Um von Tradition zu reden zu können, dauert es meist länger

Aus dem Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen kommen in diesen Tagen Informationen, die den Autokorsos bei türkischen Hochzeiten eine kulturelle Deutung türkischer Lebenswelten hinzu fügen. Das ist – wenn ich es richtig verstehe – so ähnlich, wie mit dem mittlerweile abgeschafften öffentlichen Aufgebot bei Hochzeiten in Deutschland – das aller Welt zu verstehen geben sollte, dass Braut und Bräutigam jetzt einen besiegelten Neuanfang einer Beziehung ohne eben die materiellen und emotionalen Beziehungslasten der Vergangenheit starten. Wenn man die öffentliche Diskussion um diese Autokorsos wirklich auf dem Hintergrund einer Kultur deutet, dann erscheint das alles als eine öffentlich bewegende Inszenierung, die zumindest in den angewandten Mitteln die Tradition verlässt, gleichwohl aus der Tradition ihre Rechtfertigung bezieht. Ein eher dörflich überschaubares Spektakel mit Fußgängern aus der großen Verwandtschaft, vielleicht auch noch Reitern und regionaler Festkleidung wird zum Donutfahren über alle Spuren der Autobahn mit Pistolenschüssen in den Himmel: „Seht, Mustafa und Aische kriegen für einen unvergesslichen Tag alles vorgeführt, was wir haben!“, nämlich gepflegte Autos und die Bereitschaft, die Autobahn zu sperren und abschließend noch einmal alle Waffen zu präsentieren und eigentlich für jetzt und immer alles zu geben.
Dagegen steht die Entwicklung vieler Gesellschaft, die Ehe und Familie privat werden lässt, in Deutschland ebenso wie in der Türkei. An den Hochzeiten der Fremden in der Nachbarschaft besteht kein großes Interesse mehr. Man ist da lediglich tolerant. Wenn man an den Rechtsnormen vorbei eine Privatschau abzieht, die meistens auch noch strafrechtlich zu verfolgende Elemente enthält, dann darf man nicht mit Zuspruch rechnen, nicht einmal mit Toleranz.

Das Werkzeug Auto gibt es seit etwa 100 Jahren. Der Tatort Autobahn ist noch neueren Datums. Traditionen sind Autokorsos sicher nicht, schon gar nicht, wenn sie strafrechtlich oder ordnungsrechtlich sanktionierte Elemente beinhalten.
Dass auch nichttürkische Hochzeitsgesellschaften hupend durch die Straßen fahren, ist auch nicht zu tolerieren und genauso wenig mit einer wirklichen Tradition zu belegen. Vor allem kann ein Fehlverhalten nicht genutzt werden, die Gleichheit vor dem Gesetz der Art einzufordern, dass man eben selbst einfach mal rumhupt. Wir geben uns unsere Rechtsnormen im Gemeinwesen selbst. Das ist ein guter Grund, sich daran zu halten. Wer bestimmte Normen nicht mag, aus welchen Gründen auch immer, kann sich für eine Gesetzesänderung engagieren. Das ist so vorgesehen.
Ich warte jetzt auf den Beerdigungskorso und den Kindergeburtstagskorso und äußere schon mal vorsichtshalber mein Desinteresse.

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