{"id":5292,"date":"2018-12-24T18:33:15","date_gmt":"2018-12-24T17:33:15","guid":{"rendered":"http:\/\/snowdenart.zwergwerk.eu\/?p=5292"},"modified":"2018-12-24T18:33:23","modified_gmt":"2018-12-24T17:33:23","slug":"geschichten-aus-schnullerbue","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/snowdenart.zwergwerk.eu\/?p=5292","title":{"rendered":"Geschichten aus Schnullerb\u00fc"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der urpl\u00f6tzlich jetzt nicht mehr &#8222;Spiegel&#8220;-Redakteur Claas Relotius hat in gro\u00dfem Umfang Geschichten gef\u00e4lscht.<br \/>\nDer Spiegel ist nun irgendwie untr\u00f6stlich und folgt einer aufdeckenden Strategie, nachdem er bei ersten Auff\u00e4lligkeiten eher zudeckend gearbeitet hatte. Ein aufdeckender Journalist des Spiegel hatte zun\u00e4chst um seinen Job f\u00fcrchten m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich finde, die F\u00e4lschungen waren wohl nicht in der Absicht des Nachrichtenmagazins, aber trotzdem ohne eine besonders gro\u00dfe Dramatik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist nie anders: Ein Ereignis begegnet uns stets mit einem Schleier von Fantasie. Der Mensch ist ja so neugierig. Er will unbedingt wissen, was selbst der beste Berichterstatter nicht wei\u00df. Der Mensch will sogar wissen, wie eine Geschichte weitergeht, obwohl das in der Zukunft liegt. Deshalb hat sich eine Belletristik entwickelt, die die Fantasie h\u00f6her bewertet als belegbare Fakten und h\u00e4ufig sogar ganz auf Fakten verzichtet. Man ist geneigt, die Belletristik einerseits und die wissenschaftliche Fachpublikation andererseits als Schreibergebnisse zu verstehen, die \u00fcberhaupt nichts miteinander zu tun haben. Aber das Lebendige in der Welt geht \u00fcber solche kategorisierenden Vereinfachungen hinweg. Ob Dokusoap oder Journalismus, wir finden bei n\u00e4herer Betrachtung immer nur Mischformen, manchmal hart an der Wirklichkeit, aber auch manchmal noch h\u00e4rter an der Fantasie. Alles ist &#8222;faction&#8220; &#8211; wie J. M. Stimmel seine Romane bezeichnete &#8211; eine Mischung aus Facts &#8211; am 13. Mai 1950 schien die Sonne \u2026 &#8211; und Fiction &#8211; \u2026 und er schwitzte beim Verzehr des Zigeunerschnitzels sehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist also kein Wunder, wenn jemand \u00fcber Hitlertageb\u00fccher berichtet, die es nicht gibt (Sternaff\u00e4re 1983) oder jetzt beim Spiegel, der \u00fcber enttarnte Erfindungen des Redakteurs Claas Relotius berichtet. Dieser Redakteur hat damit seine Faktenbasis verl\u00e4ngert und sogar das journalistische Handwerk bef\u00f6rdert. Seine Arbeiten waren gerade dadurch besonders eing\u00e4ngig glaubw\u00fcrdig und sogar h\u00e4ufig preisw\u00fcrdig. Er wurde mehrfach geehrt. Der Leser war geneigt, der speziell performen Dynamik zu folgen und eben nicht in eingeschliffener Lesermanier mitten im Text abzubrechen, um sich in knapper Zeit anderen Ereignissen und Texten zuzuwenden. Das gerade beim Spiegel sehr hochentwickelte System des Faktenchecks hatte versagt. Aber musste es nicht ohnehin selbstgef\u00e4llig an der Fuzzylogic der Lebensvollz\u00fcge scheitern? Wir haben ja das gleiche Problem in der Wissenschaftstheorie: Wir m\u00f6gen alle denkbaren Dimensionen und ihre Wechselwirkungen abbilden k\u00f6nnen, dennoch schwebt \u00fcber allem ein erkennnisleitendes Interesse, das trotzdem Schwerpunkte setzt und ausw\u00e4hlt. Die Welt ist eben zu komplex, um empirisch ausgemessen und abgebildet werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn der Mensch sich die Welt aneignet, dann arbeitet er ja nicht allein faktenorientiert. Die Zeitung &#8222;Die Welt&#8220; am 23.12.18: &#8222;Am f\u00fcnften November erz\u00e4hlte Donald Trump laut \u201eWashington Post\u201c 139 Unwahrheiten, also eine alle zehn Minuten. In seiner Amtszeit Zeit waren 7546 seiner Aussagen entweder irref\u00fchrend oder schlichtweg falsch.&#8220; Offenbar gibt es einen gro\u00dfen Markt daf\u00fcr, Fakten zu vernachl\u00e4ssigen und aufzuh\u00fcbschen. Es f\u00e4llt nicht schwer, eine Menge L\u00e4nder aufzuz\u00e4hlen, in denen die regierende Politik v\u00f6llig abseits aller Erkenntnisse gestaltet wird und bei der man vermuten muss, dass es daf\u00fcr immer auch ein Volk gibt, das mitspielt. Ein bi\u00dfchen hat die Politik also auch etwas von einem Roman, der sich allerdings an der harten Welt der Fakten mit inszeniertem Selbstbewusstsein locker vorbei schmuggelt.<br \/> Was machen wir denn da? Wir fragen ohne Unterlass nach dem erkenntnisleitenden Interesse. Ist das nicht langweilig und frustrierend zugleich? Und wenn wir m\u00fcde werden, \u00fcberholt uns l\u00e4chelnd und ausgeruht so ein Messias der alternativen Fakten. Alle rennen hinter ihm her und an mir vorbei, weil es zu sch\u00f6n ist, um wahr zu sein. Die ewigen Kritiker aber werden als ewige N\u00f6gler an den &#8222;einfachen, guten Sache&#8220; beiseite gestellt. Mit ihren angefallenen Daten wird schnell noch ihr &#8222;customer lifetime value&#8220; gerechnet, um sie einer neuen Bestimmung zuzuf\u00fchren. Den Job als Mit-Souver\u00e4n sind sie los. Also dieser Claas Relotius hat uns &#8222;nur&#8220; klar gemacht, was wirklich f\u00fcr uns zu erwarteten ist. Es l\u00e4uft auch schon.<br \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der urpl\u00f6tzlich jetzt nicht mehr &#8222;Spiegel&#8220;-Redakteur Claas Relotius hat in gro\u00dfem Umfang Geschichten gef\u00e4lscht. Der Spiegel ist nun irgendwie untr\u00f6stlich und folgt einer aufdeckenden Strategie, nachdem er bei ersten Auff\u00e4lligkeiten eher zudeckend gearbeitet hatte. Ein aufdeckender Journalist des Spiegel hatte zun\u00e4chst um seinen Job f\u00fcrchten m\u00fcssen. 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