What the fuck is a Pain Nurse?

Manchmal liest man ja Dinge, die man eigentlich gar nicht lesen will. Das ist beispielsweise so, wenn man in einem Wartezimmer sitzt.
Da lag letztens die bunt und teuer aufgemachte Werbebroschüre eines Krankenhauses, die vermitteln sollte, dass sie eine Fachzeitschrift für Ärzte und Patienten ist.
Faszinierend fand ich den Bericht über die Fortbildung einer Gesundheits- und Krankenpflegerin zur „Pain Nurse“. Sie kam auch selbst zu Wort.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Pein-Schwester ist eine Schwester, die sich mit der Pflege von Menschen auskennt, die unter erheblichen Schmerzen leiden. Sie betreibt wohl keinen Sado-Maso-Fachdienst.
Ausgelöst von der pseudofachlichen Wortwahl  – PAIN NURSE – hatte ich unmittelbar erhebliche Schmerzen.

Finaler Kick!

Dass die Weltmeistermannschaft bei ihrem finalen Auftritt am Brandenburger Tor Helene Fischer zum musikalischen Mittelpunkt ihrer Welt inszenieren lässt, mag ja noch als ein unbedeutendes Nebenprodukt des vieldiskutierten Teambuilding in der Abgeschiedenheit toleriert werden. Dass die Mannschaft im Shirt uniformiert auftritt, dann aber die Individualität der diversen Protagonisten über Beinkleider, Brillen und Mützen zur Show stellt, mag noch als fußballnahe Ästhetik gedeutet werden können. Dass und wie die Mannschaft aber die „Deutschen“ von den „Gauchos“ in einer Darbietung optisch und akustisch absetzen, erinnert jedoch allzu deutlich an die in der Interpretation umstrittene erste Strophe des Deutschlandliedes. Die Darbietung war dann doch zu sehr am rücksichtslosen nationalistischen Massengeschmack ausgerichtet. Mich erschreckt, dass so etwas anstandslos durch läuft.

 

1 Nachtrag:

Ich habe in den letzten Tagen an verschiedenen Stellen in den sozialen Netzwerken meine Verwunderung zum Ausdruck gebracht, dass der nationalistische Hype der WM-Trunkenheit die Stellungnahme scheut. Dass das Kollektiv der Nationalmannschaft in tumben Tänzen ihre Überlegenheit so zeigt, dass sie auch die unterlegenen Argentinier parodiert ist mir dabei nebensächlich, wenn auch beispielhaft dafür, dass der Fan das rücksichtslos gut zu finden hat. 

Interessant finde ich aber die Reaktionen auf meinen Text.

Überwiegend werde ich ganz am Text vorbei so gelesen, als würde ich den Spaß am Fußball nationalsozialistisch deuten und Verfehlungen im Freudentaumel bestrafen wollen. Es wuchern sogar Mutmaßungen über mein Seelenleben in der ideologischen Einsamkeit, meine fußballferne Bitternis und es gibt den Wunsch, ich möge der Meinungsbildung erspart bleiben. Kurz: Nahezu alle Kommentare orientieren sich an Mutmaßungen, die keinen Anker in meinem Text beanspruchen können und schweifen unter die Gürtellinie ab.
Alles in allem gewinne ich den Eindruck, dass das archaische Kulturverständnis von einem im Kampf überlegenen Protagonisten auf Deibel komm raus mental und kollektiv gestärkt und über den legitimen Ort des Sports hinaus verlängert wird. Die Fußballkultur hat sich so etabliert, dass sie notfalls sogar auf den Sport verzichten kann. Sie sucht Bündnisse mit einer Popkultur und zeigt die Tendenz, abweichende Kultursegmente grundsätzlich anzufeinden und dabei auf die Mittel des Kampfes zu setzen, die ja nie zimperlich ausgerichtet werden und die die Verständigung als unsportlich ausschließen.
Damit werde ich in meiner Ausgangsthese bestärkt, dass nationalistische Überhöhungen zum Massengeschmack werden und keinen Widerspruch dulden.
Dabei muss man sich den Widersprechenden als einen fröhlichen, zugewandten und kreativen Menschen vorstellen.
Die öffentlich rechtlichen Massenmedien sparen bisher in der Berichterstattung meistens den „Gaucho -Tanz“ aus. 

2 Nachtrag:

Ohne Gegner wäre der Fan hilflos. Deshalb sucht er einen. Dabei ist es letztlich gleichgültig, ob dieser überhaupt mitmachen will …

Das erinnert an einen kleinen Kampfhund, der „einfach nur spielen“ will …
Wenn man Angst auslösen will, dann sagt man: „Du brauchst keine Angst zu haben!“
Wenn man eine Debatte anheizen will, dann sagt man: „Hört auf, ich will davon nichts mehr hören!“
Weniger ist mehr!

Frisch gestrichen!

„Frisch“ ist eines der merkwürdigsten Adjektive. Es ist unmittelbar verständlich, wenn es um Obst geht. Je größer die Distanz zum Obst ist, um so merkwürdiger sind die Verwendungen. Gerade machen sich die frisch gebackenen Fußballweltmeister in einer Bank frisch (ZDF WM Live 15.7.2014). Manche sind gar frisch verliebt, werden auf frischer Tat ertappt und sind dann wohl irgendwann auch frisch gestorben.
„Frisch“ erscheint mir als ein extrem hoch bewerteter Ausgangspunkt, der unweigerlich und zügig rückstandslos verfällt. So gesehen erscheint mir das Adjektiv „frisch“ als fröhlich geschminkter Hinweis auf eine nekrophile Weltdeutung.

Zertifizierung

Zertifizierungen sind fast immer Etikettenschwindel.

Dies schon allein deshalb, weil der Verbraucher dadurch angehalten wird, dem Label mehr zu vertrauen als seinem guten Geschmack. Wer nur lange genug seinen Geschmack nicht benutzt, wird schließlich die Geschmacklosigkeit mögen.
Lediglich die Zertifizierung technischer Geräte ist anders zu bewerten, wenn das Interesse am Gewinn die Toleranzen nicht verdunkelt.