S E N S A T I O N

Es ist sensationell und die Begeisterung ist grenzenlos.
Eine Sensation erlebt man nicht alle Tage. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass Sensationen rar bleiben, damit das Alltägliche und das Seltene nicht ununterscheidbar zusammenwachsen. Die Begeisterung, also die Gefühlslage, die der Sensation im positiven Fall folgt, ist ursprünglich ebenso selten.
Doch es ist wie beim Abitur. Die Maßstäbe werden verschoben und was früher ausreichend war ist heute bereits gut. Die Bandbreite bleibt zwar, aber die Skala ändert sich. Die Besten und die Schlechtesten unterscheidet nur noch die Stelle nach dem Komma.
Ist man gefällig, oder auch selbstgefällig, dann neigt man dazu, einfach nur den Sprachgebrauch zu ändern und eine Suppe oder eine andere Bastelarbeit ohne Not als Sensation zu bezeichnen und zu sagen, dass man begeistert ist.
Wenn alle Welt Beachtung sucht, dann ist oft schon der Zweitplatzierte außerhalb des Interesses. Die Konkurrenz ist hart.
Der kleine Erfinder neigt dazu, in seiner geschäftstüchtigen Selbstgefälligkeit seine Erfindung selbst als Sensation anzupreisen und er behauptet schon bald, alle Welt wäre davon restlos begeistert.
Liebe Freunde von Sensationen und gefühlter Begeisterung, dreht mal einen Gang zurück. Die Nummer schaufelt sich ihr eigenes Grab und wir ersticken in Sensationen, und begleitenden Gefühlen, die jede Entspannung unmöglich machen.
Bei näherem Hingucken erweisen sich die meisten präsentierten Sensationen als suboptimal sensationell und das Gefühl der Begeisterung muss ebenso häufig als Floskel gedeutet werden, die die tatsächlichen Gefühle versteckt und nicht abbilden.
Die Sprache des Marketings ist ungeeignet, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen, in dem Unterscheidungen noch bezeichnet und ausgedrückt werden können und die Gefühle angemessen sind – mal so und mal so.

Morgen denke ich über traumhaft nach …

Schnittmenge: Von Land zu Land

Es gibt ja fast 200 Länder auf der Erde. Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, wenn von einem x-beliebigen Land die Rede ist, es irgendwo auf unseren innern Landkarten wiederzufinden.

Und jetzt kommt die Stufe zwei: Länder mit wenigen gleichen Merkmalen werden gemeinsam in unterschiedlichen, auch überschneidenden Stückelungen betrachtet und deshalb unter einem neuen Namen vereint. Es gibt die EU-Staaten, die Maghreb-Staaten, die OPEC-Staaten, die ASEAN-Staaten, die BRICS-Staaten, der Schengen-Raum usw. Daraus ergeben sich dann schon passable Quizfragen danach, wer das ist, welches Interesse dahinter steckt und wie stark die Gemeinsamkeit überhaupt vertreten wird usw.
Diese Verbundbezeichnungen verkürzen das Gespräch, verlassen aber auch die Alltagssprache und dienen dazu, die Gruppe der Wissenden exklusiv zu halten.
Manchmal wären wir also gut beraten, uns die Zeit zu nehmen, die Staaten einfach mal wieder in der vereinzelten Form zu benennen. Beispielsweise bei den Magreb-Staaten halte ich das fast immer für angebracht. Die Aufzählung der zuzuordnenden Länder würde die Sprache ohne Zweifel gerechter machen.

Weniger Wetter ist mehr

Journalisten, die eigentlich nichts zu sagen haben, reden deshalb auch immer mal wieder gern über das Wetter, über Rosenkriege und Cocktailtrends an Urlaubsorten.

Sie sind heilfroh, wenn beispielsweise ein neuer Regen erfunden wird. Es war der Starkregen, der ursprünglich einfach nur ein Regen war, der außergewöhnlich stark war, also eben starker Regen. Das führte einer stark zunehmende Berichterstattung über Starkregen aber zu keinem journalistisch veranlassten Mehrwert.
Jetzt, wo der Frühling kommt, gönnt man sich den Luxus, ihn gleich zweimal kommen zu lassen. Der klassische Frühling orientiert sich astronomisch an der Bahn der Erde um die Sonne, die uns ein Kontinuum von Sonne, Licht und Wärme in zunehmender und dann wieder abnehmender Intensität beschert. Man kann bequem nachlesen, warum es der 21. März ist. Damit lässt sich seit Jahrtausenden zuverlässig rechnen. Weil die Meteorologen ein paar Stichtage gesucht haben, um ihre Daten übersichtlich bündeln und fortschreiben zu können, haben sie damit gleich noch den meteorologischen Frühling und so weiter eingeführt. Wie gesagt, es geht dabei also gar nicht um den Frühling, sondern um Zeitabschnitte für die Statistik, die für Analysen und Prognosen des Wetters immer wichtiger wird. Eigentlich ist es für so eine mathematische Anwendung wie die Statistik kein großes Ding, die Daten auch so zu bündeln, damit sie auf die herkömmlichen Jahreszeiten passen. Aber sie einigen sich darauf weltweit einfach nicht. Als wichtigstes Ergebnis bleibt, dass der Journalist, der nichts zu sagen hat, jetzt einen zweiten Frühling ausleben kann, zunächst am 1. März und dann das gleich noch einmal zum 21. März. Nach meinem Geschmack ist das viel mehr Frühling als uns gut tut und es zeigen sich Wiederholungen, die wir nicht brauchen. Und mit den anderen Jahreszeiten ist es ja nicht anders.
Mein Tip: Unterlasst doch einfach nur „die grenzenlose Auffächerung von Unbedeutendem“ (Horkheimer/Adorno). Sie verkleistert doch nur unseren Blick auf die wichtigen Dinge des Lebens.

Aus dem Zyklus: Verfakenewed 0.17

Den Moritz kennen wir ja aus seiner Verbundenheit mit Max. Wir sagen Moritz – mit Betonung der ersten Silbe. Das würde sich mit seiner Heiligsprechung vermutlich ändern. In den Wintersportberichten sprechen sie jedenfalls von St. Moritz – mit Betonung auf der zweiten Silbe. Offenbar sind sich Religion und Sprache außerhalb der Einsilbigkeit nicht gleichgültig.

Wir lügen uns gern etwas zusammen

Das Lügenkönnen – also nicht das Lügenmüssen – gehört zu unseren Grundrechten.

In einer Welt verordneter Lügenfreiheit wären wir stumm und könnten bald nicht einmal mehr kreativ denken. Jede Forschungshypothese könnte als Lüge definiert werden, wenn sie sich nicht umgehend als Wahrheit belegen ließe.

Lediglich für wenige Lebenssituationen, also beispielsweise bei Zeugen und Angeklagten vor Gericht, gibt es ein gesetzliches Verbot zu lügen. Gerichte treffen dabei aber trotzdem meistens nicht auf die reine Lüge, sondern auf den Graubereich des Lebens, das sich stets zwischen Lüge und Wahrheit entfaltet.

Diese Nuss ist sprengstoffgeladen

Freilich müssen Lügen verantwortet werden. Das passiert in der alltäglichen Gegenrede. Aber wir brauchen auch soweit gebildete Menschen, die darauf verzichten können, die Welt in gut und böse zu sortieren und die Grautöne des vermeintlichen Lügners im Idealfall mit ihm entschlüsseln können.

Fleischtomate reverse absahnen (wenn sie wissen, was ich meine)

Man muss ja nicht jede Nebensächlichkeit zum Thema machen. Wenn der Landwirtschaftsminister Schmidt das Thema aussucht, kommt man allerdings kaum daran vorbei, sich dazu zu äußern.

Ich erinnere nur daran, als er sein Klientel mit einem Biss in den Apfel und dem einleitenden Spruch promotete: „An Apple a day, keeps the doctor away.“ Empirische Belege für diese englische Volksweisheit, blieb er zudem schuldig.

Jetzt kümmert er sich zum Wohl seines Klientels schon wieder um die Volksgesundheit. Er möchte gern durch einen gefälligen Sprachgebrauch der veganen Currywurst das Trittbrettfahren auf der fleischgewordenen Wurstwelle vergällen. Deshalb ist er bestrebt, die Sprache anzutasten, die bekanntermaßen der Gemeinschaft der Sprechenden gehört und nicht irgendeinem einzelnen Menschen. Er will beispielsweise der veganen Currywurst die „-wurst“ wegnehmen.

Und schon sehe ich mein ewiges Lieblingswort Wurstfinger in Gefahr und überall in der Republik gibt es Menschen, denen nun die wunderbarsten Dinge einfallen, die dem Minister zum Opfer fallen würden. Zum Glück ist der freie Sprachgebrauch grundrechtlich geschützt. Der Minister kann es so halten, aber bereits sein Staatssekretär kann es anders handhaben als er. Selbst Homonyme und Polyseme werden dem Minister vermutlich ein Dorn im Auge sein. Das bei Kindern so beliebte, wie lehrreiche Teekesselchenspiel ist also in Gefahr.

Harald Martenstein hat die ministeriellen Sprachwirrungen höchst amüsant in das Groteske verlängert.

Wurst und Feuerzeug ohne Hund

Insgesamt sehe ich den autonomen Bürger aber auf einem guten Weg, die Würste nicht zu verwechseln und sich auch von einer Lebensmittelampel nicht davon abbringen zu lassen, sich selbst ein Bild von der zur Unkenntlichkeit verarbeiteten Nahrung zu machen.

Burka und Konsorten

Die als Burkaverbot in ganz Europa gehandelte und diskutierte Einschränkung des Outfits von Staats wegen, ist ein Thema ohne Ende und eigentlich auch ohne Gegenstand.

Die verschwindend wenigen Leute, die jemals mit einer Burkaträgerin gesprochen haben, haben wahrscheinlich nie so ein Burkaverbot gefordert.

Aber ich sage gern noch einmal etwas dazu:
Grundlage demokratischer Verhältnisse ist, dass der Staat nichts zu verbieten, sondern die Vielfalt der Lebensführungen zu fördern hat. Zur Vermeidung oder Verhinderung privater Gewaltausübung schützt der Staat den Bürger durch Rechtsnormen und Verwaltungshandeln. Bei Interventionen sind vorab die Wirksamkeit und die Verhältnismäßigkeit der geplanten Intervention zu überlegen.

Auf jeden Fall hat der Staat keine Handhabe, über individuelle Lebensführungen etwas zu entscheiden, nur weil „der Bürger” es so will. Dies auch dann nicht, wenn es viele Bürger wollen.

In (beruflichen) Begegnungen mit Burkaträgerinnen habe ich nie den Eindruck, dass mir ein Verbot der Burka helfen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Das Gespräch käme möglicherweise erst gar nicht zustande und die belastende Wirkung des Gesprächs durch die Ausschaltung alltäglich erforderlicher Kommunikationskanäle, könnte erst gar nicht thematisiert werden. Es könnte auch kaum vermittelt werden, dass das Gesprächsergebnis im bestimmten Fall auch nur bedingt oder gar nicht formuliert werden kann, wenn eine Burka im Spiel ist. Ich sehe überhaupt nicht, was so ein Burkaverbot verbessern könnte, zumal die Zahl der kommunikativen Begegnungen mit Burkaträgerinnen doch extrem klein ist.

Was in den Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation gehört, kann ohnehin nicht reglementiert werden.

Ergänzung:
Die Einladung einer verschleierte Frau in eine Talkshow erregte Aufsehen im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen. Der Widerspruch war erheblich.
Es ist langweilig, nur das zu sehen, was gefällt.
Wo sonst, wenn nicht in den öffentlich-rechtlichen Medien kann man so etwas verantwortlich zeigen? Es ist nicht fahrlässig, denn es ist eingebunden in die große Welt der Widersprüche und damit gut eingeordnet. Die Aufgabe kann man dem Bürger nicht abnehmen, sich selbst ein Bild von der Welt mit allen Gründen und Abgründen zu machen.

Oh, ein Fela!

Vorbei sind die Zeiten, als wir im Diktat null Fehler hatten. Da kannst du schreiben, was du willst. Am Ende ist doch noch ein Fehler drin. In der digitalen Textablage ist der Fehler schnell behoben, im handschriftlichen Brief bleibt manchmal nur ein Verbessern durch Überschreiben.

Also finden wir es allzu menschlich, wenn jemand Fehler macht und freuen uns dann aber darüber, wenn unfreiwillig, und oft mit der Unterstützung der automatischen Rechtschreibkorrektur. ein neues Wort entsteht oder wenn wir uns triumphierend sicher sind, derart blöde Fehler niemals selbst zu machen.

In der letzten Zeit sehe ich aber, dass der mittelwertige Journalistenprofi sich in Onlinediensten Fehlerquoten gestattet, die in den Printmedien bisher nicht vorkommen. Offenbar muss es immer schnell gehen. Deshalb wird die notwendige und übliche Endkorrektur dem Leser überlassen, so als würde er für Möbel die Endmontage selbst übernehmen.

Wenn man für sich ganz allein schreibt, dann kann man ja machen was man will. Aber bei Texten, die auch für viele andere gedacht sind, hat die Sorgfalt eine gute Tradition.

Ich finde diese Art von Fehlern in den Onlinemedien ärgerlich, weil sie den gewohnten Lesefluss hemmen und dem Leser zumuten, journalistischen Texten den letzten Schliff und manchmal sogar auch einen vertretbaren Sinn zu geben, ohne dass der Leser dafür bezahlt wird.

Farblich gesehen

Der Eskimo unterscheidet auch sprachlich 17 Sorten Weiß.

Der Regenwaldbewohner unterscheidet entsprechend viele Sorten Grün.

In den urbanen Lebensräumen sind wir da sehr viel bescheidener.

Wenn wir etwas intensiver betrachten als bisher, dann fehlen uns oft die passenden Bezeichnungen.

Das englische Pink entspricht dem deutschen Rosa.

Das deutsche Pink hingegen entspricht einem bestimmten, grellen Rosa. Es ist ein Teil, also eine Farbvariante von Rosa.

Pink ist also Rosa. Rosa ist aber nicht unbedingt Pink.

shock

hot

light

pink

red

 

Das kann man doch niemandem vermitteln, dem rot ist, was andere als rosa bezeichnen.