{"id":589,"date":"2014-07-25T12:48:11","date_gmt":"2014-07-25T10:48:11","guid":{"rendered":"http:\/\/snowdenart.zwergwerk.eu\/?page_id=589"},"modified":"2016-06-09T08:35:42","modified_gmt":"2016-06-09T06:35:42","slug":"da-bin-ich-aber-sprachlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/snowdenart.zwergwerk.eu\/?p=589","title":{"rendered":"\u00dcber die Sprachlosigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Die Linguistik und die Entwicklungspsychologie wissen mittlerweile viel dar\u00fcber, wie der Mensch die Sprache erwirbt. Aber die deutsche Politik wei\u00df es vermeintlich besser. Das wundert nicht, weil die Politik immer auch ein Wettbewerb der Besserwisser um die Gunst des Publikums ist. Wenn nun die Politik falsch liegen w\u00fcrde, bedeutete das ja, dass der Mensch, wenn er Probleme beim Spracherwerb hat, also beispielsweise bei einer nichtdeutschen Zielsprache, in die falsche Richtung geschickt wird oder dass gar sein gelungener Erwerb einer Sprache erst gar keine Anerkennung findet, wenn es nicht die deutsche Sprache ist. Es ist aber so: Die politische Debatte \u00fcber die Migration kreist seit Jahrzehnten ohne Fortschritt um politische Annahmen, denen die fachliche Grundlage fehlt.<\/p>\n<p>Es lohnt sich also, die linguistischen und entwicklungspsychologischen Erkenntnisse f\u00fcr die Politik aufzubereiten. Ob es gelingt, sie dort auch einzuschleusen, bleibt zweifelhaft. Die Zielsprache, das ist die erste Sprache, die ein Mensch erwirbt und keine zweite, kann man sich nicht frei aussuchen. Sie ist bereits vorgeburtlich in Ans\u00e4tzen vermittelt und schon festge- legt. Es ist die Sprache der Mutter und ihrer unmittelbaren Lebenswelt. Diese Zielsprache wird also nicht unterrichtet sondern in einem h\u00f6chst individuellen Entwicklungstempo von Kindern erworben. Eine insgesamt f\u00f6rderliche Umgebung erleichtert den Spracherwerb. Die erworbene Zielsprache f\u00fchrt zu Begriffen, Begriffe erm\u00f6glichen das Denken und das Denken f\u00fchrt zur Bildung. Ist der Spracherwerb erfolgreich, dann ist es auch f\u00fcr Kinder kein Problem, sogar mehrere weitere Sprachen zu lernen. Diese Sprachen zu lernen, setzt aber stets den Erwerb der Zielsprache voraus. Die Kehrseite der so beschriebenen gelungenen Entwicklung ist, dass ein fehlerhafter oder unvollst\u00e4ndiger Erwerb der Zielsprache nicht nur das Denken und die Bildung behindert, sondern dass die weiteren Sprachen nur m\u00fchsam und mit Paukelementen gelernt werden. Das erlernen einer weiteren Sprache kann das Defizit beim Erwerb der Zielsprache auf alle F\u00e4lle nicht ausgleichen. An der Zielsprache f\u00fchrt also kein Weg vorbei.<\/p>\n<p>Nun ist auch politisch richtig erkannt, dass die Sprache grunds\u00e4tzlich ein gutes Werkzeug ist, in der Welt zurecht zu kommen. In Deutschland ist man nun gut beraten, auch die deutsche Sprache zu nutzen, weil damit der Austausch zwischen den Menschen am einfachsten gelingen wird. Deutsch sprechen die meisten. Man ist aber nicht gut beraten, Anforderungen zu formulieren, in denen die deutsche Sprache zur unumg\u00e4nglichen Zielsprache deklariert wird. Trotzdem sind politische Programme zum Thema Migration voll davon. Es bleibt trotzdem so: Kinder mit Eltern, die eine nichtdeutsche Zielsprache haben, werden die deutsche Sprache eben nur als Fremdsprache lernen k\u00f6nnen. Dies wird allerdings mit sehr gutem Erfolg gelingen, wenn der Erwerb der Zielsprache dem voraus geht.<\/p>\n<p>Wenn man nun das Werkzeug \u201eDeutsche Sprache\u201c verf\u00fcgbar machen will, ist es also kontraindiziert, Deutschkurse zu protegieren, wenn die Zielsprache Probleme macht. Kontraindiziert ist es vor allem, die Zielsprache zu unterdr\u00fccken und \u201eDeutsch\u201c zur einzig zul\u00e4ssigen Sprache zu machen. Wenn also auf Berliner Schulh\u00f6fen das T\u00fcrkische als Sprache verboten wird (die Presse berichtete dar\u00fcber), dann ist der Applaus aus der Politik sicher. Der Sinn des Spracherwerbs und der Verst\u00e4ndigung, also die Bildung, ist allerdings ad absurdum gef\u00fchrt. Der Gebrauch der deutschen Sprache in der Schule ist verhaltenstherapeutisch nicht zu bewirken, wenn man von kleinen Paukerfolgen absieht.<\/p>\n<p>Wenn der t\u00fcrkische Ministerpr\u00e4sident Edogan wieder einmal 90 Minuten in gro\u00dfen Hallen vor Landsleuten spricht, dann formuliert er die Essenz linguistischer und entwicklungspsychologischer Erkenntnisse: \u201eT\u00fcrken sollen zun\u00e4chst t\u00fcrkisch lernen und dann deutsch\u201c. Auf der deutschen politischen B\u00fchne wirkt so eine Festlegung abstrus. Deutsche Politiker antwortet dann auch f\u00fcr viele andere: \u201eKinder, die in Deutschland gro\u00df werden, m\u00fcssen zu allererst deutsch lernen.\u201c Pointiert wird die ganze Vorstellung dadurch, dass der Patriotismus der T\u00fcrken das ganze Szenario auch noch emotional einkleidet. Dabei geh\u00f6rt der Patriotismus zu einer grunds\u00e4tzlich unkritisierbaren kulturellen Besonderheit, an der man T\u00fcrken h\u00e4ufig erkennt. Sie halten im t\u00fcrkischen Selbstwertgef\u00fchl bisweilen neben der t\u00fcrkischen sogar auch die deutsche Fahne mit \u00fcberbordender Leidenschaft hoch.<\/p>\n<p>Ob Herr Erdogan seine Position linguistisch und entwicklungspsychologisch begr\u00fcndet, das ist bisher nicht bekannt. Aber irgendwie hat er trotzdem recht. Hoffentlich ergeht es ihm besser als es ihm in der deutschen Politik gehen w\u00fcrde. Dort wurde unl\u00e4ngst die Wertsch\u00e4tzung der Wissenschaft ganz und gar aufgegeben und ein Verteidigungsministers Guttenberg f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnlich gut befunden, nachdem er eine Dissertation versucht hatte, die zusammengestohlen war. F\u00fcr eine Ministerin Schavan, die ebenfalls plagiiert hatte und Amt und Titel nun los ist, \u00a0haben gar Spitzenwissenschafter in ihren Verb\u00e4nden f\u00fcr eine unbegr\u00fcndete Milde insistiert.<\/p>\n<p>In der Politik, sogar in der Wissenschaftspolitik ist es also ausdr\u00fccklich gefragt, die Wissenschaft zur Marginalie zu machen. Denn sonst gingen ja alle Argumente verloren, denen die Wissenschaft entgegen steht. Eigentlich sollte es darum gehen, den Zielspracherwerb zu f\u00f6rdern. Dann ist der Umgang zwischen den Kulturen ein Kinderspiel und die Vielfalt zwischen den Kulturen ist einfach nur reichhaltig und gut. Schlie\u00dflich kann man mittels der Sprache dar\u00fcber befinden. Die verschrobenen Vorstellungen hinter dem v\u00f6llig randunscharf gebr\u00e4uchlichen Wort Integration verlieren ihren Gegenstand aus den Augen.<\/p>\n<p>Aber: Es passiert einfach! Es ist alles schon da. Es gibt einen Grund zu sprechen: \u201eDiversity and Inklusion\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Linguistik und die Entwicklungspsychologie wissen mittlerweile viel dar\u00fcber, wie der Mensch die Sprache erwirbt. Aber die deutsche Politik wei\u00df es vermeintlich besser. Das wundert nicht, weil die Politik immer auch ein Wettbewerb der Besserwisser um die Gunst des Publikums ist. 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