Geschichten aus Schnullerbü

Der urplötzlich jetzt nicht mehr „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius hat in großem Umfang Geschichten gefälscht.
Der Spiegel ist nun irgendwie untröstlich und folgt einer aufdeckenden Strategie, nachdem er bei ersten Auffälligkeiten eher zudeckend gearbeitet hatte. Ein aufdeckender Journalist des Spiegel hatte zunächst um seinen Job fürchten müssen.

Ich finde, die Fälschungen waren wohl nicht in der Absicht des Nachrichtenmagazins, aber trotzdem ohne eine besonders große Dramatik.

Es ist nie anders: Ein Ereignis begegnet uns stets mit einem Schleier von Fantasie. Der Mensch ist ja so neugierig. Er will unbedingt wissen, was selbst der beste Berichterstatter nicht weiß. Der Mensch will sogar wissen, wie eine Geschichte weitergeht, obwohl das in der Zukunft liegt. Deshalb hat sich eine Belletristik entwickelt, die die Fantasie höher bewertet als belegbare Fakten und häufig sogar ganz auf Fakten verzichtet. Man ist geneigt, die Belletristik einerseits und die wissenschaftliche Fachpublikation andererseits als Schreibergebnisse zu verstehen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Aber das Lebendige in der Welt geht über solche kategorisierenden Vereinfachungen hinweg. Ob Dokusoap oder Journalismus, wir finden bei näherer Betrachtung immer nur Mischformen, manchmal hart an der Wirklichkeit, aber auch manchmal noch härter an der Fantasie. Alles ist „faction“ – wie J. M. Stimmel seine Romane bezeichnete – eine Mischung aus Facts – am 13. Mai 1950 schien die Sonne … – und Fiction – … und er schwitzte beim Verzehr des Zigeunerschnitzels sehr.

Es ist also kein Wunder, wenn jemand über Hitlertagebücher berichtet, die es nicht gibt (Sternaffäre 1983) oder jetzt beim Spiegel, der über enttarnte Erfindungen des Redakteurs Claas Relotius berichtet. Dieser Redakteur hat damit seine Faktenbasis verlängert und sogar das journalistische Handwerk befördert. Seine Arbeiten waren gerade dadurch besonders eingängig glaubwürdig und sogar häufig preiswürdig. Er wurde mehrfach geehrt. Der Leser war geneigt, der speziell performen Dynamik zu folgen und eben nicht in eingeschliffener Lesermanier mitten im Text abzubrechen, um sich in knapper Zeit anderen Ereignissen und Texten zuzuwenden. Das gerade beim Spiegel sehr hochentwickelte System des Faktenchecks hatte versagt. Aber musste es nicht ohnehin selbstgefällig an der Fuzzylogic der Lebensvollzüge scheitern? Wir haben ja das gleiche Problem in der Wissenschaftstheorie: Wir mögen alle denkbaren Dimensionen und ihre Wechselwirkungen abbilden können, dennoch schwebt über allem ein erkennnisleitendes Interesse, das trotzdem Schwerpunkte setzt und auswählt. Die Welt ist eben zu komplex, um empirisch ausgemessen und abgebildet werden zu können.

Wenn der Mensch sich die Welt aneignet, dann arbeitet er ja nicht allein faktenorientiert. Die Zeitung „Die Welt“ am 23.12.18: „Am fünften November erzählte Donald Trump laut „Washington Post“ 139 Unwahrheiten, also eine alle zehn Minuten. In seiner Amtszeit Zeit waren 7546 seiner Aussagen entweder irreführend oder schlichtweg falsch.“ Offenbar gibt es einen großen Markt dafür, Fakten zu vernachlässigen und aufzuhübschen. Es fällt nicht schwer, eine Menge Länder aufzuzählen, in denen die regierende Politik völlig abseits aller Erkenntnisse gestaltet wird und bei der man vermuten muss, dass es dafür immer auch ein Volk gibt, das mitspielt. Ein bißchen hat die Politik also auch etwas von einem Roman, der sich allerdings an der harten Welt der Fakten mit inszeniertem Selbstbewusstsein locker vorbei schmuggelt.
Was machen wir denn da? Wir fragen ohne Unterlass nach dem erkenntnisleitenden Interesse. Ist das nicht langweilig und frustrierend zugleich? Und wenn wir müde werden, überholt uns lächelnd und ausgeruht so ein Messias der alternativen Fakten. Alle rennen hinter ihm her und an mir vorbei, weil es zu schön ist, um wahr zu sein. Die ewigen Kritiker aber werden als ewige Nögler an den „einfachen, guten Sache“ beiseite gestellt. Mit ihren angefallenen Daten wird schnell noch ihr „customer lifetime value“ gerechnet, um sie einer neuen Bestimmung zuzuführen. Den Job als Mit-Souverän sind sie los. Also dieser Claas Relotius hat uns „nur“ klar gemacht, was wirklich für uns zu erwarteten ist. Es läuft auch schon.

Hängen im Schacht – ein paar Kohlen aus einem Leben …

Die Kohleförderung im Ruhrgebiet ist nach 200 Jahren beendet. Ich bin ja mitten im Ruhrgebiet groß geworden. Da ist man am Bergbau nur selten vorbeigekommen. Es hat sehr lange gedauert, bis mir klar war, dass das mit der Kohle eine Episode von geschichtlich sehr übersichtlicher Dauer war und bleiben würde.

Der Schacht, in dem ich einmal besuchsweise auf 1000 Meter durfte, der stand sogar auf einer grünen, umwaldeten Wiese. Da fiel es nicht schwer, zu rekonstruieren, dass die ganze Gegend noch zu Urgroßvaters Zeiten insgesamt grün und bäuerlich geprägt war. Und trotz aller urbanen Verdichtung kannte und kennt dort jeder irgendeinen Bauernhof in seiner Nähe.

Auf so einem ehemaligen Bauernhof in unmittelbarer Nachbarschaft der Zeche Rosenblumendelle habe ich meine Kindheit verbracht. Mein Vater hatte dort auch seinen Handwerksbetrieb, direkt gegenüber der Wohnung. Ich spielte auf dem Land und war doch ein richtiges Kind der Stadt. Beim Schichtwechsel töte die Sirene in einer Lautstärke, dass bis zum Abschwellent jedes Gespräch unmöglich war. Man stellte auch seine Uhr danach oder setzte mit der Sirene die Kartoffeln auf.

Wann das in meiner Familie mit dem Bergbau angefangen hat, das weiß ich nicht. Meine Oma sagte immer: „Wir dienen dem Hause Stinnes schon seit 150 Jahren.“ Sie hat dabei wohl alle Beschäftigungszeiten in der Verwandtschaft zusammengezählt. Mein Großvater väterlicherseits war Bergmann. Ich habe ihn noch 5 Jahre erlebt. Er war mit seiner Staublunge schon lange in Rente und total witzig. Er trug aus Zweckmäßigkeitsgründen eine Glatze, unterhielt die ganze Hausgemeinschaft, erledigte Einkäufe und kroste im Garten. Das war die Zeit, in der man auch noch gern als Selbstversorger Tabak anbaute. Für die Hühner und für mich schnitt er immer die Brotkrusten klein. Zum Geburtstag bekam ich einmal eine Riesentüte mit getrockneten Brotkrusten. Es war ein Spaß, aber ich habe mich gefreut. Einmal schickte er mich und die anderen Kinder durch die Nachbarschaft. Wir sollten Persil besorgen, um die Hühner zu waschen. Eines meiner Spielzeuge war eine Hühnerpfote, die man bewegen konnte, wenn man an der Sehne zog. In unmittelbarer Nähe – erzählte man – wurde infolge plötzlicher Bergschäden ein ganzes Fuhrwerk verschluckt. Das war mir unheimlich, machte aber niemanden ängstlich.

Mein anderer Opa arbeitete in weißem Hemd und Anzug in der Bergschädenabteilung. Irgendwo steht, er sei „Bergwerksbeamter“ gewesen. Er war wohl wichtig, aber was er genau gemacht hat, weiß ich nicht. Er hatte aber ein Telefon im Bureau. Er war ebenfalls frühzeitig, allerdings wegen einer Herzerkrankung, Rentner und für mich immer etwas unnahbar. Meine Oma erzählte noch lange, dass er bei seinem Betriebsjubiläum geweint habe, als der Bergmannschor das Steigerlied gesungen habe.

Mein Vater war auch auf dem Pütt. Als er mit 25 Jahren aus dem Krieg kam, war für ihn nicht daran zu denken, sein Maschinenbaustudium fortzusetzen. Essen, trinken und wohnen waren wichtig, garniert von kleinen Alltagsfreuden. Die Opas hatten ihm einen Job unter Tage besorgt, da konnte er erst einmal als gelernter Schlosser arbeiten. Es gab zunächst nur dort gutes Geld, ein Kohledeputat und allerlei Lebensmittelunterstützungen. Meine Mutter bekam wohl während der Schwangerschaft mit mir die legendären Butterbrote von der Zeche, weil sie die am besten vertrug. Nach zwei Jahren wechselte mein Vater zur AEG und bereitete unsere Auswanderung nach Kanada vor. Er hatte schon das Schiff gebucht. Mein Vater konnte gut französisch, meine Mutter gut englisch. Das hätte gepasst. Und das Ein- und Auswandern passt ja immer schon ins Ruhrgebiet.

Als dann beide Großväter 1952 starben, war das Familienkapitel Bergbau beendet und die Auswanderung auch, bevor sie begonnen hatte. Denn die Omas wollten nicht allein bleiben. Überliefert sind die Bergbaugeschichten meines Vaters. Ich habe viele davon gehört. Am meisten beeindruckt haben mich die Grubenpferde, die ihr Leben unter Tage beendeten, dort aber bestens versorgt und umsorgt wurden. Im Tageslicht wären sie erblinden und hätten auch sonst kaum kaum gesundheitlich überleben können.
Ebenfalls beeindruckt hat mich, dass man unter Tage von Zeche zu Zeche fahren konnte, also praktisch durch die ganze Stadt. Für mich war das eine fantasievolle Alternative zur Straßenbahn.
Heute erzähle ich alle Geschichten sehr gern weiter.

Nur mal so …

Ach, das passt doch auch zum Aufbruch ins neue Jahr 2019 …
begeht es mit Freude, achtsam und nachhaltig.

Nikolaus 3.0

Die kolportierten Divergenzen zwischen Nikolaus und Weihnachtsmann beruhen auf einer einprägsamen Irreführung.

Hier der Katholische Bischof mit Mitra und Stab, der Kinder beschenkt. Dort der von Coca-Cola eingefärbte Weihnachtsmann, der das Weihnachtsgeschäft ankurbelt.

Aber so ist das nicht.

Bereits in den Alltagsbegegnungen mit den beiden überwiegen die Überschneidungen. Kinder verwenden die beiden Namen wahllos und das, was damit verbunden ist, geht praktisch wild durcheinander. Lediglich den Begleiter für den Nikolaus sieht man beim Weihnachtsmann so nicht. Er ist weitaus softer und könnte bestenfalls gestylte Engel und Rentiere vertragen, während der Nikolaus mit dem Zwarte Piet, dem Knecht Ruprecht oder dem Krampus kollaboriert, die nicht selten Angst und Schrecken verbreitet, wenn der Nikolaus sie nicht zur Ordnung ruft. Aber im oberflächlichen Erleben sind auch solche Unterschiede unbedeutend für eine Unterscheidung zwischen den beiden Herren.

Mit der Reformation wurde das traditionelle Wirken des Nikolaus erstmalig beschädigt. Weil die Welt der Heiligen in vielen Teilen Europas in die Kritik geraten war, wurde das Christkind als Geschenkebringer kultiviert und der Nikolaus in seiner Aufgabe erheblich zurechtgestutzt. Seitdem heißt es vielerorts, aber nicht überall: An Nikolaus gibt es kleine, an Weihnachen große Geschenke. Mit der Besiedlung der USA durch Europäer kam auch das Brauchtum und damit der Nikolaus dort hin. Der Nikolaus musste, so wie die anderen Einwanderer auch, eine länger Integrationsanpassung durchlaufen, um sich für alle Amerikaner empfehlen zu können. Dazu gehörte, dass er in den Metropolen interkulturell fit gemacht wurde und schließlich seine Einbindung in industrielle Produktions-, Werbe- und Verkaufsabläufe erfuhr, ohne dass er danach gefragt wurde, ob das in seinem Interesse ist. Die Bibel als Urgrund des nikolausischen Selbstverständnisses hatte nach und nach eine eher marginale Bedeutung. Um selbst zur Ware zu werden und seinerseits für Konsumwaren zu werben, eroberte er die Geschenkanteile des Christkindes zurück und wurde vollends zum Vehikel des umfassenden Weihnachtsmarketings: Er stand in grellem rot überall vor Kaufhäusern. Daran knüpfte die Mär an, der Weihnachtsmann sei eine Erfindung des Konzerns Coca-Cola. Richtig daran ist nur, dass Coca-Cola einer der aufstrebenden Konzerne war, die den Nikolaus ausgeschlachtet und für ihre Zwecke wieder gefüllt und hergerichtet haben. Mit der Expansion Coca-Colas hatte man direkt auch einen Weihnachtsmann für die ganze Welt.

Um das Schenken selbst dann auch noch rational an die christliche Familien heran zu führen hat man nach englischem Vorbild die amerikanischen Hauskamine in Szene gesetzt. Durch die Kamine werden bis heute – wie auch immer – alle vom Weihnachtsmann geförderten grellen Geschenkpakete in die gute Stube transferiert.

Wenn nun der amerikanisierte Weihnachtsmann über internationale Konzerne nach Europa reimportiert wird, dann stehen sich plötzlich Nikolaus und Weihnachtsmann gegenüber und finden es einfach unglaublich, dass einer wie der andere dem ursprünglichen Nikolaus entstammt. Seit 1950 ist der Weihnachtsmann in Europa auf dem Vormarsch. Das, was die amerikanische Variante durchgemacht hat, trifft die europäische Variante hart. Er beugt sich einfach nicht einem entfesselten Konsum. Lediglich sein Pferd hat sich im urbanen Lebensraum als unpraktisch erwiesen und wurde durch einen himmelsgängigen Schlitten mit allerlei Rentieren ersetzt, wie wir es vom Weihnachtsmann kennen.

Kinder sehen das sehr pragmatisch. Sie können mit diesem und jenem gut und widerspruchsfrei leben und sehen beide gut sozio-kulturell integriert. Sie bauen Ihnen sogar Brücken und weichen die Trennschärfe bereits im Sprachgebrauch auf.

Ich mag den Nikolaus mit Mitra und Stab sehr, weil er zur Gesellschaftskritik weitaus fähiger ist und damit auch zur Kindergerechtigkeit. Brav, dick und schrill, ist mir zu langweilig.

Früher war der Gipfel oben

Wir haben ja eine repräsentative Demokratie. Wir wählen Parteien und Abgeordnete, die für eine gewisse Zeit für uns das Geschäft der Politik betreiben. Wenn uns das nicht gefällt, dann wählen wir andere.

Mittlerweile hat sich eine Mode der Gipfeltätigkeit herausgebildet, international und national. Während noch vor kurzem Horden von Wirtschaftslobbyisten einen Ausweis zum Betreten des Bundestages hatten, wurden mittlerweile die gern gesehenen Gäste der Abgeordneten kurz umgelegt. Denn die Volksvertreter versuchen nun mehrheitlich den Sachverstand der Wirtschaftsvertreter in sogenannten Gipfeln zu nutzen. Da treffen sich dann an gut bewirteten Orten Dieselgipfel, Digitalgipfel, Kohlegipfel, Islamgipfel und so weiter. Der Gipfel gilt als Inbegriff des Ziels, und wird manchmal sogar noch, surrealistisch überhöht, wenn sich beim Gipfeltreffen gleich mehrere Gipfel treffen.

Nun ist es so, dass dort die Wirtschaftsmächtigen auf Regierungsvertreter treffen, mittlerweile gern auch etwas angereichert durch fröhlich wirkende Vielfalt von Interessenverbänden, die nichts mit der Wirtschaft gemein haben. Weitere Widersacher stehen meist ganz vor der Tür.
Die Konstellation ist, wenn man von den unbeachteten Positionen absieht die, dass die Regierung in allen Gipfeln die Lebensqualität verbessern will, sich dann aber von der Wirtschaftsvertretern leider vorrechnen lassen muss, dass das so einfach nicht geht und dass es geradezu in einem Horrorszenario enden wird, wenn man nicht dem guten Weg der Wirtschaft folgt und politisch anders entscheidet. Gleichwohl gibt es geschickte Formulierungen, die eine Annäherung beider Seiten beinhalten und als Gipfel des Prozederes sogar einen Abschlussbericht zulassen, der nicht nur beide Positionen versöhnt, sondern auch den Volksvertretern die Arbeit abnimmt, nämlich Entscheidungen zu treffen, die meistens als Gesetze wirksam werden. Gipfel sind also auch so etwas wie das Outsourcen der Parlamentsarbeit. Man ist sich bei diesem Verfahren sicher, dass der kritische Ruf der sonstigen Experten bald verhallen wird. Wenn nämlich, wie fast jedes Mal, der nicht unbedeutende Verlust von Arbeitsplätzen zum Szenario gehört, dann sind Konzerne und die mit ihnen befassten Gewerkschaften ganz, ganz nahe beieinander und die Mitarbeiter für Sie demonstrierend unterwegs.

Ich würde mir wünschen, dass die Abgeordneten ihre Arbeit machen, frei überlegen, wie und wo sie sich sachkundig machen und dann im vorgesehenen Parlamentsbetrieb Entscheidungen treffen.

Ich werde Ihnen jetzt mal etwas mehr auf die Finger gucken. Gipfelgänger haben es schwer, von mir gewählt zu werden. Und die Gipfelergebnisse wären ja auch nicht erwähnenswert, wenn sie nicht selbst beinhalten würden, dass sie den Wert einer Etappe zum Gipfel, also bereits den Gipfel in sich haben und auch sonst unheimlich beachtenswert wären.


Einkaufskataloge

Jetzt geht der Ottokatalog in Rente. Der Quellekatalog und der Neckermannkatalog wurden schon Jahre zuvor zum historisch nicht unbedeutenden Altpapierlager.

Hauptsächlich diese drei haben über Jahrzehnte Einblicke in die kleinbürgerlich Selbstgefälligkeit gegeben, die sie aber auch stark selbst befeuert haben. Aus der zeitlichen Distanz wirken die Konsumvorlieben der Bevölkerung doch arg armselig bis eng. Aber nur aus der Distanz. Die heutigen Vorlieben werden wohl zukünftig kaum anders wirken.

Insbesondere der Neckermannkatalog war sogar ein Referenzkatalog. Der Katalog wurde bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in Sozialämtern genutzt, um über die Höhe einmaliger Beihilfen zu entscheiden, gleigültig ob es Kinderschuhe oder eine Waschmaschine  war. Ein Kern der Zeitgeschichte von 1950 bis ins Jahr 2000 lässt sich mit diesen Katalogen durchblättern.

Cheffe aller Moralen

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Die Moral hat unzählige Akteure. Darum ändert sie sich auch ständig.  Es gibt niemanden, der von oben herab wirksame Maßstäbe ausgibt, obwohl es in der Geschichte aller Staaten und Religionen immer wieder Versuche gab, das zu tun. Die Folge war eine moralische Entmündigung, ohne letztlich die Entwicklung aufhalten zu können.

Der fortschrittlich erscheinende Bischof, der jetzt den Moralkodex der Katholischen Kirche renovieren will, will also nur wieder einen Fuß in die Tür kriegen. Denn die Moral ist vor allem auch sein Geschäft.

Bildung würde helfen, die je und je gelebte Moral immer wieder verantwortungsvoll zu justieren.

Fahr langsam!

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Ab und zu gibt es ja die Forderung in politischen Parteien, die Höchstgeschwindigkeit in der Stadt zu reduzieren. Ich will gar nicht erwähnen, in welcher Stadt das nun wieder der Fall ist.

Wenn man Tempo 40 in der Stadt fordert, dann hat das den Anschein, alles würde dadurch alles ein Fünftel langsamer, ungefährlicher und menschenfreundlicher.

Das ist aber nicht so. An die Obergrenze von 50 Km/h haben wir uns über viele Jahrzehnte gewöhnt. Wir wissen auch, dass es Straßen und Situationen gibt, in denen weitaus langsamer gefahren werden muss. Es gibt allerdings auch Stadtstraßen, die so wirken, als sei Tempo 50 eine Schikane. Dort gibt es vermehrt Geschwindigkeitsübertretungen. Dann wird entweder vermehrt geblitzt oder die Straße wird für eine höhere Geschwindigkeit freigegeben. Würde man nun 40 als verbindliche Höchstgeschwindigkeit festlegen, würden also die Geschwindigkeitsübertretungen zunehmen und die Ausnahmen von der Regel müsste vermehrt werden. Das Ergebnis wäre, dass man sich letztlich von Straße zu Straße neu orientieren muss, wie schnell denn dort gefahren werden darf und die generelle Regelung ab dem Ortsschild wird zur Nebensache.

Wenn man das Auto nicht in der Stadt haben will, dann kann man das ja sagen. Ich wäre dafür und auch für eine angemessene Infrastruktur.

Einfach nur Tempo 40 in der Stadt zu fordern, das ist doch sehr populistisch.

Martinswurst

Sankt Martin greift nicht nur immer häufiger auf Pferde zurück, die mit medizinischen Mitteln sediert sind. Die ganze Martinsszene ist auch von einer Volkskunst umgarnt, in der tagtäglich neue Künstler ihr Unheil suchen.

Ich komme darauf, weil meine Freundin M. [6 Jahre] anlässlich folgender Werbung ganz zurecht sagte: „Warum gibt der Mann dem denn ne Wurst?“

Nachtrag: Ich werde von ganz anderer Seite darauf hingewiesen, dass die rechte Hand des Mannes gerade einen mutmaßlichen Genitalschaden des Pferdes behebt.

Merz ist mir gleichgültig, Spahn und Äikäikäi sind es auch

In der CDU gibt es seit sehr langer Zeit mal wieder eine Kandidatenauswahl für den Parteivorsitz. Was normal sein sollte, das ist einfach nur ein Sonderfall mit dem Anschein, dass das normal ist. Wen ich gern als Kanzler möchte, ist eine vernünftige Frage. Was aber interne Wahlen einer Partei betrifft, dazu habe ich keine Meinung, wenn mein Herz nicht für diese Partei brennt. Allgemein danach zu fragen, das ist sogar unsinnig. Wenn also jetzt immer in den Medien und durch Meinungsforschungsunternehmen gefragt wird, wen ich als Parteivorsitzenden der CDU bevorzuge, dann ist das unmittelbar an die Bindung des Befragten an diese Partei gekoppelt. Während der CDU-Anhänger vermutlich den nach seiner Ansicht fähigsten will, ist es bei Anhängern anderer Parteien und bei Menschen, denen die CDU insgesamt ein Graus ist, genau umgekehrt: In ihrem Interesse wäre es, wenn in der CDU der Unfähigste gewählt würde. Denn je schlechter es in der CDU läuft um so besser sind die Bedingungen für die konkurrierenden Parteien. Wenn ich also in meiner großen Distanz zur CDU beispielsweise für den Kandidaten Merz bin, dann verbinde ich damit nur die Hoffnung, dass dieser Merz die Partei so sehr abwirtschaftet, dass sie im Wählervotum an Bedeutung einbüßt.

Einfach quer durchs Land eine parteiinterne Abstimmung volksoffen nachzubilden, halte ich also für unredlich. Lasst doch die CDU das einfach mal machen. Denn: „Wichtig ist, was hinten raus kommt.“(Helmut Kohl)

Und wenn ich jetzt sagen sollte: „Ich bin für Merz!“, dann würden die meisten fälschlicherweise glauben, dass ich den gut finde.

Werbung, die ich mögen müsste

Gucke ich in meine Timeline, dann sehe ich seit Wochen zuerst und dann immer wieder eine freundlich, die Zähne zeigende Frau hinter einem aufgeklappten Laptop. Ich habe keine Ahnung, wofür sie wirbt. Aber damit sie bei mir erscheint, muß es schon recht teuer gewesen sein.

Nun weiß ich, dass Facebook meinen Geschmack nach all der Zeit gut kennt und weiß, warum ich einer bestimmten Zielgruppe zugeordnet bin. Nun habe ich die Möglichkeit, äußerst aktiv dafür zu sorgen, dass Facebook mich noch besser kennenlernt. Ich könnte nämlich dazu ganz einfach anklicken, dass mir diese Werbung nicht gefällt. Ich tue das aber nicht, weil ich sicher bin, dass Facebook mich dann seelenlos und ungefragt in eine andere Zielgruppe verschiebt und dass ich dann andere Ding sehen muss, die ich nicht mag, obwohl der Algorithmus vorgibt, dass ich sie mögen müsste. Damit wäre mir nicht geholfen, denn ich will eigentlich nur Werbung, die wirklich originell und gut gemacht ist. Die passende Zielgruppe hat Facebook aber nicht eingerichtet, weil sie immerzu Spaß haben, aber nichts kaufen will. Meinesgleichen bleibt also wirklich völlig egal, wofür geworben wird. Damit versinke ich in einer Leerstelle im Werbekonzept. Das Konzept kann in der Vereinigung der Werbenden mit dem Vermittler Facebook bei mir einfach nicht landen.

Ich befürchte, dass eines Tages Leute wie ich so behandelt werden, wie die ganzen Nippelposter, die jetzt schon rausgekickt werden, auch wenn sie Rubens zitieren.
Ich denke, die heutzutage gehandelten Werbetheorien gehören wieder einmal auf den Prüfstand. Wer einmal mit einer cineastischen Fragestellung ein Werbefilmfestival besucht hat, wird mich da verstehen. Der Weisheit letzter Schluss der Werbung ist noch unbekannt. Ich behalte ihn auch für mich. —

Was will die Zähne zeigende Frau eigentlich schon wieder von mir?