Coronagate/Chapter7 • Basics 08/18

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Das Reisen war von jeher eine befreiende und entdeckende Lebensgestaltung, aus der Neugier oder der Not motiviert. Mit dem nach dem 2. Weltkrieg gerecht erarbeiteten und ungleich verteilten Wohlstand und der verbesserten Völkerverständigung wurde es anders. Das Reisen wurde zur Ware und konzeptionell sehr schnell mit Urlaub und Ferien verbunden. Es entwickelte sich zunächst zur herrschenden Ansicht, dass es partiell sorgenfrei macht, wenn man sich einen Urlaub leisten kann und wer es sich leisten konnte, fuhr in die Sommerfrische und nach und nach dorthin, wo die Palmen am tiefblauen Meer unter dem gleichfalls blauen Himmel das Ambiente prägen. Selbst fotografierte Lichtbilder wurden danach in legendären Diaabenden Verwandten und Bekannten vorgeführt und weckten Stolz bei den Gereisten und Begehrlichkeiten bei den Betrachtern. Daraus entwickelte sich nach und nach die weiterführende Ansicht, Urlaub sei so etwas wie ein grundlegendes Freiheitsrecht und damit der existenzielle Gegenpol zur Arbeit. Zunächst meinte man, den Urlaub zu gebrauchen, um sich von der Arbeit zu erholen. Das meinten vor allem die Arbeitnehmer. Die Arbeitgeber deuteten es eher so, dass Urlaub jedoch besonders gut sei, um sich für die Arbeit zu erholen. Mit der Zeit gab es aber eine Polumkehr, nicht die Arbeit, sondern der Urlaub selbst stand im Zentrum. Man arbeitete also direkt für den Urlaub, den man immer geschickter über das ganze Jahr stückelte und dabei spitzfindig Brückentage erfand und nutzte. Brückentage nannte man Arbeitstage, die einem Feiertag und einem Wochenende so sehr benachbart waren, dass man mit wenigen Urlaubstagen einen kleinen Urlaub machen konnte. Die Arbeit diente also der Vorbereitung für den Urlaub. Die Urlaubsindustrie bot für jede denkbare Zielgruppe etwas unvergessliches an und Versicherungen deckten alle Risiken ab.

Mittlerweile reisen jährlich ungefähr 1,5 Milliarden Menschen um die Erde. Einstmals beschauliche Orte wurden zunächst zu Geheimtips, die gar nicht geheim waren und leiden mittlerweile enorm unter dem Tourismus, der ihnen Reichtum brachte und kalkulierte Einkommensquelle geworden war. Der einheimische Sylter verlässt allerdings seine Insel, weil er die Mieten nicht mehr bezahlen kann, die Venezianerin sieht sich von Touristen umzingelt, gestört und zugemüllt. Der Overtourism gefährdet ganze Regionen und ihre kulturellen Besonderheiten. Mietwohnungen werden zu flexiblen Ferienwohnungen und die ehemaligen Mieter leben zunehmend teuer, eng und außerhalb aller Hochburgen des Tourismus. Man findet zwar immer noch eine lauschige Ecke im Hinterland. Aber sehr lange wird auch das nicht mehr so sein. Denn der Tourismus frisst und fräst sich ungebremst durch Länder und Landschaften. Den verständlichen Begehrlichkeiten in den Urlaubsregionen folgt meist eine Abhängigkeit von der Urlaubsindustrie. Ein Weg zurück wäre auf alle Fälle entbehrungsreich. Es gibt lediglich vereinzelt Orte, die die Lebensqualität der Einheimischen höher bewerten als mögliche Gewinne und deshalb immer schon so  gewirtschaftet haben, dass sie nur mäßig vom Strom des Tourismus gestreift wurden, während andere gewinnanfällig den ganzen Hype mitgestalteten.

Mit dem pandemisch einsetzenden Coronazeitalter Anfang 2020 bleiben nahezu alle Flieger am Boden, Kreuzfahrtschiffe in den Häfen, Hotels und Gastronomiebetriebe geschlossen, nahezu weltweit. Niemand vermisst den Urlaub so richtig oder spielt damit, jetzt seinem Leben ohne Tourismus ein Ende zu setzen. Man kann streiten, was bei einem allgemein verordneten Stillstand so systemrelevant ist, dass es nicht den Weg des Stillstands gehen muss. Der Tourismus ist auf alle Fälle nicht dabei. Die überdimensionierte Blase der Urlaubsindustrie ist in Windeseile weggeschrumpft. Die Hardware steht aber noch überall wie verloren rum und die Vertreter der Aktionäre trommeln im Standbymodus für den Neustart der Branche. Ihre Argumente beziehen sich beispielsweise nicht auf die wenigen Einheimischen eines Alpendorfs, von denen jeder nun 200 leere Betten in grotesk großen Betonklötzen vor dem Haus stehen hat. Sie argumentieren mit Arbeitsplätzen, die das Event Urlaub insgesamt abgesichert haben. Sie wünschen sich aber eigentlich, dass die Gemeinwesen die Ausfallkosten übernehmen, bis der Laden wieder läuft wie zuvor.

Um die weitgehend prekären Arbeitsverhältnisse in der Versorgung der Urlauber müsste man sich dabei keine Sorgen machen. Prekär bleibt es ja auch ohne Arbeitsplatz, sogar mit einem Zugewinn an Autonomie und der Aufgabe etwas ganz anderes zu machen. Alle anderen, vom Reiseverkehrskaufmann, über den Kreuzfahrtschiffauftrittskünstler bis zum Flugzeugpiloten hätten wissen müssen, dass sie in einer zur Selbstverständlichkeit gereiften Illusionsblase gearbeitet haben, die dann geplatzt ist, wie Blasen eben so Plätzen. Sie können sich nicht mit einem guten Grund über ihr berufliches Schicksal beschweren.

Ohne es zu wollen trägt die ganze Reisebranche mit ihrem Lockdown dazu bei, dass die weltweit belastete Klimasituation abrupt Zeichen der Hoffnung offenbart. Venedig ist ruhig und sauber. Die Treibstoffe bleiben ungenutzt in der Erde und die korrespondierenden Industriesegmente nutzen ihre Kenntnisse und Fertigkeiten, an Technologien zu arbeiten, die für eine Energie- und Umweltende gebraucht werden. Sollte es gelingen, das traditionelle Wirtschaften mit sozialer Gerechtigkeit und immateriellem Glück zu verbinden, ergäbe sich auch eine neue Grundlage für das Reisen, das nicht bedingungslos an eine Urlaubsideologie nach dem All-you-can-eat-Muster bis in alle Verästelungen kommerzialisiert ist. Strandabschnitte ohne Gastronomie könnten einen lange verbauten Reiz offenbaren.