanz des großtürkischen Reichs zurück und folgen damit auch der für Weltbürger höchst gewöhnungsbedürftigen Überbetonung alles Türkischen. Das hat eine Tradition, die Atatürk über die Zeit sogar mit Erdoğan verbindet. In einem Fahnenmeer verzehrt sich eine großsolidarische Türkischtümelei, die bereits vor Jahren von Erdoğan in seinen exterritorialen Wahlkampftreden bedient wurde: Alle sollen fleißig Anpassungen im fremden Land leisten, und dabei nie vergessen, dass sie das alles nur für die Türkei tun. Erdoğans Erwartungen an die Gesellschaft und an den Einzelnen Fällen zusammen. Eine Diversität ist nicht vorgesehen. So kommod lässt sich Leben, wenn man sich als Fremder so erzkonservativ einrichtet, wie es dem beliebtesten deutschen Integrationsverständnis entspricht, obwohl man es sich ja eigentlich als Fremder nicht leisten kann. Die weitgehende Abkapselung türkischer Lebenswelten macht das aber möglich. Es ist also ein Missverständnis, wenn auf diese Art und Weise die Fremden zu Einheimischen der exterritorialen Extraklasse werden. Größere Institutionen in der türkischen Community tun aber alles dafür, die Idee der türkischen Provinz in Deutschland zu füttern und haben Zuspruch damit. Das alles wird über die grenzenlos zusammengewachsene Medienwelt zusätzlich unterstützt. Kein Fremder muss deutsche Nachrichten hören, sehen oder lesen, wenn er Türke ist. In Deutschland wird türkischer Wahlkampf betrieben und niemandem fällt auf, dass die Souveränität eines Landes an dessen Grenzen endet. Es wird in einem stark laizistisch ausgerichteten Land, die in der Türkei dominante Religion über eine spezifische türkische Staatsbehörde so ausgebaut, dass den Menschen in der Auslandsprovinz jederzeit gesagt werden kann, was für sie gut sein soll und er wird sogar bespitzelt.


Im Alltag und an der Nahtstelle zum deutschen Leben gibt es allerdings zahlreiche Verwerfungen, die sich mit den Mitteln der türkischen Community kaum verstehen, geschweige denn bewältigen lassen. Wenn es um die unvermeidlichen Kontakte zu deutschen Institutionen geht, dann muss der Enkel oft dem Arzt die Symptome der Großmutter schildern, bevölkern Großfamilien Krankenhauszimmer, fordern zahlreiche türkische Institutionen im Schulterschluss mit ihrem Klientel, eine Möbelkette zu boykottieren, weil sie Fußmatten mit dem Symbol einer Moschee anbietet. Es werden auf Wunsch türkischer Institutionen mit dem Ziel der Integration Erwachsenenbildungsveranstaltungen mit deutschen Integrationsmitteln gefördert, in denen schließlich bei aller propagierte Offenheit Türken unter sich sind. Und bleiben. List man allein die Webseiten aus den in Deutschland tätigen türkischen Communitys, liest man kaum etwas auf Deutsch und die Phalanx der Vorsitzenden ist wichtiger als der Inhalt. Alle Ziele sind beanstandungslos, Belege über die Verwirklichung sind dürftig. Dazu gibt es unzählige weitere Beispiele.


Die Toleranz, die Freiheitsrechte nach sich ziehen, schwappt bisweilen in die Gleichgültigkeit, in der solch fragwürdige Entwicklungen von und in Konkurrenzgesellschaften gern übersehen werden. Man guckt hin und fragt erst, wenn es unübersehbar ist. Es wäre hilfreich, so etwas zeitiger zum Thema zu machen.


Nun ist es so, dass es sehr viele Menschen aus der Türkei gibt, die hier so heimisch geworden sind, dass sie sich vorrangig und autonom außerhalb türkischer Lebenswelten orientieren. Selbst wenn sich an türkischen Operettenabstimmungen teilnehmen können, entscheiden sie sich gern mit demokratischen Anspruch dagegen. Sie sind unter den ca. 50% derer zu finden, die – aus welchen anderen Gründen auch immer – nicht gewählt haben.
Das selbst gemachte Problem mit der Volksabstimmung in der Türkei auf der deutschen Seite besteht wohl darin, dass es überhaupt zwei konkurrierende Integrationswege bei beiderseits defizitärem Integrationsverständnis gibt. In solchen Situationen der Konkurrenz neigt man dazu, die Konfliktlinien zum eigenen Wohl zu verschieben und einen Schuldigen zu suchen. Der Fremde war immer schon Schuld und für den Fremden selbst bleibt nur der Einheimische, der ihn ständig zurück weist.


Es ist klar, dass man dann auch einmal gern eine totalitäre Verfassungsstruktur in der Türkei wählt, um die als abweisend eingeschätzten Deutschen zu treffen. Man nutzt mangels Alternativen ein falsches Objekt und eine fragwürdige Hypothese für ein richtiges Ziel.


Im Alltag versteht das niemand mehr … Es hilft also nur noch das Reden und ich bin sicher, dass sich immer ein guter Gesprächspartner findet.

Siehe auch

 

DITIB: Wenn ein Staat Religion an den Mann bringt und exportiert

Im Grunde seit Martin Luthers Sicht auf die Welt oder doch wenigstens seit der Französischen Revolution ist es eine Errungenschaft, den Staat ohne ein kompatibles Religionsverständnis zu betreiben. Die Trennung von Staat und Kirche ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden. Das heißt, dass die Religionsausübung in Rahmen weltlichen Rechts zu erfolgen hat und dass sich der Staat für seine Zwecke nicht in die Religionsausübung eingreifen darf.

Dieses Verhältnis hat sich allgemein bewährt, wenn es auch weiterhin Streitereien über tradierte Besitzstände der Kirchen gibt.
Dem Religionsverständnis des Islam ist das überwiegend fremd und damit wechselwirkend fremd in Staaten, die hauptsächlich islamisch geprägt sind. Die Religion des Islam hat selbstverständlich eine derart weltlich Seite, dass sie nicht nur sagt, was gut und richtig oder aber verboten ist, sie trachtet danach, Wirkregeln mit Gesetzeskraft vorzugeben. Es gibt also ein islamisches Recht, das aus Offenbarungen und nicht aus dem Willen des Volkes abgeleitet ist und das sich das Volk mit Hilfe der Religion zu eigen machen soll. Diese Scharia unterliegt in der Praxis unterschiedlichen Deutungen und hat vor allem dann eine konkurrierende Wirkung zum staatlichen Recht, wenn irgendwo die Bindung an ein bestimmtes Islamverständnis absolute Bedeutung zugesprochen wird.
Das neuzeitliche Demokratieverständnis, das auf den Freiheitsrechten basiert, ist mit dem organisierten Islam nur selten vereinbar. Es ist freilich nicht auszuschließen, dass sich unabhängige Moslems in Gemeinden innerhalb der staatlichen Rechtsordnung zufrieden zusammenfinden. Allzu häufig ist das aber nicht der Fall, wie die ins Gerede gekommenen salafistischen Gemeinden zeigen.
Nun war es lange Zeit so, dass die 3,5 Millionen Türken in Deutschland in der Religionsausübung keine allgemeine öffentliche Aufmerksamkeit fanden. Die Idee zentraler Moscheen entwickelte sich spät und zunächst auch langsam. Das änderte sich, als die türkische Regierung ein Religionsministerium einrichtete und später mit der Regierung Erdogan, Politik über dieses Ministerium betrieb und dazu die Religion staatsdienlich instrumentalisierte. In Deutschland wurden die Tendenzen, Politik über Moscheen und deren Imame zu betreiben eher folkloristisch oder als Spielart einer respektablen Weltreligion betrachtet. Dabei ist seit vielen Jahren klar, dass die in Deutschland vom türkischen Staat betriebenen DITIB-Moscheen, vorrangig für den türkischen Staat arbeiten, der auch die Imame anstellt und den Islam selbst für seine Zwecke spezifiziert. Alternativen dazu gibt es in Deutschland kaum. Freigläubigen und eigenwilligen Türken wird das Leben schwer gemacht. Der Deutsche Staat bekommt das nur mit, wenn entsprechende Attacken in strafbaren Übergriffen enden.
Dass nun deutsche Lehrer von der DITIB bespitzelt werden verwundert nicht. Wahrscheinlich gibt es das als Eigenleistung dieser Gemeinden schon lange.
Dass die DITIB auch als wichtiger Kooperationspartner deutscher Ministerien arbeitet, um einen Islamunterricht in deutschen Schulen zu etablieren, war bisher darin begründet, dass die DITIB im Vergleich die überwiegende Anzahl moslemischer Gläubiger hinter sich hat. Nicht im Blick war bisher das staatlich reglementierte Religionsverständnis, das sich weder mit einem diskursiven Islamverständnis noch mit einer demokratischen Daseinsgestaltung verträgt.
Was und wie jemand glaubt, das hat den Staat in seinem Selbstverständnis nicht zu interessieren. Wenn – wie im Fall der DITIB – allerdings geltendes Recht unterlaufen wird und heilige Bücher so gedeutet werden, dass die türkische Regierung per se im Recht ist, dann ist es Zeit, auch einmal die Verfassungsfrage zu stellen. Offenbar etabliert sich hier unter der Religionsfreiheit eine Wahrheitsorganisation, die fremden Mächten dient und in die demokratisch verfasste Gesellschaftsordnung hineinregnet.
Herr Erdogan hat ja schon oft seinen Wahlkampf nach Deutschland getragen und Wohlverhalten für die türkische Sache und den Himmel eingefordert. Jetzt verankert er sein Standbein in Deutschland.

Bei alldem ist es wohl erforderlich, der DITIB die Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland zu untersagen. Sie ist als staatliche türkische Einrichtung nämlich nicht selbständig reformierbar. Die Bildung unabhängiger Glaubensgemeinschaften als ein Ersatz wäre dagegen zu fördern.

Wohin mit den jungen Männern aus Nordafrika, die ihr Glück auf Kosten anderer suchen oder sich direkt für Allah den Weg frei schießen?

Es ist grotesk! –

In Tunesien gibt es in diesen Tagen auf den Straßen starke Proteste der Bevölkerung gegen Terroristen und andere Gewalttäter, die nach Einsätzen bei diesem IS oder nach kriminellen Geschäften in Europa in das Land selbständig oder eben über Abschiebungen zurückströmen. Es wird von den Protestierenden verlangt, dass sie nicht mehr das Land ihrer Zugehörigkeit zurückgelassen werden.
Diese Proteste sollte man ernst nehmen. In Europa meint man ja bisher, die Länder im nördlichen Afrika würden die zögerliche Rücknahme im Rahmen der Abschiebung in einer arroganter Ausformung ihrer Autonomie verweigern. Offenbar ist es aber so, dass dort ein Reimport tausender Täter mit schlechter Sozialisationsprognose und der Zuwachs an Gewalt und Rücksichtslosigkeit vom Staat kaum bewältigt werden kann. Es reichen nicht einmal die Gefängnisse aus.
Da bleibt kurzfristig nur der Abschiebenstop und die widersinnige Idee, den „Islamischen Staat“ anzuerkennen und ihn dann als „sicheren Drittstaat“ zu markieren, um die Abschiebungen in eine neue, erfolgversprechende Richtung zu lenken.
Ernsthaft gedacht, ist es also erforderlich, nicht nur mit den betroffenen Staaten über die reibungslose Aufnahme ihrer Staatsbürger zu verhandeln, sondern mit weltpolitischer Perspektive auch noch Hilfsmittel bereit zu stellen, um mit dem betroffenen Klientel bei alledem sozialverträglich und gerecht umzugehen.

Der Nikolaus – abseits ausgetretener Pfade

Der Nikolaus ist die Personifizierung des guten Menschen.

Das ist seit langem so, besonders in den Niederlanden.

Nun wird er dort aber begleitete vom „zwarte Piet“, dessen Charakter und Aussehen nicht so ganz makellos sein sollen. Es hat sich eingebürgert, dass er dem Nikolaus assistiert und das eigene Bedürfnis, seinen Auftritt etwas unberechenbar zu gestalten, nicht so sehr auslebt. Er ist so wie der gefährliche Hund, der nur seinem Herrchen ergeben ist. Zu Recht gilt der „zwarte Piet“ als Kind des Kolonialismus. Das, was nicht so ganz ins Bild passte, hat man damals gern den Kolonialländern zugeschrieben und es ist bis heute dabei geblieben. Es war, wie vieles in dieser Zeit, kräftige Schwarzweißmalerei. Geblieben ist davon die Tradition, die die Anmutung einer unmittelbare rassistische Schau verloren hat. In anderen Gegenden wechselt die Begleitfigur die Hautfarbe, aber kaum den Charakter. Der bayrische Krampus ist noch weitaus furchteinflößender und entstammt wahrscheinlich auch einer problematischen Randgruppe. Dass in Büchern, Opern und anderen Kulturgütern es nur so von Mohren mit zweifelhaften Rollen wimmelt, hat bisher kaum Kritik an einem eventuell überdauernden Rassismus hervorgebracht. Beim „zwarte Piet“ ist das anders. In den Niederlanden formieren sich seit ein paar Jahren Initiativen zur Ausrottung des rassistischen Beiwerks.

Weil ja Traditionen kein Selbstzweck sind und so durch die Jahrhunderte schlittern sollen, ist es durchaus erlaubt, dem Nikolaus, der unbeweglich gekleidet ist und zudem viel zu tragen hat, auch einmal andere Hilfsmöglichkeiten zukommen zu lassen. Es muss ja nicht gleich ein mit Rentierbasteleien verzierter Gabelstapler sein. Es tut auch ein kräftiger Engel oder mehrere zarte. Die Geschenke selbst unterliegen dem Wandel der Zeit. Der Nikolaus kommt mit vielen Änderungen auch gut zurecht. Der „zwarte Piet“ spricht privat schon lange mit der „groene Antje“. Da bahnt sich was an. Das wäre viel besser, als den dummen und willfährig kapitalistischen Weihnachtsmann gegen den Nikolaus auszuspielen oder irgendetwas auszurotten, weil man den Weg der Entwicklung nicht sieht.

Es ist auch vollkommen überflüssig, den Nikolaus als einen hinter einem Kunstbart versteckten Darsteller ins Gefecht zu schicken. Wenn es einmal kein Darsteller ist, sondern ein Mensch, der für kurze Zeit seine Identität wechselt, dann bewirkt er allein durch seine Rolle Wunder. Er ist dann der Nikolaus und nicht freigegeben für Spekulationen darüber, wer den denn da spielt.

Ich weiß, wovon ich spreche.

 

Händchenhalten im Park

Heute begegnete mir ein türkisches Paar jüngeren Alters in einem Park. Im Gespräch habe ich sie auch gefragt, ob sie auch der Fatwa aus der türkischen Staatsverwaltung alles Religiösen folgen. Sie haben nur gelacht.

So eine Fatwa ist ein islamisches Rechtsgutachten, das den praktischen Glauben in den Wechselfällen des Lebens verbindlich korrigieren soll. Wer so eine Fatwa lostreten kann, das wird immer fragwürdiger. Die Fatwa lebt von denen, die ihr kritiklos folgen. Gegen eine abschließende Interpretation geltenden islamischen Rechts mag ja ohnehin niemand etwas einwenden. Früher waren es hoch geachtete islamische Rechtsgelehrte, die diese Fatwas in die Welt setzten. Mittlerweile werden Fatwas häufig mit politischen Strömungen verbunden und damit so etwas wie geltendes Recht. Es gibt sogar auch rechtgläubige Regierungen, die für ihren Bereich so einen Fatwaweg gehen, weil sie auf ihr treues Klientel bauen, und auf diese Weise politische Absichten ohne eine breite Diskussion in politischen Gremien und in der Öffentlichkeit verwirklichen. In solchen Fällen wird die Politik also rückgebunden an ein normatives Religionsverständnis bei gleichzeitiger Instrumentalisierung der Religion selbst.

Die jungen Leute waren ganz entspannt und fernab des jüngsten Fatwaversuchs aus dem türkischen Religionsministerium, das ihre Dependancen auch in Deutschland unterhält: Es sind die DITIB-Moscheen. Es wird also nach den Regeln der Fatwa gesagt, Verlobte dürfen sich in der Öffentlichkeit nicht die Hand halten und sich in geschlossenen Räumen nur dann treffen, wenn eine dritte Person dabei ist. Dort sollen sie die selbstverständliche Möglichkeit haben, sich gegenseitig kennenzulernen.

Wie das mit den Händchenhalten so ist, habe ich ja bereits mitbekommen. Und ich fand es auch wirklich nicht anstößig.

Die vorgeschriebene Situation im geschlossenen Raum kann ich noch nicht so ganz erschließen und male sie mir aus:

Mustafa und Ayse sitzen auf Sesseln.
Zwischen ihnen steht ein Tisch. Ayses Bruder Ahmet sitzt scheinbar gelangweilt in der Ecke.

Ayse: Ich habe meine Abitur mit guten Noten gemacht.

Mustafa: Das ist ja toll! Ich werde in 2 Jahren – so Allah will – den Bachelor in Philosophie haben. Also, was ich damit im Leben anfangen soll, das ist mir völlig unklar. Aber wir Philosophen leben ja gern im Wagnis.

Ayse: Ich würde auch gern studieren. Im Moment unterstütze ich hauptsächlich meine Mutter bei der Hausarbeit. Ich war ganz stolz, als letztens mein Bruder (Es findet ein leichter Blickkontakt zwischen Ahmet und Ayse statt) meine Köfte so lecker gefunden hat.

Mustafa: Ich koche meistens Nudeln, das geht schnell. Und dabei denke ich an dich. (Es findet ein leichter Blickkontakt zwischen Ahmet und Mustafa statt.)

Ach — ich breche das hier einfach mal ab, weil ich es doch nicht herausfinde, wie sie sich kennenlernen, vermutlich gar nicht. Der gläubige Hindu ist ohnehin der Ansicht, dass alle Menschen gleich viel Wert sind. Wenn dann die Familie den Ehepartner allein aussucht, dann kann das ja nur besser sein, als die christlich-kapitalistische Bevorzugung von gestylten Äußerlichkeiten bei der höchst persönlichen Partnerwahl.

Ich möchte gar nicht wissen, wer so alles verlobt ist und sich händchenhaltend durch die Parks der Welt bewegt. Das Schlechteste scheint es mir nicht zu sein.

Über Kinderarbeit in der Caremaschine

Es gibt ein Missverständnis.

Bisweilen wird die von Pädagogen konzeptionierte Arbeit mit und für Kinder als Kinderarbeit bezeichnet. Kinderarbeit ist aber auch die Ausbeutung von Kindern in Armut durch meist sehr schlecht entlohnte Erwerbsarbeit an der Grenze zur Zwangsarbeit.

In diesen Tagen stehen 330000 Sternsinger dazwischen.

Sie werden mit dem Jahresbeginn als die Heiligen drei Könige von Haustür zu Haustür geschickt, um Geld zu sammeln. Das Geld fließt in tausende von Projekten überall in der Welt. Dabei werden auch stets Projekte gegen die Kinderarbeit genannt. Das Geldsammeln wird als eine Tradition angeboten, die öffentlichkeitswirksam inszeniert wird. Diese Tradition geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Die Sternsinger besuchen medienwirksam die Bundeskanzlerin, Bürgermeister landauf und landab und Gott weiß noch wen.

Der glorifizierte Auftritt und der traditionelle Anspruch mindern die Bereitschaft danach zu fragen, was die Sternsinger da wirklich tun.

Bei genauer Betrachtung ist das Sternsingen eine Kinderarbeit. Das Betteln folgt keinen pädagogischen Anspruch. Vielmehr werden die Kinder verpflichtet, in einem vorgegebenen und für sie undurchschaubaren Kontext für andere Geld zusammen. Gefragt, sagen sie das, was nahezu alle Kinder sagen, die illegal zur Arbeit herangezogen werden: Sie machen das – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – gern. Ihnen und ihrem Umfeld bleibt die biblische Geschichte zur Rechtfertigung und die gute Tat, weil das abgezogene Geld angeblich Bedürftigen zugute kommt. Nach dem Jugendarbeitsschutzgesetz gäbe es zwar die Möglichkeit, in speziellen Situationen und im Einzelfall die Kinderarbeit zu erlauben. Es gibt aber im dafür zuständigen Jugendamt bestimmt große Zweifel, dass eine solche Situation bei dem Sternsinger vorliegt. Zudem wird es wohl so sein, dass man nicht geneigt ist, eine jahrhundertealte Tradition für eine aktuelle Überprüfung anzubieten. Bisher ist nicht bekannt, dass das Jugendamt irgendwo eingebunden ist.

Der Weg zur Einordnung der guten Tat bleibt den sternsingenden  Kindern entwicklungsbedingt weitgehend verschlossen. Das Geld wird einfach nur zentral abgesaugt. In diesem Jahr sagt man, das Geld gehe vom Sternsingermissionswerk nach Bolivien. Es ist aber Jahr für Jahr das Gleiche. Das Geld wird an katholische Missionseinrichtungen in anderer katholischer Trägerschaft weltweit einfach nur weitergeleitet. Ein Land wird symbolisch in den Vordergrund gestellt. Es kann sein, dass im Land Bolivien beispielsweise der Träger einer katholischen Schule mit dem Geld unterstützt wird. Die staatliche Schule nebenan, geht dann bei aller Armut leer aus. Letztlich wird mit der Sternsingeraktion eine Einnahmequelle der katholischen Kirche gepflegt. Die Caremaschine läuft! Die Betriebskosten werden hoch gehalten (7,6% sagt man) und mit dem Rest des Geldes verankert sich die Katholische Kirche in fremden Lebenswelten. Das heißt aber auch, dass die Werbung am Ort des Projekts als Aufklärungsarbeit oder sonstwie ausgewiesen ist und rechnerisch nicht mehr in Erscheinung tritt.

Man kann bei diesen Abläufen geteilter Meinung sein. Dem arbeitenden Sternsingern ist das aber so wie so nicht zu vermitteln. Der Zweck ist für Kinder auch dann ungeeignet, wenn die Katholische Kirche daraus einen weltmissionarischen Sinn schöpft.

Nun ist es so, dass der eine oder andere Minister und der eine oder andere Bürger das aufdringliche Sternsingerwesen mißachtet. Es ist nun nicht damit getan, sie als kinderfeindlich und traditionsignorant zu brandmarken. Hier und da wächst die Erkenntnis, dass Sternsingen jedenfalls eine nicht zu rechtfertigende Kinderarbeit ist.

Es gab einmal eine Tradition, dass Kinder armer Familien für sich selbst als Sternsinger agieren durften. Vielleicht sollten wir den Überbau crashen und uns darauf zurück besinnen. Das wäre auch den Sternsingern und anderen Kindern zu vermitteln.

Gotteshaus auf der Fußmatte?

Stell dir einmal vor, du könntest nach deinen Vorlieben die Angebote im Einzelhandel weltweit reduzieren. Das würde dir das Leben vereinfachen und du wüsstest plötzlich nicht mehr so recht, wo der gute und der schlechte Geschmack geblieben sind, nachdem du die Maßstäbe verschoben hast.

Stell dir weiterhin vor, deine Nachbarn und schließlich alle anderen Menschen auf der Welt könnten das dann auch. Dann gäbe es plötzlich wahrscheinlich nur noch ein paar unentbehrliche Gegenstände, die in ihrem Massengeschmack unansehnlich sind.

Jetzt gibt es einen Streit darüber, ob das Einrichtungshaus POCO – es arbeitet eher mit einem preiswerten Sortiment – eine Fußmatte namens Istanbul anbieten soll, die eine Moschee zeigt. Zahlreiche Menschen muslimischen Glaubens nähren nun eine Kampagne, die das Einrichtungshaus bewegen soll, diese Matte aus dem Sortiment zu nehmen.

Es ist von Skandal, Respektlosigkeit, Beleidigung und Islamophobie die Rede. Bei dem Anbieter liest man dies.

Im Internet kursierten Hinweise wie dieser:Poco

Das erinnert etwas an eine Kampagne gegen die Drogeriekette DM. Jetzt ist also POCO dran, und die Kampagnen ähneln sich sehr.

Mir gefällt diese Fußmatte auf keinen Fall. Aber das steht aber auch nicht zur Debatte. Es geht um grundlegende Freiheitsrechte. Die beinhalten selbstverständlich auch das Recht zur Geschmacklosigkeit. Alle Religionen müssen damit leben, dass sie zum Gegenstand von Kritik, ironischer Überhöhung und jeder Form von Gegenrede gemacht werden. Bei der Fußmatte „Istanbul“, die eine Moschee zeigt – und diese Matten sind überall im Angebote – geht es aber noch nicht einmal darum. Da hat lediglich jemand gemeint, eine Marktlücke gefunden zu haben. Blasphemie erkenne ich nicht im Ansatz.

Und dennoch wird in den Sozialen Netzen eine Kampagne los getreten, in der eher aufgeklärte Moslems als Scheißdreck oder Hure tituliert werden und ihnen der baldige Tod vorausgesagt wird. Die Firma POCO gewährleistet verständlicherweise kein Forum für Störenfriede. Deshalb findet die Kampagne an anderen Stellen statt. Respekt vor dem Grundgesetz kommt darin nicht vor, allerdings die vollkommene Angstfreiheit, die ihre Einschränkung erfährt in einer ausschließlichen Angst vor Allah. Den seltenen christlichen Mitdiskutanten wird vorgeschlagen, sich doch einstweilig sexuell den widersprechenden Moslems zuzuwenden.

Es herrschen also ganz in unserer Nähe eine üble Geschmacklosigkeit und eine Intoleranz, die selbst vor den Grundrechten respektlos ist und abseits der großen Themen unserer Welt Streitereien vom Zaun bricht – für was eigentlich?

Tendenzbetrieb

Es besteht weitgehende Einigkeit darüber, was jetzt, mit dem August 2015, auch mit langer Verzögerung in Arbeitsverhältnissen mit der Katholischen Kirche angewendet werden soll: Man darf beispielsweise mehrmals nacheinander heiraten, ohne auf seinen Arbeitsplatz verzichten zu müssen. Eigentlich müssen Tendenzbetriebe ihrer Tendenz ja treu bleiben. Denn diese Tendenz ist ihr existenzieller Markenkern. Deshalb hatte ich gegen die teils skurrilen Vorschriften bei aller Ungerechtigkeit nichts einzuwenden. Denn der Mensch ist ja frei, sich anderen Betrieben zuzuwenden. Kritisch sah ich es nur dort, wo Tendenzbetriebe sich überwiegend mit Geldern des Staates finanzierten. Bei den Kindergärten ist das beispielsweise der Fall. Ich glaube fest daran, dass der aktuelle Verzicht auf alte Tendenzregeln nicht das Ergebnis einer theologisch fundierten Erneuerung ist, sondern lediglich dem Überleben in einer Welt dient, die sich ungestraft und kaltschnäuzig über die Regeln der Kirche hinweg setzt. Der Nebeneffekt ist, dass der Tendenzbetrieb an Profil verliert. Ganz nebenbei ist das auch schade. Ich mag Institutionen lieber, wenn sie mit ihren Grundsätzen streitbar untergehen, als wenn sie sich mit aufgehübschten Schokoladenseiten in die ewige Zukunft quälen.