Coronagate/Chapter6 • Timeline08/13

Give Box, Flaschenring, Gabenzaun und Sperrmüll

Das Coronazeitalter ist derart prägend und neu, dass sich in Windeseile Moden einstellen und verbreiten. Dass sie kommen und gehen vergessen wir im Eifer gern.

Eine dieser Moden ist das Nähen dieser Communitymaske. Jeder Verein, der in die Medien kommen will, bastelt die Dinger zusammen und schenkt sie den Profis seines Herzens. Am gelungensten finde ich die Maske, die zwei rote Lippen abbildet, aber viele Zähne freigibt, wenn man sie nach oben und unten über die Nase und übers Kinn zieht. Diese Maske ist eine Vorform des Films.

Eine andere Mode ist der Gabenzaun. Weil nun in dem schwer zu bewältigenden Coronazeitalter deklamatorisch niemand allein gelassen wird, werden Zäune ausgesucht, die eine hohe Last von Lebensmitteln, Kleidungsstücken und Gimmicks für Obdachlose tragen können. Nach einem Boom, der mancherorts auch immer noch aufpoppt, brechen die Zäune an vielen Orten wieder zusammen. Arme Clans plündern die Zäune, Leute zweifelhafter Bedürftigkeit nutzen die Zaungaben und Verwüstungstrupps rächen sich auf ihre Weise an den gutmeinenden Menschen. Und die örtlichen Müllabfuhren räumen den ganzen Mist weg und halten diese ungeregelte Zauncommunity für wenig zielführend.

In den Wintern kennen wir das gleiche Spiel, wenn Obdachlose ihre neue Garderobe an einem Baum aufgehängt finden sollen. Wir kennen auch die Geschichte der Pfandflaschenringe an den öffentlichen Papierkörben, die oft schon rational und systematisch bewacht und ausgebeutet sind, bevor die Obdachlosen überhaupt in die Nähe kommen. Wir kennen das von den Giveboxen, die im urbanen Feld ein Handel ohne Geld und einen sozialen Ausgleich etablieren sollten, meist aber zum Status der Unratsfundgrube überbeansprucht wurden. Geblieben davon sind die Bücherboxen, die mit relativ wenig Aufwand im Hintergrund betrieben werden können.

Alle diese Versuche haben keinen sichtbaren Kümmerer und verzichten ganz auf eine Kommunikation zum Zweck der Übereignung. Das wirkt alles irgendwie spontan und spart die Zielgruppe bei den Überlegungen weitgehend aus. Das ist „Social Distancing‟ in Reinform, obwohl ja eigentlich ein räumlicher Abstand gemeint ist, der nicht einmal das Sprechen erschwert.

Die professionelle Hilfe für arme und Obdachlose Menschen setzt auf das Gespräch – und sie funktioniert, so lange das Gespräch nicht scheitert.

Fragen bleiben: Wenn ich meinen Sperrmüll herausstelle, bin ich dann ein guter Mensch? Wenn ich auf Verdacht meinen Überfluss vor die Tür stelle, weil er ja auf Begehrlichkeiten treffen könnte, bin ich dann ein Egoist?

Die Müllabfuhren dieser Welt und ihre Theoretiker haben sich gegen wahllose Märkte ausgesprochen. Man kann Hilfen verbessern, man muss sie aber nicht neu erfinden, auch wenn es modern ist.