Rahmen sprengen

Professionelle Banden sprengen gern einmal Bankautomaten in die Luft, um dann das Geld für sich aufzufangen. Sie leiten zuvor meistens Unmengen von Gas in die Automaten, das dann zur Explosion gebracht wird.

Hier am linken Niederrhein ist das Nacht für Nacht sehr beliebt und wohl auch lukrativ. Im Verdacht sind niederländische Banden. Es hat viele Vorteile, wenn sie jenseits der Grenze operieren.

Jedesmal berichtet auch das Fernsehen darüber. Und die Bilder gleichen sich. Fließbandarbeit liefert eben mit der Zeit keine spektakulären Bilder mehr.

Es würde ja eigentlich reichen, wenn man nur einen Film hat und ihn dann alle paar Tage zeigt. Man muss ja lediglich im Ton den neuen Standort anpassen. Das Fernsehen könnte also das Geld sparen, das den Banken gestohlen wird. Die Banken ihrerseits verzichten auf eine Aufrüstung, weil die Spirale der Gewalt sehr schnell zum Einsatz von noch härteren Sprengstoffen führen würde. Sie schreiben lieber die Verluste ab und erhöhen zum Ausgleich die Kundengebühren.

Zur Tradition der Bundeswehr

Die Tradition der Bundeswehr beginnt im Jahr 1955. Das ist enttäuschend, weil Traditionen anderer Art meist über Jahrhunderte bestehen. Man hat von vornherein akribisch darauf geachtet, nicht in die Tradition der Wehrmacht einzusteigen und beispielsweise den „Lauf‟ des Gewehres verbindlich als „Rohr‟ bezeichnet. Aber Traditionen lassen sich nicht generalstabsmäßig vorgeben. Dafür ist die Wirklichkeit zu bunt. Dafür hängen Traditionen doch zu sehr an ungesteuerten Erinnerungen und Gefühlen. Und dafür begegnet man banalen Herausforderungen stets mit naheliegenden, abgeleiteten Lösungen. Es war nie ein Problem, mit einem Befehl das „Fallschirmjägerlied‟ zu reaktivieren und damit über verklärte Kriegseinsätze auf Kreta zu singen. „Yellow submarine‟ von den Beatles konnte nur ganz langsam und subversiv als Marschlied in die Kasernencharts geschleust werden. Selbst die Kasernen waren und sind immer noch häufig auf die Namen fragwürdiger historischer Krieger getauft. Neben dem angestrebten „Bürger in Uniform‟ wucherte also eine Fortschreibung der Wehrmacht und es gab zunächst auch ausreichend Berufssoldaten, die die Neuerfindung des Kriegshandwerks mit alter Erfahrung anreichern konnten.
Wenn nun die Verteidigungsministerin von der Leyen nach vielen vergeblichen Versuchen und einschlägigen Vorfällen und trotz aller Traditionserlasse, wieder einmal das Gespenst der Wehrmacht ausrotten will, so ist das mehr als vernünftig. Es zeigt aber nach aller Erfahrung auch, dass das armeetragende Verfahren von Befehl und Gehorsam nichts bewegen kann. Man kann selbstverständlich mit einem Befehl einen Kasernennamen ändern. Aber was ist damit gewonnen, wenn die dort tätigen Soldaten und ihr ziviles Umfeld sich nicht zuvor gegen den alten Namen gewehrt, ihn sogar pragmatisch liebgewonnen haben? Traditionen wachsen von unten, also immer ganz neu, auch wenn sie definitiv irgendetwas von gestern beanspruchen. Das wird also auch diesmal nicht funktionieren. Außerdem soll es ja demokratischerweise nun auch nicht sein, dass man in autoritärer Manier die Geschichte abschneidet. Es hat nach den zweiten Weltkrieg lange gedauert, sich mit der Zeit davor auch zivil kritisch auseinander zu setzen und für die Gegenwart zu lernen. Nicht umsonst gibt es zahlreiche tagesaktuell arbeitende Gedenkstätten.


Die eingegraute Wehrmachtstradition läuft so lang stillschweigend mit und tradiert ihre feldgrauen Symbole, wie der Weg erneuerter Traditionen aus dem Befehlsstand beschritten wird. Besser wäre es freilich, dass der Soldat ab und zu nein sagt und sich selbst ein Bild von der Welt macht und es streitbar zur Diskussion stellt. – Aber das ist auch in modernen Armeen nicht vorgesehen. Befehle darf man nur verweigern, wenn sie gegen die Menschenrechte ausgerichtet sind. Ob sie das sind, darüber kann der Soldat mutmaßen. Die verbindliche Gewissheit bekommt er jedoch vorab nicht geliefert. Er zieht also höchstwahrscheinlich mit irgend einer Gegenrede den Kürzeren.

Wir werden von Stofftieren überrollt!

Mit den Stofftieren ist es ja so, wie es völlig zu Unrecht über Flüchtlinge behauptet wird: Es gibt zu viele davon. Familien verfügen regelmäßig über ein Kuscheltierghetto. Nur wenige Kuscheltiere schaffen es mit ihrem herausragenden Charakter und ihrer makellosen Beschaffenheit bis ins Kinderzimmer, es bleiben eben die schönen und gesunden. Anstatt alle anderen fachgerecht zu entsorgen

fachgerecht entsorgtes Kuscheltier

oder bereits an der Grenze abzuweisen, sickern sie durch, bis in die Familienhängematten. Mittlerweile treten viele naive und gutmütige Helfer auf den Plan, die ungeprüft behaupten, hier oder dort gäbe es einen Mangel an Kuscheltieren und ebnen den Weg zur Edelentsorgung der Kuscheltiere aus den Ghettos. Und die Kuscheltierempfänger sind stets so sehr vom inszenierten Lovebombing überwältigt, dass sie nicht einmal adäquat den Edelsondermüll ablehnen können und auch erst auf den zweiten Blick erkennen.

Das alles ist nichts anders als die Entsorgung des Zuckers über Süßigkeiten, zwischengelagert in Omas Schublade.

Eine Begebenheit zeigt, wie verlogen der ganze Kuscheltiertourismus wirklich ist:
In ein Fußballstadion in den Niederlanden – so wurde im letzten Jahr berichtet – wurden irgendwie als benachteiligt ausgewählte Kinder eingeladen. Dann haben irgendwelche Menschen massenweise Kuscheltiere auf die diese Kinder geworfen.

Es gibt sehr wohl Kuscheltiere, zu denen man eine Beziehung gestaltet – aber nicht auf diesem Weg.

Offenbar taugt das zur Serie. Es passiert nun auch anderen Orten und bei anderen Sportarten …

Heimtücke ist derart unbeliebt

Was im kalten Krieg an der Tagesordnung war, tritt jetzt seltener in Erscheinung. Das liegt wohl daran, dass der Krieg nicht mehr so kalt ist und dass die Gimmicks der Geheimdienste so stark verbessert worden sind, dass sie offensichtlich nur noch über James Bond in die Öffentlichkeit gelangen, — um nicht große Teile der Bevölkerung zu verunsichern.

Deshalb ist die aktuelle, geheimnisvolle Vergiftung eines umgedrehten Exagenten mit Kollateralschaden ein Ereignis, das aufhorchen lässt. Die Reaktionen darauf sind aber nicht weiterentwickelt. Es ist genau wie damals: Es werden einige Diplomaten, die oft auch Agenten sind, ausgewiesen. Im Gegenzug, werden von der Gegenseite ebenfalls einige Diplomaten ausgewiesen, die meist ebenfalls Agenten sind. Das Arsenal der Geheimdienste im Auslandseinsatz wird dann schließlich über die Jahre wieder stillschweigend aufgefüllt und der Handel mit Geheimnissen wird als obskure Friedensgarantie weiter gepflegt. Für diese traditionelle Gepflogenheit wurde sogar einmal eine internationale Rechtsnorm verabredet. Es ist ein Ritual, das im Grunde nichts bewirkt. Anschuldigungen und Zurückweisungen der Anschuldigungen bleiben unbearbeitet nebeneinander stehen.

Eigentlich gibt es also nur dann mit viel Glück etwas zu berichten, wenn die Sache nach Jahrzehnten politisch uninteressant geworden ist und die Presse es trotzdem nicht vergisst.

Ich finde das Ritual einschläfernd. Ich werde aber hellhörig, wenn das angeblich sündhaft teure Nervengifte als neuester Schrei und Speerspitze der Geheimdienste bezeichnet wird. Denn andere Geheimdienste tragen in die Öffentlichkeit, dass es sich in Wahrheit um ein Auslaufmodell zur Tötung handelt. Man würde es bereits daran erkennen, dass es ja sofort entdeckt wurde und möglicherweise auch noch enttarnt wird. Wirklich moderne Waffen würden überhaupt keine Spuren hinterlassen. — Wenn dem so wäre, dann könnten auch die besten Freunde die ärgsten Feinde sein, weil sie reihenweise morden, ohne dass es auffällt. Aber vielleicht stimmt das ja auch gar nicht. Geheimdienst sind meisterhaft darin, falsche Spuren zu legen.

Die politische Entrüstung dominiert im Moment die wissenschaftlich fundierte Beweisführung. Sachlogisch würde aber die Entrüstung der Beweisführung folgen. Man riskiert also, wenn man irgendwann Beweisen folgen kann, eine Entschuldigung und eine Rückabwicklung aller Ausweisungen von Diplomaten. Damit es soweit aber nicht kommt, wird auch das Beweisverfahren mit etlichen Details erschwert. Was ist denn, wenn – wie zu lese war – nun die Giftformel bereits im Internet für jeden verfügbar zu kopieren war und das ursprüngliche Gift aus Russland anderswo nachgebaut und dann eingesetzt wurde, um den kalten Krieg etwas anzuheizen? – Was ist denn, wenn Kriminelle mit Restbeständen des Gifts nur Geschäfte gemacht haben, weil auf dem Geheimdienstflohmarkt alles seinen Preis hat? –

Es ist damit zu rechnen, dass die ehrlichen Aufklärer der Wissenschaft stets ein kleines bißchen dominiert werden oder doch zumindest der Beweis so durchlöchert wird, dass er nur als Glaubenssache überdauern kann. Damit sind wir wieder bei den Fakenews und ihren alternativen Wahrheiten. — „Und nun die aktuellen Nachrichten …‟

Ziemlich wild

Bis in die 70er Jahre war der Western ein beliebtes Filmgenre. Der Western konnte mit  wenigen Stereotypen gut unterhalten. Mittlerweile ist das Genre ziemlich aufgebraucht.

Jetzt bin ich zufällig in so einen Western hinein geraten. Als die Protagonisten im Jailhouse saßen, obwohl sie nur ganz ehrlich ihr „Recht und Eigentum“ zurück haben wollten, und vor der Tür die johlende Menge sie lynchen und selbst die Ankunft des Friedensrichters nicht abwarten wollte, — dachte ich so an Facebook mit seinen Horden aus Reichsbürgern und Besserwissern, die ebenfalls Recht und Eigentum anderer Menschen mit abenteuerlichen Rechtsauffassungen und Ratschlägen totschlagen im unerschütterlichen Bewusstsein, dass sie ganz allein Bescheid wissen.

Diese Leute haben wohl die Fiktion des Westerns ausgemustert, um selbst den aufgestachelten besorgten Bürger zu spielen und wie der durchgeknallte Deputy auch noch zahlreiche Mitläufer um sich zu scharen. Sie nehmen es nicht an, dass die Szenarien der Western überholt sind und die Welt weitaus humaner, gerechter und zuverlässiger eingerichtet ist und dass sich gut und böse nur noch schwer unterscheiden lassen. Man muss allerdings gelernt haben, in der Gegenwart zu leben.

Über die Möglichkeiten des Verschneidens

Im Jahr 2012 gab es eine Debatte über die Beschneidung aus religiösen Gründen. Jetzt, im  Jahr 2018, wird das Thema in Irland und dann auch in Deutschland wieder beachtet. Die Zeit  schreibt nun, dass der politische Friede mit den Religionen, die die Beschneidung im Programm haben, vor ein paar Jahren höher bewertet wurde, als die menschenrechtlich gesicherte Unverletzlichkeit der Person. Der Staat müsste sich eigentlich für den Weg demokratischen Rechts entscheiden und nicht für eine fragwürdige Macht, die sich mit Belegen, aber nicht mit Begründungen auf die Religion bezieht.

Ich habe im Jahr 2012 dazu meine Position formuliert. Nun sehe ich mich veranlasst, sie für die Fortführung der Debatte zu wiederholen. Das Problem ist geblieben. Lediglich der Gesetzgeber hat sich einen begrenzten Frieden gesichert und bestimmten Religionen die Beschneidung und ihrem auch nichtmedizinischen Ausführungspersonal zugesichert und das Elternrecht so erweitert, dass die Körperverletzung der Kinder in diesem Zusammenhang gedeckt ist.

Das ist also mein Text von 2012:
Was haben die Menschen nicht schon alles für ihren Gott getan! Das, was einem auf der Welt am liebsten ist, opfert man schließlich auch, wenn die Beziehung zu Gott über allem steht. Die Kultur, und damit die Religion, unterliegt auch bei fundamentalistischer Ausrichtung einem Wandel. Die Menschenopfer sind seltener geworden und die Selbstbestimmung setzt sich immer mehr  durch.

Die Menschenrechte sind ein unmittelbares Recht und deshalb gibt es nur noch wenige Staaten, die davon unbeeindruckt sind. Solche Staaten stehen im Abseits.

Die Menschenrechte sind die verbindliche und verbindende Orientierungsnorm für Gesetze in demokratisch verfassten Gemeinwesen.

Während einige Menschenrechte sich einfach beschreiben lassen und ihre Einhaltung einfach zu prüfen ist, sind andere Menschenrechte sehr viel komplexer.

So ist es beispielsweise denkbar, dass eine Religion ihr Orientierungssystem nicht nur am Seelenheil ausrichtet oder sogar auch Vorschriften beinhaltet, die die Freiheit der Mitglieder begrenzen, die Menschen gängeln oder sie gar bestrafen.

Das alles wird nicht zum Problem in einer aufgeklärten Gesellschaft, wenn der Bürger seine versprochene Mündigkeit auch leben kann. Bekannt ist aber, dass materielle Notsituationen, Prägungen durch vermeintliche Wahrheitssysteme und auflösliche Wahnbeziehungen und die fehlende Erfahrung mit und die große Angst vor der Freiheit dazu führen, dass weltanschauliche Gruppierungen Menschen weitaus mehr steuern, als es uns lieb ist. Insbesondere Kinder brauchen deshalb einen Schutz vor selbst gemachten Wahrheiten und den Ritualen, sie durchzusetzen.

Deshalb ist auch so, dass die Unverletzlichkeit der Person und die Religionsfreiheit nicht gleichberechtigt gegeneinander antreten. Die Unverletzlichkeit der Person hat Vorrang.

Angesichts des Urteils des Landgerichts Köln vom Juni 2012 zur Beschneidungspraxis in einem konkreten Fall wird das Verhältnis von Religionsfreiheit und die Unverletzlichkeit der Person heftig diskutiert. Es macht den Eindruck, als würden gesellschaftliche Interessengruppen gegeneinander antreten, um die Rangfolge der besagten Grundrechte neu zu bestimmen. Sie bedienen sich dazu aller möglichen Argumente, die sich aus unterschiedlichsten Gottesbildern ergeben. Es gibt den Gott, der uns die Beschneidung für alle männlichen Nachkommen auferlegt und den fehlenden Gott, den wir mit liberaler Vernunft kompensieren und der uns zu dem Ergebnis führt, dass jeder denkbare gute Gott keine Körperverletzung wollen kann. Denkbar wäre beispielsweise auch der geschlechtsgerechte Gott, der – wenn schon, denn schon – die Beschneidung für Frauen fordert oder die Beschneidung von Männern ablehnt.

In dieser Diskussion gehen die Rechtsfragen und die weltanschaulichen Fragen immer mehr eine unentwirrbare Verbindung ein.

Das Gericht hat die Beschneidung nach Recht und Gesetz als Körperverletzung gekennzeichnet. Dazu hätte es auch eigentlich keines Urteils bedurft, weil das Strafgesetzbuch (§223 ff), dessen Rahmen auch für Religionen bindend ist, gar keine Zweifel zulässt. Dass es ein weitgehend strafrechtlich unverfolgte Beschneidungspraxis gibt, ändert daran nichts. Den Operateuren die Möglichkeit des Verbotsirrtums zu eröffnen, ist eine Großzügigkeit des Gerichts. Eigentlich weiß aber jeder Arzt, dass Körperverletzungen nur mit Zustimmung des Patienten und bei medizinischer Indikation oder Unbedenklichkeit möglich sind.

Wer die Geschichte und die Geschichten der Religionen nachliest, merkt schnell, dass auch Religionen trotz aller Ewigkeitsausrichtung dem gesellschaftlichen Wandel unterliegen, bei dem die Freiheitsrechte sich in der historischen Abfolge nach und nach durchsetzen. Oft sind solche Bewegungen ins Sekulare eher marginal, wenn etwa in Ritualen Kerzen durch Energiesparlampen ersetzt werden. Oft sind sie vorübergehend, wenn man das Glück im Jenseits gegen Geld zusichert. Oft sind sie hartnäckig, wenn nur der Geweihte verbindliche Interpretationen der Wirklichkeit abgeben darf. Manchmal sind sie unterschwellig, wenn beispielsweise auf dem Operationswege die religiös vorgeschriebene Jungfräulichkeit wieder hergestellt wird. Die universale Bedeutung der Menschenrechte ist dabei ein starker Wirkfaktor, der Entwicklungen beschleunigt und verdeckten Entwicklungen zum Durchbruch verhilft.

Es hilft nichts: Allein die fundamentalste Verankerung von Ritualen und ihre Bewahrung führt dazu, dass Religionen sich von gesellschaftlichen Entwicklungen abkoppeln und damit die Sprache der Menschen verlieren, also unwirksam werden. Das religiöse Fundament  bedarf einer prinzipiellen Verrückbarkeit, um wirksam und als Religion hilfreich zu sein.

Der viel bespottete Kölner, der gern einmal die religiösen Gebote übertritt, weil er um die heilende Wirkung der Beichte und den grenzenlos wohlwollenden und gütigen Gott an seiner Seite weiss, bereitet also den Weg  eines prinzipiengeleiteten wie flexiblen Glaubens in der aufgeklärten Gesellschaft.

Als sich unlängst ein Ungläubiger aus Liebe beschneiden ließ, kam das böse Erwachen: Es schmerzte dauerhaft und sein Leben wurde davon sehr viel mehr bestimmt, als er geahnt hatte. Er bereut seinen Entschluss zur Beschneidung immer noch. Als sich unlängst eine Gläubige zum 50. Hochzeitstag zur Jungfrau operieren ließ, um ihrem Mann eine Freude zu machen, da war sie sicher, ein ganz persönliches Geschenk gefunden zu haben.

Es ist bemerkenswert, was Mensch so alles machen. Die Religion dient dabei oft als Argument, auch wenn sie nichts damit zu tun hat. Es ist aber gut, wenigstens die Kinder zu schützen und ihnen blutige Rituale und die seelischen Folgen zu ersparen. Die UN-Kinderrechtskonvention spricht eine deutliche Sprache und ist auch geltendes Recht. Man kann den Kindern den universellen Gott aller Menschen nahe bringen, der niemanden ausschließt und jeden liebt, gleichgültig welchen Makel er hat oder auch nicht hat.

Der Islam gehört zu Deutschland – oder nicht

Das Verb zugehören ordnet irgend etwas einer Hauptsache zu. Dabei ist die Intensität der Zugehörigkeit zunächst so undeutlich, dass sie alles und nichts bedeuten kann. Es kann ebenso eine leidenschaftlich phantasierte innigste Verbundenheit sein wie die zwischen Veronika Fischer und einem ihr unbekannten Fan, eine eher zufällige Gleichzeitigkeit von Urwald und Zivilisationsmüll auf einem Foto oder eine Verbundenheit, die so stark ist, dass die Hauptsache ohne irgend etwas bestimmtes überhaupt nicht leben kann, wie der Mensch ohne Herz, und vieles mehr.
Es bedarf also eines Diskurses, um die jeweils spezifische Verbundenheit auszuleuchten, damit der Hörer in etwa versteht, was der Sprecher sagen will.
Nun kann man eine Zugehörigkeit als Ergebnis eines Diskurses nachvollziehbar feststellen. Mehr Aufmerksamkeit erreicht man aber, wenn man einfach mal so eine Zugehörigkeit behauptet und über eine Kunstpause offen lässt, ob man diese Zugehörigkeit überhaupt begründen will. Man kann dann den ausgesparten Diskurs nachschieben, oder aber mit dem provozierten Widerspruch kalkulieren, der die Beachtung meist noch erheblich steigert. Man kann das dann, wie einen notgedrungen beachtenswerten Furz so stehen lassen, oder über lockere Diskurselementchen die Absicht noch einmal unter die richtige Lampe stellen. Dabei kann es um die Sache selbst gehen. Meistens geht es aber um eine Selbstpräsentation der Art: „Sooo habe ich das nicht gemeint, sondern …“
Ich schlage vor, beispielsweise den nach jeder Runde wieder auftauchenden Satz: „Der Islam gehört zu Deutschland!“, durch Nichtbeachtung aus dem Rennen zu nehmen und stattdessen immer dort, wo Deutschland und Islam sich begegnen, erst einmal „Guten Tag … “ zu sagen.

Heimtücke ist unbeliebt

Was im kalten Krieg an der Tagesordnung war, tritt jetzt seltener in Erscheinung. Das liegt wohl daran, dass der Krieg nicht mehr so kalt ist und dass die Gimmicks der Geheimdienste so stark verbessert worden sind, dass sie offensichtlich nur noch über James Bond in die Öffentlichkeit gelangen, um nicht große Teile der Bevölkerung zu verunsichern.
Deshalb ist die geheimnisvolle Vergiftung eines umgedrehten Exagenten mit Kollateralschaden ein Ereignis, das aufhorchen lässt. Die Reaktionen darauf sind aber nicht weiterentwickelt. Es ist genau wie damals: Es werden einige Diplomaten, die oft auch Agenten sind, ausgewiesen. Im Gegenzug, werden von der Gegenseite ebenfalls einige Diplomaten ausgewiesen. Das Arsenal der Geheimdienste im Auslandeinsatz wird dann schließlich über die Jahre wieder stillschweigend aufgefüllt. Es ist ein Ritual, das nichts bewirkt. Anschuldigungen und Zurückweisungen der Anschuldigungen bleiben unbearbeitet nebeneinander stehen. Eigentlich gibt es also nur dann mit viel Glück etwas zu berichten, wenn die Sache nach Jahrzehnten politisch uninteressant geworden ist und die Presse es nicht vergisst.
Ich finde das Ritual einschläfernd. Ich werde aber hellhörig, wenn das angeblich sündhaft teure Nervengifte als neuester Schrei und Speerspitze der Geheimdienste bezeichnet wird. Denn andere Geheimdienste tragen in die Öffentlichkeit, dass es sich in Wahrheit um ein Auslaufmodell zur Tötung handelt. Man würde es bereits daran erkennen, dass es ja sofort entdeckt wurde und möglicherweise auch noch enttarnt wird. Wirklich moderne Waffen würden überhaupt keine Spuren hinterlassen. — Wenn dem so wäre, dann könnten auch die besten Freunde die mutmaßlich ärgsten Feinde sein, weil sie reihenweise morden, ohne dass es auffällt. Aber vielleicht stimmt das ja auch gar nicht. Geheimdienst sind meisterhaft darin, falsche Spuren zu legen.

Gaff nicht so …

Bei Rettungseinsätzen ist immer wieder von Gaffern die Rede, die unethisch handeln und Rettungskräfte behindern. Dabei wird so getan, als sei die Sache mit der Bezeichnung Gaffer hinlänglich aufgeklärt, und der Mensch habe nichts anderes zu tun, als das Gaffen einzustellen.

Bei Verkehrsunfällen und Bränden werden selbstverständlich die Hilfe und die Helfer gestört, wenn jeder sich selbst ein Bild oder einen Film von der Situation machen will. Die sogenannten Gaffer werden in der öffentlichen Diskussion aber nur als schuldhafte, gedankenlose Monster gegen das Leben karikiert. Das ist aber höchstens die halbe Wahrheit.

Das sogenannte Gaffen hat archaische Elemente. Das sollte aber nicht zur Rechtfertigung, sondern als Erklärung beachtet werden.

In Katastrophen, also Ereignissen, die sich nicht unmittelbar und einfach selbst erklären, fehlen meist die Muster, darauf zu reagieren und man reagiert dann auch eher ohne eine intellektuelle Steuerung. Viele Einzelne bilden keine Gruppe, sondern verschmelzen zur sozialen Masse, die sich nicht an bestehenden Regeln orientiert, sondern Impulsen folgt, die nahezu zufällig erscheinen. Gleichwohl sind solche Situationen für den Einzelnen und seine Gemeinschaft zu wichtig, um sie zu übergehen und sie dann eben nicht so zu ergründen, dass man ihnen zukünftig anders begegnen kann.

Gaffer lediglich als blöde und emotionslose Menschen zu brandmarken ist selbstgerecht. Allerdings können sie lernen, mit intellektueller Leistung die Komplexität neuzeitlicher Katastrophen und die Leistungsfähigkeit von ebenfalls neuzeitlichen Rettungsdiensten zu verstehen, und damit den archaischen Untergrund zu kontrollieren. Erfahrungsgemäß gelingt das nicht jedem, nicht immer und nicht vollständig. Gaffexzesse wären demnach als eine unheilige Verbindung von archaischer Reaktionsmustern mit individuellen Fehlentwicklungen zu deuten. Nach meinem Verständnis sollte, wie es gerade diskutiert wird, das Gaffen jedenfalls nicht strafbar sein.

Das Gaffen wird ja auch erst mit einer vor kurzem noch unvorstellbaren Mobilität auf den Straßen und den Datenwegen zum Problem. Das bedeutet doch, dass die Mobilitätsentwicklung selbst am Gaffen nicht unbeteiligt sind.

Ich habe hier eine Erinnerung aus den 50er Jahren: An einer Straßeneinmündung wurde ein Motorradfahrer von einem Auto sehr schwer verletzt, weil einer von beiden, die Rechts-vor-links-Regel nicht beachtet hatte. Der Knall sorgte für Aufmerksamkeit. Mütter stellten den Herd ab und liefen auf die Straße, spielende Kinder riefen sich zu „Da ist ein Unfall!“ und rannten hin. Die Belegschaft ganzer Handwerksbetriebe lief auf die Straße. Und am Unfallort bildete sich eine große Gruppe von Menschen, die auch sofort die Schuldfrage diskutierten. Einige betreuten den Motorradfahrer, bis der Rettungswagen da war. Einer sagte: „Der darf nicht zu viel Blut verlieren!“ – Von Gaffern und Schaulustigen war nicht die Rede. Es gab nicht einmal eine Erwachsenenansprache für Kinder, sich aus dem Staub zu machen. Das war alles ganz normal. Und „rechts-vor-links˝ das kannten die Kinder dann schon, bevor die Abseitsregel beim Fußball noch wichtiger wurde.

Ein Unfall als Ort der Geselligkeit, sogar auch für den Verletzten – das ist heute unvorstellbar und wird im Zeitgeist vollkommen anders bewertet.
Das ist richtig, blendet aber die historische gesellschaftliche Bedeutung von Katastrophen ziemlich stark aus, so als könnten wir uns immer schon gegen Gott und die Welt versichern und uns sorgenfrei kaufen.

Helfen Tafeln den Armen? – Nicht unbedingt!

Der tumbe Tafelchef aus Essen mit dem ewig rotkugeligen Outfit hat ja bisher wirklich nicht viel gesagt, ist dabei aber unbeugsam. Das ist ein gefundenes Fressen für alle Kommentatoren, ihre Leserschaft pro und contra zu versorgen.  In diesen Tagen sind die Medien voll davon und alle reden mit. Zur Erklärung seiner sonderlichen Vorstellungen vom fremden Menschen hat besagter Tafelchef dann auch noch einen Einblick in seine gentheortische Denkwelt gegeben und das Nehmer-Gen zur Vereinahmung von Obst, Gemüse und anderen Gütern bei Syrern und Russlanddeutschen beklagt. Es klingt bereits der „lebensbejahende, afrikanische Ausbreitungstyp“ an, wie ihn der rechtsradikale Thüringer Bernd Höcke ausgemacht haben will.

Kann es nicht sein, dass der ungebändigte Run auf die Tafeln ein Problem zur Ursache hat, das den Tafeln vorausgeht?
Kann es gar sein, dass der Tafelmann unter einem großen Irrtum arbeitet und ein Opfer eines naiven Hilfearrangements ist, bei dem das Kistenschleppen irgendwann unvorbereitet zum Nachdenken über große Fragen auffordert?

Im Rahmen der Gesetzgebung werden die Leistungen für ein menschenwürdiges Leben festgelegt. Das soll also nicht nur so sein, das ist so! Derzeit gilt, dass 416€ für den einzelnen Erwachsenen Menschen dazu ausreichen. Dazu gibt es aus Expertenkreisen und Sozialverbänden erheblichen Widerspruch: Es ist zu wenig!

Unabhängig davon ist, dass ein Minimum, gleichgültig wie es ausfällt, immer als zu wenig erlebt wird. Man hat also gern etwas mehr. Das ist sehr verständlich.

Eigentlich bedarf es also der Tafeln nicht, wenn die 416€ ausreichen. Es ist sogar gesetzlich vorgesehen, dass andere Einkünfte und Zuwendungen ihrem Wert entsprechend von den 416€ abgezogen werden.

Wir brauchen also eine ständige Verbesserung der Regelsätze auf einem akzeptablen Niveau. Wenn die Bundespolitik nach schwarzen Nullen jagt, ist es regelmäßig so, dass das knappe Geld nicht so gern in die Überbrückung der Armut investiert wird. Dagegen wird vor Gerichten ständig geklagt, meistens erfolgreich. Doch dem Empfänger von Sozialleistungen bleiben im Moment erst einmal trotzdem nur die 416€.

Betrachtet man also die Verschwendung von Lebensmitteln von der Grundversorgung armer Menschen getrennt, dann können wir uns unabhängig darauf konzentrieren, die Verschwendung anzugehen. Dass die Verschwendungen zu den Armen umgeleitet werden, ist eine überaus beliebte Möglichkeit. Wie beim Müll, wäre aber eine Überschussvermeidung die erste Wahl.

Die Idee, „Gutes“ zu tun, ist in alter christlicher Tradition auch dann unangreifbar, wenn sich das Gute als das Schlechte, oder als Verhinderung des Guten herausstellt. Und so wächst zusammen, was nicht zusammengehört, der Anspruch auf Hilfe und die kostenfreie Verteilung von Lebensmitteln.

Daraus ergeben sich viele scheinbare Vorteile, die aber in Wirklichkeit nur das System der Hilfe außer Kraft setzen.

  • Der Gesetzgeber kann sich bei der Neubestimmung der Regelsätze stark zurück nehmen, weil wirklich Bedürftige und auch kritische arme Menschen bei der Tafel das erhalten, was ihnen eigentlich als Regelsätze zusteht.
  • Wechselfälle des Lebens, die einer spontanen Hilfe bedürften können behördlicherseits oft unbearbeitet bleiben, weil die Tafel einspringt.
  • Arme Menschen, die einen Anspruch haben, können häufig von der Behörde einfach so an die Tafel weitergereicht werden.
  • Die Behörden spart in erheblichem Rahmen Personal und Finanzmittel ein, weil die Tafeln ehrenamtlich deren Arbeit ersetzen.
  • Für Tafeln, Behörden, Tafellieferanten, die Presse und hilfsbedürftige Menschen wird die Idee gepflegt, dass das Ehrenamt gut und wirksam arbeitet.
  • Es warten ab und zu ein Dankeschön und möglicherweise das Seelenheil für die vielen ehrenamtlichen Helfer.

Der Herr von der Tafel und seine Kumpanen sollten einfach nur die Arbeit einstellen. Überproduzierte Lebensmittel lassen sich mit logistischen Mitteln reduzieren. Lebensmittel werden zudem billiger, wenn – wie in einigen anderen Ländern – die Überproduktion sanktioniert wird. Jedem Bäcker steht es beispielsweise zudem frei, Ware vom Vortag billiger abzugeben oder Zeiten für einen reduzierten Restverkauf anzubieten. Hinzuweisen ist auch noch auf zahlreiche Food-Sharing-Projekte. Und wenn der Nachbar arm ist, dann kauft man für ihn zum Grillen ein paar Würste mehr.

Da fällt mir eine Geschichte ein, die auf den ersten Blick mit der Essener Tafel nichts zu tun hat:
Vor vielen Jahren habe ich einmal mit ein paar Mitarbeitern ein Sommerfest auf dem Außengelände einer Flüchtlingsunterkunft organisiert. Es war schön und gut. Es gab viele Gespräche zwischen den Kulturen und künstlerische Darbietungen auffällig hohen Niveaus. Die Würste, das Brot und die Getränke waren kostenfrei, sollten aber im Festzusammenhang konsumiert werden. Es war dann zu beobachten, dass bestimmte Untergruppen wohlorganisiert waren. Zunächst wurde eine Wurst auf dem Teller zu einer kranken Frau ins Haus getragen, dann wurde ein Kasten Getränke weggetragen und schließlich ein Teller mit unüberschaubar vielen Würsten. Es war also erforderlich, das Fest über Eingriffe in diesen Ablauf und Gespräche zu retten. Das ist dann auch gelungen. Es gab genügend Flüchtlinge, die so einen destruktiven Selbstbedienungsladen auch nicht wollten und sich entsprechend eingebracht haben. Der Gesprächsrahmen reichte aus, um den Konflikt gut zu bewältigen. Ob so oder so, etwas Tafel ist immer und alle Beteiligten lernen daraus.