Fakenewsig

Ein Minister der CDU schließt sich der vermeintlichen Erkenntnis der AfD an, die Tagesschau würde die Wetterkarte zunehmend rot darstellen, um die Klimakatastrophe zu dramatisieren und auch noch die typische Farbe der SPD und der Linken hervorzuheben.

Man muss gelernt haben, zu versuchen, sich irgendwie aufdrängende Hypothesen zu widerlegen, um zu Erkenntnissen zu kommen. Wenn man nur Bestätigungen sucht, dann bleibt man dumm.

Der Minister und seine Vasallen werden das offenbar nicht gelernt haben, denn sonst hätten sie die Hypothese, dass auf der Wetterkarte alles immer roter wird, lediglich beiseite gelegt.

Eine Nachfrage bei der Tagesschau hätte auch gereicht. Das Farbschema folgt nämlich den Jahreszeiten, um mit den Farben die Temperaturen hinreichend differenzieren zu können. Sehr warm ist also sehr rot. Das ist ja auch in der Hölle so. Was aber im Winter sehr warm ist, wird im Sommer oft als sehr kalt bezeichnet. Wenn der geneigte AfD-ler eine alte Sommerwetterkarte mit hohen Temperaturen nimmt und eine aktuelle Winterwetterkarte mit weitaus geringeren Temperaturen daneben legt, dann erscheint es ihm so, als sei der neue Winter der alte Sommer.

Das ist der Stoff, aus dem Fakenews sind. Und schon kommt die Wetterkarte vom politischen Widersacher.

Ein Tipi beißen

Der Sandwichtoast
Das gleichschenklige, rechtwinklige Dreieck
Das Tipi
Der aus zwei Tipis konstruierte Weihnachtsbaum

Wenn ich mit meinen vier Freunden frühstücke, dann ist das immer ein Ereignis. Denn alle vier leben in ihrer Alltagswelt ohne Sandwichtoaster. Und der Sandwichtoaster hat es allen angetan. Es gibt also stets Sandwiches mit Käse und wahlweise weiteren Zutaten.

Wir haben das dekorative dreieckige Toastbrot in keinem Laden gefunden. Deshalb schneiden wir den quadratischen Toast nach der Zubereitung an der vorgezeichneten Stelle von Ecke zu Ecke in zwei Teile, also in gleichschenklige und rechtwinklige Dreiecke.

Die Essgewohnheiten haben sich so entwickelt, dass wir zunächst in den rechten Winkel beißen und uns dann geradlinig bis zur Mitte der Hypotenuse voressen. Die verbleibenden beiden Teile kann man dann so zurecht beißen, dass die 45°-Ecken  senkrecht auf dem Teller stehen können.

Dann sagen wir immer:
„Guck mal –
ich habe ein Tipi gebissen!“
–Und schon sind wir auf der Spur der Indianer.

Ich sage das nur, weil wir so stolz sind, jetzt erstmalig einen aus Tipis zusammengestellten Weihnachtsbaum konstruiert zu haben.

„Die Jugend“

Der Autor trimmt sich jugendlich, ohne jeden Anspruch darauf, ernst genommen zu werden

Seitdem mit einem Schwerpunkt jüngere Menschen andere Parteien wählen als zuvor und damit die über Jahrzehnte geübte Wahlpraxis durcheinander bringen, fühlen sich mal wieder viele Leute veranlasst, über „die Jugend“ Mutmaßungen anzustellen.
Bei allem, was ich da bisher gelesen habe, sind es wohl ausnahmslos Besserwisser, die sich für die Beweggründe Jugendlicher nicht interessieren, aber krampfhaft überlegen, welches subkulturelle Produkt so hergerichtet werden kann, dass „die Jugend“ keinen Mist macht und sich für einen leblosen Mainstream einfangen lässt.

Das war nie anders. Es war bereits in der katholischen Jugendarbeit der 60er Jahre so, dass das wirklichkeitsfremde Konstrukt „Jazzmesse“ Heilwirkung entfalten sollte, obwohl nur billiger Softpop dabei herauskam. Es war ein Graus und alle versuchten sich gutgläubig daran, mit so einem schmalen Kunsthauch von Freiheit zu locken. Die Jeans aus der DDR war auch so ein kläglicher Versuch fehlgeleiteter Strategen.

Mein Rat ist, das ganze Ding ohne Erwachsene, aber mit Menschen zu machen und Mutmaßungen über die Jugend einzustellen.

Der Rezo und die Fridays-for-Future-Bewegung leuchten die Leerstellen aus

Es gibt ja immer wieder Sachen, die man beiseite schiebt oder erst gar nicht wahrhaben will. Das macht die eine und der andere. Es werden damit Leerstellen produziert. Sie sind irgendwie da, aber man sieht sie so wenig, wie das Chaos im Wäscheschrank. Es ist wie mit Bielefeld oder wie mit dem Dornröschenschloss: Die Hecke gehört zum Alltag und das dahinter ist außerhalb aller Denkhorizonte praktisch ausgelöscht. Die Welt ist dann so, wie sie gefällt, aber eben teilweise unsichtbar. Astrid Lindgren und Andrea Nahles haben schon frühzeitig darauf hingewiesen, dass es so etwas in Pippi-Langstrumpf-Manier geben sollte oder auch nicht. Leerstellen sind jedenfalls Altlasten nach dem Badbank Modell, die das  Leben scheinbar schöner machen. Es werden alle medialen Verfahren eingesetzt, dass es auch so bleibt. Das Ergebnis ist eine ritualisierte Politik mit inszenierten Auseinandersetzungen und Lösungen, die so stark propagiert werden, dass man auch einen Entscheidungsstau als dynamische Politik verkaufen kann wie ein E-Auto. So wird endlos über die Erfolge der Klimapolitik berichtet, obwohl sie sträflich vernachlässigt wird.

Der YouTuber Rezo mit seinem Film „Die Zerstörung der CDU“ und mit seiner bemerkenswerten Reichweite ist in die Welt der Politik ohne Vorahnung und Vorwarnung eingebrochen. Obwohl – man hätte wissen können, dass so etwas kommen kann. Rezo ist der lang erwartete, liebende Prinz, der mit zurückbebender Leidenschaft und scharfem Schwert die Leerstellen offenlegt und großartige Denkgebäude hinter den Hecken offenlegt. Die FFF-Bewegung hatte bereits in den letzten Monaten fachlich und emotional vorgearbeitet. Die Zeit war reif. Die Politik kann weder den FFF-Aktivisten noch dem Rezo etwas entgegensetzen. Darauf sind die meisten Parteien nicht vorbereitet. Aber der Bürger freut sich über die verlorengegangene Themen und Blickpunkte auf die Welt. Es kann also nicht mehr so weitergehen und Rezo ist das Aufbruchssymbol, so wie die FFF-Bewegung auch. Die Chancen stehen gut wie lange nicht mehr, dass die tradierte Politik nicht mehr selbst die Themen wählt oder verschüttet.

Die Wahl zum Europaparlament 2019 zeigt jedenfalls überdeutlich, dass der Stolz auf Besitzstände vom Wähler nicht mehr honoriert wird, auch nicht die Aufrechnung konstruierter Erfolge und ihre Verlängerung in Pläne, die den Weg ihrer eigenen Realisierung verstopfen. Es zählt allein die Umsetzung in erlebbare politische Ergebnisse und ein kleiner Vertrauensvorschuss, den es bei schlechten Erfahrungen einfach nicht gibt. Mit den Stimmanteilen kann es also, schneller als bisher gedacht, ganz scharf nach oben oder nach unten gehen. Die Demokratie lebt!

Impfpflicht als Politshow

Ich habe mir mal die Statistik beim Robert Koch Institut (RKI) angeguckt. Dort wird akribisch die Impfstatistik geführt. Die Impfquote gegen Masern steigt über viele Jahre – wenigstens seit 2004 – bis zum heutigen Tag kontinuierlich und liegt bei 97,1% bzw. 92,8% für die 2. Impfung. Beide Impfungen sind für einen dauerhaften Schutz erforderlich.

Das bedeutet zunächst, dass es überhaupt keinen Grund für den Gesundheitsminister Spahn gibt, das Thema überhaupt, und dann auch noch gerade jetzt, in die Öffentlichkeit zu tragen. 

Man kann zwar stets mit einer Quote von unter 100% unzufrieden sein, wird sich ihr annähern, aber sie letztlich nicht erreichen können. Die Quote der 1. Impfung zeigt, dass das System zur Werbung und Unterstützung für das Impfen nahezu lückenlos funktioniert. Der angestrebte Herdenschutz wird bei 95% angenommen. Wenn also die Quote der 2. Impfung etwas unter dem Herdenschutzniveau liegt, dann liegt das offenbar daran, dass das enge Betreuungssystem von Kinderärzten und Erziehern, das zur erfolgreichen Impfung beiträgt, bei älteren Kindern etwas gelockerter ist. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass – bis auf unvermeidbare Einzelfälle – Eltern die erste Impfung der Kinder durchführen lassen, die zweite aber plötzlich verweigern. Die 2. Impfung geht wahrscheinlich oft einfach nur in der Alltagsgestaltung als wichtiges Thema verloren. Gerade deshalb ist es aber wichtig, durch eine gezielte Wertschätzung betroffener Kinder und Eltern neue Wege zur 2. Impfung einzurichten und verlässlich zu etablieren. Bei ca. 6 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland reichen dann auch Werbebroschüren und Briefe zur Werbung nicht aus.

Der aktuelle Hype um die Impfpflicht ist jedenfalls ein politisch aufgeblasenes Medienmonster ohne sachliche und aktuelle Bedeutung.

Es gibt allerdings eine nicht zu unterschätzende punktuelle Ideologisierung rund um bestimmte Einrichtungen, die Impfungen ablehnen. So gibt es Freundeskreise und Subkulturen, in denen die Impfquote bei der 2. Impfung bei 25% liegt. Das wurde wohl auch einmal in der Freien Waldorfschule Erftstadt so ausgezählt. Und das ist gefährlich! Es trifft nicht die Volksgesundheit, sondern auch die die Menschen in der jeweiligen Einrichtung.
Aber in solchen Fällen hilft auch keine Impfpflicht, sondern eine deutliche Ansprache der jeweiligen Ideologieträger und ihrer Gefolgschaft, ohne dass man dazu ein spezielles Gesetz mit Sanktionspotential benötigt. Die Experten fordern so ein Gesetz ja wohl auch nicht, sondern nur ein Minister.

Dass der Hype je nach Medium auch noch von dämlichen Symbolbildern und Symbolfilmen der Kategorie „Spritze sticht im Fleisch“ begleitet wird, verursacht zudem Schmerzen.

Konsultative Bürgerbefragung oder die Mehrheit der Deutschen

In der vorherrschenden Demokratie gilt der Bürger als Souverän. Er sagt letztlich, was zu tun und zu lassen ist. Dem Demokratietheoretiker Rousseau ist bereits im 18. Jahrhundert aufgefallen, dass der einzelne Bürger zwar für die Meinungsbildung wichtig ist, aber nicht über ein Hochrechnungsverfahren die Politik bestimmen sollte. Rousseau unterscheidet deshalb den Willen vieler Einzelner (volonté de tous) vom Gemeinwillen (volonté générale), der schließlich als ausschlaggebend dafür angesehen wird, was politisch verwirklicht werden soll und dann auch nur sehr komplex zustande kommt. Es geht also um weit mehr als das, was einer sagt oder mehrere Menschen sagen. Und erst recht um viel mehr als das, was einer sagt, der behauptet, für das Volk zu sprechen.

Wir haben deshalb nach vielen Experimenten mit der Demokratie herausgearbeitet, dass in Verbindung mit einer zuverlässigen Rechtsstaatlichkeit die Auseinandersetzung mit politischen Positionen noch am ehesten einen Gemeinwillen hervorbringt.

In der direkten Demokratie, in der sich alle Akteure von Angesicht zu Angesicht sehen, geht es ursprünglich um das Palaver, die Debatten im Vorfeld. Die Abstimmung ist also nur der Schluss, also weit mehr als ein individuelles Handheben. Sie ist an das Erfordernis zum Gemeinwohl rückgebunden und behält beispielsweise auch schützenswerte Minderheitspositionen im Blick. Die direkte Demokratie ist unverzichtbarer Standard, so lange die Zahl der Bürger überschaubar ist. Man wählt mit diesem Verfahren auch gern Klassensprecher und Vereinsvorsitzende.

In demokratischen Rätesystemen, die bisher nur selten ausprobiert werden konnten, gab es stets Probleme mit einem mehr oder weniger imperativen oder gewissensbasierten Mandat auf dem Weg durch die Räte und der Entscheidung darüber, welche Mehrheit entscheidend sein soll.

Das parlamentarische Demokratiessystem hat sich, was Staaten und ihre regionalen Untergliederungen betrifft, bewährt und wird ständig weiterentwickelt.

Gewählte Volksvertreter bilden ein Parlament auf Zeit. Der Bürger greift nur bei den Wahlen ein, und bringt seine vordiskutierten Erfahrungen mit den Volksvertretern und politischen Herausforderungen auf den Punkt. Politische Debatten werden also nicht nur ins Parlament verlagert, die allgemeine Auseinandersetzung behält ihre Priorität. Der Mandatsträger ist nicht mächtig.

Die Parteien bieten nun ein in Programme verlängertes und konkretisiertes Welt- und Menschenbild den potentiellen Wählern an. Gleichzeitig nehmen sie im Idealfall an politischen Diskursen zu priorisierten Fragestellungen teil, die dann ins Konzept passen, oder eine Erweiterung oder Umgestaltung des Programms erfordern. Politische Parteien haben also einen Markenkern, an dem man sie auch über lange Zeit wiedererkennen kann und folgen dennoch irgendwie dem Zeitgeist.

Bisweilen fällt es ihnen schwer, ihren Markenkern hochzuhalten, wenn damit parlamentarische Mehrheiten schwinden. Sie sind dann geneigt, sich mit argumentativer Spitzfindigkeit als konservativ und gleichzeitig flexibel zu inszenieren. Der Bürger folgt dem oft nicht so gern, wenn es als Rechtfertigung ankommt.

Die Fortschritte in der Wissenschaft rund um die Demoskopie macht den Parteien allerdings ebenfalls zu schaffen. Die Demoskopie spiegelt, kulminiert in der beliebten Sonntagsfrage – „Wenn Sonntag gewählt würde … “ -, den Willen der vielen Einzelnen (volonté de tous) in die öffentliche Auseinandersetzung und zeigt den Parteien auf, wie sie – auch abseits des eigenen Profils – zu Mehrheiten kommen oder doch zumindest Verluste vermeiden können. Die parlamentarische Mehrheit ist ein bevorzugtes Ziel zur Politikgestaltung aller Parteien. Sie verstricken sich in Kämpfen um Anteile und verlieren den Gemeinwillen (volonté générale) dabei nicht selten aus dem Blick. Bisweilen büßen die Parteien dabei ihren Wiedererkennungswert bis zur Existenzkrise ein.

In solchen Situationen erinnern sie sich gern daran, was der Wähler eigentlich will und neigen dazu, mit der überlegenen Demoskopie zu konkurrieren und das Volk zu befragen. Sie offenbaren also eine fehlende Volksnähe und zeigen, dass ihre politische Diskurse nur noch in Schonräumen ablaufen. Eine Krise des parlamentarischen Systems ist offen sichtlich. Die Bürgerverdrossenheit der Parteien deuten sie um in eine Politikverdrossenheit der Bürger und planen eine Inszenierung und Instrumentalisierung der Bürgernähe. Volksbefragungen sind neuerdings angesagt, vielleicht auch deshalb, weil allein populistisch ausgerichtete neue Parteien mit dem Thema Volksbefragung punkten. Dabei sind Volksbefragungen in der parlamentarischen Demokratie systemfremd, denn der Bürger hat ja für eine festgelegte Zeit, sein Mandat an Abgeordnete weitergegeben, die ja eigentlich wissen müssen, was ihre Wähler wollen. Bürgerentscheide in parlamentarischen Demokratien sind meistens ein Eingeständnis der Hilflosigkeit und werden dann zur Instrumentalisierung des Wählers und zur Simulation einer Bürgernähe eingesetzt oder gar zur Erziehung des Bürgers zu einer Partei hin. Nicht selten sind Volksbefragung aber nur ein Fuß in der Tür für ansonsten machtlose Sonderlinge, wie das Brexitverfahren zeigt.

Die jetzt diskutierte „konsultative Bürgerbefragung“ – vorwiegend in der SPD in Berlin – wäre die Spitze der Bürgerfeindlichkeit, weil man die Bedeutungslosigkeit direkt mitliefern würde. Sie ist dann eben nur konsultativ, also ein unverbindlicher Ratschlag. Sie würde zudem viel Geld kosten, während Demoskopen mit einem Bruchteil der Kosten viel schneller zum gleichen Ergebnis kommen würden. Offenbar ist dabei auch das Ergebnis für die Parteien sehr viel interessante, als das Zustandekommen, sonst wären Gespräche mit Bürgern im Parteialltag das Mittel der Wahl und nicht das Schielen nach der Zahl. 

Befeuerung

Tja, das passiert unweigerlich, wenn ein Symbol, wie die Notre Dame in Paris, abbrennt:

Die Süddeutsche floskelt los:
„Der Großbrand in dem Wahrzeichen Frankreichs kam aus dem Nichts und hielt die ganze Welt in Atem. Sechs Stunden später ist klar: Die Kathedrale ist gerettet, die Wunde ist dennoch tief.“

Und prompt wird die Süddeutsche noch im Kommentar getoppt:
„Funkenflug mitten ins Herz.“

Und der Tagesspiegel sowie die Welt beklagen voyeuristisch, dass die öffentlich-rechtlichen Medien gar das Ereignis verschlafen haben, weil keine Sondersendung nach Art des „Brennpunkts“ (sic!) ausgepackt wurde: „Notre-Dame brennt – und die ARD pennt.“

Und allerlei reiche Leute laden auch noch zu Spende ein:
Der ambitionierte CDUler Friedrich Merz tut das auch.

Dabei ist es ja so:
Floskeln verstopfen nur die Kommunikationskanäle und Spendenaufrufe gaukeln Solidarität vor, um den Abstand zwischen Arm und Reich zu vergrößern, wie bei jeder Sammelaktion und jeder Lotterie. – Unter gerechten Lebensbedingungen wäre das ja wirklich ganz okay. Floskeln könnten dann auch im Giftschrank bleiben.

Ich glaube aber fest, dass die mediale Berichterstattung ein Volk von Schaulustigen und Gaffern züchtet, die bei Verkehrsunfällen in ihrer Lebenswelt noch geächtet werden, aber gebraucht werden, um selbstredende endlose Flammen einer Kirche zu betrachten, denen kein Journalist etwas hinzu zu fügend vermag, damit die Trauerquote der Betroffenheit und Anteilnahme hoch gehandelt werden kann.

Das Urheberrecht führt unweigerlich zum Geld

No saben el camino

Das Urheberrecht und ähnliche Schutzrechte und die damit geschützter Produkten sind ein Hebel, um Geld anders zu verteilen. Ob es damit gerechter verteilt wird, ist damit noch nicht gesagt.

Seit jeher wird gehandelt. Man gibt seine Arbeitskraft ab und bekommt dafür Geld. Das, was erarbeitet wurde, ein Brot oder ein Auto, wird auch wieder gegen Geld verkauft. Das Geld sammelt sich hier um dort und macht das Leben meist einfacher. Ob das Geld als Lohn gerecht ist, war noch nie unumstritten.

Karl Marx arbeitete die Idee aus, dass der Arbeiter letztlich auch im käuflichen Produkt steckt, das er miterarbeitet hat, obwohl es für ihn so fremd gehandelt wird, wie alle anderen Produkte auch. Der Arbeiter könnte ja auch so eine Art Urheberrecht haben, das ihm auch weiterhin Einnahmen an dem von ihm mitgeschaffenen Produkt sichert. 

Für das geltende Urheberrecht wurde deshalb eine fragwürdige erhebliche Schöpfungshöhe erfunden, die erfüllt sein muss, damit der Mensch auf ewig mit seinem Produkt verbunden bleibt und mitbestimmen kann, wer gegen welche Bezahlung damit wie umgehen kann. Man hat also einfach das geistige Eigentum vom Eigentum an sich abgeschnitten, um es anders zu behandeln. Dabei gilt auch für Musik, Literatur, Kunstobjekte und Erfindungen, dass sie, wie andere Produkte auch, gegen Geld an den Menschen gebracht werden.

In Zeiten grenzenloser Reproduzierbarkeit wird allerdings die Reproduktion nicht mehr als kostenlose Werbung für den Urheber verstanden, sondern als Einnahmequelle. Während der Pianist früher für ein Konzert bezahlt wurde, sind es heute außerdem die Tonaufnahmen dieses Konzerts und andere mühelos reproduzierbare Medien. An solchen Tonaufnahmen sind weiterhin Aufnahmespezialisten, ein Tonstudio, Werbefachleute, viele Vertriebskanäle und anderes mehr beteiligt. Es gibt für den Künstler im Reproduktionskontext heutzutage im allgemeinen einen Vertrag einer meist großen Produktionsfirma, die sich aus einem hauptsächlich geschäftlichen Interesse heraus um alles kümmert und auch bezahlt werden will. Die Firma produziert also einen verkaufsträchtigen Rahmen für den Pianisten. Verlage organisieren sich wie die Musikproduzenten ebenfalls als Mitverdiener. Und im Überbau der ganzen Branche gibt es die monopolistisch agierenden Rechteverwertungsgesellschaften wie GEMA und VG Wort, die darüber wachen, dass bei jeder Nutzung geschützter Werke das Geld fließt und nach einem Schlüssel verteilt wird. Seit langem weiß man, dass im gesamten Überbau der eigentliche Rechteinhaber an Bedeutung verliert. Er wird allerdings mit Tantiemen bei Laune gehalten, nachdem der Eigenbedarf des Überbaus bereits abgeräumt worden ist. Man kann dem traditionell armen Künstler zurufen, dass das besser als nichts ist. Viele Künstler sind mittlerweile bereit, den Weg zurück zu gehen. Sie stellen ihre Produkte zur freien Verfügung oder lassen den Konsumenten entscheiden, was sie bereit sind, für eine Musik oder einen Text zu zahlen. Sie leben derweil hauptsächlich von öffentlichen Auftritten gegen Bezahlung und unterscheiden sich nicht mehr so sehr vom Handwerker, der sein Arbeitsergebnisse auch nicht bis zum Lebensende als sein Werk vermarktet.

Wenn nun von der Europäischen Union im März 2019 das Urherberrecht gegen großen Widerstand an die digitale Welt angepasst wurde, dann ist dabei in der Hauptsache das Interesse an viel Geld im Spiel, von dem die Künstler und andere Urheber traditionell den kleinen Teil bekommen. Daran ändert sich auch mit der neuen gesetzlichen Verpflichtung der Medienkonzerne, für geschützte Werke zu zahlen, oder sie auszuschließen, nichts. Den Verlagen, Produktions- und Verwertungsgesellschaften wäre damit gedient, wenn die Internetgiganten YouTube, Instagram, Facebook usw. ihren Usern alles mögliche durchgehen lassen und dafür ordentlich Geld abdrücken, um das System der Verwertungsgewinnler reich zu machen. Die Internetgiganten ihrerseits werden sich fragen, ob sie zum eigenen Wohl auf solche Zahlungen verzichten und deshalb stattdessen lieber die User aussortieren, die geschütze Medien oder auch kleinste Teile davon hochladen wollen. Das werden sie, allein wegen der unüberschaubaren Menge, mit Uploadfiltern machen, die nach einem Algorithmus das Angebot sauber schießen und weitgehend uninteressant machen. Auch geschützte Schnipsel in einer satirischen Verarbeitung würden solche Filter nicht passieren, selbst wenn es dazu keine Rechtsgrundlage gibt. Eine kulturelle Verarmung wäre die Folge. Allerdings bleibt abzuwarten, ob die Internetgiganten alle gleich reagieren oder sich einen Konkurrenzvorteil davon versprechen, wenn sie zahlen anstatt zu filtern. Man liest gerade, YouTube würde sich unter diesen Bedingungen gleich selbst einstellen.

Mir kommt das alles so vor, als ob mit Hilfe politischer Entscheidungen ohnehin reiche Gewinnler das große Rad drehen, um die soziale Ungleichheit in der Welt auf die Spitze zu treiben, indem sie mit Recht, aber rücksichtslos ihre Taschen füllen, während der Rest der Welt verarmt.

Urheber agieren selbst am Markt, an dem tatsächlich auch Geld zu verdienen ist. Wenn man mit politischer Absicht die kulturelle Vielfalt vertiefen und verbreitern will, dann sollte man Künstler fördern. Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Das System der urheberrechtlichen Geldgenerierung ist dazu ungeeignet und es zwingt den Werktätigen der einfach so seine Arbeit auf nimmerwiedersehen aus der Hand gibt in eine Ungleichbehandlung. Für meinen Geschmack könnte es sogar notwendig werden, dass man die alte Raubkopie entkriminalisiert und zur neuen Werbung umdeutet und damit seinen Lieblingskünstler feiert und ehrt.

Über den Witz im Karneval

Was ist schon
karnevalistisches Tanzen,
ohne Mariechenwerfen?

Das Jahrhundert des Witzes überlappt sich mit dem Jahrhundert des Kindes und löst es ab.
Der Karneval ist derart expandiert und hat den Witz zudem so stark in den Vordergrund gerückt, dass das Reservoir an Witzen immer knapper wird. Das einfache Sammeln und Weitererzählen der Witze reicht schon lange nicht mehr. Professionelle Witzmanufakturen mussten her.

Früher wechselten gute Büttenredner in das komische Fach als Comedians oder Kabarettisten. Heute sind gute Büttenredner fast ausgestorben. Bestenfalls kultivieren die abtrünnigen und aufgestiegenen Humorspezialisten den alternativen Karneval als zweites Standbein, nicht jedoch den Standardkarneval. Die meisten Humorspezialisten etablieren sich als autonome Kulturschaffende an wechselnden Spielorten oder in den Medien, die mittlerweile und mit Erfolg ganze Thinktanks, also Witzfabriken, betreiben.

Der Sitzungskarneval verflacht also immer mehr und muss sich schließlich als Publikumsmagneten den einen oder anderen Berufshumoristen einkaufen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Von den eingekauften Highlights abgesehen, ist der Karneval also auch aus Mangel an Witzen verflacht. Das macht aber nichts, weil der Karneval derart volkstümlich in Erscheinung tritt, dass er keine unteren Qualitätsgrenzen vorhält und jede Kritik als karnevalsunwürdig und elitär beiseite schiebt. Karneval ist unterschiedslos für alle da. Das Privileg der Kunst – „Der Künstler darf alles!“ – gilt ja richtigerweise auch für den Karneval. Aber die Kunstkritik müsste selbstverständlich auch dazu gehören. Das tut sie aber nicht!

Als unlängst ein eingekaufter Witzerzähler namens Stelter das Dilemma der Karnevalswitze vorführte und den komplexen Doppelnamen einer bekannten Politikerin ohne Erfolgsaussicht zum Witz verarbeitete, hat tatsächlich eine couragierte Sitzungsbesucherin den Witz und seinen Erzähler entlarvt. Der Witz war schlecht und zudem übergriffig inszeniert. Stelter stellte fest, dass er ja nur Witze macht … Klar! Ohne diese Sitzungsbesucherin, wäre alles wie geplant gelaufen, also ohne Kritik.

Nur wenige Tage später ist die von ihm vorgeführte Politikerin selbst in die Bütt gegangen. So ein Politiker ist übrigens eine eher kostengünstige Variante, so eine Karnevalssitzung zu pimpen. Ganze Bataillone von Politikern warten Jahr für Jahr auf Karnevalsorden, die nicht jeder hat.

Diese Politikerin – Frau Kamp-Karrenbauer von der CDU – hat dann vorgetragen, dass das dritte Klo für die Menschen da ist, die sich nicht entscheiden können, ob sie im stehen oder im sitzen pinkeln. Das war karnevalsgerecht und es wurde gelacht. Das war aber ebenfalls auch ein schlechter Witz, der zudem übergriffig und verunglimpfend war.

Ich rate dazu, den Karneval immer nur soweit zu treiben, dass die Anbieter guter Witze auch wirklich noch mit der Produktion nachkommen. Eine Welt von Witzeschreibern wäre der blanke Horror! – Und verbrauchte Witze müssen gnadenlos in die Wiederaufbereitung.

moralisches Doppel 2.0

Kritiker der Katholischen Kirche geben nicht selten Tipps, um diese Kirche zu retten.

So schreibt Heribert Prantl am 20.2.2019 in der Süddeutschen Zeitung: „Die katholische Kirche muss ihre Doppelmoral beenden“. Aber: Warum sollte ihre Doppelmoral beendet werden? Die Welt ist voll von doppelmoralem Verhalten. Und bisweilen ist es nützlich und vollkommen alltäglich, wenn man beispielsweise im Freundeskreis eine andere Moral befolgt als in der Familie. Eine arabische Freundin belügt ihre Familie seit Jahren mit großem Gewinn. Wir sollten allererst lernen, die Vielschichtigkeit der Moralen zu verstehen und ihren Sinn zu begreifen. Dann haben wir beste Voraussetzungen moralische Attitüden richtig einzuordnen und uns erforderlichenfalls souverän dazu zu verhalten. Es ist doch nicht so, dass man eine Moral unbearbeitet vor sich her trägt. Sie ist und bleibt ein ständiges Thema für den Moralisten und sein Gegenüber. Wenn nun die besagte Kirche zwischen ihren Moralvarianten untergeht, dann gibt es doch niemanden, der sie davor bewahren will, wenn das ihr Markenkern ist. Wir wissen ja mittlerweile verbindlich, dass man auch ohne Katholische Kirche ein guter Mensch sein kann. Also lassen wir doch den Doppelmoralen ihre Freiheit. Wir  sind allerdings gut beraten, alle Moralen so souverän zu behandeln, dass sie nicht als Keulen wirken. Und wenn wir an einer Glaubwürdigkeit zweifeln, weil da jemand anders lebt, als er predigt – mein Gott – dann können wir immer noch einen großen Bogen machen oder sogar streitbar werden. Organisationen zu retten, die in einer Doppelmoral gründen, das bringt nichts. Dafür ist die Zeit zu schade …

Dazu ein älterer Witz: 
Der Papst stirbt und kommt in den Himmel. Am Empfang bittet er Petrus um Einlass und trägt vor, er sei zuletzt der Stellvertreter Gottes auf Erden gewesen. Petrus guckt etwas ungläubig, begibt sich in den hinteren Teil des Himmels und berichtet Gott davon. Gott sagt: „Ach, das hätte ich nicht gedacht. – Existiert der Verein immer noch, den ich vor 2000 Jahren gegründet habe?“