Ein lautes oje in Polizei und Armee

Symbolbild

Polizei und Armee – also Institutionen mit einfacher Befehlshierarchie – empfehlen sich für Menschen, die Vielfalt schlecht ertragen und eine eindeutige Welt brauchen, um mit ihrem Weltbild etwas anfangen zu können. Meist sind sie so erzogen. Nicht alle Polizisten und Soldaten sind so, aber die, die so sind, treten immer mehr in Erscheinung und sie haben es dort eben besonders einfach. Wir finden sie als rechtsradikale Bünde, eingebettet in ein dem gegenüber toleranten Betriebsklima. Beide Institutionen streiten ab, dass es mehr als Einzelfälle gibt. Das entspringt dem konservativen Klima, sich selbst unbedacht als mitten in der Gesellschaft zu definieren und die krassen Abweichler in den eigenen Reihen klein zu reden und vorsorglich als alternative Quelle der Inspiration mitzuziehen. Dass solche Strukturen nur schwer reformierbar sind, zeigt die zunehmende Zahl der scheinbaren „Einzelfälle“ und die Fortführung rechtsradikaler Ausbrüche in Eliteeinheiten der Bundeswehr, trotz aufdeckender Presseberichterstattung  und schärfster Mahnungen aus den zuständigen Ministerien, sich schleunigst auf den Weg zu einem demokratischen und menschenfreundlichen Selbstverständnis zu machen. Aber selbst in der Politik ist man den fragwürdigen Institutionen näher als zugegeben. Sonst würden nicht die Justizministerin und der Innenminister darüber streiten, ob in der Polizei nach Empfehlung der EU untersucht werden soll, welches Ausmaß die rassistisch motivierte Benachteiligung der Bürger hat. Der Innenminister will das nicht, weil für ihn ohnehin nicht sein kann, was bereits verboten ist. Derweil bunkern Polizisten und Soldaten ungeheure Mengen an Sprengstoffe, Munition und Waffen und befeuern rechtsradikale Gruppierungen ideologisch. Im Allgemeinen weiß man, dass solche Kriegswerkzeuge nur den Sinn haben, gebraucht zu werden.

Die neue Wehrbeauftragte Högl kam schnell auf die Idee, dagegen die ruhig gestellte Wehrpflicht wieder zu aktivieren. Die Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer legte nach und kündigte so etwas wie einen neuen Freiwilligendienst in der Armee an. Man will also – wenn man es salopp sagt – die Armee mit bürgerlichem Input zersetzen.

Man kann keine Entwicklungen rückgängig machen, sondern lediglich neu Entwicklungen einleiten. Das Ergebnis wird aber ein anderes sein. In den Zeiten der Wehrpflicht waren die Soldaten ein bunter Querschnitt aus der Bevölkerung. Lange Zeit waren sogar (noch) nicht anerkannte Kriegsdienstverweigerer dabei. Die wenigen Zeit- und Berufssoldaten wurden meist geschnitten oder geduldet und führten zumindest ein Eigenleben. Der konzeptionell als Leitbild vorgesehene „Staatsbürger in Uniform“ hat seit den Anfängen der Bundeswehr früher tatsächlich die Bundeswehr bestimmt und sogar die kriegserfahrenen Militaristen der ersten Stunde neutralisiert. Man würde nun verdammt viele Wehrpflichtige oder Freiwilligendienstleister brauchen, um die Berufskriegshandwerker mit lebhafter Bürgerlichkeit zu zersetzen. Zudem ist eine Armee nie die Lösung eines Problems. Guten Gewissens wird man als Wehrpflichtiger da nicht hin gehen und schon gar nicht mit einem versteckten Umerziehungsauftrag. Für einen Freiwilligendienst fehlt zudem jede Attraktivität. Es sei denn, man spielt gern Krieg oder langweilt sich gern in der hoffentlich unendlichen Kriegsvorbereitung.

Die Fotostrecke

Ich habe gerade eine Fotostrecke gesehen, in der angeblich meine Lieblingsstars ungeschminkt vorgeführt wurden. Es war erschreckend! Keinen einzigen habe ich erkannt. – Echt fies!

Es wird wohl besser für mich sein, wenn ich für mich selbst einen geschminkten Stillstand normiere, anstatt mich durch Wind und Wetter und andere Wechselfälle des Lebens derart dynamisieren zu lassen, dass jeder achtlos an mir vorüber geht, nur weil er mich nicht erkennt.

Zum 1. Mai 2020

Ja, ich habe eine eigene Gewerkschaft.

Ihr könnt Mitglied werden. Der Gewerkschaftsbeitrag ist der gleiche, wie bei anderen Gewerkschaften. Meine Kontonummer teile ich gern mit.

Ich werde nichts für euch tun. Aber das kennt ihr ja schon. Ich werde im Schulterschluss mit allen Arbeitgebern in diesen Zeiten um den Verlust auch jedes sinnlosen Arbeitsplatzes zum Beispiel in den abgehängter Sparten der Energie- und der Reisewirtschaft bangen.

Ich werde die überbordenden Menschenansammlungen zum Tag der Arbeit vorbei am Lockdown in digitale Räume umleiten und dort Arbeiterlieder in allen gängigen Formaten einspielen. Wenn mehrere von euch an der pazifistisch-veganen Gulaschkanone zusammenstehen, dann werde ich immer unter euch sein. Wer schwer solidarisch ist, denkt an sich selbst ohnehin zuletzt.

Ich verspreche: Es wird euch mit meiner Gewerkschaft gewiss nicht schlechter gehen. Es gibt keinen guten Grund, alles beim Alten zu lassen und den Aufbruch zu verschlafen. Wie gesagt: Meine Kontonummer gibt es gratis.

Der Mond

Jeder, der etwas auf sich hält, postet in diesen Tagen ein Foto vom Mond. Im Grund sind alle Bilder gleich, wenn man die unterschiedliche technische Ausführung so eines Fotos vernachlässigt. Es ist ja nun immer der selbe Mond. Dennoch ist der Chronist geneigt, neben dem Datum eine Ortsangabe hinzuzufügen.

Dabei fotografiert er ja nicht Wanne-Eickel, sondern den Mond. Die Chronisten fügen dem Mond also unnütze Informationen hinzu und veranlassen mich, eines dieser Bilder zu entwenden und mit allen erdenklichen Ortsnamen zu klonen und zu veröffentlichen. 

Geh mir weg mit Cranberry …

Ich vertraue meinem Geschmack. Cranberrys sind sauer und schmecken nur dann gut, wenn dazu gesagt wird, dass es „fürchterlich gesund“ ist. So ist der Mensch oft sozialisiert! Aber sie sind gar nicht so gesund, dass es bemerkenswert ist. Man versucht zwar seit Jahren verzweifelt, eine Medizin daraus zu machen und zählt die Vitamine und Spurenelemente auf. Aber all das reicht nicht für einen wirklichen Nachweis.

Klar kann man die Beeren essen, werden sich auch vor 200 Jahren die Siedler in Nordamerika gedacht haben. Denn Not macht erfinderisch.

Mittlerweile sind Cranberrys ein Massenprodukt, das sich schwer vermarkten lässt, weil es viel mehr davon gibt, als die Menschen haben wollen. Cranberrys sind deshalb auf dem Weltmarkt konkurrenzlos billig. Für die weiterverarbeitende Industrie ist es aber ein ideales Produkt. Es wird nahezu automatisch geerntet und problemlos und vielfältig verarbeitet. Die endlosen Felder Nordamerikas werden unter Wasser gesetzt, mit Wasserbewegungen werden die Beeren abgetrennt und dann aus schwimmenden riesigen Teppichen abgesaugt und in die Fabrik verfrachtet. Dort wird man dann auch Zuckerüberschüsse los, weil man dies Beeren sonst überhaupt nicht essen mag. Um die Beeren in den Markt zu drücken bietet man der Lebensmittelindustrie die Beere als billigen Ersatz an, beispielsweise für Rosinen. Aber weil die Cranberry robust ist und fast alles verzeiht, kann man sie auch erfolgreich so verarbeiten, dass sie nach irgend etwas anderem schmeckt. Beliebt sind die Geschmacksrichtungen Kirsche und Heidelbeere. Wenn also mein Kirschjoghurt gar keine Kirschen, sondern Cranberrys erhält, dann ist das ein Erfolg der Vermarktung von Cranberrys und ein Erfolg auf dem Weg, die Kosten für das Endprodukt gering zu halten. Hinzu kommt die Imagewerbung für die Cranberry selbst. Sie ist so erfolgreich, dass viele Leute geneigt sind, sogar Cranberrys als Cranberrys zu verspeisen, weil sie eben als „wahnsinnig gesund“ zu einem überhöhten Preis angeboten werden. Die Chance der Cranberry ist es also, dass sie sich wie kaum etwas anderes zur industriellen Verwertung anbietet und gegen vieles austauschen lässt. Sie steht also der Sojabohne in dieser Hinsicht um nichts nach.

Die Cranberryfarmer können dem Preisverfall kaum standhalten. Die kleineren Farmen geben auf. Die größeren Farmen werden noch größer und rationalisieren noch mehr, und arbeiten erfinderisch an neuen Cranberryprodukten, um am gigantischen, aber sinnlosen Cranberrymarkt zu bestehen. Es geht also mal wieder ums Geld.

Hopp oder Flop

Dass im Spitzenfußball eigennützig Geldbeträge bewegt werden, deren Höhe jede Vorstellung sprengt, ist ein großes Thema in den Medien. Die dumpfen Fans mit Affengebrüll in einer Eliteverkleidung als Kutte oder unerkennbar sind einflusslos auf das, was Vereine mit Mäzenen, Konzernen und Scheichs so inszenieren. Fans in den Stadien haben weder die wirksame Sprache noch die Kommunikationskanäle, sich Gehör zu verschaffen. Ihre Sprache ist speziell für Stadien und die Welten rund um Stadien entwickelt. Dass diese Sprache gefährliche Elemente enthält die dann gern auch mal praktisch werden, zeigt die Polizeipräsenz an jedem Fußballwochenende. Und der Steuerzahler unterhält die Polizei ziemlich ärmlich, wenn man das Geld im Profikerngeschäft als Referenzgröße nimmt. Alles in allem darf man sich nicht beschweren, wenn die langjährig gezüchtete Fankultur so spricht, wie sie es mühsam gelernt hat. Allerdings ist die mediale Aufmerksamkeit diffus. Das, was die Fans zu sagen haben, bleibt irgendwie versteckt. Selbst im TV kann man nicht vollständig lesen, was die Fans da wirklich zu sagen haben. Es bleibt nur der Kommentar, Herr Hopp sei beleidigt worden. Es war lange Zeit zu hoffen, dass der Hype gesprochener und erlittener Beleidigungen abebbt. Die Zeiten der Ehre und der Ehrverletzungen sind ja auch weitgehend Geschichte. Duelle nach Ehrverletzungen finden nur noch verborgen oder im Dunstkreis entwicklungsgestörter Subkulturen statt. Es gibt kaum noch jemanden, der sich beleidigt fühlt, auch wenn ihm böse Sachen entgegen geschleudert werden. Insofern wundert es, dass man so einfach eine Beleidigung ausmacht. Das Beleidigtsein wird gar nicht erst abgefragt. Herr Hopp kann jederzeit Strafanzeige stellen. Aber offenbar sind die Akteuere der vermeintlichen Beleidigung in ihrer Fankultur unangreifbar sicher aufgehoben und tun dort, was sie gelernt haben. Impulse für eine bessere Fankultur kann man nicht ausmachen.

Ich meine, wir sollten das fragwürdige Gebilde Profifußball mit seinen Disfunktionalitäten allein lassen und sich anderen Sportarten zuwenden. Alle Probleme sind ja benannt und die gefragten Akteure sind bekannt, wie auch ihre Einbettung in den international desolaten Verbandsstrukturen. Konkurrenzverhältnisse begünstigen die Suche nach guten Lösungen. Das gilt nicht nur zwischen den Fußballvereinen, sondern auch zwischen den Sportarten. Biathlon ist doch ’ne tolle Sache – oder nicht?

Es ist ganz einfach: Wenn jemand zu mir sagt: „Ich fick deine Mutter!“, dann will er mich gehörig auf die Palme bringen. Über meine Mutter sagt er also nichts. Ein Gefühl, beleidigt zu sein, stellt sich bei mir auch nicht ein. So ähnlich ist das, wenn Herr Hopp in Fußballstadien als „Hurensohn“ tituliert wird. Es findet gerade eine große Bedeutungsverschiebung statt. Das hätte man sich ersparen können, wenn man rechtzeitig geredet hätte. Jetzt ändert man daran nur schwer etwa.

Auf allen Viren

Virulina (Symbolbild)

Wir schreiben das Jahr 2020. Es gibt einen neuen Virus. Er wird im Volksmund Coronavirus genannt, wie er so schön aussieht. Er ist derart neu, dass niemand über irgendwelche Antikörper gefügt, die ihn unschädlich machen könnten. Allerdings ist es auch so, dass gesunde und junge Menschen oft gar nichts vom Virus spüren. Andere allerdings können daran sterben. Man kann die Symptome bekämpfen oder erträglicher machen, aber gegen den Virus selbst ist noch kein Kraut gewachsen. Bis es einen Impfstoff geben wird, ist es die Strategie, die üblichen Wege der Verbreitung über Tröpfcheninfektion zu versperren. Man wäscht sich oft die Hände und meidet öffentliche Ansammlungen von Menschen. Dass man oft Viren verteilt, ohne sich krank zu fühlen, macht den ganze Auftritt des Virus tückisch. Die Menschen ändern ihre Lebensgewohnheiten und kaufen anders ein, als bisher. Verbreitet wird der Vorwurf, Leute würden hamstern und Unmengen Lebensmittel in ihre Kammern schaffen. Es gibt Fotos von leeren Regalen. Aufrufe, das nicht zu tun, haben offenbar keine Wirkung. Desinfektionsmittel und Gesichtsmasken sind ausverkauft und werden sogar in Krankenhäusern geklaut und tauchen sogar auf Märkten wieder auf, weil sich ihr Wert gesteigert hat. Dabei ist ihr Nutzen gegen den Virus für Privatpersonen begrenzt. Allerdings sind die Ärzte und Krankenhäuser an der Materialknappheit auch selbst schuld. Die Vorratshaltung ist schlecht und die Lieferketten sind derart auf Sparsamkeit getrimmt, dass weltweit der Nachschub fehlt, weil die chinesischen Produzenten ausfallen und den chinesischen Markt bedienen.

Das mit den Hamsterkäufen sehe ich zudem vollkommen anders, als es gerade medial vermittelt wird.
Wenn wir, wie gewünscht, unsere Umtriebigkeit reduzieren, was ja zur Verzögerung der Ausbreitung des besagten Virus beiträgt, weil man eben Verbreitungswege reduziert, wenn man also auch verstärkt zu Hause bleibt, dann ändern sich auch die Einkaufsgewohnheiten. Man kauft eher dann, wenn es in den Läden weniger drängelig und hektisch ist und kauft mehr, aber auch seltener. Das Warenangebot richtet sich hauptsächlich danach, was gekauft wird. Wenn sich die Kaufgewohnheiten ändern, dauert es also etwas, bis die Änderung logistisch nachvollzogen ist. Der just-in-time-Ablauf hat also einen kleinen Knick. Wenn beispielsweise jeder Käufer plötzlich zwei Großgebinde Toilettenpapier mitnimmt anstatt einem, dann ist bereits eine Lücke auf der Palette, wie man sie noch nie gesehen hat, die aber dann auch wieder aufgefüllt wird. Der Einkauf folgt den Versorgungsansprüche im Alltag und der Vorratshaltung aus akutem Anlass. Und ab und zu springt dabei auch mal ein Hamster vom Warenbeförderungsband und verschwindet in der Cerealienabteilung. Das ist normal! Es wird selten sein, dass in diesen Zeiten jemand mehrere Großpackungen Hackfleisch in den Kühlschrank stopft.

Die Vorratshaltung ist unter Mensch und sogar im Tierreich immer und überall ein Thema des Überlebens. Sie ist in den tiefsten Schichten der Entwicklung und des Bewusstseins verankert und läuft bereits ab, ohne dass man daran denkt, also im Kleinhirn. Dagegen kann man sich zwar intellektuell positionieren, aber nicht mit Erfolg.

Ach: Eine Apotheke in Bonn bietet gerade erfolgreich 100 ml Sterillium für 32 € an. Ein gutes Geschäft.

Ein kleiner Nachtrag:
Im Jahr 1961, also im kalten Krieg, hat die Bundesregierung alle Bürger mit sehr viel Aufwand zu Hamsterkäufen aufgefordert. Der Grund war die prekäre Sicherheitslage, in der man mit dem Schlimmsten zu rechnen hatte. Es gab sogar besondere Plakate mit Eichhörnchen, den vermeintlichen Superhamstern. Die Aktion war erfolglos. Es fehlte eben das Gefühl, in einer Notlage zu sein.
Das belegt meine These, dass über Hamsterkäufe nicht mit Argumenten entschieden wird.

Diakritika

Ääääää…

Wenn sich aus anderen Sprachen entlehnte Begriffe etabliert haben, fallen gegebenenfalls Diakritika weg, weil sie selten in andereren Sprachen gelten. Die Aussprache wird aber oft beibehalten, allerdings mundartlich angegepasst. So wird aus einem Bon gern einmal ein „Bong“, „Bongbong“ oder „gebongt“.

Ein Begriff wie Premiere ist wegen solcher exklusiven Besonderheiten für Leseanfänger meist nicht zu bewältigen. Sie müssen das Wort als Sonderfall lernen. Warum das Gegenwort Dernière seine Auszeichnung meist beibehält, mag daran liegen, dass sie vergleichsweise selten gefeiert wird. Man kann die Auszeichnung trotzdem weglassen, nimmt dann aber auch dem Leseanfänger einen wichtigen Hinweis auf so eine Besonderheit des Wortes.

Danke şön!

Über die politische Bollwerkstategie im Jahr 2020

Bollwerk (Symbolbild)

Die eher etablierten Parteien in Deutschland haben in den letzten Jahren alte Hilfslinien zum unverrückbaren Bollwerk ausgebaut und ideologisch aufgeladen. Sie nennen das Hufeisentheorie oder Äquidistanzprinzip, um der Sache eine nur scheinbar wissenschaftliche Weihe zu geben. Hinter dem Bollwerk liegen dann die Parteien, die man partout aus der politischen Willensbildung ausklammern will, weil sie das Selbstverständnis im Binnenbereich angreifen und Ziele verfolgen, mit denen man sich so wenig anfreunden kann, dass sie als staatsgefährdend aussortiert werden. Die geheimdienstliche Beobachtung schafft immer wieder Material herbei, die Ausgrenzung zu rechtfertigen. Das Material erscheint beliebig und hält meistens einer Prüfung nicht stand.

In der praktischen Politik hat das Folgen. Es prägt nicht nur die politische Arbeit innerhalb und außerhalb solcher Grenze höchst unterschiedlich, es trifft auch die verfassungsrechtlich verankerten Verfahrensweisen in Parlamenten. In den Thüringer Tagen des Februar 2020 gab es für CDU und FDP die Parteivorgabe, dass rechtsaußerhalb die AfD und linksaußerhalb die LINKE ohne wenn und aber ausgeschlossen waren, sich – wie auch immer – zu einer Kooperation zu verabreden. Der Wähler hatte aber das Parlament so gewählt, dass eine Regierungsbildung unter Beibehaltung der Ausgrenzungsdoktrin nicht möglich sein würde. Dabei hatte das Wahlvolk den bisherigen Regierungschef und seine Partei, die LINKE, mit einem beachtlichen Zuwachs an Wählerstimmen ausgestattet und sich in Umfragen mit großer Zufriedenheit über seine Arbeit geäußert. Unter dem Schwert der Ausgrenzungsdoktrin waren die Akteuere von CDU und FDP also handlungsunfähig für die Entscheidungsfindung im Parlament, ohne dass das allerdings öffentlich auffallen durfte. Man argumentierte gewagt und gewagter mit dem Tenor, dass die anderen Schuld sind, um wenigstens in der Berichterstattung noch vorzukommen. Und weil so eine Fraktion einer Partei eine heterogene Ansammlung ist, gab es auch gedankliche Vorstöße, die Doktrin in irgendeine Richtung zu kippen. Was da so gedacht wurde, das ist bei der nur 5-köpfigen Fraktion der FDP noch unerheblich. Bei der CDU weiß man aber, dass sich in den östlichen Bundesländern ein Flügel kultiviert hat, der eine deutliche Affinität zu Vereinigungen hat, die eher dem ausgegrenzten rechten Spektrum zuzuordnen sind. In der Werte-Union werden beispielsweise Werte vertreten, die die eigentlichen programmatischen Werte der CDU mit rechtem Gedankengut neu interpretieren und ausweiten. Es war also schließlich ein bloßes Symbol, Handlungsfähigkeit unter doktrinären Vorgaben zu demonstrieren, und einen FDP-Mann zum Regierungschef zu wählen, indem die AfD der FDP und der dahinter lauernden CDU fintenreich ihre Stimme für eine Mehrheit gab. Dass das keinen Bestand haben würde, war vielen Akteuren von CDU, FDP und eventuell AfD aber erst nach heftigem öffentlichem Widerstand deutlich.

Bei alledem fällt auf, dass das Reden der CDU von der Mitte die Bedeutung hat, sich selbst in der Mitte des Spinnennetzes zu verorten, gleichgültig, wo man tatsächlich ist.Die Mitte‟ steht wie eine Reviermarkierung sogar vorn auf dem gern präsentierten CDU-eigenen Rednerpult. Man ist damit gleichermaßen Herr über die Bestimmung, was peripher oder gar hinter dem Bollwerk der Doktrin draußen ist. Die Mitte ist dabei abgeleitet vom Mittelwert in der Gaußschen Normalverteilung. Statistiker wissen, dass dort am ehesten die Stimmen für Wahlgewinner zusammenkommen. Das hat sich herumgesprochen. Man ist nach diesem Muster stets dick in der Mitte, wenn man rechts und links potentielle Verbündete im Innenbereichen hinzurechnet, so wie man es gerade braucht. Allerdings wird – wie im gegebenen Fall – das Reservoir knapp, wenn die ausgegrenzten – warum auch immer – den starken Zuspruch des Wählers finden.

Es wird Zeit darüber nachzudenken, und das gilt nicht nur für die Welt der Politik, was einem bei einem doktrinären Verfahren so alles verloren geht außer der Mehrheit. Offenbar ist die Welt ressourcenreicher und vielfältiger, wenn wir über unsere selbstgewählten Bollwerkrand hinaus blicken.

Es ist beileibe nicht so, dass der selbstgewählte und errechnete Durchschnittsbürger das Maß aller Dinge ist. Deshalb habe ich einmal das eigentümliche Verhältnis von Durchschnittsbürger und Außenseiter in der Abfolge von 16 Thesen prinzipiell ausgeleuchtet und also die Bewertung verabscheuungswürdiger Außenseiter und ihrer Gruppierungen erst einmal weggelassen. Es ist – wenn man den Thesen folgt – einfach, damit politisch motivierte Ausgrenzung in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Wir sollten das unbedingt tun!

Vom Durchschnittsbürger und vom Außenseiter

1 • Den Durchschnittsbürger gibt es nicht wirklich, weil er eine statistische Größe ist.
2 • Der Durchschnittsbürger ist jedoch gerade deshalb wichtig. Denn er verhält sich genau so, wie man es am ehesten von einem (x-beliebigen) Menschen erwarten kann. Insofern kann gerade er als vollkommen normal eingestuft werden.
3 • Wenn die Menschen in ihrem Verhalten, Denken und Fühlen dem Durchschnittsbürger nahekommen, dann können sie problemlos leben, weil sie sich fast naht- und reibungslos in die herrschenden Erwartungen einfügen und deshalb als normal gelten.
4 • Der Durchschnittsbürger ist (statistisch) so festgelegt, dass jeder Bürger – wenn auch nur ein wenig – durch sein Verhalten, Denken und Fühlen den Durchschnittsbürger und damit die Richt-Schnur für problemlos-angepasstes Leben mitbestimmt, unabhängig
davon, wie er sich tatsächlich verhält.
5 • Erhebt man den Durchschnittsbürger zum Ideal, dann ergeben sich jedoch Schwierigkeiten: problemloses Sicheinfügen geht mit dem Verzicht auf Mitbestimmung und dem Verzicht auf Zielsetzung einher, denn als Durchschnittsbürger bestimmt man ja (scheinbar) immer nur das mit, was man immer schon vorfindet. Das Ziel des Durchschnittsbürgers wird somit die Gegenwart als status quo.
6 • Die Frage nach dem wünschenswerten Durchschnittsbürger (der Zukunft) kann nur einer Abweichung vom Ideal des (statistischen) Durchschnittsbürgers den Weg ebnen.
7 • Der Wille des Durchschnittsbürgers (volonté de tous) repräsentiert – wenngleich er oft bestimmend ist – offenbar nicht den Gemeinwillen (volonté général).
8 • Das Gegenstück zum Durchschnittsbürger ist der Aussenseiter. Auch ihn gibt es nicht und auch er ist wichtig, denn er verhält sich genau so, wie man es von keinem anderen Menschen erwarten kann.
9 • Der Außenseiter entgeht der gleichmachenden Kraft der statistisch erfassten Norm des Durchschnittsbürgers und erhält sich die Möglichkeit der Mitbestimmung und Zielsetzung durch seine Freiheit zum Anderssein. Er ist ein Jemand und nicht ein Ergebnis und Abklatsch einer statistischen Ermittlung.
10 • Doch der Außenseiter hat mit Schwierigkeiten zu rechnen: er hat – verständlicherweise – die dominierende Macht des Durchschnittsbürgers (volonté de tous) gegen sich; der Außenseiter gefährdet das „problemlose“ Leben des Durchschnittsbürgers.
11 • Ihre Probleme müssen der Durchschnittsbürger und der Außenseiter selbst lösen, auch die, die sie sich gegenseitig verursachen. Dennoch gilt:
* Der Durchschnittsbürger ist auf den Außenseiter angewiesen, wenn er sich von seinem statistischen Phantom befreien will.
* Der Außenseiter ist auf den Durchschnittsbürger angewiesen, wenn er in der Wirklichkeit (die in erster Linie die des Durchschnittsbürgers bleiben wird) (über-) leben will.
12 • Durchschnittsbürger und Außenseiter sind einander nicht gleichgültig, sie sind gleich-gültig.
13 • Der Durchschnittsbürger kann dem Außenseiter zu einem Vorbild werden, das sich durch Verhaltenssicherheit und Kalkulierbarkeit auszeichnet.
14 • Der Außenseiter kann dem Durchschnittsbürger zu einem Vorbild werden, das sich durch Risikofreude und soziale Kreativität auszeichnet.
15 • Mehr noch: Der Außenseiter kann – errechnet man den Durchschnittsbürger seiner Sub-Kultur – sogar mit diesem identisch sein und damit sich selbst und anderen gegenüber anders in Erscheinung treten, als er tatsächlich ist. Er tritt dann als ein Außenseiter auf und bleibt doch selbst der Durchschnittsbürger, dem er entgegentritt.
16 • Durchschnittsbürger und Außenseiter müssen ihre Leitidee relativierbar halten, wenn sie der destruktiven Macht der selbstgemachten Wahrheit entgehen wollen.

Da capo Thuringia

Parteienlandschaft (Symbolbild)

Ich sage ja schon lange, dass die Gruppe der Berufspolitiker bürgerverdrossen ist. Das kommt wohl daher, dass der Bürger im Alltagsgeschäft der Parlamentarier schon lange keine hervorragende Rolle mehr spielt.

In dem beschaulichen Land der Märchen und Wälder namens Thüringen fehlt zudem weitgehend der grenzüberschreitende Kontakt. Alle Parteizentralen sind weit weg. Man ist für sich allein und ist stolz darauf. Man zieht sogar eigenmächtig Grenzen nach rechts und links, gleichgültig, was das bedeutet. Kontakte zu aufdringlichen Rechtsradikalen sieht man eigenwillig und mit gewagter Interpretation. In dieser Gegend können schon mal Phantasie und Wirklichkeit eine unselige Verbindung eingehen, ohne dass man es zunächst so recht merkt. Und plötzlich zieht man einen Prinzen aus dem Brunnen, der dann ohne Hofstaat ungelenk da rumsteht.

Für den gut reflektierten Politiker, den gibt es als Minderheit sicher auch in Thüringen, ist sofort klar, dass man mit so einem als Ministerpräsidenten nichts anfangen kann. Für ihn ist aber auch klar, dass er seine Rechtfertgungsressourcen und das gelernte Gutreden aktivieren muss, um den maximalen Schaden zu vermeiden.

Die öffentliche Berichterstattung ist da allerdings schon weiter und bestimmt binnen weniger Stunden den Diskurs um Ursache und Folgen einer moralisch missglückten Wahl zum Ministerpräsidenten. So wandeln dann auch über Nacht gutmütige Politiker ihre Ansicht und erwarten eine Schadensbegrenzung, in dem sie explizit von Rücktritt und Neuwahlen reden. Sie werden dabei angetrieben von protestierenden Bürgern, die so etwas wie einen gezeichneten Scheißhaufen mit gelben Punkten durch die Städte tragen und sie werden auch angetrieben von der Presse, die landauf, landab so etwas von Bombe, Erdrutsch, Dammbruch, Knall, Beben, Feuer, Finte, Sensation Eklat, Schock titelt.

Freilich wird das deutliche Bild von den Vorgängen durch die thüringischen Wälder stark gedämpft. Im dortigen Landtag meinen die, die den neuen Ministerpräsidenten aus der Traufe gehoben haben immer noch, sie würden den Souverän nur verantwortungsvoll vertreten, alle Anfeindungen seien unwürdig und der parlamentarische Weg sei per se unkritisierbar wie die Thüringer Rostbratwurst die sie wie im Schwur hoch halten.

Es wird also noch ein paar Tage dauern, bis sich Protagonisten und disziplinierte Mitläufer aus CDU und FDP – eventuell auch der AfD – beschämt in eine unbekannt Versenkung zurückziehen, bis sie wieder fürs Dschungelcamp gebraucht werden.

Wir brauchen offenbar solche demonströsen Shows und Zerwürfnisse mit allen Beteiligten auf der Welt in allen Ausuferungen, um aus Erfahrung zu lernen und es besser zu machen. Mich stimmt das alles hoffnungsfroh. Rechtsradikale Landgewinne sehe ich im zu erwartenden Ergebnis nicht. – Warten wir mal ab! Vielleicht erwächst daraus ja auch schon eine Lehre, die weitergeht: Bei den CDU-Ministerpräsidenten im Osten Deutschlands gibt es ja immer wieder Versuche, die AfD mit eigenen rechtsradikalen Plänen aus dem Rennen zu werfen.