Namen als Nichtalleinstellungsmerkmal

Namen sind heutzutage hauptsächlich schöner Schall. Wenn der Name auch noch bedeutungsfrei ist, ist es noch besser: Namen erzeugen Aufmerksamkeit und lassen sich individuell mit Bedeutung füllen. Manchmal wird sogar im Zeitgeist eine Bedeutung abgeschnitten, um bestimmten Bedeutungsbesetzungen auszuweichen.

Damals war das anders. Man begnügte sich mit weitaus weniger Namen, verwendete sie in jeder Generation wieder neu. Als ein verwitweter Großonkel mit seiner ebenfalls verwitweten Schwägerin in der Not zusammenzog, war dort immer von „minnem Heini“ und „dinnem Heini“ die Rede, um die vereinte Kinderschar zu differenzieren. Man verband Vornamen aber auch gern bewusst mit einem mutmaßlich Heiligen der dann zeitlebens über dem Namensinhaber schwebte. Das Großstadtleben ermöglichte die ersten Nischen, davon abzuweichen.

Ich sollte ja nach einem Urgroßonkel, der am Rand der Weltgeschichte wohl hervorragend in Erscheinung getreten ist, Robert heißen. Meine Mutter mochte den Namen aber nicht und nutzte den Kompromiss, auf den ähnlich klingenden Namen Norbert auszuweichen. Deshalb blieb mir zum Glück Detlev erspart und ich wusste auch bald, was Kompromisse sind. Ich war in eine bis heute merkwürdige Verbindung mit dem historischen Bischof von Xanten hinein geboren. Xanten ist ja auch nicht weit weg. Und so trage ich bis heute dies als Folklore mit. Im Xantener Dom habe ich keine Privilegien. Ich nutze aber mein Leben gern für das eine und andere selbstbestimmte und bedeutungsstarke Pseudonym.

Als Norbert bin in guter Gesellschaft. Es gibt sehr viele Norberts in meinem Alter. Offenbar war der Zeitgeist immer schon mächtig, aber früher doch eher verdeckt auf verschlungene Pfade angewiesen.

Jedenfalls heißt ein guter Freund aus Kindertagen ebenso. Es ist trotz vieler Eigentümlichkeiten wie bei Zwillingen: Die Norberts sind doch irgendwie alle gleich auffällig. Ich kann das aber nicht bestätigen. Wir teilen den Nam’stag, der ohne die Namensgleichheit längst in Vergessenheit geraten wäre. Dabei war der Namenstag einmal bedeutungsvoller als der Geburtstag, jedenfalls in katholisch geprägten Gegenden. Auf Kalendern waren geläufige Namenstage vermerkt.

Norbert und ich gratulieren uns immer am 6. Juni und lachen uns kaputt in einer weitgehend verständnislosen Welt.

Namenstagsgeschenk? – Da sagst du was!

Kommentar