{"id":7189,"date":"2024-10-07T09:08:09","date_gmt":"2024-10-07T07:08:09","guid":{"rendered":"http:\/\/snowdenart.zwergwerk.eu\/?p=7189"},"modified":"2024-10-07T09:08:11","modified_gmt":"2024-10-07T07:08:11","slug":"tattoolos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/snowdenart.zwergwerk.eu\/?p=7189","title":{"rendered":"Tattoolos"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Mittel allen Wirtschaftens ist in der Reinform allein das Wachstum. Ohne dauerndes Wachstum fehlt die Prosperit\u00e4t. Wenn das Wachstum durch unver\u00e4nderliche Bedingungen an Grenzen st\u00f6\u00dft, schrumpft eine Wirtschaftsbranche zum Reparaturbetrieb. In der Not erfindet man aber stattdessen meist einen g\u00e4nzlich neuen Bereich des Wirtschaftens, der mutma\u00dflich entgrenzt bleiben wird, aber die Anwendungstechniken beibeh\u00e4lt. Aber das geht nicht immer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun hat sich das Wirtschaften mit Tattoos aus archaischen Kulturen und Subkulturen heraus entwickelt und ist in den letzten 30 Jahren zum schicht\u00fcbergreifenden Massenph\u00e4nomen geworden. Ich wei\u00df noch, als wir mit romantischem Entz\u00fccken auf der Betriebstoilette das frische Tattoo einer Kollegin &#8211; versteckt zwischen R\u00fccken und Oberschenkel kurz betrachten durften.&nbsp; Es war ein klitzekleines Herz, das dann auch schnell wieder unter der Unterw\u00e4sche versteckt wurde. Es wirkte wie eine Anleihe aus der Ewigkeit. Die Kollegin hatte es nur f\u00fcr sich &#8211; wie sie behauptete. Dabei konnte sie das Tattoo selbst nicht einmal sehen. Aber sie war fein (!?) damit. Schon wenige Jahre sp\u00e4ter manifestierten sich die zarten Ans\u00e4tze als ausgestaltete Stempelung namens Arschgeweih. Die Arschgeweihe wurden \u00f6ffentlich mit zur\u00fcckbebender Leidenschaft vorgef\u00fchrt. Dazu musste die Kleidung so hergerichtet werden, dass bei vorbereiten Choreografien die ganze Sache \u00f6ffentlich sichtbar wurde: Das Shirt rutschte etwas hoch und die Hose etwas runter und schon war die \u00d6ffentlichkeit beteiligt. Diese \u00d6ffentlichkeit war sinnvoll, denn ansonsten w\u00e4re das Arschgeweih an einer Stelle, die man selbst nicht einsehen kann von vornherein sinnlos gewesen. Als dann das Arschgeweih als eint\u00f6niges Uniformteil kritisiert wurde, war schlechter Rat billig. Man w\u00fcnschte sich das Teil weg und sah sich gezwungen, die Kleidung anders anzuordnen, um der Gemeinschaft der Arschgeweihtr\u00e4ger zu entfliehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun sind viele Jahre ins Land gegangen. Die Tattoos haben sich stetig vermehrt und in ihrer Ausgestaltung werden meist konfektionierte Bestandteile zu einem scheinbar h\u00f6chst individuellen Ergebnis zusammengef\u00fchrt. Dieses Vorgehen rechnet sich, ist eben bei aller Individualit\u00e4t aber doch keine Ma\u00dfkonfektion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mittlerweile ist der Tattoomarkt derart expandiert, dass noch vereinzelt, aber doch zunehmend keine Haut mehr bleibt, die sich frei zur Tattoogestaltung anbietet. Oft werden Tattoomodels in den Medien vorgef\u00fchrt, die schlichtweg keine verf\u00fcgbare Haut mehr haben. Selbst die Gesichter sind umgestaltet und werden sogar manchmal mit einer gespaltenen Zunge gekr\u00f6nt, die dann auch noch mit einem Tattoo markiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Makabreske des Autors Roald Dahl mit dem Titel Skin ist schon alt &#8211; von 1952. Sie \u00f6ffnet aber einen scharfen Blick auf die Zukunft des Tattoos. Zusammengefasst: Ein armer Tattooist wird zum gefeierten K\u00fcnstler. Ein Werk aus seinen Anf\u00e4ngen ziert den R\u00fccken eines anderen und steigt im Wert in groteske Dimensionen. Den anderen macht das doch recht nerv\u00f6s und bekommt Angst. Pl\u00f6tzlich verschwindet er aus der \u00d6ffentlichkeit und es wird kurz danach in einer Galerie ein Kunstwerk in die \u00d6ffentlichkeit getragen, das dem ehemals armen Tattooisten zuzuschreiben ist und das in einer sehr merkw\u00fcrdigen Technik auf merkw\u00fcrdigem Untergrund gearbeitet ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wirtschaften hat also wieder zugeschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der realen Welt ist es nicht ganz so makaber, aber schlimm genug: Der menschliche K\u00f6rper hat am Ende nicht genug Haut. Man kann vielleicht seine K\u00f6rperoberfl\u00e4che noch etwas erweitern und wie in einem Buch umlegbare Falten anlegen, indem man zun\u00e4chst die Nahrungszufuhr erh\u00f6ht. Man kann einen Leibeigenen chartern, der gewissermassen als Erweiterung der eigenen K\u00f6rperoberfl\u00e4che dient oder ersatzweise ein Haustier ohne Fell zurichten. Aber das alles st\u00f6\u00dft ja unmittelbar an ethische Grenzen. Wer etwas eigenes will, w\u00fcrde so eine Auslagerung ja auch kaum wollen. Ob hin oder her: Die Haut wird knapp und die Ware Tattoo kann schlie\u00dflich nur noch mit geschickten Reparaturen \u00fcberleben und nicht mehr expandieren. Aber selbst die Reparaturen sind schon ein Eingriff in die Ewigkeitskunst am eigenen K\u00f6rper wie auch die Techniken zur Tattooentfernung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer keine \u00fcberdauernden Grunds\u00e4tze mit seinen Tattoos verbindet, der wechselt zur\u00fcck zu den Abziehbilder, mit denen bereits kleine Kinder auf Tattoos angefixt werden, und die als unbegrenzte Werbetr\u00e4ger sicherlich Zukunft haben. Das Wirtschaften mit Tattoos, die wir seit altersher kennen, hat schlie\u00dflich keine Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sag das nur, um nebenbei meinen eigenen exotischen K\u00f6rper ins Spiel zu bringen, der bisher als Alleinstellungsmerkmal treu und prinzipiengeleitet \u00fcber und \u00fcber mit Freifl\u00e4chen ausgestaltet ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Mittel allen Wirtschaftens ist in der Reinform allein das Wachstum. Ohne dauerndes Wachstum fehlt die Prosperit\u00e4t. Wenn das Wachstum durch unver\u00e4nderliche Bedingungen an Grenzen st\u00f6\u00dft, schrumpft eine Wirtschaftsbranche zum Reparaturbetrieb. In der Not erfindet man aber stattdessen meist einen g\u00e4nzlich neuen Bereich des Wirtschaftens, der mutma\u00dflich entgrenzt bleiben wird, aber die Anwendungstechniken beibeh\u00e4lt. 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