Konsultative Bürgerbefragung oder die Mehrheit der Deutschen

In der vorherrschenden Demokratie gilt der Bürger als Souverän. Er sagt letztlich, was zu tun und zu lassen ist. Dem Demokratietheoretiker Rousseau ist bereits im 18. Jahrhundert aufgefallen, dass der einzelne Bürger zwar für die Meinungsbildung wichtig ist, aber nicht über ein Hochrechnungsverfahren die Politik bestimmen sollte. Rousseau unterscheidet deshalb den Willen vieler Einzelner (volonté de tous) vom Gemeinwillen (volonté générale), der schließlich als ausschlaggebend dafür angesehen wird, was politisch verwirklicht werden soll und dann auch nur sehr komplex zustande kommt. Es geht also um weit mehr als das, was einer sagt oder mehrere Menschen sagen. Und erst recht um viel mehr als das, was einer sagt, der behauptet, für das Volk zu sprechen.

Wir haben deshalb nach vielen Experimenten mit der Demokratie herausgearbeitet, dass in Verbindung mit einer zuverlässigen Rechtsstaatlichkeit die Auseinandersetzung mit politischen Positionen noch am ehesten einen Gemeinwillen hervorbringt.

In der direkten Demokratie, in der sich alle Akteure von Angesicht zu Angesicht sehen, geht es ursprünglich um das Palaver, die Debatten im Vorfeld. Die Abstimmung ist also nur der Schluss, also weit mehr als ein individuelles Handheben. Sie ist an das Erfordernis zum Gemeinwohl rückgebunden und behält beispielsweise auch schützenswerte Minderheitspositionen im Blick. Die direkte Demokratie ist unverzichtbarer Standard, so lange die Zahl der Bürger überschaubar ist. Man wählt mit diesem Verfahren auch gern Klassensprecher und Vereinsvorsitzende.

In demokratischen Rätesystemen, die bisher nur selten ausprobiert werden konnten, gab es stets Probleme mit einem mehr oder weniger imperativen oder gewissensbasierten Mandat auf dem Weg durch die Räte und der Entscheidung darüber, welche Mehrheit entscheidend sein soll.

Das parlamentarische Demokratiessystem hat sich, was Staaten und ihre regionalen Untergliederungen betrifft, bewährt und wird ständig weiterentwickelt.

Gewählte Volksvertreter bilden ein Parlament auf Zeit. Der Bürger greift nur bei den Wahlen ein, und bringt seine vordiskutierten Erfahrungen mit den Volksvertretern und politischen Herausforderungen auf den Punkt. Politische Debatten werden also nicht nur ins Parlament verlagert, die allgemeine Auseinandersetzung behält ihre Priorität. Der Mandatsträger ist nicht mächtig.

Die Parteien bieten nun ein in Programme verlängertes und konkretisiertes Welt- und Menschenbild den potentiellen Wählern an. Gleichzeitig nehmen sie im Idealfall an politischen Diskursen zu priorisierten Fragestellungen teil, die dann ins Konzept passen, oder eine Erweiterung oder Umgestaltung des Programms erfordern. Politische Parteien haben also einen Markenkern, an dem man sie auch über lange Zeit wiedererkennen kann und folgen dennoch irgendwie dem Zeitgeist.

Bisweilen fällt es ihnen schwer, ihren Markenkern hochzuhalten, wenn damit parlamentarische Mehrheiten schwinden. Sie sind dann geneigt, sich mit argumentativer Spitzfindigkeit als konservativ und gleichzeitig flexibel zu inszenieren. Der Bürger folgt dem oft nicht so gern, wenn es als Rechtfertigung ankommt.

Die Fortschritte in der Wissenschaft rund um die Demoskopie macht den Parteien allerdings ebenfalls zu schaffen. Die Demoskopie spiegelt, kulminiert in der beliebten Sonntagsfrage – „Wenn Sonntag gewählt würde … “ -, den Willen der vielen Einzelnen (volonté de tous) in die öffentliche Auseinandersetzung und zeigt den Parteien auf, wie sie – auch abseits des eigenen Profils – zu Mehrheiten kommen oder doch zumindest Verluste vermeiden können. Die parlamentarische Mehrheit ist ein bevorzugtes Ziel zur Politikgestaltung aller Parteien. Sie verstricken sich in Kämpfen um Anteile und verlieren den Gemeinwillen (volonté générale) dabei nicht selten aus dem Blick. Bisweilen büßen die Parteien dabei ihren Wiedererkennungswert bis zur Existenzkrise ein.

In solchen Situationen erinnern sie sich gern daran, was der Wähler eigentlich will und neigen dazu, mit der überlegenen Demoskopie zu konkurrieren und das Volk zu befragen. Sie offenbaren also eine fehlende Volksnähe und zeigen, dass ihre politische Diskurse nur noch in Schonräumen ablaufen. Eine Krise des parlamentarischen Systems ist offen sichtlich. Die Bürgerverdrossenheit der Parteien deuten sie um in eine Politikverdrossenheit der Bürger und planen eine Inszenierung und Instrumentalisierung der Bürgernähe. Volksbefragungen sind neuerdings angesagt, vielleicht auch deshalb, weil allein populistisch ausgerichtete neue Parteien mit dem Thema Volksbefragung punkten. Dabei sind Volksbefragungen in der parlamentarischen Demokratie systemfremd, denn der Bürger hat ja für eine festgelegte Zeit, sein Mandat an Abgeordnete weitergegeben, die ja eigentlich wissen müssen, was ihre Wähler wollen. Bürgerentscheide in parlamentarischen Demokratien sind meistens ein Eingeständnis der Hilflosigkeit und werden dann zur Instrumentalisierung des Wählers und zur Simulation einer Bürgernähe eingesetzt oder gar zur Erziehung des Bürgers zu einer Partei hin. Nicht selten sind Volksbefragung aber nur ein Fuß in der Tür für ansonsten machtlose Sonderlinge, wie das Brexitverfahren zeigt.

Die jetzt diskutierte „konsultative Bürgerbefragung“ – vorwiegend in der SPD in Berlin – wäre die Spitze der Bürgerfeindlichkeit, weil man die Bedeutungslosigkeit direkt mitliefern würde. Sie ist dann eben nur konsultativ, also ein unverbindlicher Ratschlag. Sie würde zudem viel Geld kosten, während Demoskopen mit einem Bruchteil der Kosten viel schneller zum gleichen Ergebnis kommen würden. Offenbar ist dabei auch das Ergebnis für die Parteien sehr viel interessante, als das Zustandekommen, sonst wären Gespräche mit Bürgern im Parteialltag das Mittel der Wahl und nicht das Schielen nach der Zahl. 

Befeuerung

Tja, das passiert unweigerlich, wenn ein Symbol, wie die Notre Dame in Paris, abbrennt:

Die Süddeutsche floskelt los:
„Der Großbrand in dem Wahrzeichen Frankreichs kam aus dem Nichts und hielt die ganze Welt in Atem. Sechs Stunden später ist klar: Die Kathedrale ist gerettet, die Wunde ist dennoch tief.“

Und prompt wird die Süddeutsche noch im Kommentar getoppt:
„Funkenflug mitten ins Herz.“

Und der Tagesspiegel sowie die Welt beklagen voyeuristisch, dass die öffentlich-rechtlichen Medien gar das Ereignis verschlafen haben, weil keine Sondersendung nach Art des „Brennpunkts“ (sic!) ausgepackt wurde: „Notre-Dame brennt – und die ARD pennt.“

Und allerlei reiche Leute laden auch noch zu Spende ein:
Der ambitionierte CDUler Friedrich Merz tut das auch.

Dabei ist es ja so:
Floskeln verstopfen nur die Kommunikationskanäle und Spendenaufrufe gaukeln Solidarität vor, um den Abstand zwischen Arm und Reich zu vergrößern, wie bei jeder Sammelaktion und jeder Lotterie. – Unter gerechten Lebensbedingungen wäre das ja wirklich ganz okay. Floskeln könnten dann auch im Giftschrank bleiben.

Ich glaube aber fest, dass die mediale Berichterstattung ein Volk von Schaulustigen und Gaffern züchtet, die bei Verkehrsunfällen in ihrer Lebenswelt noch geächtet werden, aber gebraucht werden, um selbstredende endlose Flammen einer Kirche zu betrachten, denen kein Journalist etwas hinzu zu fügend vermag, damit die Trauerquote der Betroffenheit und Anteilnahme hoch gehandelt werden kann.

Das Urheberrecht führt unweigerlich zum Geld

No saben el camino

Das Urheberrecht und ähnliche Schutzrechte und die damit geschützter Produkten sind ein Hebel, um Geld anders zu verteilen. Ob es damit gerechter verteilt wird, ist damit noch nicht gesagt.

Seit jeher wird gehandelt. Man gibt seine Arbeitskraft ab und bekommt dafür Geld. Das, was erarbeitet wurde, ein Brot oder ein Auto, wird auch wieder gegen Geld verkauft. Das Geld sammelt sich hier um dort und macht das Leben meist einfacher. Ob das Geld als Lohn gerecht ist, war noch nie unumstritten.

Karl Marx arbeitete die Idee aus, dass der Arbeiter letztlich auch im käuflichen Produkt steckt, das er miterarbeitet hat, obwohl es für ihn so fremd gehandelt wird, wie alle anderen Produkte auch. Der Arbeiter könnte ja auch so eine Art Urheberrecht haben, das ihm auch weiterhin Einnahmen an dem von ihm mitgeschaffenen Produkt sichert. 

Für das geltende Urheberrecht wurde deshalb eine fragwürdige erhebliche Schöpfungshöhe erfunden, die erfüllt sein muss, damit der Mensch auf ewig mit seinem Produkt verbunden bleibt und mitbestimmen kann, wer gegen welche Bezahlung damit wie umgehen kann. Man hat also einfach das geistige Eigentum vom Eigentum an sich abgeschnitten, um es anders zu behandeln. Dabei gilt auch für Musik, Literatur, Kunstobjekte und Erfindungen, dass sie, wie andere Produkte auch, gegen Geld an den Menschen gebracht werden.

In Zeiten grenzenloser Reproduzierbarkeit wird allerdings die Reproduktion nicht mehr als kostenlose Werbung für den Urheber verstanden, sondern als Einnahmequelle. Während der Pianist früher für ein Konzert bezahlt wurde, sind es heute außerdem die Tonaufnahmen dieses Konzerts und andere mühelos reproduzierbare Medien. An solchen Tonaufnahmen sind weiterhin Aufnahmespezialisten, ein Tonstudio, Werbefachleute, viele Vertriebskanäle und anderes mehr beteiligt. Es gibt für den Künstler im Reproduktionskontext heutzutage im allgemeinen einen Vertrag einer meist großen Produktionsfirma, die sich aus einem hauptsächlich geschäftlichen Interesse heraus um alles kümmert und auch bezahlt werden will. Die Firma produziert also einen verkaufsträchtigen Rahmen für den Pianisten. Verlage organisieren sich wie die Musikproduzenten ebenfalls als Mitverdiener. Und im Überbau der ganzen Branche gibt es die monopolistisch agierenden Rechteverwertungsgesellschaften wie GEMA und VG Wort, die darüber wachen, dass bei jeder Nutzung geschützter Werke das Geld fließt und nach einem Schlüssel verteilt wird. Seit langem weiß man, dass im gesamten Überbau der eigentliche Rechteinhaber an Bedeutung verliert. Er wird allerdings mit Tantiemen bei Laune gehalten, nachdem der Eigenbedarf des Überbaus bereits abgeräumt worden ist. Man kann dem traditionell armen Künstler zurufen, dass das besser als nichts ist. Viele Künstler sind mittlerweile bereit, den Weg zurück zu gehen. Sie stellen ihre Produkte zur freien Verfügung oder lassen den Konsumenten entscheiden, was sie bereit sind, für eine Musik oder einen Text zu zahlen. Sie leben derweil hauptsächlich von öffentlichen Auftritten gegen Bezahlung und unterscheiden sich nicht mehr so sehr vom Handwerker, der sein Arbeitsergebnisse auch nicht bis zum Lebensende als sein Werk vermarktet.

Wenn nun von der Europäischen Union im März 2019 das Urherberrecht gegen großen Widerstand an die digitale Welt angepasst wurde, dann ist dabei in der Hauptsache das Interesse an viel Geld im Spiel, von dem die Künstler und andere Urheber traditionell den kleinen Teil bekommen. Daran ändert sich auch mit der neuen gesetzlichen Verpflichtung der Medienkonzerne, für geschützte Werke zu zahlen, oder sie auszuschließen, nichts. Den Verlagen, Produktions- und Verwertungsgesellschaften wäre damit gedient, wenn die Internetgiganten YouTube, Instagram, Facebook usw. ihren Usern alles mögliche durchgehen lassen und dafür ordentlich Geld abdrücken, um das System der Verwertungsgewinnler reich zu machen. Die Internetgiganten ihrerseits werden sich fragen, ob sie zum eigenen Wohl auf solche Zahlungen verzichten und deshalb stattdessen lieber die User aussortieren, die geschütze Medien oder auch kleinste Teile davon hochladen wollen. Das werden sie, allein wegen der unüberschaubaren Menge, mit Uploadfiltern machen, die nach einem Algorithmus das Angebot sauber schießen und weitgehend uninteressant machen. Auch geschützte Schnipsel in einer satirischen Verarbeitung würden solche Filter nicht passieren, selbst wenn es dazu keine Rechtsgrundlage gibt. Eine kulturelle Verarmung wäre die Folge. Allerdings bleibt abzuwarten, ob die Internetgiganten alle gleich reagieren oder sich einen Konkurrenzvorteil davon versprechen, wenn sie zahlen anstatt zu filtern. Man liest gerade, YouTube würde sich unter diesen Bedingungen gleich selbst einstellen.

Mir kommt das alles so vor, als ob mit Hilfe politischer Entscheidungen ohnehin reiche Gewinnler das große Rad drehen, um die soziale Ungleichheit in der Welt auf die Spitze zu treiben, indem sie mit Recht, aber rücksichtslos ihre Taschen füllen, während der Rest der Welt verarmt.

Urheber agieren selbst am Markt, an dem tatsächlich auch Geld zu verdienen ist. Wenn man mit politischer Absicht die kulturelle Vielfalt vertiefen und verbreitern will, dann sollte man Künstler fördern. Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Das System der urheberrechtlichen Geldgenerierung ist dazu ungeeignet und es zwingt den Werktätigen der einfach so seine Arbeit auf nimmerwiedersehen aus der Hand gibt in eine Ungleichbehandlung. Für meinen Geschmack könnte es sogar notwendig werden, dass man die alte Raubkopie entkriminalisiert und zur neuen Werbung umdeutet und damit seinen Lieblingskünstler feiert und ehrt.

Über den Witz im Karneval

Was ist schon
karnevalistisches Tanzen,
ohne Mariechenwerfen?

Das Jahrhundert des Witzes überlappt sich mit dem Jahrhundert des Kindes und löst es ab.
Der Karneval ist derart expandiert und hat den Witz zudem so stark in den Vordergrund gerückt, dass das Reservoir an Witzen immer knapper wird. Das einfache Sammeln und Weitererzählen der Witze reicht schon lange nicht mehr. Professionelle Witzmanufakturen mussten her.

Früher wechselten gute Büttenredner in das komische Fach als Comedians oder Kabarettisten. Heute sind gute Büttenredner fast ausgestorben. Bestenfalls kultivieren die abtrünnigen und aufgestiegenen Humorspezialisten den alternativen Karneval als zweites Standbein, nicht jedoch den Standardkarneval. Die meisten Humorspezialisten etablieren sich als autonome Kulturschaffende an wechselnden Spielorten oder in den Medien, die mittlerweile und mit Erfolg ganze Thinktanks, also Witzfabriken, betreiben.

Der Sitzungskarneval verflacht also immer mehr und muss sich schließlich als Publikumsmagneten den einen oder anderen Berufshumoristen einkaufen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Von den eingekauften Highlights abgesehen, ist der Karneval also auch aus Mangel an Witzen verflacht. Das macht aber nichts, weil der Karneval derart volkstümlich in Erscheinung tritt, dass er keine unteren Qualitätsgrenzen vorhält und jede Kritik als karnevalsunwürdig und elitär beiseite schiebt. Karneval ist unterschiedslos für alle da. Das Privileg der Kunst – „Der Künstler darf alles!“ – gilt ja richtigerweise auch für den Karneval. Aber die Kunstkritik müsste selbstverständlich auch dazu gehören. Das tut sie aber nicht!

Als unlängst ein eingekaufter Witzerzähler namens Stelter das Dilemma der Karnevalswitze vorführte und den komplexen Doppelnamen einer bekannten Politikerin ohne Erfolgsaussicht zum Witz verarbeitete, hat tatsächlich eine couragierte Sitzungsbesucherin den Witz und seinen Erzähler entlarvt. Der Witz war schlecht und zudem übergriffig inszeniert. Stelter stellte fest, dass er ja nur Witze macht … Klar! Ohne diese Sitzungsbesucherin, wäre alles wie geplant gelaufen, also ohne Kritik.

Nur wenige Tage später ist die von ihm vorgeführte Politikerin selbst in die Bütt gegangen. So ein Politiker ist übrigens eine eher kostengünstige Variante, so eine Karnevalssitzung zu pimpen. Ganze Bataillone von Politikern warten Jahr für Jahr auf Karnevalsorden, die nicht jeder hat.

Diese Politikerin – Frau Kamp-Karrenbauer von der CDU – hat dann vorgetragen, dass das dritte Klo für die Menschen da ist, die sich nicht entscheiden können, ob sie im stehen oder im sitzen pinkeln. Das war karnevalsgerecht und es wurde gelacht. Das war aber ebenfalls auch ein schlechter Witz, der zudem übergriffig und verunglimpfend war.

Ich rate dazu, den Karneval immer nur soweit zu treiben, dass die Anbieter guter Witze auch wirklich noch mit der Produktion nachkommen. Eine Welt von Witzeschreibern wäre der blanke Horror! – Und verbrauchte Witze müssen gnadenlos in die Wiederaufbereitung.

moralisches Doppel 2.0

Kritiker der Katholischen Kirche geben nicht selten Tipps, um diese Kirche zu retten.

So schreibt Heribert Prantl am 20.2.2019 in der Süddeutschen Zeitung: „Die katholische Kirche muss ihre Doppelmoral beenden“. Aber: Warum sollte ihre Doppelmoral beendet werden? Die Welt ist voll von doppelmoralem Verhalten. Und bisweilen ist es nützlich und vollkommen alltäglich, wenn man beispielsweise im Freundeskreis eine andere Moral befolgt als in der Familie. Eine arabische Freundin belügt ihre Familie seit Jahren mit großem Gewinn. Wir sollten allererst lernen, die Vielschichtigkeit der Moralen zu verstehen und ihren Sinn zu begreifen. Dann haben wir beste Voraussetzungen moralische Attitüden richtig einzuordnen und uns erforderlichenfalls souverän dazu zu verhalten. Es ist doch nicht so, dass man eine Moral unbearbeitet vor sich her trägt. Sie ist und bleibt ein ständiges Thema für den Moralisten und sein Gegenüber. Wenn nun die besagte Kirche zwischen ihren Moralvarianten untergeht, dann gibt es doch niemanden, der sie davor bewahren will, wenn das ihr Markenkern ist. Wir wissen ja mittlerweile verbindlich, dass man auch ohne Katholische Kirche ein guter Mensch sein kann. Also lassen wir doch den Doppelmoralen ihre Freiheit. Wir  sind allerdings gut beraten, alle Moralen so souverän zu behandeln, dass sie nicht als Keulen wirken. Und wenn wir an einer Glaubwürdigkeit zweifeln, weil da jemand anders lebt, als er predigt – mein Gott – dann können wir immer noch einen großen Bogen machen oder sogar streitbar werden. Organisationen zu retten, die in einer Doppelmoral gründen, das bringt nichts. Dafür ist die Zeit zu schade …

Dazu ein älterer Witz: 
Der Papst stirbt und kommt in den Himmel. Am Empfang bittet er Petrus um Einlass und trägt vor, er sei zuletzt der Stellvertreter Gottes auf Erden gewesen. Petrus guckt etwas ungläubig, begibt sich in den hinteren Teil des Himmels und berichtet Gott davon. Gott sagt: „Ach, das hätte ich nicht gedacht. – Existiert der Verein immer noch, den ich vor 2000 Jahren gegründet habe?“

Komplexität als Geschäftsmodell

Jetzt stellen wir in dem aufsehenerregende Prozess zum Unglück auf der Loveparade fest, dass es ein unentwirrbares Geflecht von Institutionen und Fehlentscheidungen in diesen Institutionen gegeben hat und dass in der Folge kaum konkreten Menschen dingfest gemacht werden können, die mehr als einen winzigen Teil zur Katastrophe beigetragen haben.
Das erscheint gerade so, als brauche man nur gehörig viel Komplexität, um sie aus der juristischen Verantwortung zu stehlen.
Die internationalen Finanzmärkte sind voll davon. Dort wird Geld generiert und niemand weiß so recht, wo das Geld herkommt und wer es rangeschleppt hat. Die juristischen Folgen sind immer schon unbefriedigend.
Erinnern wir uns an den Atomgau in Tschernobyl. Da gab es zwischen vielen Knöpfen ein menschliches Versagen, aber der ganze technologische und politische Überbau hatte direkt mitversagt. Man hätte es wissen können, hat aber nur für die Devise der Macher gearbeitet. Dass weiterhin ausrangierte Schiffe mit Atomantrieb verrotten und in den Weltmeeren alte Atomuboote auf Grund liegen, wird trotzdem weiterhin als Gefahr ausgeblendet. Hier in der Gegend ist das marode Atomkraftwerk von Tihange. Es ist abzusehen, dass bei einer Katastrophe die Verantwortung ebenfalls in der Komplexität verschwindet. Und wie ist das mit dem Stuttgarter Bahnhof, dem Brexit oder mit dem massenweise völkerrechtswidrigen Flüchtlingssterben? Das ist alles viel zu komplex um juristisch vermessen und ausgeleuchtet zu werden.
Offenbar müssen die Rechtsnormen ganz allgemein an der Komplexität ausgerichtet werden. Und wenn Komplexität unbeherrschbar und zum Geschäftsmodell wird, müsste man ja ganz andere Seiten aufziehen.

Vossianische Antonomasie als Floskel

Ich würde die Überschrift auch nicht verstehen, wenn ich sie mir nicht erarbeitet hätte.

Floskeln sind ja die Minitextbausteine der schnellen Medienwelt. Sie nutzen als erstes ideenlosen Journalisten und ihrem redaktionellen Überbau.

Betrachtet man ein berichtenswertes Ereignis, dann erhöhen Floskeln gern die Aufmerksamkeit des Lesers. Floskeln schieben das Ereignis aber auch in den Bereich der Fehldeutung und der Lächerlichkeit. Sie werden ja mittlerweile im Internet gut dokumentiert 🔲 . Beim Floskelleser werden Nachdenklichkeit, Kritik und Freude ausgelöst, wenn man eine Floskel einfach nur mal als Floskel betrachtet. Das ist aber meist nicht beabsichtigt, sondern ein Abstract in wenigsten Worten. So lange der Leser weiterliest, muss man sich über den weiteren Sinn der Floskel keine Sorgen machen.

Allerdings war die Floskel auch schon lange vor dem digitalen Zeitalter beliebt und wurde geradezu unsterblich in den Titelzeilen der Lokalpresse. Um gelesen zu werden bestand schon lange ein Konkurrenzdruck zwischen den Blättern und zwischen ihren Journalisten.

Eine dieser Floskeln läuft mir immer wieder über den Schirm: Sie lautet vereinfacht so: Politikerin X ist die Mutter Courage eines lokalen Bereichs X oder einer Institution Y. Also zum Beispiel: Regine Hildebrandt ist die Mutter Courage der SPD. Betrachtet man nun andere Personen oder andere Institutionen, findet man immer wieder so eine Mutter Courage. Eine gewisse Luise Albertz wird als Mutter Courage Oberhausens geführt. Eine Inge Donnep und eine Hannelore Kraft gar als Mutter Courage des Ruhrgebiets. Dies nur, um über ein Beispiel aufzuzeigen, wie gewaltig so ein Mutter-Couragismus um sich greift. Urheber kann doch nur ein unbewanderter Journalist auf der Jagd nach einer markanten Schlagzeile gewesen sein.

Nachdem Bertolt Brecht in den Wirren des Krieges das Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“ entworfen und in der Nachkriegszeit damit die Theater beschäftigt hat, zogen die Zeitungsredakteure daraus als unbestelltes Nebenprodukt eine Floskel.

In dem Drama selbst ist die Hauptfigur Mutter Courage unverbesserlich davon beseelt, als unbedeutende Marketenderin vom 30-jährigem Krieg zu profitieren. Das gelingt ihr nicht. Sie bleibt lernunfähig und veränderungsresistent. Selbst nachdem ihre drei Kinder dem Krieg zum Opfer gefallen sind, bleibt sie bei ihrer Ideologie.

Die Figur der Mutter Courage bietet sich also mit keiner Eigenschaft an, einen vielleicht verdienstvollen Menschen mit einer vossianische Antonomasie [X ist Y der Z] auszuzeichnen. An dem, was sie macht ist nichts verdienstvoll. Wir haben es hier also mit einem verfloskelten Selbstläufer zu tun, der – einmal in die Welt gesetzt – durch allerlei Schriftwerk wabert, ohne je befragt zu worden zu sein. Wenn man nun merkt, dass die jeweils „Ausgezeichnete“ auch nur eine Figur im Cosmos aller Mütter Courage ist, dann ist die Auszeichnung auch deshalb dahin. Man beschriebe viel besser, was die jeweilige Frau tatsächlich gemacht hat.

Ich bin der Herr der Daten, ich brauche nicht zu raten …

Das Wetter ist hart im ZWERGWERK

Doch meine Freunde von den Wetterapps übertreiben es ein wenig. Ich weiß ja, dass das akribische industrielle Messen und Rechnen manchmal auch Ergebnisse auswirft, die man gar nicht bestellt hat. Wenn also meine Wetterapp sich auch speziell um Wintersportorte kümmert, dann ist das sicher zunächst gut. Hier in der Gegend gibt es aber nun eine Skihalle, also einen Ort außerhalb üblicher Wintersportgebiete, dessen Besitzer sich ganzjährig ein gebäudebezogenes Kleinklima mit Winterallüren leisten. Dort gibt es kein schlechtes Wintersportwetter. Ski und Rodeln sind gleichbleibend so gut wie die Eintrittspreise. Man erfährt nun aber über meine WetterApp die exakten Wetterbedingungen außerhalb(!) des Gebäudes. Dort gibt es nichts, nicht einmal Events, die sonst den Wintersport begleiten. Alles ist indoor!

Immer wieder gibt es unbestellte Erfindungen, die es also nur gibt, weil sie technisch möglich geworden sind. Eine dieser Erfindungen ist übrigens auch der Rundfunk. (Brechts widmete sich in seiner Radiotheorie dem Thema erhellend.) Man kann allen alles sagen, auch wenn man zunächst überhaupt nichts sagen will. Ja und dann spricht man einfach mal los. Und es gibt einen extrem skurrilen Wetterbericht.

Kehraus – „Guten Rutsch!“

Gelbe Säcke im Rollenformat aus Restbeständen

Hier in Mönchengladbach ist es anlässlich eines ernsten Vorfalls doch sehr, sehr lustig.
Ich fasse zusammen:

Das Duale System Deutschland (das das mit dem Vrerpackungsmüll bundesweit regelt) hat vor kurzem eine Firma beauftragt, die obligatorischen Gelben Säcke an die Haushalte zu bringen und die gefüllten Säcke dann ab AD 2019 nach und nach wieder abzuholen. Diese Firma ist nicht in der Stadt beheimatet. Die Stadtverwaltung hat – wenn alles klappt – nicht viel damit zu tun.

Seit einigen Wochen läuft die Verteilaktion mit den Säcken. Vermittelt über die Presse und die sozialen Netzwerke fällt nun auf, dass die Säcke aber nur in Einzelfällen angekommen sind. Fast alle haben überall in der Stadt bisher keinen gelben Sack gesehen. Allerdings heißt es, man habe an größeren Häusern auch einmal ganze Kartons voller Säcke gesehen, bis sie dann nicht mehr gesehen wurde. Ich habe bisher jedenfalls nichts bekommen — ich schwör, ey!

Auf Anfrage teilte die zuständige Firma zunächst mit, alle Säcke seien verteilt. Dann stellte man kleine Unregelmäßigkeiten fest und schließlich war von einem organisierten Diebstahl in großem Stil die Rede. Aber wer klaut denn solche Säcke? Man fragt sich unweigerlich, wer denn ganz konkret mit welchem Konzept die Säcke wie weit zu den Haushaltungen geschleppt hat und ob sich während der mühsamen Arbeit nicht gleich eine Idee der Säckeersatzverwertung ergeben hat. Jedenfalls drängt sich der Verdacht auf, dass während einer schwerpunktmäßigen Grobverteilung bereits in der Nebenstraße ein LKW wartete, um die Kisten wieder einzusammeln, bis jemand auf die Idee kam, sie praktischerweise erst gar nicht auszuladen. Aber all das ist Spekulation. Die an sich kostenlosen Säcke werden nun allerdings im Internet zu ganz erstaunlich blödsinnig hohen Preisen angeboten. Es gibt also eine Spur. Güter, die verknappt werden, steigen natürlich im Preis. In diesem Fall dann aber doch wohl nicht, weil die beauftragte Firma so oder so nachliefern muss, bis die Stadt in Plastiksäcken erstickt, die alle Wege in die Weltmeere so lange verstopfen, bis sie, von Wind und Wetter in Mikroplastik zerlegt, alle Sperren passieren. Und jeder, der jetzt einfach zu viele Säcke hat, sollte wissen, dass er damit für sich keine Teilhabe an der Gesellschaft und auch kein Ausgleich sozialer Ungerechtigkeiten bewirken kann.

Ich sage das nur, weil es doch für alle Beteiligten gut war, als damals die Müllwerker von Wohnung zu Wohnung gingen, ein frohes neues Jahr wünschten, dabei eine Infobroschüre über die Müllregelungen und gelbe Säcke mitbrachten und in alter Tradition ohne jede Verpflichtung gute Wünsche und ein Neujahrsgeld als Dankeschön bekamen, noch bevor Dinner for One im Fernsehen lief.

– Guten Rutsch! 

Nachtrag:
Jetzt sind wir im Jahr 2019 und haben bereits die heiligen drei Könige hinter uns gelassen. Bürger laufen meistens vergeblich zu den Läden, die nun als Verteilstellen fungieren sollen. Die Inhaber kriegen die Wut der Bürger mit und schützen sich bereits mit großen Hinweisschildern vor den Nachfragen. Nicht wenige wollen nun verständlicherweise auch nicht länger als Verteilstelle fungieren. Es wäre ja eine nette Geste, von den Restbeständen der Säcke der letzten Jahre etwas abzugeben. Aber dazu müsste man auch wissen, wann mit Nachschub zu rechnen ist. Ich vertraue jedenfalls nur noch auf die Vergabe der Säcke von Hand zu Hand. Die Zeit der Verlautbarungen ist vorbei.

Sollen Muslime besteuert werden?

Seit den 70er Jahren wird der historische Webfehler des Grundgesetzes beklagt, in dem der Staat eine Kirchensteuer ermöglicht und bei der Eintreibung hilft. Nur die wenigsten Religionsgemeinschaften, die Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, machen davon Gebrauch. Das sind vor allem die großen Religionsgemeinschaften. Die anderen haben auch gute Gründe, es nicht zu tun.

Nun ist der Islam derart vielschichtig und uneinheitlich verfasst, dass es ohnehin keine islamische Religionssteuer im überkommenen Rahmen geben kann. Wie sich die unübersehbare Zahl einzelner Moscheevereine positionieren wird, das weiß niemand so recht. Ob sie eine Anerkennung als Körperschaft des Öffentlichen Rechts bekommen werden, steht in den Sternen. Die meisten werden die Voraussetzung zunächst auch gar nicht erfüllen.

Würden sie allerdings an „deutsche“ Steuermittel kommen, würde das erst einmal bedeuten, dass die bisherigen Zuwendungen der jeweiligen Mitglieder, das Zakat, hauptsächlich zu den Steuern umgeleitet würden. Es gäbe also eine erhebliche Bürokratisierung fundamentaler Hilfen und eine Entfremdung zu den irgendwie Gläubigen, die jetzt noch den direkten Zahlweg haben und deshalb noch am ehesten prüfen können, ob ihr Geld auch in ihrem Sinn verwendet wird. Sie werden nicht unbedingt über die Steuern ein zweites Mal zahlen. Die heutigen Finanzierungsströme aus muslimisch ausgerichteten Ländern können danach noch effektiver für den jeweils ideologischen Ausbau von Moscheen genutzt werden. Dass Steuergelder solche Zuwendungen ersetzen und Geberländer entlasten, ist also kaum zu erwarten. Nichts fließt dort so locker, wie das Geld zur Verbreitung des Glaubens.
Es wäre besser, das überalterte und verzopfte Kirchensteuersystem abzuschaffen. Die gläubigen Franzosen wissen beispielsweise seit der französischen Revolution, dass Kirchen auch ohne Steuern gut und ehrlicher leben können. Eine Ausweitung des System auf islamische Religionsverbände wäre nur rückwärtsgewandt und ohne eine irgendwie hilfreiche Wirkung.