Wen zu wählen ich geneigt bin

Wohl seit über 50. Jahren steht auf der Todo-Liste aller politischen Parteien eine Steuerreform mit einem deutlich gerechten Ergebnis. Insbesondere reiche Menschen werden ohne akzeptablen Grund reicher und andere ärmer. Zweifel daran bestehen nicht.
Wenn nun Parteien gewählt werden wollen und zu diesem Zweck eine Steuerreform ankündigen, dann glaube ich kein Wort, denn schließlich waren alle bisherigen Ankündigungen erfolglos. Dafür kann auch kein mieser Koalitionspartner oder eine Partei verantwortlich gemacht werden, in der ab heute angeblich alles besser sein soll.
Ich würde eine Partei also nicht auf der Basis von Versprechungen wertschätzen, sondern erst nach einer wirksamen Steuerreform.
Rund um solche Grundmarken demokratischer Politik wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Wohlstand, Zuverlässigkeit und Sicherheit, gibt es noch viele andere Themen, zu denen das Gleiche zu sagen wäre.
Zur Wahl stehen für mich also nur Parteien, wenn sie einmal etwas bewegt haben werden und zur Not solche Parteien, die noch nie in einer Regierungsverantwortung waren und zumindest über halbwegs biophile Konzepte verfügen. Zwischenzeitlich wende ich mich gern Parteien zu, die das politische Kabarett in die Parlamente tragen. Sie stärken die allgemeine politische Sensibilität grundlegend, auch wenn andere nichts liefern.

Namen als Nichtalleinstellungsmerkmal

Namen sind heutzutage hauptsächlich schöner Schall. Wenn der Name auch noch bedeutungsfrei ist, ist es noch besser: Namen erzeugen Aufmerksamkeit und lassen sich individuell mit Bedeutung füllen. Manchmal wird sogar im Zeitgeist eine Bedeutung abgeschnitten, um bestimmten Bedeutungsbesetzungen auszuweichen.

Damals war das anders. Man begnügte sich mit weitaus weniger Namen, verwendete sie in jeder Generation wieder neu. Als ein verwitweter Großonkel mit seiner ebenfalls verwitweten Schwägerin in der Not zusammenzog, war dort immer von „minnem Heini“ und „dinnem Heini“ die Rede, um die vereinte Kinderschar zu differenzieren. Man verband Vornamen aber auch gern bewusst mit einem mutmaßlich Heiligen der dann zeitlebens über dem Namensinhaber schwebte. Das Großstadtleben ermöglichte die ersten Nischen, davon abzuweichen.

Ich sollte ja nach einem Urgroßonkel, der am Rand der Weltgeschichte wohl hervorragend in Erscheinung getreten ist, Robert heißen. Meine Mutter mochte den Namen aber nicht und nutzte den Kompromiss, auf den ähnlich klingenden Namen Norbert auszuweichen. Deshalb blieb mir zum Glück Detlev erspart und ich wusste auch bald, was Kompromisse sind. Ich war in eine bis heute merkwürdige Verbindung mit dem historischen Bischof von Xanten hinein geboren. Xanten ist ja auch nicht weit weg. Und so trage ich bis heute dies als Folklore mit. Im Xantener Dom habe ich keine Privilegien. Ich nutze aber mein Leben gern für das eine und andere selbstbestimmte und bedeutungsstarke Pseudonym.

Als Norbert bin in guter Gesellschaft. Es gibt sehr viele Norberts in meinem Alter. Offenbar war der Zeitgeist immer schon mächtig, aber früher doch eher verdeckt auf verschlungene Pfade angewiesen.

Jedenfalls heißt ein guter Freund aus Kindertagen ebenso. Es ist trotz vieler Eigentümlichkeiten wie bei Zwillingen: Die Norberts sind doch irgendwie alle gleich auffällig. Ich kann das aber nicht bestätigen. Wir teilen den Nam’stag, der ohne die Namensgleichheit längst in Vergessenheit geraten wäre. Dabei war der Namenstag einmal bedeutungsvoller als der Geburtstag, jedenfalls in katholisch geprägten Gegenden. Auf Kalendern waren geläufige Namenstage vermerkt.

Norbert und ich gratulieren uns immer am 6. Juni und lachen uns kaputt in einer weitgehend verständnislosen Welt.

Namenstagsgeschenk? – Da sagst du was!

Alles offen!

Dass die neue Landesregierung in NRW nun ein Paket verkaufsoffener Sonntage auf den Weg geben will, hat den Geschmack der Klientelpolitik, wie sie die FDP kocht und fügt sich nicht in eine abgestimmte Koalitionspolitik. Offenbar werden vor allem Anteile an der Politik als Ressorts verteilt, die dann jede der Parteien für sich allein ausfüllt.
Dabei gäbe es im politischen Diskurs um solche Sonntage viel zu sagen: Solche Tage vermehren das lockere Geld in den Taschen der Bürger nicht. Bestenfalls kanalisieren sie die Kaufkraft Richtung Sonntag zu Lasten der anderen Wochentage. Vielleicht kanalisieren sie auch etwas Geld in andere Branchen, also weg von Gemüse und Brot hin zum Sommerkleid nebst Fidgetspinner für die Kinder. Gewerkschaften fürchten die unbegrenzte Verfügbarkeit und Ausbeutung ihrer Mitglieder. Und die Kirchen halten einen Tag in der Woche für erstrebenswert, an dem wirklich mal Ruhe ist.
Der verkaufsoffene Sonntag dient ja eigentlich auch nur dazu, dem Rad des Konsums keine Pause zu gönnen, damit der Bürger nicht vielleicht doch im Moratorium auf den störend guten Gedanken kommt, seinen Reichtum ganz anders zu begründen als mit den Waren, die er haben will und die den Konsum voran treiben.
Unter dem Aspekt der Toleranz würde ich mich nicht einmal gegen solche Sonntage wehren. Ich werde von ihnen ja nicht aus den Citylagen vertrieben und kann mich getrost an anderen Stellen der Stadt und dem Land dem widmen, was mir gefällt. Ich finde keinen Reiz dabei, mich sonntäglich durch Geschäfte zu wühlen und dann noch eine Bratwurst nebenbei zu essen. Wer nichts ausgeben möchte oder kann, fühlt sich dort ohnehin deplatziert.
Stell dir vor, es ist verkaufsoffener Sonntag und niemand geht hin! (frei nach Brecht).
Eine wunderbare Vorstellung — und zum Schluss kommt niemand auf die Idee, verkaufsoffene Sonntage haben zu wollen und der Markt regelt doch alles selbst — wenn der Konsument mündig agiert. Es ist eine Schnapsidee, Zeiten und Orte für einen neuen Markt zu bündeln, um immer noch etwas mehr zu haben. Jetzt fehlt nur noch der 8 Wochentag. Leider haben wir dazu das erforderliche 13. Monatsgehalt bereits fast wieder abgeschafft.

Kunst abseits der Metropolen

Kunst und Kultur haben für mich eine herausragend Bedeutung, weil sie Selbstverständlichkeiten mit weiterführenden Blickwinkeln ausstatten, ohne mich zu belehren und mich letztlich schadlos entführen.
Die Szene der Veranstalter von kulturellen Ereignissen konzentriert sich nicht nur auf Metropolen, sondern ist auch außerhalb der Städte in bemerkenswerter Qualität zu finden.
Jede Kommune hat ja ihr Kulturamt. Und wenn es nicht zum eigenen Theater reicht, wird doch stets versucht, ein Kulturprogramm zusammen zu kaufen. Mancher Kulturreferent hat ein Händchen dafür, seinen finanziellen Spielraum und seine Ambitionen in der Kooperation mit Agenturen zu hochwertigen Programmen zu verdichten.
Ich berichte hier gern einmal über das Kleinkunstprogramm der Kultur GmbH in der Stadthalle Erkelenz, ein Betrieb der Stadt, der die Aufgaben des Kulturamts ausfüllt.
Da sitzen rührige Leute, denen die Arbeit offensichtlich Spaß macht. Die Stadthalle, die den Charme aller Multifunktionshalle hat, wird passend zum Ereignis hergerichtet, meistens mit einzelnen, runden und durchnummerierten Tischen mit Kerzen, im Eingangsbereich gibt es Getränke und häufig steht auch noch ein Foodtruck vor der Tür. Das alles macht die Halle zum Erlebnisraum. Parkplätze gibt es reichlich und das ganze ist sogar aus benachbarten Städten schneller zu erreichen, als so manche Bühne in Innenstadtlagen. Im Moment läuft beispielsweise eine Kleinkunstreihe, die mir sehr gut gefällt. Service und Preise sind gut und günstig. Man fühlt sich frei, Abweichungen vom Mainstream mit Gewinn aufzunehmen.
Ich empfehle also dringend die Kultur aus dem eher ländlichen Bereich, auch wenn die an den Finanzen orientierten Kulturpolitiker das aus anderen Orten anreisende Publikum nicht gern sehen. Aber wir kennen das ja aus der Weltpolitik: Protektionismus führt zur Verarmung.
Ein weiteres Highlight der Kultur dieser ist im übrigen die Open-air-Arena der Burg Wilhelmstein in Würselen in der auch ein mitgebrachtes Picknick gern gesehen ist. Da ist bald wieder blind date …

Versprochen!

Dass Politiker viel versprechen und wenig halten ist eine Binsenweisheit, auch wenn Politiker so tun, als ob es nicht so ist.
Aber sie sind wirklich in einem unauflöslichen Dilemma.
Wer mehr verspricht als der andere, ist im Vorteil. Man muss also alles versprechen, was der geneigte Wähler gern mag. Wenn man dann nicht gewählt wird, dann ist das ja nicht so schlimm, weil für diesen Fall die Erfüllung der Versprechen ohnehin ausgeschlossen ist. Wenn man allerdings gewinnt, dann wird es ernst.
Man wird dann klammheimlich die ausbleibenden Reformen verschweigen und sehr stark kleine Showeffekte an die große Glocke hängen oder Koalitionspartnern zuschreiben, dass sie dagegen waren,

bestimmte Versprechungen zu realisieren. Beliebt ist es auch, Erfolge zu behaupten und im postfaktischen Zeitalter knallhart zu belegen. Dabei stellt sich dann heraus, dass behauptete Erfolge meistens nicht so ganz wahr bis Unwahr sind. Der WDR hat in seiner Reihe #wahlwatch „Der Faktencheck zur NRW-Landtagswahl“ erstmalig die Probe aufs Exempel gemacht und die ganze Szene der Berufspolitiker entlarvt, die Fakten mehr oder weniger ihrem präsentierten Selbstbild geopfert zu haben. Zum Schluss bleiben diejenigen Politiker mit ihren Parteien glaubwürdig, die in der Opposition noch nie ihre Versprechen realisieren mussten. Aber meistens geht die Sache trotzdem für die Politiker gut aus, die ihre Versprechen niemals erfüllt haben. Sie haben den Wähler daran gewöhnt, dass er sie wegen der versprochenen Steuerreform wählt, die dann allerdings im Kern immer wieder über Jahrzehnte aufgeschoben wird.

S E N S A T I O N

Es ist sensationell und die Begeisterung ist grenzenlos.
Eine Sensation erlebt man nicht alle Tage. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass Sensationen rar bleiben, damit das Alltägliche und das Seltene nicht ununterscheidbar zusammenwachsen. Die Begeisterung, also die Gefühlslage, die der Sensation im positiven Fall folgt, ist ursprünglich ebenso selten.
Doch es ist wie beim Abitur. Die Maßstäbe werden verschoben und was früher ausreichend war ist heute bereits gut. Die Bandbreite bleibt zwar, aber die Skala ändert sich. Die Besten und die Schlechtesten unterscheidet nur noch die Stelle nach dem Komma.
Ist man gefällig, oder auch selbstgefällig, dann neigt man dazu, einfach nur den Sprachgebrauch zu ändern und eine Suppe oder eine andere Bastelarbeit ohne Not als Sensation zu bezeichnen und zu sagen, dass man begeistert ist.
Wenn alle Welt Beachtung sucht, dann ist oft schon der Zweitplatzierte außerhalb des Interesses. Die Konkurrenz ist hart.
Der kleine Erfinder neigt dazu, in seiner geschäftstüchtigen Selbstgefälligkeit seine Erfindung selbst als Sensation anzupreisen und er behauptet schon bald, alle Welt wäre davon restlos begeistert.
Liebe Freunde von Sensationen und gefühlter Begeisterung, dreht mal einen Gang zurück. Die Nummer schaufelt sich ihr eigenes Grab und wir ersticken in Sensationen, und begleitenden Gefühlen, die jede Entspannung unmöglich machen.
Bei näherem Hingucken erweisen sich die meisten präsentierten Sensationen als suboptimal sensationell und das Gefühl der Begeisterung muss ebenso häufig als Floskel gedeutet werden, die die tatsächlichen Gefühle versteckt und nicht abbilden.
Die Sprache des Marketings ist ungeeignet, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen, in dem Unterscheidungen noch bezeichnet und ausgedrückt werden können und die Gefühle angemessen sind – mal so und mal so.

Morgen denke ich über traumhaft nach …

Die Pipi-Langstrumpf-Kaserne

Es werden neue Namen für Kasernen gesucht, deren Namen als Aushängeschilder ja immer schon fragwürdig waren, ohne dass wirksam gefragt wurde, ob dieser oder jener Name wirklich sein muss.

Die letzten Realschulen mit Namen verdienter Nazis heißen mittlerweile Pippi-Langstrumpf-Schule, damit nichts mehr schief gehen kann, denn Namen sind ja auf Dauer angelegt.
Nun sind die Kasernen dran.
Die Rommel-Kaserne ist nach einem ziemlich genialen Kriegshandwerker im 2. Weltkrieg benannt, dem lange Zeit ein edles Seelenleben zugeordnet wurde. Auch das ist nun nicht mehr haltbar. Die Tilly-Kaserne trägt einen Feldherrn im Schilde, der im 30-jährigen Krieg sehr viel Leid befehligt hat. Das ist ja auch nicht viel besser. Jetzt müsste man auf Heinrich-Böll zurück greifen, der den Krieg gut kannte und Pazifist war. Er würde sich allerdings im Grab herumdrehen, wenn eine Kaserne nach ihm benannt würde. Es gab dann auch noch bis 2014 die Alfred-Delp-Kaserne in Donauwörth, benannt nach einem katholischen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, der wohl nie aktiv mit dem Kriegshandwerk zu tun hatte. Man wird nie erfahren, ob er der Namensgebung zugestimmt hätte.
Die Namen gehen aus. Es bleiben Bezeichnungen wie Wald-und-Wiesen-Kaserne oder Kaubitzen-und-Granaten-Kaserne oder Kaserne1-Köln. Das alles ist nicht überzeugend.
Schließlich läuft dann doch wieder alles auf die Pippi-Langstrumpf-Kaserne hinaus.
Mir soll es recht sein!


Zum gleichen Themenkreis:

Schwarzbraun

Jetzt landet das Verteidigungsministerium in der Riege aller Volkstheater:
Ein Liederbuch der Bundeswehr kommt auf den Index. Das Panzerlied und das Lied von der schwarzbraunen Haselnuss wurden beispielsweise als unwürdig markiert.
Die Soldaten der Bundeswehr singen diese Lieder überall und öffentlich seit 60 Jahren. Da mag ich nicht glauben, dass das niemand gehört hat oder dass niemand je ein befohlenes Lied zu singen verweigert hat.
Dort im Ministerium wird nun Volkstheateraktionismus außer Rand und Band und ohne Verstand inszeniert, um irgendetwas zu retten, was offenbar niemand so genau kennt. Vielleicht ist es ja nur die Ministerin.
Meine Empfehlung als Marschlied ist auf alle Fälle „Yellow Submarine“ von den Beatles — wenn man denn überhaupt marschieren will.


Zum gleichen Themenkreis ••:

Der Staub der Jahre

Der Generalinspekteur ordnet gerade die Durchsuchung aller Kasernen an, um fragwürdige Symbole des rechtsradikal interpretierten Kriegshandwerks aufzuspüren.
Er kritisiert damit – zu Recht oder zu Unrecht – die alltägliche Arbeit der Kompaniefeldwebel und die vor dem Wochenende üblichen Kontrollen aller Stuben und Reinigungsreviere. Es ist nicht anzunehmen, dass die von dem Inspekteur erwartete neue Sensibilität etwas hervor bringt, das die Standardaugen nicht schon zigmal gesehen haben. Offenbar ist es mit dem Vertrauen in die Urteilskraft der bereits etwas beförderten Soldaten nicht weit her.
Ich erinnere mich an ein Beispiel gänzlich anderer Art: In meiner Wehrpflichtzeit gab es im Eingangsbereich des Kompaniegebäudes einen Schaukasten mit Texten und Gegenständen zum politischen Zeitgeschehen, den ich abwechselnd mit einigen anderen aktuell gestalten durfte. Es wurde deutlich betont, dass eine Zensur nicht stattfindet. Sobald der Kasten dann aber gestaltet war, haben der Kompaniechef und der Kompaniefeldwebel die Arbeiten begutachtet und die Verantwortlichen gebeten, das eine oder andere zu ändern. Die Diskussionen darüber waren ziemlich blödsinnig, weil stets das besser Wissen fehlte. Manchmal wurde man gar in der Liste der Schaukastengestalter heimlich nach hinten verschoben.
Man sieht an beiden Beispielen, dass das propagierte Idealbild des Bürgers in Uniform bis heute eher uniform bewahrend ist und sich möglicherweise auch an Hakenkreuzen kaum stören mag, wenn sie erst einmal überliefert sind und Staub angesetzt haben. Irgendwelche humanen Innovationsschübe kann man weit und breit nicht ausmachen.
Nur zur Vollständigkeit: Ich wurde nie als Kriegsdienstverweigerer anerkannt und hatte aber eine gesellige, lehrreiche 18-monatige Wehrpflichtzeit und einen allseits hoch geachteten Status.

Integration in schwierigem Gelände …

Die Türken haben mit dem Ja nicht für die Verfassungsreform gestimmt und – wie es so aussieht – auch nicht für Erdoğan, sondern gegen Deutschland, das sie systematisch vernachlässigt.

Man möchte differenzieren und wird dann doch wieder derart grobschlächtig pauschal.
Wie ist das denn nun mit der Integration im allgemeinen und mit den Türken im besonderen?


In Deutschland gibt es ein gefälliges Schweigen über die Integration, so als habe man sich bereits vor der Ankunft fremder Menschen einstimmig darauf geeinigt, was das sein soll. Wenn die Fremden nicht mehr als solche zu hören und zu sehen sind -so sagt es gern der befragte Bürger – dann ist die Integration wohl gelungen. Aber dem liegt die erzkonservative Phantasie zugrunde, die Integration sei allein eine engagierte Anpassungsleistung des Fremden. Der Deutsche sagt nur, wie er es denn gern hätte. Wenn du so bleiben willst, wie du bist, dann kannst du das als eine gute Sache deuten. Aber wie schrecklich würde es ausgehen, wenn dein Nachbar sich von dir gar nicht mehr unterscheidet? Ihr würdet nicht einmal mehr miteinander reden brauchen, sondern würdet zum selben Bier Jahr für Jahr die selben alten Lieder gemeinsam singen. Eigentlich sind wir partiell ja auch schon viel weiter: Im direkten Kontakt mit dem Fremden erfahren beide Seiten abweichende Sichten auf die Welt, neue Möglichkeiten des Handelns und viel Respekt. Und die Vielfalt wird als Gewinn gedeutet. Es wäre ein Verlust, wenn der Fremde nur als Schützenkönig zeigen kann, wie verdammt gut er integriert ist.


Bei den Türken ist das nicht anders. Es gibt aber Besonderheiten, die dem zugereisten Türken schnell vermitteln, er würde in einer exterritorialen Provinz seines Herkunftslandes leben. Es gibt, über die Jahre gewachsen, größere Familien und Verwandtschaftsbeziehungen in denen sich der Kontakt nach außen auf wenige Personen delegieren lässt. Es gibt Infrastrukturen, die oft flächendeckend den Konsum, die Religionsausübung, die Politik, die Kultur und die Folklore ohne einen erkennbaren Integrationsanspruch und in türkischer Sprache ermöglichen. Die Elemente dieser Infrastruktur holen den Glanz des großtürkischen Reichs zurück und folgen damit auch der für Weltbürger höchst gewöhnungsbedürftigen Überbetonung alles Türkischen. Das hat eine Tradition, die Atatürk über die Zeit sogar mit Erdoğan verbindet. In einem Fahnenmeer verzehrt sich eine großsolidarische Türkischtümelei, die bereits vor Jahren von Erdoğan in seinen exterritorialen Wahlkampftreden bedient wurde: Alle sollen fleißig Anpassungen im fremden Land leisten, und dabei nie vergessen, dass sie das alles nur für die Türkei tun. Erdoğans Erwartungen an die Gesellschaft und an den Einzelnen Fällen zusammen. Eine Diversität ist nicht vorgesehen. So kommod lässt sich Leben, wenn man sich als Fremder so erzkonservativ einrichtet, wie es dem beliebtesten deutschen Integrationsverständnis entspricht, obwohl man es sich ja eigentlich als Fremder nicht leisten kann. Die weitgehende Abkapselung türkischer Lebenswelten macht das aber möglich. Es ist also ein Missverständnis, wenn auf diese Art und Weise die Fremden zu Einheimischen der exterritorialen Extraklasse werden. Größere Institutionen in der türkischen Community tun aber alles dafür, die Idee der türkischen Provinz in Deutschland zu füttern und haben Zuspruch damit. Das alles wird über die grenzenlos zusammengewachsene Medienwelt zusätzlich unterstützt. Kein Fremder muss deutsche Nachrichten hören, sehen oder lesen, wenn er Türke ist. In Deutschland wird türkischer Wahlkampf betrieben und niemandem fällt auf, dass die Souveränität eines Landes an dessen Grenzen endet. Es wird in einem stark laizistisch ausgerichteten Land, die in der Türkei dominante Religion über eine spezifische türkische Staatsbehörde so ausgebaut, dass den Menschen in der Auslandsprovinz jederzeit gesagt werden kann, was für sie gut sein soll und er wird sogar bespitzelt.


Im Alltag und an der Nahtstelle zum deutschen Leben gibt es allerdings zahlreiche Verwerfungen, die sich mit den Mitteln der türkischen Community kaum verstehen, geschweige denn bewältigen lassen. Wenn es um die unvermeidlichen Kontakte zu deutschen Institutionen geht, dann muss der Enkel oft dem Arzt die Symptome der Großmutter schildern, bevölkern Großfamilien Krankenhauszimmer, fordern zahlreiche türkische Institutionen im Schulterschluss mit ihrem Klientel, eine Möbelkette zu boykottieren, weil sie Fußmatten mit dem Symbol einer Moschee anbietet. Es werden auf Wunsch türkischer Institutionen mit dem Ziel der Integration Erwachsenenbildungsveranstaltungen mit deutschen Integrationsmitteln gefördert, in denen schließlich bei aller propagierte Offenheit Türken unter sich sind. Und bleiben. List man allein die Webseiten aus den in Deutschland tätigen türkischen Communitys, liest man kaum etwas auf Deutsch und die Phalanx der Vorsitzenden ist wichtiger als der Inhalt. Alle Ziele sind beanstandungslos, Belege über die Verwirklichung sind dürftig. Dazu gibt es unzählige weitere Beispiele.


Die Toleranz, die Freiheitsrechte nach sich ziehen, schwappt bisweilen in die Gleichgültigkeit, in der solch fragwürdige Entwicklungen von und in Konkurrenzgesellschaften gern übersehen werden. Man guckt hin und fragt erst, wenn es unübersehbar ist. Es wäre hilfreich, so etwas zeitiger zum Thema zu machen.


Nun ist es so, dass es sehr viele Menschen aus der Türkei gibt, die hier so heimisch geworden sind, dass sie sich vorrangig und autonom außerhalb türkischer Lebenswelten orientieren. Selbst wenn sich an türkischen Operettenabstimmungen teilnehmen können, entscheiden sie sich gern mit demokratischen Anspruch dagegen. Sie sind unter den ca. 50% derer zu finden, die – aus welchen anderen Gründen auch immer – nicht gewählt haben.
Das selbst gemachte Problem mit der Volksabstimmung in der Türkei auf der deutschen Seite besteht wohl darin, dass es überhaupt zwei konkurrierende Integrationswege bei beiderseits defizitärem Integrationsverständnis gibt. In solchen Situationen der Konkurrenz neigt man dazu, die Konfliktlinien zum eigenen Wohl zu verschieben und einen Schuldigen zu suchen. Der Fremde war immer schon Schuld und für den Fremden selbst bleibt nur der Einheimische, der ihn ständig zurück weist.


Es ist klar, dass man dann auch einmal gern eine totalitäre Verfassungsstruktur in der Türkei wählt, um die als abweisend eingeschätzten Deutschen zu treffen. Man nutzt mangels Alternativen ein falsches Objekt und eine fragwürdige Hypothese für ein richtiges Ziel.


Im Alltag versteht das niemand mehr … Es hilft also nur noch das Reden und ich bin sicher, dass sich immer ein guter Gesprächspartner findet.

Siehe auch

 

Der Mannschaftssport ist etwas für Individualisten

Beim Fussball wird ja immer die Mannschaft betont. Selbst der überragende Spieler wird sagen, dass nicht er, sondern die Mannschaft das Spiel so gut gemacht hat. Es ist äußerst verpönt, sich direkt als Superstar zu positionieren. Das macht dann besser doch die geneigte Presse. Privat sind Fußballprofis ganz anders — könnte man mutmaßen. Die Zweisamkeit der Spieler mit ausgesucht präsentablen Frauen ist ja auch zu oberflächlich, um hinter der Fassade der Mannschaft ein Individuum zu finden. Und es wäre ja auch wirklich zu blöde, Individualität im Hang zum Eigentor zu entwickeln.

Und nun kommt es nach dem Terroranschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund, wie es kommen musste. Der Streit darüber, ob man nach so einem Anschlag direkt zur Tagesordnung übergeht oder in der Betroffenheit verweilt, wird direkt für die ganze Mannschaft ausgetragen – entweder, oder – aber das dann doch für alle gleich. Die Psychologen sagen teilweise, man solle nach so einem Ereignis innehalten, also nicht direkt zur Tagesordnung übergehen und den Gedanken ans nächste Spiel aufschieben. Die Psychologen sagen teilweise aber auch, dass die erwünschte Normalität am einfachsten zu erreichen ist, indem man den Kontext der traumatischen Belastung so schnell wie möglich wieder aufsucht.
Lediglich die in sich ruhende Fußballlegende Olli Kahn kommentiert am nächsten Tag wohltuend, dass es ja möglich sei – weil es ja bei so einem Anschlag eigentlich nicht um Fussball geht – dass jeder einen anderen Weg sucht und findet, das einschneidende Ereignis zu bewältigen. Mittlerweile ziehen einige nach.
Aber wo kommen wir da hin, wenn Fussballer als Individualisten nur spielen, wenn und wie sie wollen und die Pläne der Fußballverbände durcheinander bringen. Spätestens an dieser Stelle hört auch für den Fan der Spaß auf. Und die aufgehübschten Frauen drohen in andere Sportarten abzuwandern.
Das Spiel ist als endlose Schleife inszeniert. Der Abpfiff ist der Marker auf der Timeline. Das Spiel löst das Leben ab.

Populismus 2.0 – Showpolitik Kinderehe

Einerseits ist es so, das jeder vernünftige Mensch in Mitteleuropa die Kinderehe ablehnt. Es geht dabei um Ehen, die an anderen Orten wohl üblich sind und dann aber in Deutschland praktiziert werden sollen. Die Regierungsparteien haben mit der gestern verabschiedeten Absicht, die Kinderehe zu verbieten, also nahezu alle Menschen auf ihrer Seite.

Andererseits warnen Experten einstimmig vor solchen Gesetzesinitiativen und begründen das auch: Jurist bestreiten vielfach, dass anderenorts gültige Ehen per Gesetz überhaupt annulliert werden können. Pädagogen sehen unter der Geltung so eines Gesetzes eine angemessene Jugendhilfe als nahezu unmöglich an. Das ganze Instrumentarium der fallbezogenen Analye und Hilfe für ein selbstbestimmtes Leben würde bei pauschalen, gesetzlichen Eingriffen nicht angewendet werden können. Kinderehen sind nicht nur, aber auch, Versuche, Kinder auf einer gefährlichen Flucht sicher und wirksam zu begleiten. Davon erfährt man nichts bei obrigkeitsstaatlichen Eingriffen. Die zwangsweise Auflösung von Großfamilienarrangements zur Kinderheirat haben, in der Kultur bedingt, meist unabsehbare schwerwiegende Folgen für das schutzbedürftige Kind. Nicht selten wird das Kind nach der Zerschlagung des Arrangements erstmals oder abermals traumatisiert und die Zukunft vogelfrei in ständiger Lebensgefahr und ohne vertraute Familienkontakte bewältigen muss.
Es ist also in jedem Fall besser, das Instrumentarium der Jugendhilfe anzuwenden und zu fördern. Hinzu kommt, dass bei allen Gemeinsamkeiten der stets unterschiedlichen Fälle, eine gesetzliche Regelung kaum sinnvoll ist, die ihrem Wesen nach auf wenige äußere Merkmale und zugeordnete Konsequenzen begrenzt ist. Schließlich gibt es in Deutschland aktuell ca. 1500 verheiratete Kinder, unter 14 Jahren sind es ca. 360 Kinder. Solche Fallzahlen machen das bundesweit ohnehin nicht zu einem Problem, das nicht individualisierend zu bewältigen wäre. Wir können uns also getrost mit einfühlsamer pädagogischer Professionalität den Fällen nähern.

Zu beklagen bleibt, dass politische Mehrheiten ihren Mehrwert erhöhen, in dem sie trotz besserer Erkenntnis etwas verbieten wollen und deshalb mit überwältigender Zustimmung aus dem Volk kalkulieren. Man nennt das wohl Populismus im schlechtesten Sinn.