{"id":529,"date":"2013-11-26T17:22:52","date_gmt":"2013-11-26T16:22:52","guid":{"rendered":"http:\/\/snowdenart.zwergwerk.eu\/?page_id=529"},"modified":"2020-10-15T14:11:28","modified_gmt":"2020-10-15T12:11:28","slug":"sozialarbeit-und-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/snowdenart.zwergwerk.eu\/?p=529","title":{"rendered":"Sozialarbeit und Schule"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Nordrhein-Westfalen hatte die obskure Idee der Bundesministerin von der Leyen, im Jahr 2011 &#8222;Bildungs- und Teilhabepakete&#8220; \u00fcber den Kommunen abzuwerfen, ganz abenteuerliche Konsequenzen. Haupts\u00e4chlich wurden Leistungen, die es immer schon gab, mit bureaukratischem Aufwand umfinanziert, um das unerwartete Geldgeschenk dann auch zu verbrauchen. Das Geld h\u00e4tte urspr\u00fcnglich &#8211; wie vom Bundesverfassungsgericht verlangt &#8211; den armen Menschen zugute kommen sollen. Nach Ansicht der damaligen Regierung, w\u00e4ren die damit mutma\u00dflich aber nicht vern\u00fcnftig genug umgegangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor allem die armen Kommunen im Ruhrgebiet hatten eine tolle, aber eben auch unvern\u00fcnftige Idee, mit dem Geld n\u00e4mlich weitere Mitarbeiter zu besch\u00e4ftigen. Weil die armen Kommunen Neueinstellungen eigentlich ausgeschlossen hatten und bei manchen sogar die Finanzaufsicht des Regierungspr\u00e4sidenten Neueinstellungen untersagte, machte man aus den Personalkosten, einfach Sachkosten. Das ging nach bew\u00e4hrtem Muster so, dass Tr\u00e4ger der Jugendhilfe f\u00fcr die Sachaufgabe &#8222;Schulsozialarbeit&#8220; Geld bekamen und dann ihrerseits dieses Geld als Personalkosten einsetzten. Das war f\u00f6rmlich nicht zu beanstanden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nebenbei stellt sich aber die Frage, ob nicht bei diesem Konstrukt die Teilhabe der Armen ohnehin auf der Strecke bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immerhin wurde dieses Verfahren zum Anschub akzeptiert mit der Ma\u00dfgabe, dass die &#8222;Schulsozialarbeit&#8220; absehbar, also schon bald, anders finanziert werden soll. Damit war die aktuelle Diskussion \u00fcber den &#8222;Kahlschlag&#8220; bei anstehender kommunalen Institutionalisierung des Systems vorprogrammiert, zumal es Ideen f\u00fcr eine dauerhafte Finanzierung nicht gab und diese im Finanzierungswettbewerb auch sch\u00e4dlich gewesen w\u00e4ren. \u00d6ffentliches und solidarisches Wehklagen bei auslaufender Finanzierung hat n\u00e4mlich schon oft geholfen, das unvermeidliche Ende zu verz\u00f6gern und Geldgeber zu erweichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man hat stets den rekrutierten Sozialarbeitern versichert, dass ihre befristeten Vertr\u00e4ge irgendwie weitergef\u00fchrt werden, notfalls, wenn eben alle Betroffen solidarisch trommeln!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So betrachtet, geht es jetzt weniger um den Tod der Sozialarbeit an Schulen, sondern um ein unverantwortlich blau\u00e4ugiges und noch junges Gro\u00dfprojekt, \u00fcber das man sich eher beschweren sollte, als \u00fcber sein Ende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obendrein ist es so &#8211; allen, meist naiv vorgetragenen, Erfolgsgeschichten in der Presse zum Trotz &#8211; dass es f\u00fcr die &#8222;Schulsozialarbeit&#8220; gar kein fachlich tragf\u00e4higes Konzept gibt, wenn man einmal von den Gesamtschulen in NRW absieht, die von Anfang an Sozialarbeiter mit eigener fachlicher Autonomie eingesetzt haben und diese in Dauerarbeitsvertr\u00e4gen auch zukunftstr\u00e4chtig besch\u00e4ftigen. Es gibt auch noch \u00e4hnliche aber sehr kleine Nischen, in denen Sozialarbeit an Schulen vertretbar gut eingerichtet ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich kenne eine Grundschule, die erst konsequent gar keinen Schulsozialarbeiter haben wollte, weil es nicht vorgesehen war, dass der Schulleiter ihn als L\u00fcckenf\u00fcller f\u00fcr kranke Lehrer einsetzt. Ich kenne aber sehr viel Schulen, die pragmatisch immer ja sagen, wenn etwas umsonst ist und sich das Personal dann selbst mit der Zeit dienlich herrichten. Der Sozialarbeiter mit dem Zeitvertrag ist in der Regel fest an der Schule und dort ziemlich allein. Er muss sich einf\u00fcgen, um die Chance auf eine Weiterbesch\u00e4ftigung zu erhalten. In der Schule steht mittlerweile selbstverst\u00e4ndlich der Unterricht im Vordergrund. Fast alle anderen Aufgaben der Schule k\u00f6nnen ausgelagert werden und werden daran gemessen, ob sie unterrichtsdienlich sind. Der einsame Sozialarbeiter ist mit seiner spezifischen Fachlichkeit dabei nicht gefragt. Er ist aber gefragt als ein Zuarbeiter, der den Lehrern die Konzentration auf das Kerngesch\u00e4ft erm\u00f6glicht. Die derart outgesourcte Schule ist betriebswirtschaftlich gut ausgerichtet, weil sie mit weniger Lehrern auskommt und das pers\u00f6nlicher Gespr\u00e4ch, den Umgang mit den Eltern, Festivit\u00e4ten und Stadtteilgespr\u00e4che, die St\u00f6renfriede und vieles andere den Sozialarbeitern \u00fcberl\u00e4sst. Eine Verarmung der traditionell ganzheitlich ausgerichtete Lehrerrolle ist die Folge. Und der einstimmige Ruf erschallt: Ohne Sozialarbeiter ist diese Schule nicht mehr denkbar! Auch die Anstellungstr\u00e4ger der Sozialarbeiter st\u00fctzen diesen Ruf aus der Ferne kritiklos. Sie leben von den eingerechneten Overheadkosten und bieten meistens nicht mehr als eine auf Deibel-komm-raus stabilisierende Supervision und lassen ihren Sozialarbeiter im Konfliktfall allein. Der Sozialarbeiter selbst bleibt auf der Strecke, weil ihm eine sozialarbeiterische und institutionelle Heimat fehlt, in der er Werkzeuge, Kollegialit\u00e4t und R\u00fcckhalt hat, echte Sozialarbeit zu betreiben. Gerechterweise muss man allerdings sagen, dass es an Schulen manchmal humane Grundkonstellationen gibt, die dem Sozialarbeiter eine ertr\u00e4gliche Nische gew\u00e4hrleisten. Professionell ist das aber auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor der, wie gesagt, finanziell begr\u00fcndeten Schwemme von Sozialarbeitern an Schulen, war die Sachen noch klar: Sie w\u00e4ren, wenn denn finanzierbar, dezentral im Jugendamt angesiedelt worden, mit guten Kapazit\u00e4ten, um nicht nur, sondern auch, mit Schulen und in Schulen zu arbeiten, mit direkten Zugang zu den Grundlagen und dem Werkzeug der Sozialarbeit und der Lebenswelt im Sozialraum. Eine diversive und inkludierte \u00d6ffentlichkeit mit Schule, Jugendamt und vielen anderen w\u00e4re m\u00f6glich &#8230; gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich jetzt lese, dass unz\u00e4hlige Sozialarbeiter, die sich auf ihre Teilhabe an dem unseri\u00f6s aufgezogenen Gesch\u00e4ft &#8222;Schulsozialarbeit&#8220; eingelassen haben, nun ihren Job retten wollen und dazu auch jedes denkbare Argument nutzen, so haben sie meine uneingeschr\u00e4nkte Solidarit\u00e4t! Aber eine &#8222;Schulsozialarbeit&#8220;, die brauchen wir &#8211; im Gegensatz zu einer Sozialarbeit in der Kooperation mit Schulen &#8211; nicht!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Nordrhein-Westfalen hatte die obskure Idee der Bundesministerin von der Leyen, im Jahr 2011 &#8222;Bildungs- und Teilhabepakete&#8220; \u00fcber den Kommunen abzuwerfen, ganz abenteuerliche Konsequenzen. 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