Warum reden wir eigentlich von Antisemitismus?

Die Feindlichkeit gegenüber den Juden besteht schon lange. Weil das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen ist und der christliche Gottessohn Jesus zeitlebens ein Jude war, wurde lange die Tür zur Bekehrung der Juden offen gehalten und das Judentum als Vorstufe zum Christentum etwas höher bewertet, als andere nichtchristlicher Religionen. Das Angebot und der Druck zum Wechsel waren so wirksam, dass viele davon Gebrauch machten. Die weiterhin überzeugten Juden sahen sich allerdings Bewegungen ausgesetzt, die Juden als kollektiven Sündenbock für dies und jenes zu nutzen. Diese Bewegungen waren stets mit einen starken Nationalismus ideologisch aufgeladen, der zur eigenen Rechtfertigung immer wieder einen Hinweis auf die brauchte, die außerhalb der Nation und der Gesellschaft standen. Noch heute wird mit der Frage: „Wer oder was gehört zu Deutschland?“ ausgegrenzt. Ernstzunehmende Philosophen und Naturwissenschaftler versuchten fortan ergänzend die passende Theorie zur Judenfeindlichkeit aufzustellen. Bei diesem Basteln an wissenschaftlichen Begründungen wurden auch direkt Termini eingeführt, die besonders stark irgendwie wissenschaftlich rüberkamen. Aus diesem Dunstkreis kommen die Rassentheorien und das Reden vom (Anti-) Semitismus. Semiten sind ja – wenn man der Wortbedeutung folgt – die Nachfahren des biblischen Urvaters Sem. Nach heutigem Verständnis sind das Juden und Araber. Das Wort Antisemitismus hat sich als irgendwann als Judenfeindlichkeit etabliert. Würde man zur semantischen Wurzel zurück gehen, wäre beispielsweise der geschürte Konflikt zwischen Juden und Palästinensern einfach zu bereinigen, zumal sie sich kulturell näher sind als beide wahrhaben wollen. Das Essen ist beispielsweise nahezu identisch und die Sprache zeigt viele Ähnlichkeiten. Würde man sich von der fehlgeleiteten akademischen Judenfeindlichkeit als Antisemitismus befreien, könnte man auch wieder von Judenfeindlichkeit reden, um sie sinnvollerweise abzuschaffen.
Aber weil die Vielzahl der sprechenden Menschen bestimmt, was mit welcher Bedeutung gesprochen wird, bleibt es wie es ist: Alle sprechen bedeutungsvoll von Antisemitismus. Ich würde bedeutungsgerecht viel lieber von Judenfeindlichkeit reden. Wir würden gegebenenfalls sofort merken, dass wir das nicht wollen. — Wer macht mit?

Über den Artikel bei Substantiven aus anderen Sprachen

Die Deutschen sind ja bekanntlich der eigenen Sprache gegenüber so ungläubig, dass sie beispielsweise bisher die französische Partei Front National meistens mit einem falschen, aus dem französischen übersetzten Artikel benannt haben: Der (sic!) Front National.

Jetzt hat die Partei dem Spuk durch eine Umbenennung in Rassemblement National nebenbei ein Ende angeboten. Dazu musste sie nicht einmal ihre rechtsradikale Position modifizieren.

Der Deutsche wird aber schnell merken, dass sich nichts ändert, denn auch Rassemblement, die Sammlungsbewegung, ist ja im französischen ebenfalls männlich.

Und doch: Die FAZ schrieb semischlau: „Aus DEM Front National soll DIE „Rassemblement National‟ werden‟ (Hervorhebung durch mich)

Es bleibt also Hoffnung! –

Und außerdem könnte man sich ja auch so langsam fragen, ob der Nachname Le Pen überhaupt für Frauen zulässig ist.

Der Islam gehört zu Deutschland – oder nicht

Das Verb zugehören ordnet irgend etwas einer Hauptsache zu. Dabei ist die Intensität der Zugehörigkeit zunächst so undeutlich, dass sie alles und nichts bedeuten kann. Es kann ebenso eine leidenschaftlich phantasierte innigste Verbundenheit sein wie die zwischen Veronika Fischer und einem ihr unbekannten Fan, eine eher zufällige Gleichzeitigkeit von Urwald und Zivilisationsmüll auf einem Foto oder eine Verbundenheit, die so stark ist, dass die Hauptsache ohne irgend etwas bestimmtes überhaupt nicht leben kann, wie der Mensch ohne Herz, und vieles mehr.
Es bedarf also eines Diskurses, um die jeweils spezifische Verbundenheit auszuleuchten, damit der Hörer in etwa versteht, was der Sprecher sagen will.
Nun kann man eine Zugehörigkeit als Ergebnis eines Diskurses nachvollziehbar feststellen. Mehr Aufmerksamkeit erreicht man aber, wenn man einfach mal so eine Zugehörigkeit behauptet und über eine Kunstpause offen lässt, ob man diese Zugehörigkeit überhaupt begründen will. Man kann dann den ausgesparten Diskurs nachschieben, oder aber mit dem provozierten Widerspruch kalkulieren, der die Beachtung meist noch erheblich steigert. Man kann das dann, wie einen notgedrungen beachtenswerten Furz so stehen lassen, oder über lockere Diskurselementchen die Absicht noch einmal unter die richtige Lampe stellen. Dabei kann es um die Sache selbst gehen. Meistens geht es aber um eine Selbstpräsentation der Art: „Sooo habe ich das nicht gemeint, sondern …“
Ich schlage vor, beispielsweise den nach jeder Runde wieder auftauchenden Satz: „Der Islam gehört zu Deutschland!“, durch Nichtbeachtung aus dem Rennen zu nehmen und stattdessen immer dort, wo Deutschland und Islam sich begegnen, erst einmal „Guten Tag … “ zu sagen.

In den Wind gefurzt

Das Wetter ist vor allem dann wichtig, wenn man es im Voraus kennt. Insofern hat die Meteorologie eine unübersehbare Anwendungsseite. Während bei anderen Wissenschaften gern gefragt wird, warum das gut sein soll, ist das in diesem Fall unmittelbar einleuchtend.

Man vertraut weder den Wolken noch dem Ostwind und will oft mehrmals täglich über das anstehende Wetter informiert werden, gern in meteorologischen Begründungszusammenhängen. Begründungen sind nachhaltiger als schnöde Behauptungen, auch wenn das Wetter bald Geschichte sein wird. Das Wetter von gestern interessiert nur Kriminologen und Meteorologen selbst.

Die Meteorologen versuchen sich durch ihre Erscheinung und eine dramatische und bunte Aufbereitung von den Mitmeteorologen zu unterscheiden und beim Publikum in Erinnerung zu bleiben. Im Fernsehen sind dazu die Bedingungen ideal. Man kann dort viel mehr machen, als das Wort Donner mit laut zitternden Stimme zur Geltung zu bringen.

Nun fällt es aber auch den Meteorologen schwer, die Komplexität des Wetters an den Kunden zu bringen, dem als Laie ja der Fachzugang verschlossen bleibt. Der Meteorologe wird deshalb häufig Verbindungsstück zur Volksmeteorologie formuliert, die aber daran scheitern, dass sie nur scheinbar die Wetterwelt der Experten transportieren.

Sie bemühen die Eisheiligen und schieben ihnen Forschungsergebnisse unter und zitieren ausgewählte Bauernweisheiten, die wissenschaftlich verifiziert sein sollen. Sehr beliebt ist in diesem Zusammenhang das Reden vom „Starkregen“, der als meteorologische Größe verkauft wird. Es ist, um im angemessenen deutschen Sprachgebrauch zu bleiben, einfach nur starker Regen. Man bastelt, wenn nachgefragt wird, sogar exakte Definitionswerte. Dabei ist das Wetter ganz schnell weltweit unterwegs und lässt den mitteleuropäischen „Starkregen“ anderenorts beispielsweise als asiatischen „Schwachregen“ erscheinen. Ganz bitter sind die meteorologischen Jahreszeiten. Mittlerweile sich wird der Sommer gar zweifach gehandelt. Sommeranfang ist am 21. Juni und dann aber ebenfalls am 1. Juni. Dahinter steckt das Folgende: Die Meteorologie verarbeitet unendlich viele Daten und bündelt sie monatsweise. Es wäre heutzutage computertechnisch überhaupt kein Problem, die Daten auch nach Jahreszeiten zu bündeln. Man tut das aber nicht und erzählt dem Wetterfan, es gäbe einen meteorologischen neben dem kalendarischen Jahreszeitenanfang.

Zur Rückgewinnung eines akzeptablen Niveaus der Wetterberichterstattung sehe ich nur noch eine Möglichkeit, nämlich den Wetterbericht in Reimform. In der wissenschaftsdidaktischen Forschung hat man festgestellt, dass sich gerade Erkenntnisse mit hohem Wissenschaftsanteil vor allem dann an den Bürger bringen lassen, wenn der Vermittler sich der Mühe unterzieht, die Inhalte in Reimform zu fassen und erst dann vorzutragen.

Leider hat der Zeitungsausschnitt keine Quelle mehr. Ausnahmsweise müsste es so gehen …

siehe auch Weniger Wetter ist mehr

Mein persönliches Jamaika …

Die deutsche Politik ist plötzlich auf Jamaika gerichtet. Das ist ein Staat in der Karibik mit lockerer Bindung an ein Staatsoberhaupt in England. Deshalb ist auch die Verwendung der englischen Sprache landestypisch. Man sagt dort „Dschamaica“. In der deutschen Sprache schreibt und spricht man Jamaika — ganz einfach, also ja wie nein! Ich weiß nicht, ob es eine polyglotte Attitüde ist, oder ob es zu viele schlechte Vorbilder gibt. Man sagt jetzt in den deutschen Medien durchgängig Dschamaica und fixt damit ganz schön viele Menschen an.
Ich wünsche mir etwas, dass sich das rächt!
Bei der Gelegenheit weise ich auch gern auf Selfkant hin, die westlichste Gemeinde Deutschlands. Sie tauch öfter einmal in den Wetterberichen auf. Nein, sie heißt nicht ßelfkant, also wie self, itself, themselves, himself, yourself, herself in der englischen Sprache. Es muss unbedingt ein ziemlich summendes, weiches S gesprochen werden. Sonst zerfällt die polyglotte Attitüde in einer Wolke der Dummheit.
Dagegen hat der ICE Theodor Fontane, wenn er als Theodor Fontäin angekündigt wird, wenigstens noch einen Hintergrund, der den geänderten Sprachgebrauch rechtfertigt.
Okay – mir stößt das vor allem dann bitter auf, wenn ich auf der Düsseldorfer „Schädo“straße einen Latte to stay trinke.

Du Feigling!

Es ist immer mal wieder von einem „feigen Anschlag“, manchmal auch vom „feigen Täter“ die Rede, wenn die Presse über Terroranschläge berichtet oder Politiker dazu Stellung nehmen.

Ich verstehe das nicht.

Feige ist man doch dann, wenn man sich ängstlich aus der Verantwortung stiehlt und etwas nicht macht, was geboten wäre. Man kommt damit eher schlecht als recht damit klar und gilt fortan als Feigling.

Ich finde, dass Terroristen ziemlich mutig sind, ihren Mut allerdings am vollkommen am falschen Objekt und mit dem falschen Mittel praktizieren.

S E N S A T I O N

Es ist sensationell und die Begeisterung ist grenzenlos.
Eine Sensation erlebt man nicht alle Tage. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass Sensationen rar bleiben, damit das Alltägliche und das Seltene nicht ununterscheidbar zusammenwachsen. Die Begeisterung, also die Gefühlslage, die der Sensation im positiven Fall folgt, ist ursprünglich ebenso selten.
Doch es ist wie beim Abitur. Die Maßstäbe werden verschoben und was früher ausreichend war ist heute bereits gut. Die Bandbreite bleibt zwar, aber die Skala ändert sich. Die Besten und die Schlechtesten unterscheidet nur noch die Stelle nach dem Komma.
Ist man gefällig, oder auch selbstgefällig, dann neigt man dazu, einfach nur den Sprachgebrauch zu ändern und eine Suppe oder eine andere Bastelarbeit ohne Not als Sensation zu bezeichnen und zu sagen, dass man begeistert ist.
Wenn alle Welt Beachtung sucht, dann ist oft schon der Zweitplatzierte außerhalb des Interesses. Die Konkurrenz ist hart.
Der kleine Erfinder neigt dazu, in seiner geschäftstüchtigen Selbstgefälligkeit seine Erfindung selbst als Sensation anzupreisen und er behauptet schon bald, alle Welt wäre davon restlos begeistert.
Liebe Freunde von Sensationen und gefühlter Begeisterung, dreht mal einen Gang zurück. Die Nummer schaufelt sich ihr eigenes Grab und wir ersticken in Sensationen, und begleitenden Gefühlen, die jede Entspannung unmöglich machen.
Bei näherem Hingucken erweisen sich die meisten präsentierten Sensationen als suboptimal sensationell und das Gefühl der Begeisterung muss ebenso häufig als Floskel gedeutet werden, die die tatsächlichen Gefühle versteckt und nicht abbilden.
Die Sprache des Marketings ist ungeeignet, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen, in dem Unterscheidungen noch bezeichnet und ausgedrückt werden können und die Gefühle angemessen sind – mal so und mal so.

Morgen denke ich über traumhaft nach …

Schnittmenge: Von Land zu Land

Es gibt ja fast 200 Länder auf der Erde. Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, wenn von einem x-beliebigen Land die Rede ist, es irgendwo auf unseren innern Landkarten wiederzufinden.

Und jetzt kommt die Stufe zwei: Länder mit wenigen gleichen Merkmalen werden gemeinsam in unterschiedlichen, auch überschneidenden Stückelungen betrachtet und deshalb unter einem neuen Namen vereint. Es gibt die EU-Staaten, die Maghreb-Staaten, die OPEC-Staaten, die ASEAN-Staaten, die BRICS-Staaten, der Schengen-Raum usw. Daraus ergeben sich dann schon passable Quizfragen danach, wer das ist, welches Interesse dahinter steckt und wie stark die Gemeinsamkeit überhaupt vertreten wird usw.
Diese Verbundbezeichnungen verkürzen das Gespräch, verlassen aber auch die Alltagssprache und dienen dazu, die Gruppe der Wissenden exklusiv zu halten.
Manchmal wären wir also gut beraten, uns die Zeit zu nehmen, die Staaten einfach mal wieder in der vereinzelten Form zu benennen. Beispielsweise bei den Magreb-Staaten halte ich das fast immer für angebracht. Die Aufzählung der zuzuordnenden Länder würde die Sprache ohne Zweifel gerechter machen.

Weniger Wetter ist mehr

Journalisten, die eigentlich nichts zu sagen haben, reden deshalb auch immer mal wieder gern über das Wetter, über Rosenkriege und Cocktailtrends an Urlaubsorten.

Sie sind heilfroh, wenn beispielsweise ein neuer Regen erfunden wird. Es war der Starkregen, der ursprünglich einfach nur ein Regen war, der außergewöhnlich stark war, also eben starker Regen. Das führte einer stark zunehmende Berichterstattung über Starkregen aber zu keinem journalistisch veranlassten Mehrwert.
Jetzt, wo der Frühling kommt, gönnt man sich den Luxus, ihn gleich zweimal kommen zu lassen. Der klassische Frühling orientiert sich astronomisch an der Bahn der Erde um die Sonne, die uns ein Kontinuum von Sonne, Licht und Wärme in zunehmender und dann wieder abnehmender Intensität beschert. Man kann bequem nachlesen, warum es der 21. März ist. Damit lässt sich seit Jahrtausenden zuverlässig rechnen. Weil die Meteorologen ein paar Stichtage gesucht haben, um ihre Daten übersichtlich bündeln und fortschreiben zu können, haben sie damit gleich noch den meteorologischen Frühling und so weiter eingeführt. Wie gesagt, es geht dabei also gar nicht um den Frühling, sondern um Zeitabschnitte für die Statistik, die für Analysen und Prognosen des Wetters immer wichtiger wird. Eigentlich ist es für so eine mathematische Anwendung wie die Statistik kein großes Ding, die Daten auch so zu bündeln, damit sie auf die herkömmlichen Jahreszeiten passen. Aber sie einigen sich darauf weltweit einfach nicht. Als wichtigstes Ergebnis bleibt, dass der Journalist, der nichts zu sagen hat, jetzt einen zweiten Frühling ausleben kann, zunächst am 1. März und dann das gleich noch einmal zum 21. März. Nach meinem Geschmack ist das viel mehr Frühling als uns gut tut und es zeigen sich Wiederholungen, die wir nicht brauchen. Und mit den anderen Jahreszeiten ist es ja nicht anders.
Mein Tip: Unterlasst doch einfach nur „die grenzenlose Auffächerung von Unbedeutendem“ (Horkheimer/Adorno). Sie verkleistert doch nur unseren Blick auf die wichtigen Dinge des Lebens.

Aus dem Zyklus: Verfakenewed 0.17

Den Moritz kennen wir ja aus seiner Verbundenheit mit Max. Wir sagen Moritz – mit Betonung der ersten Silbe. Das würde sich mit seiner Heiligsprechung vermutlich ändern. In den Wintersportberichten sprechen sie jedenfalls von St. Moritz – mit Betonung auf der zweiten Silbe. Offenbar sind sich Religion und Sprache außerhalb der Einsilbigkeit nicht gleichgültig.