moralisches Doppel 2.0

Kritiker der Katholischen Kirche geben nicht selten Tipps, um diese Kirche zu retten.

So schreibt Heribert Prantl am 20.2.2019 in der Süddeutschen Zeitung: „Die katholische Kirche muss ihre Doppelmoral beenden“. Aber: Warum sollte ihre Doppelmoral beendet werden? Die Welt ist voll von doppelmoralem Verhalten. Und bisweilen ist es nützlich und vollkommen alltäglich, wenn man beispielsweise im Freundeskreis eine andere Moral befolgt als in der Familie. Eine arabische Freundin belügt ihre Familie seit Jahren mit großem Gewinn. Wir sollten allererst lernen, die Vielschichtigkeit der Moralen zu verstehen und ihren Sinn zu begreifen. Dann haben wir beste Voraussetzungen moralische Attitüden richtig einzuordnen und uns erforderlichenfalls souverän dazu zu verhalten. Es ist doch nicht so, dass man eine Moral unbearbeitet vor sich her trägt. Sie ist und bleibt ein ständiges Thema für den Moralisten und sein Gegenüber. Wenn nun die besagte Kirche zwischen ihren Moralvarianten untergeht, dann gibt es doch niemanden, der sie davor bewahren will, wenn das ihr Markenkern ist. Wir wissen ja mittlerweile verbindlich, dass man auch ohne Katholische Kirche ein guter Mensch sein kann. Also lassen wir doch den Doppelmoralen ihre Freiheit. Wir  sind allerdings gut beraten, alle Moralen so souverän zu behandeln, dass sie nicht als Keulen wirken. Und wenn wir an einer Glaubwürdigkeit zweifeln, weil da jemand anders lebt, als er predigt – mein Gott – dann können wir immer noch einen großen Bogen machen oder sogar streitbar werden. Organisationen zu retten, die in einer Doppelmoral gründen, das bringt nichts. Dafür ist die Zeit zu schade …

Komplexität als Geschäftsmodell

Jetzt stellen wir in dem aufsehenerregende Prozess zum Unglück auf der Loveparade fest, dass es ein unentwirrbares Geflecht von Institutionen und Fehlentscheidungen in diesen Institutionen gegeben hat und dass in der Folge kaum konkreten Menschen dingfest gemacht werden können, die mehr als einen winzigen Teil zur Katastrophe beigetragen haben.
Das erscheint gerade so, als brauche man nur gehörig viel Komplexität, um sie aus der juristischen Verantwortung zu stehlen.
Die internationalen Finanzmärkte sind voll davon. Dort wird Geld generiert und niemand weiß so recht, wo das Geld herkommt und wer es rangeschleppt hat. Die juristischen Folgen sind immer schon unbefriedigend.
Erinnern wir uns an den Atomgau in Tschernobyl. Da gab es zwischen vielen Knöpfen ein menschliches Versagen, aber der ganze technologische und politische Überbau hatte direkt mitversagt. Man hätte es wissen können, hat aber nur für die Devise der Macher gearbeitet. Dass weiterhin ausrangierte Schiffe mit Atomantrieb verrotten und in den Weltmeeren alte Atomuboote auf Grund liegen, wird trotzdem weiterhin als Gefahr ausgeblendet. Hier in der Gegend ist das marode Atomkraftwerk von Tihange. Es ist abzusehen, dass bei einer Katastrophe die Verantwortung ebenfalls in der Komplexität verschwindet. Und wie ist das mit dem Stuttgarter Bahnhof, dem Brexit oder mit dem massenweise völkerrechtswidrigen Flüchtlingssterben? Das ist alles viel zu komplex um juristisch vermessen und ausgeleuchtet zu werden.
Offenbar müssen die Rechtsnormen ganz allgemein an der Komplexität ausgerichtet werden. Und wenn Komplexität unbeherrschbar und zum Geschäftsmodell wird, müsste man ja ganz andere Seiten aufziehen.

Vossianische Antonomasie als Floskel

Ich würde die Überschrift auch nicht verstehen, wenn ich sie mir nicht erarbeitet hätte.

Floskeln sind ja die Minitextbausteine der schnellen Medienwelt. Sie nutzen als erstes ideenlosen Journalisten und ihrem redaktionellen Überbau.

Betrachtet man ein berichtenswertes Ereignis, dann erhöhen Floskeln gern die Aufmerksamkeit des Lesers. Floskeln schieben das Ereignis aber auch in den Bereich der Fehldeutung und der Lächerlichkeit. Sie werden ja mittlerweile im Internet gut dokumentiert 🔲 . Beim Floskelleser werden Nachdenklichkeit, Kritik und Freude ausgelöst, wenn man eine Floskel einfach nur mal als Floskel betrachtet. Das ist aber meist nicht beabsichtigt, sondern ein Abstract in wenigsten Worten. So lange der Leser weiterliest, muss man sich über den weiteren Sinn der Floskel keine Sorgen machen.

Allerdings war die Floskel auch schon lange vor dem digitalen Zeitalter beliebt und wurde geradezu unsterblich in den Titelzeilen der Lokalpresse. Um gelesen zu werden bestand schon lange ein Konkurrenzdruck zwischen den Blättern und zwischen ihren Journalisten.

Eine dieser Floskeln läuft mir immer wieder über den Schirm: Sie lautet vereinfacht so: Politikerin X ist die Mutter Courage eines lokalen Bereichs X oder einer Institution Y. Also zum Beispiel: Regine Hildebrandt ist die Mutter Courage der SPD. Betrachtet man nun andere Personen oder andere Institutionen, findet man immer wieder so eine Mutter Courage. Eine gewisse Luise Albertz wird als Mutter Courage Oberhausens geführt. Eine Inge Donnep und eine Hannelore Kraft gar als Mutter Courage des Ruhrgebiets. Dies nur, um über ein Beispiel aufzuzeigen, wie gewaltig so ein Mutter-Couragismus um sich greift. Urheber kann doch nur ein unbewanderter Journalist auf der Jagd nach einer markanten Schlagzeile gewesen sein.

Nachdem Bertolt Brecht in den Wirren des Krieges das Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“ entworfen und in der Nachkriegszeit damit die Theater beschäftigt hat, zogen die Zeitungsredakteure daraus als unbestelltes Nebenprodukt eine Floskel.

In dem Drama selbst ist die Hauptfigur Mutter Courage unverbesserlich davon beseelt, als unbedeutende Marketenderin vom 30-jährigem Krieg zu profitieren. Das gelingt ihr nicht. Sie bleibt lernunfähig und veränderungsresistent. Selbst nachdem ihre drei Kinder dem Krieg zum Opfer gefallen sind, bleibt sie bei ihrer Ideologie.

Die Figur der Mutter Courage bietet sich also mit keiner Eigenschaft an, einen vielleicht verdienstvollen Menschen mit einer vossianische Antonomasie [X ist Y der Z] auszuzeichnen. An dem, was sie macht ist nichts verdienstvoll. Wir haben es hier also mit einem verfloskelten Selbstläufer zu tun, der – einmal in die Welt gesetzt – durch allerlei Schriftwerk wabert, ohne je befragt zu worden zu sein. Wenn man nun merkt, dass die jeweils „Ausgezeichnete“ auch nur eine Figur im Cosmos aller Mütter Courage ist, dann ist die Auszeichnung auch deshalb dahin. Man beschriebe viel besser, was die jeweilige Frau tatsächlich gemacht hat.

Ich bin der Herr der Daten, ich brauche nicht zu raten …

Das Wetter ist hart im ZWERGWERK

Doch meine Freunde von den Wetterapps übertreiben es ein wenig. Ich weiß ja, dass das akribische industrielle Messen und Rechnen manchmal auch Ergebnisse auswirft, die man gar nicht bestellt hat. Wenn also meine Wetterapp sich auch speziell um Wintersportorte kümmert, dann ist das sicher zunächst gut. Hier in der Gegend gibt es aber nun eine Skihalle, also einen Ort außerhalb üblicher Wintersportgebiete, dessen Besitzer sich ganzjährig ein gebäudebezogenes Kleinklima mit Winterallüren leisten. Dort gibt es kein schlechtes Wintersportwetter. Ski und Rodeln sind gleichbleibend so gut wie die Eintrittspreise. Man erfährt nun aber über meine WetterApp die exakten Wetterbedingungen außerhalb(!) des Gebäudes. Dort gibt es nichts, nicht einmal Events, die sonst den Wintersport begleiten. Alles ist indoor!

Immer wieder gibt es unbestellte Erfindungen, die es also nur gibt, weil sie technisch möglich geworden sind. Eine dieser Erfindungen ist übrigens auch der Rundfunk. (Brechts widmete sich in seiner Radiotheorie dem Thema erhellend.) Man kann allen alles sagen, auch wenn man zunächst überhaupt nichts sagen will. Ja und dann spricht man einfach mal los. Und es gibt einen extrem skurrilen Wetterbericht.

Kehraus – „Guten Rutsch!“

Gelbe Säcke im Rollenformat aus Restbeständen

Hier in Mönchengladbach ist es anlässlich eines ernsten Vorfalls doch sehr, sehr lustig.
Ich fasse zusammen:

Das Duale System Deutschland (das das mit dem Vrerpackungsmüll bundesweit regelt) hat vor kurzem eine Firma beauftragt, die obligatorischen Gelben Säcke an die Haushalte zu bringen und die gefüllten Säcke dann ab AD 2019 nach und nach wieder abzuholen. Diese Firma ist nicht in der Stadt beheimatet. Die Stadtverwaltung hat – wenn alles klappt – nicht viel damit zu tun.

Seit einigen Wochen läuft die Verteilaktion mit den Säcken. Vermittelt über die Presse und die sozialen Netzwerke fällt nun auf, dass die Säcke aber nur in Einzelfällen angekommen sind. Fast alle haben überall in der Stadt bisher keinen gelben Sack gesehen. Allerdings heißt es, man habe an größeren Häusern auch einmal ganze Kartons voller Säcke gesehen, bis sie dann nicht mehr gesehen wurde. Ich habe bisher jedenfalls nichts bekommen — ich schwör, ey!

Auf Anfrage teilte die zuständige Firma zunächst mit, alle Säcke seien verteilt. Dann stellte man kleine Unregelmäßigkeiten fest und schließlich war von einem organisierten Diebstahl in großem Stil die Rede. Aber wer klaut denn solche Säcke? Man fragt sich unweigerlich, wer denn ganz konkret mit welchem Konzept die Säcke wie weit zu den Haushaltungen geschleppt hat und ob sich während der mühsamen Arbeit nicht gleich eine Idee der Säckeersatzverwertung ergeben hat. Jedenfalls drängt sich der Verdacht auf, dass während einer schwerpunktmäßigen Grobverteilung bereits in der Nebenstraße ein LKW wartete, um die Kisten wieder einzusammeln, bis jemand auf die Idee kam, sie praktischerweise erst gar nicht auszuladen. Aber all das ist Spekulation. Die an sich kostenlosen Säcke werden nun allerdings im Internet zu ganz erstaunlich blödsinnig hohen Preisen angeboten. Es gibt also eine Spur. Güter, die verknappt werden, steigen natürlich im Preis. In diesem Fall dann aber doch wohl nicht, weil die beauftragte Firma so oder so nachliefern muss, bis die Stadt in Plastiksäcken erstickt, die alle Wege in die Weltmeere so lange verstopfen, bis sie, von Wind und Wetter in Mikroplastik zerlegt, alle Sperren passieren. Und jeder, der jetzt einfach zu viele Säcke hat, sollte wissen, dass er damit für sich keine Teilhabe an der Gesellschaft und auch kein Ausgleich sozialer Ungerechtigkeiten bewirken kann.

Ich sage das nur, weil es doch für alle Beteiligten gut war, als damals die Müllwerker von Wohnung zu Wohnung gingen, ein frohes neues Jahr wünschten, dabei eine Infobroschüre über die Müllregelungen und gelbe Säcke mitbrachten und in alter Tradition ohne jede Verpflichtung gute Wünsche und ein Neujahrsgeld als Dankeschön bekamen, noch bevor Dinner for One im Fernsehen lief.

– Guten Rutsch! 

Nachtrag:
Jetzt sind wir im Jahr 2019 und haben bereits die heiligen drei Könige hinter uns gelassen. Bürger laufen meistens vergeblich zu den Läden, die nun als Verteilstellen fungieren sollen. Die Inhaber kriegen die Wut der Bürger mit und schützen sich bereits mit großen Hinweisschildern vor den Nachfragen. Nicht wenige wollen nun verständlicherweise auch nicht länger als Verteilstelle fungieren. Es wäre ja eine nette Geste, von den Restbeständen der Säcke der letzten Jahre etwas abzugeben. Aber dazu müsste man auch wissen, wann mit Nachschub zu rechnen ist. Ich vertraue jedenfalls nur noch auf die Vergabe der Säcke von Hand zu Hand. Die Zeit der Verlautbarungen ist vorbei.

Sollen Muslime besteuert werden?

Seit den 70er Jahren wird der historische Webfehler des Grundgesetzes beklagt, in dem der Staat eine Kirchensteuer ermöglicht und bei der Eintreibung hilft. Nur die wenigsten Religionsgemeinschaften, die Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, machen davon Gebrauch. Das sind vor allem die großen Religionsgemeinschaften. Die anderen haben auch gute Gründe, es nicht zu tun.

Nun ist der Islam derart vielschichtig und uneinheitlich verfasst, dass es ohnehin keine islamische Religionssteuer im überkommenen Rahmen geben kann. Wie sich die unübersehbare Zahl einzelner Moscheevereine positionieren wird, das weiß niemand so recht. Ob sie eine Anerkennung als Körperschaft des Öffentlichen Rechts bekommen werden, steht in den Sternen. Die meisten werden die Voraussetzung zunächst auch gar nicht erfüllen.

Würden sie allerdings an „deutsche“ Steuermittel kommen, würde das erst einmal bedeuten, dass die bisherigen Zuwendungen der jeweiligen Mitglieder, das Zakat, hauptsächlich zu den Steuern umgeleitet würden. Es gäbe also eine erhebliche Bürokratisierung fundamentaler Hilfen und eine Entfremdung zu den irgendwie Gläubigen, die jetzt noch den direkten Zahlweg haben und deshalb noch am ehesten prüfen können, ob ihr Geld auch in ihrem Sinn verwendet wird. Sie werden nicht unbedingt über die Steuern ein zweites Mal zahlen. Die heutigen Finanzierungsströme aus muslimisch ausgerichteten Ländern können danach noch effektiver für den jeweils ideologischen Ausbau von Moscheen genutzt werden. Dass Steuergelder solche Zuwendungen ersetzen und Geberländer entlasten, ist also kaum zu erwarten. Nichts fließt dort so locker, wie das Geld zur Verbreitung des Glaubens.
Es wäre besser, das überalterte und verzopfte Kirchensteuersystem abzuschaffen. Die gläubigen Franzosen wissen beispielsweise seit der französischen Revolution, dass Kirchen auch ohne Steuern gut und ehrlicher leben können. Eine Ausweitung des System auf islamische Religionsverbände wäre nur rückwärtsgewandt und ohne eine irgendwie hilfreiche Wirkung.

Geschichten aus Schnullerbü

Der urplötzlich jetzt nicht mehr „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius hat in großem Umfang Geschichten gefälscht.
Der Spiegel ist nun irgendwie untröstlich und folgt einer aufdeckenden Strategie, nachdem er bei ersten Auffälligkeiten eher zudeckend gearbeitet hatte. Ein aufdeckender Journalist des Spiegel hatte zunächst um seinen Job fürchten müssen.

Ich finde, die Fälschungen waren wohl nicht in der Absicht des Nachrichtenmagazins, aber trotzdem ohne eine besonders große Dramatik.

Es ist nie anders: Ein Ereignis begegnet uns stets mit einem Schleier von Fantasie. Der Mensch ist ja so neugierig. Er will unbedingt wissen, was selbst der beste Berichterstatter nicht weiß. Der Mensch will sogar wissen, wie eine Geschichte weitergeht, obwohl das in der Zukunft liegt. Deshalb hat sich eine Belletristik entwickelt, die die Fantasie höher bewertet als belegbare Fakten und häufig sogar ganz auf Fakten verzichtet. Man ist geneigt, die Belletristik einerseits und die wissenschaftliche Fachpublikation andererseits als Schreibergebnisse zu verstehen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Aber das Lebendige in der Welt geht über solche kategorisierenden Vereinfachungen hinweg. Ob Dokusoap oder Journalismus, wir finden bei näherer Betrachtung immer nur Mischformen, manchmal hart an der Wirklichkeit, aber auch manchmal noch härter an der Fantasie. Alles ist „faction“ – wie J. M. Stimmel seine Romane bezeichnete – eine Mischung aus Facts – am 13. Mai 1950 schien die Sonne … – und Fiction – … und er schwitzte beim Verzehr des Zigeunerschnitzels sehr.

Es ist also kein Wunder, wenn jemand über Hitlertagebücher berichtet, die es nicht gibt (Sternaffäre 1983) oder jetzt beim Spiegel, der über enttarnte Erfindungen des Redakteurs Claas Relotius berichtet. Dieser Redakteur hat damit seine Faktenbasis verlängert und sogar das journalistische Handwerk befördert. Seine Arbeiten waren gerade dadurch besonders eingängig glaubwürdig und sogar häufig preiswürdig. Er wurde mehrfach geehrt. Der Leser war geneigt, der speziell performen Dynamik zu folgen und eben nicht in eingeschliffener Lesermanier mitten im Text abzubrechen, um sich in knapper Zeit anderen Ereignissen und Texten zuzuwenden. Das gerade beim Spiegel sehr hochentwickelte System des Faktenchecks hatte versagt. Aber musste es nicht ohnehin selbstgefällig an der Fuzzylogic der Lebensvollzüge scheitern? Wir haben ja das gleiche Problem in der Wissenschaftstheorie: Wir mögen alle denkbaren Dimensionen und ihre Wechselwirkungen abbilden können, dennoch schwebt über allem ein erkennnisleitendes Interesse, das trotzdem Schwerpunkte setzt und auswählt. Die Welt ist eben zu komplex, um empirisch ausgemessen und abgebildet werden zu können.

Wenn der Mensch sich die Welt aneignet, dann arbeitet er ja nicht allein faktenorientiert. Die Zeitung „Die Welt“ am 23.12.18: „Am fünften November erzählte Donald Trump laut „Washington Post“ 139 Unwahrheiten, also eine alle zehn Minuten. In seiner Amtszeit Zeit waren 7546 seiner Aussagen entweder irreführend oder schlichtweg falsch.“ Offenbar gibt es einen großen Markt dafür, Fakten zu vernachlässigen und aufzuhübschen. Es fällt nicht schwer, eine Menge Länder aufzuzählen, in denen die regierende Politik völlig abseits aller Erkenntnisse gestaltet wird und bei der man vermuten muss, dass es dafür immer auch ein Volk gibt, das mitspielt. Ein bißchen hat die Politik also auch etwas von einem Roman, der sich allerdings an der harten Welt der Fakten mit inszeniertem Selbstbewusstsein locker vorbei schmuggelt.
Was machen wir denn da? Wir fragen ohne Unterlass nach dem erkenntnisleitenden Interesse. Ist das nicht langweilig und frustrierend zugleich? Und wenn wir müde werden, überholt uns lächelnd und ausgeruht so ein Messias der alternativen Fakten. Alle rennen hinter ihm her und an mir vorbei, weil es zu schön ist, um wahr zu sein. Die ewigen Kritiker aber werden als ewige Nögler an den „einfachen, guten Sache“ beiseite gestellt. Mit ihren angefallenen Daten wird schnell noch ihr „customer lifetime value“ gerechnet, um sie einer neuen Bestimmung zuzuführen. Den Job als Mit-Souverän sind sie los. Also dieser Claas Relotius hat uns „nur“ klar gemacht, was wirklich für uns zu erwarteten ist. Es läuft auch schon.

Hängen im Schacht – ein paar Kohlen aus einem Leben …

Die Kohleförderung im Ruhrgebiet ist nach 200 Jahren beendet. Ich bin ja mitten im Ruhrgebiet groß geworden. Da ist man am Bergbau nur selten vorbeigekommen. Es hat sehr lange gedauert, bis mir klar war, dass das mit der Kohle eine Episode von geschichtlich sehr übersichtlicher Dauer war und bleiben würde.

Der Schacht, in dem ich einmal besuchsweise auf 1000 Meter durfte, der stand sogar auf einer grünen, umwaldeten Wiese. Da fiel es nicht schwer, zu rekonstruieren, dass die ganze Gegend noch zu Urgroßvaters Zeiten insgesamt grün und bäuerlich geprägt war. Und trotz aller urbanen Verdichtung kannte und kennt dort jeder irgendeinen Bauernhof in seiner Nähe.

Auf so einem ehemaligen Bauernhof in unmittelbarer Nachbarschaft der Zeche Rosenblumendelle habe ich meine Kindheit verbracht. Mein Vater hatte dort auch seinen Handwerksbetrieb, direkt gegenüber der Wohnung. Ich spielte auf dem Land und war doch ein richtiges Kind der Stadt. Beim Schichtwechsel töte die Sirene in einer Lautstärke, dass bis zum Abschwellent jedes Gespräch unmöglich war. Man stellte auch seine Uhr danach oder setzte mit der Sirene die Kartoffeln auf.

Wann das in meiner Familie mit dem Bergbau angefangen hat, das weiß ich nicht. Meine Oma sagte immer: „Wir dienen dem Hause Stinnes schon seit 150 Jahren.“ Sie hat dabei wohl alle Beschäftigungszeiten in der Verwandtschaft zusammengezählt. Mein Großvater väterlicherseits war Bergmann. Ich habe ihn noch 5 Jahre erlebt. Er war mit seiner Staublunge schon lange in Rente und total witzig. Er trug aus Zweckmäßigkeitsgründen eine Glatze, unterhielt die ganze Hausgemeinschaft, erledigte Einkäufe und kroste im Garten. Das war die Zeit, in der man auch noch gern als Selbstversorger Tabak anbaute. Für die Hühner und für mich schnitt er immer die Brotkrusten klein. Zum Geburtstag bekam ich einmal eine Riesentüte mit getrockneten Brotkrusten. Es war ein Spaß, aber ich habe mich gefreut. Einmal schickte er mich und die anderen Kinder durch die Nachbarschaft. Wir sollten Persil besorgen, um die Hühner zu waschen. Eines meiner Spielzeuge war eine Hühnerpfote, die man bewegen konnte, wenn man an der Sehne zog. In unmittelbarer Nähe – erzählte man – wurde infolge plötzlicher Bergschäden ein ganzes Fuhrwerk verschluckt. Das war mir unheimlich, machte aber niemanden ängstlich.

Mein anderer Opa arbeitete in weißem Hemd und Anzug in der Bergschädenabteilung. Irgendwo steht, er sei „Bergwerksbeamter“ gewesen. Er war wohl wichtig, aber was er genau gemacht hat, weiß ich nicht. Er hatte aber ein Telefon im Bureau. Er war ebenfalls frühzeitig, allerdings wegen einer Herzerkrankung, Rentner und für mich immer etwas unnahbar. Meine Oma erzählte noch lange, dass er bei seinem Betriebsjubiläum geweint habe, als der Bergmannschor das Steigerlied gesungen habe.

Mein Vater war auch auf dem Pütt. Als er mit 25 Jahren aus dem Krieg kam, war für ihn nicht daran zu denken, sein Maschinenbaustudium fortzusetzen. Essen, trinken und wohnen waren wichtig, garniert von kleinen Alltagsfreuden. Die Opas hatten ihm einen Job unter Tage besorgt, da konnte er erst einmal als gelernter Schlosser arbeiten. Es gab zunächst nur dort gutes Geld, ein Kohledeputat und allerlei Lebensmittelunterstützungen. Meine Mutter bekam wohl während der Schwangerschaft mit mir die legendären Butterbrote von der Zeche, weil sie die am besten vertrug. Nach zwei Jahren wechselte mein Vater zur AEG und bereitete unsere Auswanderung nach Kanada vor. Er hatte schon das Schiff gebucht. Mein Vater konnte gut französisch, meine Mutter gut englisch. Das hätte gepasst. Und das Ein- und Auswandern passt ja immer schon ins Ruhrgebiet.

Als dann beide Großväter 1952 starben, war das Familienkapitel Bergbau beendet und die Auswanderung auch, bevor sie begonnen hatte. Denn die Omas wollten nicht allein bleiben. Überliefert sind die Bergbaugeschichten meines Vaters. Ich habe viele davon gehört. Am meisten beeindruckt haben mich die Grubenpferde, die ihr Leben unter Tage beendeten, dort aber bestens versorgt und umsorgt wurden. Im Tageslicht wären sie erblinden und hätten auch sonst kaum kaum gesundheitlich überleben können.
Ebenfalls beeindruckt hat mich, dass man unter Tage von Zeche zu Zeche fahren konnte, also praktisch durch die ganze Stadt. Für mich war das eine fantasievolle Alternative zur Straßenbahn.
Heute erzähle ich alle Geschichten sehr gern weiter.

Nur mal so …

Ach, das passt doch auch zum Aufbruch ins neue Jahr 2019 …
begeht es mit Freude, achtsam und nachhaltig.

Nikolaus 3.0

Die kolportierten Divergenzen zwischen Nikolaus und Weihnachtsmann beruhen auf einer einprägsamen Irreführung.

Hier der Katholische Bischof mit Mitra und Stab, der Kinder beschenkt. Dort der von Coca-Cola eingefärbte Weihnachtsmann, der das Weihnachtsgeschäft ankurbelt.

Aber so ist das nicht.

Bereits in den Alltagsbegegnungen mit den beiden überwiegen die Überschneidungen. Kinder verwenden die beiden Namen wahllos und das, was damit verbunden ist, geht praktisch wild durcheinander. Lediglich den Begleiter für den Nikolaus sieht man beim Weihnachtsmann so nicht. Er ist weitaus softer und könnte bestenfalls gestylte Engel und Rentiere vertragen, während der Nikolaus mit dem Zwarte Piet, dem Knecht Ruprecht oder dem Krampus kollaboriert, die nicht selten Angst und Schrecken verbreitet, wenn der Nikolaus sie nicht zur Ordnung ruft. Aber im oberflächlichen Erleben sind auch solche Unterschiede unbedeutend für eine Unterscheidung zwischen den beiden Herren.

Mit der Reformation wurde das traditionelle Wirken des Nikolaus erstmalig beschädigt. Weil die Welt der Heiligen in vielen Teilen Europas in die Kritik geraten war, wurde das Christkind als Geschenkebringer kultiviert und der Nikolaus in seiner Aufgabe erheblich zurechtgestutzt. Seitdem heißt es vielerorts, aber nicht überall: An Nikolaus gibt es kleine, an Weihnachen große Geschenke. Mit der Besiedlung der USA durch Europäer kam auch das Brauchtum und damit der Nikolaus dort hin. Der Nikolaus musste, so wie die anderen Einwanderer auch, eine länger Integrationsanpassung durchlaufen, um sich für alle Amerikaner empfehlen zu können. Dazu gehörte, dass er in den Metropolen interkulturell fit gemacht wurde und schließlich seine Einbindung in industrielle Produktions-, Werbe- und Verkaufsabläufe erfuhr, ohne dass er danach gefragt wurde, ob das in seinem Interesse ist. Die Bibel als Urgrund des nikolausischen Selbstverständnisses hatte nach und nach eine eher marginale Bedeutung. Um selbst zur Ware zu werden und seinerseits für Konsumwaren zu werben, eroberte er die Geschenkanteile des Christkindes zurück und wurde vollends zum Vehikel des umfassenden Weihnachtsmarketings: Er stand in grellem rot überall vor Kaufhäusern. Daran knüpfte die Mär an, der Weihnachtsmann sei eine Erfindung des Konzerns Coca-Cola. Richtig daran ist nur, dass Coca-Cola einer der aufstrebenden Konzerne war, die den Nikolaus ausgeschlachtet und für ihre Zwecke wieder gefüllt und hergerichtet haben. Mit der Expansion Coca-Colas hatte man direkt auch einen Weihnachtsmann für die ganze Welt.

Um das Schenken selbst dann auch noch rational an die christliche Familien heran zu führen hat man nach englischem Vorbild die amerikanischen Hauskamine in Szene gesetzt. Durch die Kamine werden bis heute – wie auch immer – alle vom Weihnachtsmann geförderten grellen Geschenkpakete in die gute Stube transferiert.

Wenn nun der amerikanisierte Weihnachtsmann über internationale Konzerne nach Europa reimportiert wird, dann stehen sich plötzlich Nikolaus und Weihnachtsmann gegenüber und finden es einfach unglaublich, dass einer wie der andere dem ursprünglichen Nikolaus entstammt. Seit 1950 ist der Weihnachtsmann in Europa auf dem Vormarsch. Das, was die amerikanische Variante durchgemacht hat, trifft die europäische Variante hart. Er beugt sich einfach nicht einem entfesselten Konsum. Lediglich sein Pferd hat sich im urbanen Lebensraum als unpraktisch erwiesen und wurde durch einen himmelsgängigen Schlitten mit allerlei Rentieren ersetzt, wie wir es vom Weihnachtsmann kennen.

Kinder sehen das sehr pragmatisch. Sie können mit diesem und jenem gut und widerspruchsfrei leben und sehen beide gut sozio-kulturell integriert. Sie bauen Ihnen sogar Brücken und weichen die Trennschärfe bereits im Sprachgebrauch auf.

Ich mag den Nikolaus mit Mitra und Stab sehr, weil er zur Gesellschaftskritik weitaus fähiger ist und damit auch zur Kindergerechtigkeit. Brav, dick und schrill, ist mir zu langweilig.

Früher war der Gipfel oben

Wir haben ja eine repräsentative Demokratie. Wir wählen Parteien und Abgeordnete, die für eine gewisse Zeit für uns das Geschäft der Politik betreiben. Wenn uns das nicht gefällt, dann wählen wir andere.

Mittlerweile hat sich eine Mode der Gipfeltätigkeit herausgebildet, international und national. Während noch vor kurzem Horden von Wirtschaftslobbyisten einen Ausweis zum Betreten des Bundestages hatten, wurden mittlerweile die gern gesehenen Gäste der Abgeordneten kurz umgelegt. Denn die Volksvertreter versuchen nun mehrheitlich den Sachverstand der Wirtschaftsvertreter in sogenannten Gipfeln zu nutzen. Da treffen sich dann an gut bewirteten Orten Dieselgipfel, Digitalgipfel, Kohlegipfel, Islamgipfel und so weiter. Der Gipfel gilt als Inbegriff des Ziels, und wird manchmal sogar noch, surrealistisch überhöht, wenn sich beim Gipfeltreffen gleich mehrere Gipfel treffen.

Nun ist es so, dass dort die Wirtschaftsmächtigen auf Regierungsvertreter treffen, mittlerweile gern auch etwas angereichert durch fröhlich wirkende Vielfalt von Interessenverbänden, die nichts mit der Wirtschaft gemein haben. Weitere Widersacher stehen meist ganz vor der Tür.
Die Konstellation ist, wenn man von den unbeachteten Positionen absieht die, dass die Regierung in allen Gipfeln die Lebensqualität verbessern will, sich dann aber von der Wirtschaftsvertretern leider vorrechnen lassen muss, dass das so einfach nicht geht und dass es geradezu in einem Horrorszenario enden wird, wenn man nicht dem guten Weg der Wirtschaft folgt und politisch anders entscheidet. Gleichwohl gibt es geschickte Formulierungen, die eine Annäherung beider Seiten beinhalten und als Gipfel des Prozederes sogar einen Abschlussbericht zulassen, der nicht nur beide Positionen versöhnt, sondern auch den Volksvertretern die Arbeit abnimmt, nämlich Entscheidungen zu treffen, die meistens als Gesetze wirksam werden. Gipfel sind also auch so etwas wie das Outsourcen der Parlamentsarbeit. Man ist sich bei diesem Verfahren sicher, dass der kritische Ruf der sonstigen Experten bald verhallen wird. Wenn nämlich, wie fast jedes Mal, der nicht unbedeutende Verlust von Arbeitsplätzen zum Szenario gehört, dann sind Konzerne und die mit ihnen befassten Gewerkschaften ganz, ganz nahe beieinander und die Mitarbeiter für Sie demonstrierend unterwegs.

Ich würde mir wünschen, dass die Abgeordneten ihre Arbeit machen, frei überlegen, wie und wo sie sich sachkundig machen und dann im vorgesehenen Parlamentsbetrieb Entscheidungen treffen.

Ich werde Ihnen jetzt mal etwas mehr auf die Finger gucken. Gipfelgänger haben es schwer, von mir gewählt zu werden. Und die Gipfelergebnisse wären ja auch nicht erwähnenswert, wenn sie nicht selbst beinhalten würden, dass sie den Wert einer Etappe zum Gipfel, also bereits den Gipfel in sich haben und auch sonst unheimlich beachtenswert wären.