Zur Tradition der Bundeswehr

Die Tradition der Bundeswehr beginnt im Jahr 1955. Das ist enttäuschend, weil Traditionen anderer Art meist über Jahrhunderte bestehen. Man hat von vornherein akribisch darauf geachtet, nicht in die Tradition der Wehrmacht einzusteigen und beispielsweise den „Lauf‟ des Gewehres verbindlich als „Rohr‟ bezeichnet. Aber Traditionen lassen sich nicht generalstabsmäßig vorgeben. Dafür ist die Wirklichkeit zu bunt. Dafür hängen Traditionen doch zu sehr an ungesteuerten Erinnerungen und Gefühlen. Und dafür begegnet man banalen Herausforderungen stets mit naheliegenden, abgeleiteten Lösungen. Es war nie ein Problem, mit einem Befehl das „Fallschirmjägerlied‟ zu reaktivieren und damit über verklärte Kriegseinsätze auf Kreta zu singen. „Yellow submarine‟ von den Beatles konnte nur ganz langsam und subversiv als Marschlied in die Kasernencharts geschleust werden. Selbst die Kasernen waren und sind immer noch häufig auf die Namen fragwürdiger historischer Krieger getauft. Neben dem angestrebten „Bürger in Uniform‟ wucherte also eine Fortschreibung der Wehrmacht und es gab zunächst auch ausreichend Berufssoldaten, die die Neuerfindung des Kriegshandwerks mit alter Erfahrung anreichern konnten.
Wenn nun die Verteidigungsministerin von der Leyen nach vielen vergeblichen Versuchen und einschlägigen Vorfällen und trotz aller Traditionserlasse, wieder einmal das Gespenst der Wehrmacht ausrotten will, so ist das mehr als vernünftig. Es zeigt aber nach aller Erfahrung auch, dass das armeetragende Verfahren von Befehl und Gehorsam nichts bewegen kann. Man kann selbstverständlich mit einem Befehl einen Kasernennamen ändern. Aber was ist damit gewonnen, wenn die dort tätigen Soldaten und ihr ziviles Umfeld sich nicht zuvor gegen den alten Namen gewehrt, ihn sogar pragmatisch liebgewonnen haben? Traditionen wachsen von unten, also immer ganz neu, auch wenn sie definitiv irgendetwas von gestern beanspruchen. Das wird also auch diesmal nicht funktionieren. Außerdem soll es ja demokratischerweise nun auch nicht sein, dass man in autoritärer Manier die Geschichte abschneidet. Es hat nach den zweiten Weltkrieg lange gedauert, sich mit der Zeit davor auch zivil kritisch auseinander zu setzen und für die Gegenwart zu lernen. Nicht umsonst gibt es zahlreiche tagesaktuell arbeitende Gedenkstätten.


Die eingegraute Wehrmachtstradition läuft so lang stillschweigend mit und tradiert ihre feldgrauen Symbole, wie der Weg erneuerter Traditionen aus dem Befehlsstand beschritten wird. Besser wäre es freilich, dass der Soldat ab und zu nein sagt und sich selbst ein Bild von der Welt macht und es streitbar zur Diskussion stellt. – Aber das ist auch in modernen Armeen nicht vorgesehen. Befehle darf man nur verweigern, wenn sie gegen die Menschenrechte ausgerichtet sind. Ob sie das sind, darüber kann der Soldat mutmaßen. Die verbindliche Gewissheit bekommt er jedoch vorab nicht geliefert. Er zieht also höchstwahrscheinlich mit irgend einer Gegenrede den Kürzeren.

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