Coronagate/Chapter2 • Lifestyle 08/7

Im Lebensmittelhandel ist die Betriebskultur angesichts des Coronavirus bereits weit entwickelt. Man erkennt das zuerst daran, dass vor der Kasse ein leichter Spuckschutz aus Polycarbonat baumelt und vor den Theken 8 Reihen Grillkohle platziert sind. Jetzt hat es auch die dreckigen Einkaufswagen erwischt. Sie werden nicht etwa grundgereinigt und desinfiziert. Sie werden zu Abstandshaltern und ihre Verfügbarkeit regelt die Kundenströme, wenn man nur Käufer mit Wagen zulässt. Nach und nach wird also der Fuhrpark so stark reduziert, dass 13,5 m2 pro Käufer zur Verfügung stehen, also rechts, links, vorn und hinten 1,5 m Abstand besteht. Auf einem Sportplatz könnte man sich so aufstellen, in einem verwinkelten und warenbewegten Einkaufsladen aber nicht. Und dann setzt sich ja auch noch alles in Bewegung, bisher ohne Einbahnstraßen, Überholverbot und andere Regelungen. Selbst auf dem übersichtlichen Sportplatz würde es nicht funktionieren, dass man das Abstandsgebot als bewegter Mensch wirklich einhält. Käufer ohne Einkaufswagen wären im Vorteil, weil sie blitzschnell den Weg des optimalen Abstands finden, ohne so einen schwerfälligen Klotz am Bein, während der unentschiedene Käufer den Verkehr stilllegt, wenn er auch nur einen Moment zur Orientierung auf der Kreuzung zögert.

Wir warten also draußen, bis ein Voreinkäufer Klopapier und Nudeln verstaut hat und uns hoffentlich den Wagen überlässt und nicht unseren Nachbarn. Wie ich sehe, ist das Klopapier aus den Großgebinden gelöst, und jeweils in Tüten mit zwei Rollen neu verpackt. Das soll angeblich allen eine Chance geben, in den Genuss zu kommen. Die Neuverpackung generiert aber auf wundersame Weise eine Verdoppelung des Preises. Die Kinder der im Moment alleinerziehenden Elternteile sind bereits alle gut draußen kurz angebunden und brav, denn sie dürfen auf keinen Fall hinein. Das erinnert doch unweigerlich an das Hundeverbot in Lebensmittelläden, das in den 60er Jahren von der Firma Pfanni so wunderschön inszeniert wurde.

Die Mitarbeiter der Läden, denen die Gesundheit der Kunden über alles geht, wissen aber auch zu berichten, dass die Einkaufswagenpflicht vor Hamsterkäufen schützt. Ich kann mir das schon vorstellen, wenn jemand unerkannt mehrere Gebinde Klopapier in der Leinentasche verschwinden lässt. Im vergitterten Einkaufswagen sieht man doch sofort, was los ist. An der Kasse angekommen, wird man zur Freude aller Geldinstitute auch noch auf berührungsloses Bezahlen angefixt.

Ich vermute, der Kunde hat keinen Einfluss auf die Betriebskultur. Von ihm wird einfach nur erwartet, dass er jeden Blödsinn mitmacht und nicht in diesen schweren Zeiten auch noch queruliert.

Ich schlage deshalb ein Projekt vor, die neue Betriebskultur eigenwillig zu verbessern.

Ich würde dann also mit einer Hand voll Kabelbindern drei mal drei Einkaufswagen miteinander verbinden und den Käufer selbst in die Mitte platzieren, damit die Abstände auch wirklich unter allen Umständen eingehalten werden. Während er sich im Eigenbau zum Eingang bewegt, tänzelt ein Mensch mit einem Hulahoopreifen elegant an ihm vorbei und zeigt dem Beobachter eindrucksvoll, dass es offenbar noch viele Ideen gibt, dem Virus mit Abstand zu trotzen. Das Szenario ist filmreif und gehört auch eigentlich unters Volk. Die Akteure tragen selbstverständlich Shirts mit themenzentrierten Reimen: „Nicht verzagen, ich bin ein Einkaufswagen.“ „Halte Abstand lieber, sonst kommt Coronafieber.“ – Wir sind gespannt, wie der Einkauf gelingt. J

Ich bedanke mich bei Frau Z. für das Thema und zahlreich erfahrungsbasierte Einzelheiten.