Mein erstes Fahrrad

Es war Mitte der 50er Jahre, als ein mir unbekannter junger Mann zu uns kam. Er brachte uns ein Fahrrad. Er hatte es sich für die Zeit seines Studiums von meinem Vater ausgeliehen. Jetzt war plötzlich ein Fahrrad da. Ich hatte nicht damit rechnen können, dass es so plötzlich ein Fahrrad in der Familie geben würde. Mein Vater fuhr stets Auto, zu der Zeit wohl einen Renault. Das Rad war einfach nur schwarz, aus der Vorkriegszeit und für erwachsene Männer. Keine Frau wäre damals damit gefahren. Viele Frauen, wie auch meine Mutter, konnten gar nicht radfahrern. Behütete Lebensbedingungen in der Kindheit beinhalteten häufig überhaupt keinen Kontakt zu einem Fahrrad. Kinderfahrräder waren sehr selten. Das Rad hatte keine Gangschaltung und keinen Kettenschutz, wohl aber eine überdimensionierte Lampe mit einem Drehschalter oben drauf, eine Rücktrittbremse, sowie eine Handbremse mit einem Gestänge, das im Betätigungsfallein breites Gummi oben auf den Reifen drückte. Die Schutzbleche klapperten nicht. 

Am nächsten Tag habe ich mit den Zwillingen, die auch im Haus wohnten, einen Plan gemacht, wie wir uns den Umgang mit dem Fahrrad aneignen könnten. Als geübte Rollerfahrer hatten wir mit dem Gleichgewicht auf dem Fahrrad kein Problem. Die Stange war so hoch, dass ich nur stehend fahren könnte und dabei immer Gefahr lief, schmerzhaft mit der Stange zu kollidieren und eventuell umzufallen. Wir schoben das Rad in den alten Weg gegenüber, der 100 Meter geradeaus ging, dann über die Brücke der Köttelbecke führte und nach einer Kurve sehr steil und uneben Anstieg. Auf dem ganzen Weg gab es außer uns Radfahrern nur Fußgänger. Zunächst fuhren wir abwechselnd auf dem geraden Stück und hielten uns dann irgendwann am Zaun der Brücke fest, manchmal auch vorzeitig am Weidezaun. Das Auf- und Absteigen blieb ein Problem. Die anderen beiden hatten schnell den Trick raus, das rechte Bein unter der Stange herzuführen, um mit leicht verdrehtem Körper auf dem leicht verdrehten Fahrrad zu fahren, weil ihre Beine einfach zu kurz waren, um in normaler Position zu fahren. Nachdem wir mehrmals abrupt halten mussten, weil sich die Hose zwischen Kette und Kettenblatt eingeklemmt hatte, haben wir die rechten Hosenbeine immer hochgekrempelt. Während einer fuhr, liefen die andern nebenher und gaben Tips und leisteten Nothilfe. Täglich trafen wir dort auch Opa Hekel, ein Bergmann in Rente, der an den Hängen der Köttelbecke seine Schafe weidete. Er hatte sogar einen Schlüssel von der Emschergenossenschaft für das Tor neben der Brücke, um sich dort um seine Schafe kümmern zu können und gleichzeitig die Ufer zu pflegen. Er war ein von allen Kindern der Gegend hochgeachteter, humorvoller und weiser Mann mit Regalen voller eingekochten Schaffleisches im heimischen Keller. Wir haben ihm dann immer gezeigt, wie gut wir waren. Das hat ihn beeindruckt. Dann wurde die Übungsstrecke irgendwann auf den Berg ausgeweitet. Ohne Gangschaltung und mit der Kraft der Siebenjährigen schafften wir den Berg nicht, der übrigens Mülheim-Heißen und Essen-Frohnhausen immer noch verbindet. Aber es war der Ehrgeiz, so weit wie möglich zu kommen, um dann dort Markierungen für einen Leistungsvergleich anzubringen. An irgendeiner Stelle war der Schwung aufgebraucht und man konnte dann noch ein einziges Mal das ganze Körpergewicht auf eine Pedale drücken, und dann war unweigerlich das Ende der Fahrt erreicht. Bis obenhin kam niemand.

Wir waren wohl einen ganzen Sommer damit befasst, dort mit unserem Fahrrad zu fahren. Es war eine schöne Zeit! – 

Mein zweites Fahrrad bekam ich erst ein paar Jahre später zu Weihnachten. Es war ein gebrauchtes graues HWE mit Dreigangkettenschaltung und Freilauf und wie neu. Ich bin damit immer zur Schule gefahren, habe es wöchentlich geputzt und ich habe damit die Städte der Umgebung erkundet. Fahrradfahren war ganz viel Freiheit … Übrigens hieß es nie Rad, immer Fahrrad, ausgesprochen: Farratt.

Die alten weißen Männer und ich

Warum hat die Frau Passmann diese „alten, weißen Männer“ auf die Spur zeitgenössischer Schreiberei gebracht? Ich glaube, es war ein Versehen. Und warum sind sie so schlecht, wie sie jetzt immer dargestellt werden? Mittlerweile geistern sie sogar zwischen den Zeilen herum, ohne ausdrücklich benannt zu werden.

Ich muss darüber jetzt eigentlich nichts schreiben. Frau Passmann hat das ja schon gemacht. Aber sie sind ihr dann doch entglitten und verstopft nun die Informationskanäle. Das ist so ärgerlich, dass ich nun etwas sagen will.

Er ist also alt. Hm .… dafür kann er nichts, weil uns das Leben im Lauf der Zeit allgemein alt macht. Er ist also weiß. Hm… dafür kann er nichts, weil die Hautfarbe über die Abfolge vieler Generationen vererbt ist. Er ist also ein Mann. Hm… dafür kann er nichts, weil die unzählig vielen Spielarten der Geschlechter sich bereits vorgeburtlich konkret einstellen.

Also können die alten, weißen Männer nur bemerkenswert sein, weil gerade diese dreifaltige Eigenschaftskombination bei einem Menschen stets eine verabscheuenswürdige Sozialisation hervor bringt und er sich partout nicht dagegen wehren will. Es wäre also etwas verständlicher, wenn diese Sekundäreigenschaften beschrieben würden und der alte, weiße Mann, so wie er durch die Welt läuft, aus der Haftung entlassen würde.

Ich bin selbst so einer und ich kann nur sagen: Ich bin humanistischer Anarchist, irgendwie auch ziemlich schwarz, jung und feministisch, fantasiebegabt, kommunikativ und an der sich entwickelnden und inklusiven Vielfalt interessiert. Als alter, weißer Mann werde ich mich weiß Gott nicht ins Spiel bringen.

— Und jetzt kommst Du!

Bloggerleid

Es gibt eitle Journalisten, die etwas erfinden und damit einen Bericht über das, was ist, aufzuhübschen. Warum sie bisweilen zur nahezu realitätslosen Berichterstattung neigen, ist unterschiedlich. Wenn sie es geschickt machen, werden sie jedenfalls beachtet. Wenn sie erwischt werden, auch.

Immer dann, wenn Ereignisse auf Fantasie treffen ist jemand, der schreibt, etwas im Unklaren darüber, wo die Reise hingehen soll. Die Bloggerin Sophie Hingst fühlt sich jetzt missverstanden, weil sie in ihrem Lebenslauf Ereignisse erfunden und weiterhin Projekte vorgetragen hat, die es so nicht gegeben hat und die teilweise sogar mit zurechtgebastelten Dokumenten von ihr belegt wurden. Sie wird als Hochstaplerin durch die Medien gereicht und meint selbst doch nur, literarisch zu arbeiten.

Bei meiner Bloggerei sehe ich auch stets die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen. Wenn du nicht stringent einem wissenschaftlichen oder journalistisch-dokumentarischen Paradigma folgst, verlierst du dich schnell als Literaturschaffender, gleichgültig, ob du dabei gut oder schlecht bist. Wenn du zudem die eventuell im Blog auftretenden Personen und Orte unkenntlich machst, dann hast du schon den ersten Schritt getan, deinen Text auch mit einem neuen Ende auszustatten, das unerwartet kommt und eine neue Sichtweise ins Spiel bringt, also besser ist als das Ausgangsereignis. Das alles ist nicht verboten, hat aber auch keine deutliche Grenze, ab der es zumindest unredlich ist. 

Die Frau Hingst hat die Grenze überschritten, als sie ausdrücklich Fiktionen als Tatsachenbehauptungen verkauft hat. Das sehe ich auch so. Aber es gibt sicherlich sehr viele Blogger, die im Vorfeld solcher Fehlleistungen tagtäglich neu ihre Grenzen der Authentizität ausloten müssen und es selbstverständlich nicht immer sehr souverän tun.

Mein Vorschlag ist ein unüberlesbares Blogstück, in dem man begründet, warum man den als ehrlich vermuteten Weg der lückenlosen Überprüfbarkeit manchmal oder häufig verlässt.

Nichts ist fantasieloser als die dokumentierte Wirklichkeit.

Fakenewsig

Ein Minister der CDU schließt sich der vermeintlichen Erkenntnis der AfD an, die Tagesschau würde die Wetterkarte zunehmend rot darstellen, um die Klimakatastrophe zu dramatisieren und auch noch die typische Farbe der SPD und der Linken hervorzuheben.

Man muss gelernt haben, zu versuchen, sich irgendwie aufdrängende Hypothesen zu widerlegen, um zu Erkenntnissen zu kommen. Wenn man nur Bestätigungen sucht, dann bleibt man dumm.

Der Minister und seine Vasallen werden das offenbar nicht gelernt haben, denn sonst hätten sie die Hypothese, dass auf der Wetterkarte alles immer roter wird, lediglich beiseite gelegt.

Eine Nachfrage bei der Tagesschau hätte auch gereicht. Das Farbschema folgt nämlich den Jahreszeiten, um mit den Farben die Temperaturen hinreichend differenzieren zu können. Sehr warm ist also sehr rot. Das ist ja auch in der Hölle so. Was aber im Winter sehr warm ist, wird im Sommer oft als sehr kalt bezeichnet. Wenn der geneigte AfD-ler eine alte Sommerwetterkarte mit hohen Temperaturen nimmt und eine aktuelle Winterwetterkarte mit weitaus geringeren Temperaturen daneben legt, dann erscheint es ihm so, als sei der neue Winter der alte Sommer.

Das ist der Stoff, aus dem Fakenews sind. Und schon kommt die Wetterkarte vom politischen Widersacher.

Ein Tipi beißen

Der Sandwichtoast
Das gleichschenklige, rechtwinklige Dreieck
Das Tipi
Der aus zwei Tipis konstruierte Weihnachtsbaum

Wenn ich mit meinen vier Freunden frühstücke, dann ist das immer ein Ereignis. Denn alle vier leben in ihrer Alltagswelt ohne Sandwichtoaster. Und der Sandwichtoaster hat es allen angetan. Es gibt also stets Sandwiches mit Käse und wahlweise weiteren Zutaten.

Wir haben das dekorative dreieckige Toastbrot in keinem Laden gefunden. Deshalb schneiden wir den quadratischen Toast nach der Zubereitung an der vorgezeichneten Stelle von Ecke zu Ecke in zwei Teile, also in gleichschenklige und rechtwinklige Dreiecke.

Die Essgewohnheiten haben sich so entwickelt, dass wir zunächst in den rechten Winkel beißen und uns dann geradlinig bis zur Mitte der Hypotenuse voressen. Die verbleibenden beiden Teile kann man dann so zurecht beißen, dass die 45°-Ecken  senkrecht auf dem Teller stehen können.

Dann sagen wir immer:
„Guck mal –
ich habe ein Tipi gebissen!“
–Und schon sind wir auf der Spur der Indianer.

Ich sage das nur, weil wir so stolz sind, jetzt erstmalig einen aus Tipis zusammengestellten Weihnachtsbaum konstruiert zu haben.

„Die Jugend“

Der Autor trimmt sich jugendlich, ohne jeden Anspruch darauf, ernst genommen zu werden

Seitdem mit einem Schwerpunkt jüngere Menschen andere Parteien wählen als zuvor und damit die über Jahrzehnte geübte Wahlpraxis durcheinander bringen, fühlen sich mal wieder viele Leute veranlasst, über „die Jugend“ Mutmaßungen anzustellen.
Bei allem, was ich da bisher gelesen habe, sind es wohl ausnahmslos Besserwisser, die sich für die Beweggründe Jugendlicher nicht interessieren, aber krampfhaft überlegen, welches subkulturelle Produkt so hergerichtet werden kann, dass „die Jugend“ keinen Mist macht und sich für einen leblosen Mainstream einfangen lässt.

Das war nie anders. Es war bereits in der katholischen Jugendarbeit der 60er Jahre so, dass das wirklichkeitsfremde Konstrukt „Jazzmesse“ Heilwirkung entfalten sollte, obwohl nur billiger Softpop dabei herauskam. Es war ein Graus und alle versuchten sich gutgläubig daran, mit so einem schmalen Kunsthauch von Freiheit zu locken. Die Jeans aus der DDR war auch so ein kläglicher Versuch fehlgeleiteter Strategen.

Mein Rat ist, das ganze Ding ohne Erwachsene, aber mit Menschen zu machen und Mutmaßungen über die Jugend einzustellen.

Der Rezo und die Fridays-for-Future-Bewegung leuchten die Leerstellen aus

Es gibt ja immer wieder Sachen, die man beiseite schiebt oder erst gar nicht wahrhaben will. Das macht die eine und der andere. Es werden damit Leerstellen produziert. Sie sind irgendwie da, aber man sieht sie so wenig, wie das Chaos im Wäscheschrank. Es ist wie mit Bielefeld oder wie mit dem Dornröschenschloss: Die Hecke gehört zum Alltag und das dahinter ist außerhalb aller Denkhorizonte praktisch ausgelöscht. Die Welt ist dann so, wie sie gefällt, aber eben teilweise unsichtbar. Astrid Lindgren und Andrea Nahles haben schon frühzeitig darauf hingewiesen, dass es so etwas in Pippi-Langstrumpf-Manier geben sollte oder auch nicht. Leerstellen sind jedenfalls Altlasten nach dem Badbank Modell, die das  Leben scheinbar schöner machen. Es werden alle medialen Verfahren eingesetzt, dass es auch so bleibt. Das Ergebnis ist eine ritualisierte Politik mit inszenierten Auseinandersetzungen und Lösungen, die so stark propagiert werden, dass man auch einen Entscheidungsstau als dynamische Politik verkaufen kann wie ein E-Auto. So wird endlos über die Erfolge der Klimapolitik berichtet, obwohl sie sträflich vernachlässigt wird.

Der YouTuber Rezo mit seinem Film „Die Zerstörung der CDU“ und mit seiner bemerkenswerten Reichweite ist in die Welt der Politik ohne Vorahnung und Vorwarnung eingebrochen. Obwohl – man hätte wissen können, dass so etwas kommen kann. Rezo ist der lang erwartete, liebende Prinz, der mit zurückbebender Leidenschaft und scharfem Schwert die Leerstellen offenlegt und großartige Denkgebäude hinter den Hecken offenlegt. Die FFF-Bewegung hatte bereits in den letzten Monaten fachlich und emotional vorgearbeitet. Die Zeit war reif. Die Politik kann weder den FFF-Aktivisten noch dem Rezo etwas entgegensetzen. Darauf sind die meisten Parteien nicht vorbereitet. Aber der Bürger freut sich über die verlorengegangene Themen und Blickpunkte auf die Welt. Es kann also nicht mehr so weitergehen und Rezo ist das Aufbruchssymbol, so wie die FFF-Bewegung auch. Die Chancen stehen gut wie lange nicht mehr, dass die tradierte Politik nicht mehr selbst die Themen wählt oder verschüttet.

Die Wahl zum Europaparlament 2019 zeigt jedenfalls überdeutlich, dass der Stolz auf Besitzstände vom Wähler nicht mehr honoriert wird, auch nicht die Aufrechnung konstruierter Erfolge und ihre Verlängerung in Pläne, die den Weg ihrer eigenen Realisierung verstopfen. Es zählt allein die Umsetzung in erlebbare politische Ergebnisse und ein kleiner Vertrauensvorschuss, den es bei schlechten Erfahrungen einfach nicht gibt. Mit den Stimmanteilen kann es also, schneller als bisher gedacht, ganz scharf nach oben oder nach unten gehen. Die Demokratie lebt!

Impfpflicht als Politshow

Ich habe mir mal die Statistik beim Robert Koch Institut (RKI) angeguckt. Dort wird akribisch die Impfstatistik geführt. Die Impfquote gegen Masern steigt über viele Jahre – wenigstens seit 2004 – bis zum heutigen Tag kontinuierlich und liegt bei 97,1% bzw. 92,8% für die 2. Impfung. Beide Impfungen sind für einen dauerhaften Schutz erforderlich.

Das bedeutet zunächst, dass es überhaupt keinen Grund für den Gesundheitsminister Spahn gibt, das Thema überhaupt, und dann auch noch gerade jetzt, in die Öffentlichkeit zu tragen. 

Man kann zwar stets mit einer Quote von unter 100% unzufrieden sein, wird sich ihr annähern, aber sie letztlich nicht erreichen können. Die Quote der 1. Impfung zeigt, dass das System zur Werbung und Unterstützung für das Impfen nahezu lückenlos funktioniert. Der angestrebte Herdenschutz wird bei 95% angenommen. Wenn also die Quote der 2. Impfung etwas unter dem Herdenschutzniveau liegt, dann liegt das offenbar daran, dass das enge Betreuungssystem von Kinderärzten und Erziehern, das zur erfolgreichen Impfung beiträgt, bei älteren Kindern etwas gelockerter ist. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass – bis auf unvermeidbare Einzelfälle – Eltern die erste Impfung der Kinder durchführen lassen, die zweite aber plötzlich verweigern. Die 2. Impfung geht wahrscheinlich oft einfach nur in der Alltagsgestaltung als wichtiges Thema verloren. Gerade deshalb ist es aber wichtig, durch eine gezielte Wertschätzung betroffener Kinder und Eltern neue Wege zur 2. Impfung einzurichten und verlässlich zu etablieren. Bei ca. 6 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland reichen dann auch Werbebroschüren und Briefe zur Werbung nicht aus.

Der aktuelle Hype um die Impfpflicht ist jedenfalls ein politisch aufgeblasenes Medienmonster ohne sachliche und aktuelle Bedeutung.

Es gibt allerdings eine nicht zu unterschätzende punktuelle Ideologisierung rund um bestimmte Einrichtungen, die Impfungen ablehnen. So gibt es Freundeskreise und Subkulturen, in denen die Impfquote bei der 2. Impfung bei 25% liegt. Das wurde wohl auch einmal in der Freien Waldorfschule Erftstadt so ausgezählt. Und das ist gefährlich! Es trifft nicht die Volksgesundheit, sondern auch die die Menschen in der jeweiligen Einrichtung.
Aber in solchen Fällen hilft auch keine Impfpflicht, sondern eine deutliche Ansprache der jeweiligen Ideologieträger und ihrer Gefolgschaft, ohne dass man dazu ein spezielles Gesetz mit Sanktionspotential benötigt. Die Experten fordern so ein Gesetz ja wohl auch nicht, sondern nur ein Minister.

Dass der Hype je nach Medium auch noch von dämlichen Symbolbildern und Symbolfilmen der Kategorie „Spritze sticht im Fleisch“ begleitet wird, verursacht zudem Schmerzen.

Konsultative Bürgerbefragung oder die Mehrheit der Deutschen

In der vorherrschenden Demokratie gilt der Bürger als Souverän. Er sagt letztlich, was zu tun und zu lassen ist. Dem Demokratietheoretiker Rousseau ist bereits im 18. Jahrhundert aufgefallen, dass der einzelne Bürger zwar für die Meinungsbildung wichtig ist, aber nicht über ein Hochrechnungsverfahren die Politik bestimmen sollte. Rousseau unterscheidet deshalb den Willen vieler Einzelner (volonté de tous) vom Gemeinwillen (volonté générale), der schließlich als ausschlaggebend dafür angesehen wird, was politisch verwirklicht werden soll und dann auch nur sehr komplex zustande kommt. Es geht also um weit mehr als das, was einer sagt oder mehrere Menschen sagen. Und erst recht um viel mehr als das, was einer sagt, der behauptet, für das Volk zu sprechen.

Wir haben deshalb nach vielen Experimenten mit der Demokratie herausgearbeitet, dass in Verbindung mit einer zuverlässigen Rechtsstaatlichkeit die Auseinandersetzung mit politischen Positionen noch am ehesten einen Gemeinwillen hervorbringt.

In der direkten Demokratie, in der sich alle Akteure von Angesicht zu Angesicht sehen, geht es ursprünglich um das Palaver, die Debatten im Vorfeld. Die Abstimmung ist also nur der Schluss, also weit mehr als ein individuelles Handheben. Sie ist an das Erfordernis zum Gemeinwohl rückgebunden und behält beispielsweise auch schützenswerte Minderheitspositionen im Blick. Die direkte Demokratie ist unverzichtbarer Standard, so lange die Zahl der Bürger überschaubar ist. Man wählt mit diesem Verfahren auch gern Klassensprecher und Vereinsvorsitzende.

In demokratischen Rätesystemen, die bisher nur selten ausprobiert werden konnten, gab es stets Probleme mit einem mehr oder weniger imperativen oder gewissensbasierten Mandat auf dem Weg durch die Räte und der Entscheidung darüber, welche Mehrheit entscheidend sein soll.

Das parlamentarische Demokratiessystem hat sich, was Staaten und ihre regionalen Untergliederungen betrifft, bewährt und wird ständig weiterentwickelt.

Gewählte Volksvertreter bilden ein Parlament auf Zeit. Der Bürger greift nur bei den Wahlen ein, und bringt seine vordiskutierten Erfahrungen mit den Volksvertretern und politischen Herausforderungen auf den Punkt. Politische Debatten werden also nicht nur ins Parlament verlagert, die allgemeine Auseinandersetzung behält ihre Priorität. Der Mandatsträger ist nicht mächtig.

Die Parteien bieten nun ein in Programme verlängertes und konkretisiertes Welt- und Menschenbild den potentiellen Wählern an. Gleichzeitig nehmen sie im Idealfall an politischen Diskursen zu priorisierten Fragestellungen teil, die dann ins Konzept passen, oder eine Erweiterung oder Umgestaltung des Programms erfordern. Politische Parteien haben also einen Markenkern, an dem man sie auch über lange Zeit wiedererkennen kann und folgen dennoch irgendwie dem Zeitgeist.

Bisweilen fällt es ihnen schwer, ihren Markenkern hochzuhalten, wenn damit parlamentarische Mehrheiten schwinden. Sie sind dann geneigt, sich mit argumentativer Spitzfindigkeit als konservativ und gleichzeitig flexibel zu inszenieren. Der Bürger folgt dem oft nicht so gern, wenn es als Rechtfertigung ankommt.

Die Fortschritte in der Wissenschaft rund um die Demoskopie macht den Parteien allerdings ebenfalls zu schaffen. Die Demoskopie spiegelt, kulminiert in der beliebten Sonntagsfrage – „Wenn Sonntag gewählt würde … “ -, den Willen der vielen Einzelnen (volonté de tous) in die öffentliche Auseinandersetzung und zeigt den Parteien auf, wie sie – auch abseits des eigenen Profils – zu Mehrheiten kommen oder doch zumindest Verluste vermeiden können. Die parlamentarische Mehrheit ist ein bevorzugtes Ziel zur Politikgestaltung aller Parteien. Sie verstricken sich in Kämpfen um Anteile und verlieren den Gemeinwillen (volonté générale) dabei nicht selten aus dem Blick. Bisweilen büßen die Parteien dabei ihren Wiedererkennungswert bis zur Existenzkrise ein.

In solchen Situationen erinnern sie sich gern daran, was der Wähler eigentlich will und neigen dazu, mit der überlegenen Demoskopie zu konkurrieren und das Volk zu befragen. Sie offenbaren also eine fehlende Volksnähe und zeigen, dass ihre politische Diskurse nur noch in Schonräumen ablaufen. Eine Krise des parlamentarischen Systems ist offen sichtlich. Die Bürgerverdrossenheit der Parteien deuten sie um in eine Politikverdrossenheit der Bürger und planen eine Inszenierung und Instrumentalisierung der Bürgernähe. Volksbefragungen sind neuerdings angesagt, vielleicht auch deshalb, weil allein populistisch ausgerichtete neue Parteien mit dem Thema Volksbefragung punkten. Dabei sind Volksbefragungen in der parlamentarischen Demokratie systemfremd, denn der Bürger hat ja für eine festgelegte Zeit, sein Mandat an Abgeordnete weitergegeben, die ja eigentlich wissen müssen, was ihre Wähler wollen. Bürgerentscheide in parlamentarischen Demokratien sind meistens ein Eingeständnis der Hilflosigkeit und werden dann zur Instrumentalisierung des Wählers und zur Simulation einer Bürgernähe eingesetzt oder gar zur Erziehung des Bürgers zu einer Partei hin. Nicht selten sind Volksbefragung aber nur ein Fuß in der Tür für ansonsten machtlose Sonderlinge, wie das Brexitverfahren zeigt.

Die jetzt diskutierte „konsultative Bürgerbefragung“ – vorwiegend in der SPD in Berlin – wäre die Spitze der Bürgerfeindlichkeit, weil man die Bedeutungslosigkeit direkt mitliefern würde. Sie ist dann eben nur konsultativ, also ein unverbindlicher Ratschlag. Sie würde zudem viel Geld kosten, während Demoskopen mit einem Bruchteil der Kosten viel schneller zum gleichen Ergebnis kommen würden. Offenbar ist dabei auch das Ergebnis für die Parteien sehr viel interessante, als das Zustandekommen, sonst wären Gespräche mit Bürgern im Parteialltag das Mittel der Wahl und nicht das Schielen nach der Zahl. 

Befeuerung

Tja, das passiert unweigerlich, wenn ein Symbol, wie die Notre Dame in Paris, abbrennt:

Die Süddeutsche floskelt los:
„Der Großbrand in dem Wahrzeichen Frankreichs kam aus dem Nichts und hielt die ganze Welt in Atem. Sechs Stunden später ist klar: Die Kathedrale ist gerettet, die Wunde ist dennoch tief.“

Und prompt wird die Süddeutsche noch im Kommentar getoppt:
„Funkenflug mitten ins Herz.“

Und der Tagesspiegel sowie die Welt beklagen voyeuristisch, dass die öffentlich-rechtlichen Medien gar das Ereignis verschlafen haben, weil keine Sondersendung nach Art des „Brennpunkts“ (sic!) ausgepackt wurde: „Notre-Dame brennt – und die ARD pennt.“

Und allerlei reiche Leute laden auch noch zu Spende ein:
Der ambitionierte CDUler Friedrich Merz tut das auch.

Dabei ist es ja so:
Floskeln verstopfen nur die Kommunikationskanäle und Spendenaufrufe gaukeln Solidarität vor, um den Abstand zwischen Arm und Reich zu vergrößern, wie bei jeder Sammelaktion und jeder Lotterie. – Unter gerechten Lebensbedingungen wäre das ja wirklich ganz okay. Floskeln könnten dann auch im Giftschrank bleiben.

Ich glaube aber fest, dass die mediale Berichterstattung ein Volk von Schaulustigen und Gaffern züchtet, die bei Verkehrsunfällen in ihrer Lebenswelt noch geächtet werden, aber gebraucht werden, um selbstredende endlose Flammen einer Kirche zu betrachten, denen kein Journalist etwas hinzu zu fügend vermag, damit die Trauerquote der Betroffenheit und Anteilnahme hoch gehandelt werden kann.