Das kann man doch nicht vergleichen

Es wird immer beliebter, in einer Auseinandersetzung zu behaupten, man könne das doch gar nicht vergleichen. Eigentlich wird damit immer nur eine von mehreren strittigen Positionen auf die Schiene des Siegers gehoben, ohne wirklich zu argumentieren. Die Redewendung entspricht der gewinntakischen Bedeutung der anderen Redewendung, dieses oder jenes wäre alternativlos. Man wird jeweils aufgefordert, die stets verfügbaren anderen Lösungen erst gar nicht zu prüfen. Die auch von der deutschen Bundeskanzlerin Merkel lange Zeit favorisierte Alternativlosigkeit wurde deshalb zum Unwort des Jahres 2010. Die Redewendung von der Unvergleichbarkeit beinhaltet aber noch etwas besonderes: Sie ist – unausgesprochen, wie grotesk – stets das Ergebnis eines Vergleiches. Man tut es also und behauptet gleichzeitig, dass es nicht ginge. Vergleichen kann man doch alles, wenn man denn ein Vergleichskriterium bestimmt. Sind Äpfel oder Birnen beliebter? Darauf gibt es eine Antwort. Manchmal hat man den Eindruck, dass das Reden von der Unvergleichbarkeit fälschlicherweise bedeuten könnte, dass bestimmte Dinge oder Sachverhalte nicht gleich sind. Aber das ist ja, wenn man genau misst, immer so. Es ist also nicht wert, hervorgehoben zu werden. Selbst der Klon kann den Platz nicht besetzen, den sein Ebenbild einnimmt.

Der Kommunalpolitiker mit Ansehen der Person

Dass Kommunalpolitiker vergleichsweise eher hässliche Menschen sind, muss ja nicht unbedingt auf die Qualität der politischen Arbeit durchschlagen.

Wenn ich mich jetzt hier in dieser Gegend zwischen den Wahlplakaten bewege, dann sind diese Menschen allerdings derart beeindruckend wenig ansehnlich, dass ich meine Aufmerksamkeit kaum abwenden kann, mich etwas schäme, Albträume erwarte und um eine gute Politik bange.

Nach der Wahl kann ich diese Gesichter wohl erst wieder für eine Weile vergessen, oder aber auch nicht.

Über das Eszett

[ẞ]

Wenn jemand sich mit Nachdruck ins Geschäft bringen will, dann schreibt er seinen Namen häufig in Versalien. Man sieht das immer wieder auf Fußballtrikots, jetzt aber auch wieder auf vielen Wahlplakaten, die einen Menschen zur Wahl anbieten.

Gerade in Wortbeiträgen, die man nicht von Angesicht zu Angesicht übermittelt, werden die sprachbegleitenden Verhaltensweisen gern durch Zeichen ersetzt, die auf Gefühlslagen Hinweisen und den Text auszeichnen. Versalien signalisieren dabei das alles übertönende Herausschreien. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden.
Nun sagt der Rat für deutsche Rechtschreibung, dass ein „ß“ als Ersatz für eine Versalie in ein „ss“ aufgelöst wird. Zugelassen ist das kleine „ß“, verloren zwischen Versalien, lediglich in amtlichen Ausweisen, um die Eindeutigkeit von Namen sicherzustellen. Typographen arbeiten schon lange an dem offenbar fehlenden großen „ß“, das uns auch helfen könnte, manche Substantive besser in ßene zu setzen. Dessen ungeachtet ziehen im Fußball ein Herr „KIEßLING“, ein Herr „GROßKREUTZ“ und in der Politik ein Herr „NIEßING“ und viele andere ihre Kreise. Das lässt mich nicht unbeeindruckt und ich schaffe es nicht, darüber hinweg zu sehen. Ich bin geneigt, in diesem Zusammenhang jede Form von Liken zu unterlassen und das „ß“ einfach mal wegen der Ähnlichkeit als „B“ zu deuten und dann auch so auszusprechen: „Der Kiebling steht doch im Abseits!“

Nachtrag am 29. Juni 2017:

Der Kampf hat sich gelohnt. Ab sofort gibt es das ẞ (also das große ß) – sagt der Rat für deutsche Rechtschreibung!

Aufruf an alle Typografen: Macht euch an die Arbeit!

Ich freue mich so sehr: Gib mir ein ẞ! – Ach, da stimmt die Typografie noch nicht.

 

Falsche Fahnder [aus gegebenem Anlass]

Es ist schon sehr hysterisch, dass sich nun in den mehr und weniger sozialen Medien sogar selbsternannte Fahnder zur Aufklärung des Missbrauchs von Kindern einschalten, wenn ein Kind nicht mehr erreichbar ist.

Es ist ebenso schlimm, wenn Kinder, die so langsam erwachsen werden – heute aktuell eine A. in O. – die Entscheidung treffen, nicht mehr nach Hause zu gehen und dann plötzlich eine Armada selbsternannter Helfer per Mausklick das arme Geschöpf zum Treibjagdobjekt machen und dabei höchstens das Ziel verfolgen, dass alles wieder so wird wie früher. Das wird es aber nicht! Würde man A. ernst nehmen, dann würde man vermuten, dass es tiefe Gräben zwischen „zu Hause“ und A. gibt. Da ist niemandem geholfen, denen da zu Hause zu einem wirksamen Zugriff zu verhelfen. Wer reif ist, punktuell einen abweichenden Weg zu gehen, der ist sicherlich auch reif, diesen Weg zu einem glücklichen Ende zu führen und adäquate Hilfsstellen zu finden.

Im übrigen sei noch einmal drauf hingewiesen, dass solche Fahndungsaufrufe im Netz in die Persönlichkeitsrechte eingreifen und strafbar sind, so lange die Polizei keine bestimmten Details zum Anlass nimmt, ihrerseits zur Mitthilfe bei der Fahndung aufzurufen. Bisher hat die Polizei dazu keine Initiative ergriffen.

Stellt euch vor, ihr würdet, weil ihr eine nicht jedem verständliche Entscheidung über einen Aufenthalt trefft, eure höchstpersönliche Angaben mit Bild überall und für sehr lange Zeit im Web sehen.

Ein Vertrauen auf die Erziehung und die Beziehung zum Kind erscheint besonders fragwürdig, wenn hier der Vater selbst zur Jagd nach seinem Kind ruft.

Baustelle

Sehr geehrter Herr Minister Dobrindt,

AB

Täglich werde ich offenbar von Ihnen, zumindest dann wohl aber doch aus ihrem Zuständigkeitsbereich auf der Autobahn in einen ärgerlichen Dialog verwickelt. Ich meine den Pseudosprechakt, der am Ende von Baustellen auf mich wartet: „Vielen Dank für Ihr Verständnis“. Ich habe ihnen einmal fotografiert, worum es mir geht. Offenbar unterstellen sie da, dass ich irgendein Verständnis habe und bedanken sich dafür, ohne sich davon zu überzeugen, dass ich dieses Verständnis wirklich habe. Ich halte das für einen niveaulos dummen und zum Scheitern verurteilten Gesprächsversuch, der in der Werbebranche allerdings ebenfalls weit verbreitet ist. Auf jeden Fall möchte ich nicht, dass nun auch noch irgendwie undurchsichtige staatliche Stellen ohne personales Gesicht mich derart blöde ansprechen.

Ich möchte gern, dass sie ihr Anliegen bürgergerecht formulierten und schlage ihnen deshalb einen Text vor, der ihr Anliegen vermutlich besser zur Geltung bringt.

„Die Fahrbedingungen auf dem zurückliegenden Autobahnabschnitt werden gerade optimiert. Es kann sein, dass sie dadurch belastet werden. Wir wünschen uns, dass sie trotzdem dafür Verständnis aufbringen. Sollte das so sein, dann wollen wir uns bei Ihnen bedanken, tun es aber jetzt noch nicht, weil wir ja nicht wissen, ob sie uns wirklich Verständnis entgegen bringen.“
Hinzu gehört ein Hinweis darauf, wer denn da überhaupt mit mir einen Dialog anstrebt. Bei meiner Beschleunigung am Ende der Baustelle wird es allerdings erforderlich sein, den Text auf mehrere Tafeln zu verteilen. Der Gewinn an geglückter Kommunikation sollte das aber wert sein.

Es wäre für viele Menschen ein Lichtblick in der Verkehrspolitik.

Die Wurst der Gerechtigkeit

Es wird erzählt, der pressebekannte Wurstfabrikant und Sportmanager Uli Hoeneß könne auch als Gutmensch punkten und damit das stark belastete Leben als Steuersünder sogar im anstehenden Strafverfahren ausgleichen.

Das widerspricht aber nun jeder Vernunft, denn dann könnte man ja zur Vorbereitung der fiesesten Sachen mal schnell eine Runde Würstchen unter das Volk werfen. Der rheinische Ablasshandel könnte zur Orientierung gedient haben, solche doch sehr unterschiedlichen Dinge gegenzurechnen. Er findet vornehmlich an Karneval Anwendung: Man begibt sich auf den Weg der Sünde, weil man sicher ist, mit ein paar Gebeten alles wieder aus der Welt schaffen zu können.
Auch rein rechnerisch betrachtet würde der Bonus der angeblichen Wohltaten von Herrn Hoeneß den Malus der Steuerschuld bei weitem nicht ausgleichen. Es bleibt ein Defizit.
Ich sehe eigentlich überhaupt keinen Gutmenschenbonus für Herrn Hoeneß. Es ist also gar nichts zu verrechnen. Die von ihm gestreuten Gelder von angeblich fünf Millionen Euro für Bittsteller, arme Teufel und kleine Sportprojekte, sind nämlich einer sehr bedenklichen Eigenschaft seiner Person geschuldet, die immer schon erkennbar war, aber von seinen Nutznießern gern unbeachtet blieb. Er hat sich im Laufe der Jahre ein Selbstbild nach Gutsherrenart konstruiert, in dem er sein Publikum mit Almosen zu Claqueuren machte. Er feiert mit ihnen sein selbstgewähltes Leben als Goldfinger. Die Almosen sind also nur eine Randerscheinung einer im Grunde armseligen Selbstinszenierung. Bei genauer Beobachtung ist schon lange klar, das er in seiner phantasierten Allmacht so eine Art „Lex Hoeneß“ für anwendbar hält. Er stilisiert sich gar zum besseren Finanzminister, der die Steueranteile seiner Gewinne viel besser anzulegen weiß. Wenn nun heute das NDR-Satiremagazin Extra3 schreibt: „Kein Vertrauen in die Justiz: Hoeneß regelt Bestrafung selbst.“, dann wird damit seine grundlegende Fehlorientierung auf den Punkt gebracht.
Dem armseligen Würstchen Hoeneß verbunden, steht da eine geschlossene Garde treuer Vasallen, die allesamt huldigend den Herrscher bevorzugen, als sich selbst auf den herrschaftsfreien Dialog der Subjekte zu begeben. Ok – sie huldigen immer hin einem vermeintlich „guten“ Herrscher. Wenn wir Hoeneß jetzt nicht bremsen würden, dann würde er der Welt wahrscheinlich auf der Überholspur an Ludwig II vorbei dem Schloß Neuschwanstein noch weltbewegende Verbesserungen und ungeahnte Erweiterrungen hinzufügen, die ihn für alle Zeiten fest in den Herzen verankern …
Es gibt, wie er selbst sagt, mehrere Uli Hoeneß. Ich hoffe sehr, dass jetzt auch davon alle vor Gericht stehen.
Was ich eigentlich sagen will: Wohltaten gibt es nicht per se und meistens auch nicht kostenfrei. Man muss sie in Kontexten deuten …

Beim Arzt

Bei aller Verschwiegenheit in der ärztlichen Behandlung, gibt es doch in den Wartebereichen der Ärzte manchmal tiefe Einblicke, denen man nicht immer ausweichen kann.
Heute war ich akustisch dabei, als eine ältere Frau notbehandelt wurde, die im Altenheim von einer anderen älteren Frau vor das Klavier geschubst worden war. Sie hat einen massiven Bluterguss am Knie. Es muss jetzt noch medizinisch geprüft werden, ob wenigstens die Knochen heil geblieben sind.

Ich sehe es als einmal als Anregung für alle an:
Aggressionen sollten keinen Schaden anrichten!

— Und das Haus „Abendfrieden“, als Sinnbild unserer Pflegekultur, gehört in den Bereich der Comedy …

Über die Paralympics

Wir rechnen mit allem!

Wenn man die Welt des zur Ware überdrehten Sports auch auf Behinderte ausweitet, dann erscheint das zunächst als programmatische Inklusion mit allen Effekten der gerechten Teilhabe. Weltweit gilt jeder zehnte Mensch als behindert. Das ist eine Basis, um auch dem Sport für Behinderte weltweit den Weg zu bereiten.

Ich bin auch durchaus dafür, dass jeder Mensch mit seinem Handicap alles Mögliche unternimmt, um seine Leistungsfähigkeit zu steigern und sie auch noch zur Schau zu stellen.

Wenn man aber, wie gerade in Sochi, für die Paralympics ein Sponsoring- und Urinprobenfestival für gut gezüchtete Sportler aufzieht, dann werden doch einige Unwürdigkeiten besonders auffällig, die bei dem Vorbild der olympischen Winterspiele noch verdeckt waren.

Zunächst fällt mir auf, dass eine Anna Schaffelhuber täglich als Siegerin durchs Ziel fuhr. Also insgesamt 5 mal und bei eifrigen Nachrichtenkonsumenten das dann auch noch jeweils 10 mal in Wiederholungen. Da rufen die Kinder schon: Lauft da die Anne Waffelhuber wieder? Offenbar gibt es eine derart schmale Elite der speziell geförderten Sportler, die die Sache unter sich ausmachen soll. Eine breite Basis scheint zu fehlen. Allein die russischen Sportfunktionäre haben als Ergebnis einer kurzfristigen und zielgerichteten Förderung speziell für die wilden Spiele in eigener Regie 22% der Goldmedaillen okkupiert. Die Deutsche Anna Schaffelhuber sicherte sich allein 3,6% aller Goldmedaillen. Man sah zudem, wie in unwürdiger Art unzählige Sportler gänzlich hilflos wie Dummies über die Pisten schossen, um dann oft schwerverletzt in Fangzäunen zu landen. Man sah auch noch, dass diejenigen, die überhaupt noch ins Ziel kamen, bisweilen in ihrer Gesamtheit nicht einmal die drei Medaillenränge abdecken konnten. Das war ein Spektakel nach dem Geschmack der Fernsehzuschauer im wohlig temperierten, weichen Wohnzimmer und erst recht nach dem Geschmack der Veranstalter, der Sender und ihrer Werbepartner.

Hier war offenbar nach bewährtem Konzept ein Zirkus aktiv, den wenige Lichtgestalten kommerziell zu nutzen wissen und der als Aushängeschild einer gut inkludierten Gesellschaft verkauft wird. Er hat keine Volkssportbasis, sondern ist weitgehend künstlich-strategisch hergerichtet. Er gestattet offenbar auch nur wenigen Menschen, mittels dieses Sport eine verbesserte soziale Anerkennung zu finden.

Alles das gilt natürlich prinzipiell für jeden Leistungssport. Im Behindertensport ist allerdings eine Schmerzgrenze sichtbar.

Und das alte Problem des vergleichenden Messens bei Individuen, die je und je unterschiedlich sind, um die Medaillen und Ränge zu verteilen, ist auch noch nicht gelöst. Im Behindertensport drängt sich noch sehr viel deutlicher die Erkenntnis auf: Man kann sich gerechterweise heute bestenfalls an seinen eigenen Leistungen von gestern messen. Aber eigentlich ist man ja heute auch schon wieder ein anderer Mensch.