Coronagate/Chapter6 • Timeline08/11

Das Virus im Nacken

Ich vermute, das Volk sehnt sich mehrheitlich nach einer Entscheidung: Hat das Virus verloren oder nicht? Schwarz oder weiß – alles dazwischen mag es nicht und es blendet die Berichterstattung über das Expertenwissen aus. Denn was die Experten sagen, das hilft einfach nicht, diese und nur diese Frage zu beantworten. Der Fachdiskurs findet also in der Grauzone zwischen schlimm und harmlos statt.

So lange das zunächst ziemlich unbekannte Virus ungestört die Welt erobert, geben die Symptome Anlass, das zu tun, was auch im Mittelalter genutzt wurde: größere Abstände wählen, sich nach Möglichkeit häufiger waschen und das Gesicht verhüllen. Dass man in den Anfängen einer Pandemie heutzutage damit zunächst klotzen und nicht kleckern muss, ist selbstverständlich. Man lässt sich also eine Logistik für die aktuelle hyperdynamische Lebenswelt einfallen und friert so viel wie möglich ein, um die Bewegungen zu reduzieren und den Reproduktionsfaktor unter 1 zu drücken. Das bedeutet, jeder erkrankte steckt in der statistischen Auswertung weniger als einen anderen Menschen an. Damit ist der Vormarsch des Virus gestoppt. Dennoch ist das Virus in der Welt und es fehlen ausreichend Menschen, die gegen das Virus immun sind. Dazu brauchen wir aber nicht unbedingt eine Durchseuchung der Bevölkerung auf einem Niveau von ca. 70%, womit eine Herdenimmunität wirksam wäre, sondern einen Impfstoff, wenn wir viele Leben retten wollen. Die Bevölkerung soll also die Immunität nicht erwerben, indem Menschen krank werden und darunter leiden, sondern durch eine Impfung. Es geht also darum, Ansteckungen gering zu halten, bis ein Impfstoff verfügbar ist. Das kann also nicht schnell genug gehen, wird aber eine unbestimmte Zeit dauern.

Bis zu diesem Zeitpunkt geht es also weiter mit Abstand halten, waschen und maskieren.

Würden wir die Beweglichkeit der Menschen maximal einschränken, würden wir uns nicht einmal waschen und maskieren müssen, denn wir hätten ja keinen direkten Kontakt mit potentiellen Virenträgern. Weil wir bei allen Begrenzungen in einer hochkomplexe Welt aber gesellschaftliche, kommunikative, soziale und materielle Grundressourcen brauchen, müssen wir einen politischen Kompromiss finden. Deshalb gehen wir beispielsweise mit einer Maske und gehörigem Abstand im Verbund mit anderen Menschen einkaufen und waschen uns danach die Hände. Das, was bei aller Begrenzung wirklich unverzichtbar ist, gilt als systemrelevant. Allerdings kann und wird man darüber auch streiten, was wirklich unverzichtbar ist.

Wenn nun nach einem wirksamen Kollektivverhalten Lockerungen kommen, dann nicht aus Gründen, die den Virus träfen, sondern aus Gründen, die Belastungen des Bürgers zu begrenzen. Und so kommt es, dass wir moderat das Risiko in der Öffentlichkeit steigern, weil wir meinen, dass wir die Verbreitung des Virus auch damit prinzipiell unter Kontrolle behalten. Wir werden also damit zur rechnen haben, dass wir für nicht so ganz absehbare Zeit die Lockerung der Beschränkungen steuern müssen und von Situation zu Situation mal mehr und mal weniger Freizügigkeiten erlauben. Die Freizügigkeit ist wie die Schaltund einer Klimaanlage, man fährt sie hoch und auch wieder runter, damit es stets optimal angenehm bleibt.

Wenn nun das Volk diese Regelungsspitzfindigkeiten mit vielen regionalen Besonderheiten nicht will, sondern eben ein Entweder-oder, dann haben wir ein gehöriges Problem. Der Bürger spielt am liebsten mit bei der totalen Beschränkung und bei der totalen Entgrenzung und fertigt sich gern Bilder, die dem einen oder anderen recht nahe kommen. In dieser Situation ist dann nicht nur das Virus gefährlich, sondern der Mensch selbst, der die Freiheit sucht, bereits wenn das Licht am Horizont auftaucht. Lockerung wird in den Köpfen gern als alles-halb-so-wild abgespeichert. Es ist also politisch eine ziemlich heikle Mission mit der Freiheit zu hantieren. In einem Crashkurs müsste man dazu befähigen, den verordneten Stillstand durch einen selbst- und mit-verantworteten Stillstand vieler Einzelner zu ersetzen, der an sich viel wirksamer und gerechter wäre. Weil das zugegebenermaßen recht schwer ist, gibt es stattdessen generalstabstechnische Lockerungen als verbindliche Verordnungen. Damit droht immer schnell der Überblick verloren zu gehen, weil das System der Lockerungen und Verschärfungen sich stetig wandelt und die Frage der Gerechtigkeit nach oben schwappt, die früher im Alltagsgeschäft des Lebens nur wenige interessierte. Ist es gerecht – so wird gefragt – dass der Laden unter 800 m2 Verkaufsfläche öffnen darf, der größere Laden aber nicht?  Na klar, gerecht ist es nicht, im direkten Vergleich ist es möglicherweise auch gar nicht als sinnvoll zu begründen. Aber es geht dabei eben auch gar nicht um Gerechtigkeit, sondern um ein wirksames Steuerungsinstrument der Mobilität. Und so ein Instrument funktioniert nur, wenn es präzise ist, also eine messbare Betriebsgröße vorgibt und wenn die Gerechtigkeitsdiskussion unterbleibt. Denn alle Lobbyist wissen immer schon, dass ihr Klientel ungerecht behandelt wird und alle formulieren in Firmen und Verbänden Forderungen, bei denen sie gut weg kommen. Und sie sagen auch gleich dazu, dass alles andere fürchterliche Folgen haben wird. Das schadet der sachgerechten Steuerung einer Pandemie ungeheuerlich und befeuert den Kampf um Marktanteile so, als sei das kapitalistische Verwertungsinteresse in einem Goldrausch angekommen. Es ist zu befürchten, dass auf den stillgelegten Märkten wieder so stark mit den Hufen gescharrt wird, dass man meint, glatt die Distanz zum anderen unterschreiten und das Waschen und Maskieren schon wieder aufgeben zu können. In diesen Tagen sagen die Tourismusexperten in der Tourismusindustrie und die Tourismuswirtschaftsexperten aus Forschung und Lehre gleichermaßen, der Kunde würde es einfach nicht verstehen, dass er seinen nächsten Urlaub nicht buchen kann und man könne es ihm auch nicht erklären. Und Politiker, die jetzt auch mal etwas sagen wollen, äußern ebenfalls ihre Machbarkeits- und Gerechtigkeitsfantasien zum Nutzen in ihrem Wahlkreis. Da wird mit kommunaler Zustimmung mal gern ein beliebter Laden mit Flatterband zu einem kleinen Laden umgestaltet.

Es wird also schwer werden, der Überforderung der Steuerungsinstrumente mit selbstgemachte Gerechtigkeitsforderungen aus dem Weg zu gehen und in konservativer Manier das Virus zu spüren, so lange es im Nacken sitzt.