{"id":3071,"date":"2017-07-29T17:08:13","date_gmt":"2017-07-29T15:08:13","guid":{"rendered":"http:\/\/snowdenart.zwergwerk.eu\/?p=3071"},"modified":"2017-07-29T17:08:13","modified_gmt":"2017-07-29T15:08:13","slug":"radikalismus-als-entwicklungsstoerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/snowdenart.zwergwerk.eu\/?p=3071","title":{"rendered":"Radikalismus als Entwicklungsst\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<p>Der Glaube an einen einzigen Gott, der zudem Inbegriff alle Guten ist, bringt es mit sich, dass einzelne Menschen sich ihm so nahe w\u00e4hnen, dass sie ihn fast schon im sicheren Besitz zu haben glauben. Dann wandelt der Gott pl\u00f6tzlich seine Bedeutung und wird zur Ware. Er ist verf\u00fcgbar und nicht mehr der unantastbare Garant einer heilen Welt. Die monotheistischen Religionen haben immer wieder gro\u00dfe bis dominante Str\u00f6mungen, das dialogisch-dialektische Verh\u00e4ltnis zu ihrem Gott auf die Erde zu holen, ihn in Institutionen zur Verwaltung des Glaubens als hei\u00dfestes Eisen unterzubringen und dann in seinem Namen f\u00fcr ein Heil zu sorgen, das sich nach der Besitznahme als das Gegenteil, also als Unheil entpuppt. Insbesondere Menschen, deren Entwicklung noch nicht &#8211; oder immer noch nicht &#8211; abgeschlossen ist, suchen Antworten in einfachen L\u00f6sungen nach dem Modell der Rollenidentit\u00e4t und lassen sich, wie in der Kindheit von den Eltern, vorschreiben, wie die Welt zu deuten ist. Der auf der Erde vermarktet Gott ist ihnen sympathischer als ein Gott, der mit theologischer Ann\u00e4herung immer bunter schillert und im positiven Sinn frag-w\u00fcrdig ist wie der eschatologische Vorbehalt, die allerletzten Dinge des Lebens und des Glaubens nicht wissen zu k\u00f6nnen. Eine prinzipiengeleitete und flexible Ich-Identit\u00e4t, die in modernen Gesellschaften grunds\u00e4tzlich\u00a0 \u00fcberlebensnotwendig ist, steht f\u00fcr die Freunde der einfachen L\u00f6sung nicht an. Damit g\u00e4be es f\u00fcr sie zeitgem\u00e4\u00dfe Voraussetzungen, Friedfertigkeit in eigener Verantwortung und trotzdem kompatibel mit kollektiven Str\u00f6mungen zu gestalten. Aber sie sind ja noch nicht so weit.<!--more--><\/p>\n<p>Die Krisen der monotheistischen Weltreligionen \u00e4hneln sich und sind irgendwie an die gesellschaftliche Entwicklung und die damit korrespondierende individuelle Entwicklung gebunden.<\/p>\n<p>Mittelalterliche Gesellschaften, die die Rollen des Einzelnen vorgegeben haben, waren stets zufrieden mit denen, die folgsam ihre Rolle ausgef\u00fcllt und im Namen des Glaubens beispielsweise Hexen gejagt und verbrannt haben.<\/p>\n<p>Mit der Entwicklung der Gesellschaft steigen aber nicht nur die Anforderungen und M\u00f6glichkeiten des Individuums, sondern auch die Anforderungen an und die M\u00f6glichkeiten von Institutionen, beispielsweise der Religionsgemeinschaften. Die Theologie entwickelt sich, Gott wird wieder in den Himmel verlegt und die au\u00dferreligi\u00f6sen Vorgaben der Menschenrechte werden theologisch noch einmal neu bedacht. Die grunds\u00e4tzlich Unwissbarkeit des Glaubens wirkt nicht als eine Verunsicherung, sondern als ein Ansporn. So haben die christlichen Konfessionen grunds\u00e4tzlich den Weg in die moderne Gesellschaft bew\u00e4ltigt. Die Existenz evangelikaler Randgruppen mit der Bibel als Lehrbuch steht nicht dagegen, denn sie werden mit dem herrschenden Anspruch entwickelter Gesellschaften und mit ihren Menschen konfrontiert und kritisiert. In Europa war die Franz\u00f6sische Revolution ein Ereignis, das trotz aller Wirren im \u00dcbergang die gut integrierte mittelalterliche Gesellschaft beendet hat.<\/p>\n<p>Wenn nun heutzutage beklagt wird, der weltoffene und friedfertige Islam w\u00fcrde an vielen Stellen immer wieder mit einem vermarkteten Gott ins Feld gef\u00fchrt, um Ungl\u00e4ubige als Freiwild auszurotten, dann liegt das daran, dass es im Islam keine umfassende Institution des religi\u00f6sen gibt und unter den Schulen und Richtungen des Islam auch solche zu finden sind, und sich unter g\u00fcnstigen Bedingungen an bestimmten Orten entwickeln k\u00f6nnen, die einfache Antworten auf einfache Fragen geben. Im globalen Zusammenhang treten sie erst mit den globalisierten Medien und der globalisierten Mobilit\u00e4t in Erscheinung. Das entsprechende Islamverst\u00e4ndnis ist nicht nur viel einfacher, als ohne erkennbares Ende, sich \u00fcber Gott und die Welt in Diskurse zu begeben. Es ist zudem h\u00f6chste wirksam f\u00fcr einen Adressatenkreis in einem dann bestimmten gesellschaftlichen Kontext. Dort, wo die Gesellschaft noch nach dem Muster der Rollenidentit\u00e4t funktioniert und es deshalb keinen kollektiven Anreiz gibt, sich individuell weiter zu entwickeln, werden Topoi wie 72 Jungfrauen, Kampf gegen Ungl\u00e4ubige und ein korrespondierendes Elitedenken unmittelbar aufgenommen. Diese Reaktion entspricht der Reaktion des (noch in der Entwicklung befindlichen) Kindes auf die Vorgaben des Vaters, bis sich der Entwicklungsschub zum Erwachsensein im Widerspruch zum Vater ank\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Wenn nun irgendwelche K\u00e4mpfer des Islam mit festem Rezeptbuch den Terror und die Unsicherheit in der Welt verbreiten, dann sind sie entwicklungslogisch Erwachsene in einer mittelalterlichen Gesellschaft, die einen Ausflug in die Neuzeit machen, oder aber Kinder in der heutigen Zeit, die noch ihrem als unverd\u00e4chtig ausgetauschten neuen Vater folgen. Ihnen wurde also &#8211; warum auch immer &#8211; eine Entwicklung versagt, die aus der Kindheit oder dem Regelwerk der mittelalterlichen Gesellschaft hinaus f\u00fchrt. Wir haben es also mit einem Entwicklungsproblem zu tun, in dem die Entwicklung des Kollektiven (Gesellschaft) mit der Entwicklung des Individuellen (Individuum) verschr\u00e4nkt ist.<\/p>\n<p>Auch wenn man sich nach alten Zeiten zur\u00fcck sehnt: Entwicklung ist nicht umkehrbar. Wir k\u00f6nnen zwar Relikte mittelalterlicher Gesellschaften aufsuchen, verlieren damit aber die Werkzeuge, erwachsen zu werden und uns in der real existierenden Welt zurechtzufinden. Man kann aber so tun als ob, zum Beispiel in einer Familie, in der der Vater auch f\u00fcr die erwachsenen Kinder die entscheidenden Regeln ausgibt.<\/p>\n<p>Es gilt in jedem Fall hilfreich, Entwicklungsverz\u00f6gerungen f\u00f6rdernd zu ihnen zu begegnen. Kollektiv gelingt das nur, wenn der Geist der Menschenrechte und die Freude an der Vielfalt auch in gesellschaftlich abgeh\u00e4ngten Lebensbereichen weht. Das gilt f\u00fcr elterndominierte Familien, verregelte Schulen, Subkulturen mit Gewinnermaxime, und f\u00fcr Kinder, die minimierte Chancen habe, eine gelungene Entwicklung als flexible und prinzipiengeleitete Ich-Identit\u00e4t zu erreichen.<\/p>\n<p>Wer die Krise zum Erwachsenwerden nicht hinkriege, f\u00fcr den bleibt es allerdings weiterhin reizvoll, am zun\u00e4chst unverd\u00e4chtigen Ort das zu praktizieren, was er zuvor in der Familie gelernt hat. Er kann allerdings zu Bombe werden, weil er sich in eine Art mittelalterliche Enklave begibt, in der er erstmalig als \u201eErwachsener\u201c auftreten darf, ohne seine kindlichen Anspr\u00fcche zu verlieren.<\/p>\n<p>Bitte Leute, freut euch, wenn euch die Kinder irgendwann widersprechen, sie sind auf dem richtigen Weg.<\/p>\n<p>Wenn man nun h\u00f6rt, dass die T\u00fcrkei den Politiker Erdo\u011fan zum Vater hat, der unbegrenzte Macht beansprucht und nicht hinterfragt werden darf, und die Religion des Islam vor allem in l\u00e4ndlichen Bereichen und bei wenig gebildeten Leuten politisch gleichgeschaltet und auf den Vater ausgerichtet ist, dann sehen wir auch in diesem Zusammenhang, dass es l\u00e4uft, wie beschrieben.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt nicht schwer, den oben skizzierten Erkl\u00e4rungsansatz auch auf dieses Ph\u00e4nomen anzuwenden. Die Symptome sind un\u00fcbersehbar und dr\u00e4ngen sich auf: Die Ausschaltung der Opposition, die Aushebelung von Rechtsstaatlichkeit, die Instrumentalisierung des staatlich verwalteten Islam zur Spitzelt\u00e4tigkeit im Ausland, eine unbegr\u00fcndete Terroristenjagd nebst Terroristenangst, die grenzenlose Diffamierung unerreichbarer Widersacher au\u00dferhalb des unmittelbaren Erreichbarkeit.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Nachschrift:<br \/>\n<\/em>Man vergisst es schnell. Die ersten mittelalterlichen Gesellschaften auf dem Rei\u00dfbrett der j\u00fcngeren Zeit, waren meist christlich aufgemachte Bewegungen in den 70er Jahren, die dann als\u00a0\u201eJungendreligionen\u201c\u00a0mit ihrer destruktiven Wirkung Schlagzeilen machten. Sie haben die Entwicklungskrise Jugendlicher betriebswirtschaftlich aufgesetzt, Geld gemacht und Leid erzeugt. Ich habe damals zu diesem Thema lange geforscht. Der obige Text, ist eine Anwendung meiner damaligen Arbeitsergebnisse auf den Terrorismus im Namen Allahs. Ich habe es bewusst kurz und oberfl\u00e4chlich gehalten. Wer mehr dazu lesen will, dem empfehle ich die Projektpublikation des <span style=\"color: #0000ff;\"><a style=\"font-size: 1rem;\" href=\"http:\/\/www.FUNDUSeV.de\/Medien\/Destruktive_Gruppen_1.ibooks\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">P\u00e4dagogischen Instituts D\u00fcsseldorf die ich, weil vergriffen, gerade als e-book auferstehen lasse. Band 1<\/a> <\/span><span style=\"font-size: 1rem;\">(von 4) ist bereits online.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Glaube an einen einzigen Gott, der zudem Inbegriff alle Guten ist, bringt es mit sich, dass einzelne Menschen sich ihm so nahe w\u00e4hnen, dass sie ihn fast schon im sicheren Besitz zu haben glauben. Dann wandelt der Gott pl\u00f6tzlich seine Bedeutung und wird zur Ware. 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