Die alten weißen Männer und ich

Warum hat die Frau Passmann diese „alten, weißen Männer“ auf die Spur zeitgenössischer Schreiberei gebracht? Ich glaube, es war ein Versehen. Und warum sind sie so schlecht, wie sie jetzt immer dargestellt werden? Mittlerweile geistern sie sogar zwischen den Zeilen herum, ohne ausdrücklich benannt zu werden.

Ich muss darüber jetzt eigentlich nichts schreiben. Frau Passmann hat das ja schon gemacht. Aber sie sind ihr dann doch entglitten und verstopft nun die Informationskanäle. Das ist so ärgerlich, dass ich nun etwas sagen will.

Er ist also alt. Hm .… dafür kann er nichts, weil uns das Leben im Lauf der Zeit allgemein alt macht. Er ist also weiß. Hm… dafür kann er nichts, weil die Hautfarbe über die Abfolge vieler Generationen vererbt ist. Er ist also ein Mann. Hm… dafür kann er nichts, weil die unzählig vielen Spielarten der Geschlechter sich bereits vorgeburtlich konkret einstellen.

Also können die alten, weißen Männer nur bemerkenswert sein, weil gerade diese dreifaltige Eigenschaftskombination bei einem Menschen stets eine verabscheuenswürdige Sozialisation hervor bringt und er sich partout nicht dagegen wehren will. Es wäre also etwas verständlicher, wenn diese Sekundäreigenschaften beschrieben würden und der alte, weiße Mann, so wie er durch die Welt läuft, aus der Haftung entlassen würde.

Ich bin selbst so einer und ich kann nur sagen: Ich bin humanistischer Anarchist, irgendwie auch ziemlich schwarz, jung und feministisch, fantasiebegabt, kommunikativ und an der sich entwickelnden und inklusiven Vielfalt interessiert. Als alter, weißer Mann werde ich mich weiß Gott nicht ins Spiel bringen.

— Und jetzt kommst Du!

Bloggerleid

Es gibt eitle Journalisten, die etwas erfinden und damit einen Bericht über das, was ist, aufzuhübschen. Warum sie bisweilen zur nahezu realitätslosen Berichterstattung neigen, ist unterschiedlich. Wenn sie es geschickt machen, werden sie jedenfalls beachtet. Wenn sie erwischt werden, auch.

Immer dann, wenn Ereignisse auf Fantasie treffen ist jemand, der schreibt, etwas im Unklaren darüber, wo die Reise hingehen soll. Die Bloggerin Sophie Hingst fühlt sich jetzt missverstanden, weil sie in ihrem Lebenslauf Ereignisse erfunden und weiterhin Projekte vorgetragen hat, die es so nicht gegeben hat und die teilweise sogar mit zurechtgebastelten Dokumenten von ihr belegt wurden. Sie wird als Hochstaplerin durch die Medien gereicht und meint selbst doch nur, literarisch zu arbeiten.

Bei meiner Bloggerei sehe ich auch stets die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen. Wenn du nicht stringent einem wissenschaftlichen oder journalistisch-dokumentarischen Paradigma folgst, verlierst du dich schnell als Literaturschaffender, gleichgültig, ob du dabei gut oder schlecht bist. Wenn du zudem die eventuell im Blog auftretenden Personen und Orte unkenntlich machst, dann hast du schon den ersten Schritt getan, deinen Text auch mit einem neuen Ende auszustatten, das unerwartet kommt und eine neue Sichtweise ins Spiel bringt, also besser ist als das Ausgangsereignis. Das alles ist nicht verboten, hat aber auch keine deutliche Grenze, ab der es zumindest unredlich ist. 

Die Frau Hingst hat die Grenze überschritten, als sie ausdrücklich Fiktionen als Tatsachenbehauptungen verkauft hat. Das sehe ich auch so. Aber es gibt sicherlich sehr viele Blogger, die im Vorfeld solcher Fehlleistungen tagtäglich neu ihre Grenzen der Authentizität ausloten müssen und es selbstverständlich nicht immer sehr souverän tun.

Mein Vorschlag ist ein unüberlesbares Blogstück, in dem man begründet, warum man den als ehrlich vermuteten Weg der lückenlosen Überprüfbarkeit manchmal oder häufig verlässt.

Nichts ist fantasieloser als die dokumentierte Wirklichkeit.

Das Urheberrecht führt unweigerlich zum Geld

No saben el camino

Das Urheberrecht und ähnliche Schutzrechte und die damit geschützter Produkten sind ein Hebel, um Geld anders zu verteilen. Ob es damit gerechter verteilt wird, ist damit noch nicht gesagt.

Seit jeher wird gehandelt. Man gibt seine Arbeitskraft ab und bekommt dafür Geld. Das, was erarbeitet wurde, ein Brot oder ein Auto, wird auch wieder gegen Geld verkauft. Das Geld sammelt sich hier um dort und macht das Leben meist einfacher. Ob das Geld als Lohn gerecht ist, war noch nie unumstritten.

Karl Marx arbeitete die Idee aus, dass der Arbeiter letztlich auch im käuflichen Produkt steckt, das er miterarbeitet hat, obwohl es für ihn so fremd gehandelt wird, wie alle anderen Produkte auch. Der Arbeiter könnte ja auch so eine Art Urheberrecht haben, das ihm auch weiterhin Einnahmen an dem von ihm mitgeschaffenen Produkt sichert. 

Für das geltende Urheberrecht wurde deshalb eine fragwürdige erhebliche Schöpfungshöhe erfunden, die erfüllt sein muss, damit der Mensch auf ewig mit seinem Produkt verbunden bleibt und mitbestimmen kann, wer gegen welche Bezahlung damit wie umgehen kann. Man hat also einfach das geistige Eigentum vom Eigentum an sich abgeschnitten, um es anders zu behandeln. Dabei gilt auch für Musik, Literatur, Kunstobjekte und Erfindungen, dass sie, wie andere Produkte auch, gegen Geld an den Menschen gebracht werden.

In Zeiten grenzenloser Reproduzierbarkeit wird allerdings die Reproduktion nicht mehr als kostenlose Werbung für den Urheber verstanden, sondern als Einnahmequelle. Während der Pianist früher für ein Konzert bezahlt wurde, sind es heute außerdem die Tonaufnahmen dieses Konzerts und andere mühelos reproduzierbare Medien. An solchen Tonaufnahmen sind weiterhin Aufnahmespezialisten, ein Tonstudio, Werbefachleute, viele Vertriebskanäle und anderes mehr beteiligt. Es gibt für den Künstler im Reproduktionskontext heutzutage im allgemeinen einen Vertrag einer meist großen Produktionsfirma, die sich aus einem hauptsächlich geschäftlichen Interesse heraus um alles kümmert und auch bezahlt werden will. Die Firma produziert also einen verkaufsträchtigen Rahmen für den Pianisten. Verlage organisieren sich wie die Musikproduzenten ebenfalls als Mitverdiener. Und im Überbau der ganzen Branche gibt es die monopolistisch agierenden Rechteverwertungsgesellschaften wie GEMA und VG Wort, die darüber wachen, dass bei jeder Nutzung geschützter Werke das Geld fließt und nach einem Schlüssel verteilt wird. Seit langem weiß man, dass im gesamten Überbau der eigentliche Rechteinhaber an Bedeutung verliert. Er wird allerdings mit Tantiemen bei Laune gehalten, nachdem der Eigenbedarf des Überbaus bereits abgeräumt worden ist. Man kann dem traditionell armen Künstler zurufen, dass das besser als nichts ist. Viele Künstler sind mittlerweile bereit, den Weg zurück zu gehen. Sie stellen ihre Produkte zur freien Verfügung oder lassen den Konsumenten entscheiden, was sie bereit sind, für eine Musik oder einen Text zu zahlen. Sie leben derweil hauptsächlich von öffentlichen Auftritten gegen Bezahlung und unterscheiden sich nicht mehr so sehr vom Handwerker, der sein Arbeitsergebnisse auch nicht bis zum Lebensende als sein Werk vermarktet.

Wenn nun von der Europäischen Union im März 2019 das Urherberrecht gegen großen Widerstand an die digitale Welt angepasst wurde, dann ist dabei in der Hauptsache das Interesse an viel Geld im Spiel, von dem die Künstler und andere Urheber traditionell den kleinen Teil bekommen. Daran ändert sich auch mit der neuen gesetzlichen Verpflichtung der Medienkonzerne, für geschützte Werke zu zahlen, oder sie auszuschließen, nichts. Den Verlagen, Produktions- und Verwertungsgesellschaften wäre damit gedient, wenn die Internetgiganten YouTube, Instagram, Facebook usw. ihren Usern alles mögliche durchgehen lassen und dafür ordentlich Geld abdrücken, um das System der Verwertungsgewinnler reich zu machen. Die Internetgiganten ihrerseits werden sich fragen, ob sie zum eigenen Wohl auf solche Zahlungen verzichten und deshalb stattdessen lieber die User aussortieren, die geschütze Medien oder auch kleinste Teile davon hochladen wollen. Das werden sie, allein wegen der unüberschaubaren Menge, mit Uploadfiltern machen, die nach einem Algorithmus das Angebot sauber schießen und weitgehend uninteressant machen. Auch geschützte Schnipsel in einer satirischen Verarbeitung würden solche Filter nicht passieren, selbst wenn es dazu keine Rechtsgrundlage gibt. Eine kulturelle Verarmung wäre die Folge. Allerdings bleibt abzuwarten, ob die Internetgiganten alle gleich reagieren oder sich einen Konkurrenzvorteil davon versprechen, wenn sie zahlen anstatt zu filtern. Man liest gerade, YouTube würde sich unter diesen Bedingungen gleich selbst einstellen.

Mir kommt das alles so vor, als ob mit Hilfe politischer Entscheidungen ohnehin reiche Gewinnler das große Rad drehen, um die soziale Ungleichheit in der Welt auf die Spitze zu treiben, indem sie mit Recht, aber rücksichtslos ihre Taschen füllen, während der Rest der Welt verarmt.

Urheber agieren selbst am Markt, an dem tatsächlich auch Geld zu verdienen ist. Wenn man mit politischer Absicht die kulturelle Vielfalt vertiefen und verbreitern will, dann sollte man Künstler fördern. Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Das System der urheberrechtlichen Geldgenerierung ist dazu ungeeignet und es zwingt den Werktätigen der einfach so seine Arbeit auf nimmerwiedersehen aus der Hand gibt in eine Ungleichbehandlung. Für meinen Geschmack könnte es sogar notwendig werden, dass man die alte Raubkopie entkriminalisiert und zur neuen Werbung umdeutet und damit seinen Lieblingskünstler feiert und ehrt.

Vossianische Antonomasie als Floskel

Ich würde die Überschrift auch nicht verstehen, wenn ich sie mir nicht erarbeitet hätte.

Floskeln sind ja die Minitextbausteine der schnellen Medienwelt. Sie nutzen als erstes ideenlosen Journalisten und ihrem redaktionellen Überbau.

Betrachtet man ein berichtenswertes Ereignis, dann erhöhen Floskeln gern die Aufmerksamkeit des Lesers. Floskeln schieben das Ereignis aber auch in den Bereich der Fehldeutung und der Lächerlichkeit. Sie werden ja mittlerweile im Internet gut dokumentiert 🔲 . Beim Floskelleser werden Nachdenklichkeit, Kritik und Freude ausgelöst, wenn man eine Floskel einfach nur mal als Floskel betrachtet. Das ist aber meist nicht beabsichtigt, sondern ein Abstract in wenigsten Worten. So lange der Leser weiterliest, muss man sich über den weiteren Sinn der Floskel keine Sorgen machen.

Allerdings war die Floskel auch schon lange vor dem digitalen Zeitalter beliebt und wurde geradezu unsterblich in den Titelzeilen der Lokalpresse. Um gelesen zu werden bestand schon lange ein Konkurrenzdruck zwischen den Blättern und zwischen ihren Journalisten.

Eine dieser Floskeln läuft mir immer wieder über den Schirm: Sie lautet vereinfacht so: Politikerin X ist die Mutter Courage eines lokalen Bereichs X oder einer Institution Y. Also zum Beispiel: Regine Hildebrandt ist die Mutter Courage der SPD. Betrachtet man nun andere Personen oder andere Institutionen, findet man immer wieder so eine Mutter Courage. Eine gewisse Luise Albertz wird als Mutter Courage Oberhausens geführt. Eine Inge Donnep und eine Hannelore Kraft gar als Mutter Courage des Ruhrgebiets. Dies nur, um über ein Beispiel aufzuzeigen, wie gewaltig so ein Mutter-Couragismus um sich greift. Urheber kann doch nur ein unbewanderter Journalist auf der Jagd nach einer markanten Schlagzeile gewesen sein.

Nachdem Bertolt Brecht in den Wirren des Krieges das Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“ entworfen und in der Nachkriegszeit damit die Theater beschäftigt hat, zogen die Zeitungsredakteure daraus als unbestelltes Nebenprodukt eine Floskel.

In dem Drama selbst ist die Hauptfigur Mutter Courage unverbesserlich davon beseelt, als unbedeutende Marketenderin vom 30-jährigem Krieg zu profitieren. Das gelingt ihr nicht. Sie bleibt lernunfähig und veränderungsresistent. Selbst nachdem ihre drei Kinder dem Krieg zum Opfer gefallen sind, bleibt sie bei ihrer Ideologie.

Die Figur der Mutter Courage bietet sich also mit keiner Eigenschaft an, einen vielleicht verdienstvollen Menschen mit einer vossianische Antonomasie [X ist Y der Z] auszuzeichnen. An dem, was sie macht ist nichts verdienstvoll. Wir haben es hier also mit einem verfloskelten Selbstläufer zu tun, der – einmal in die Welt gesetzt – durch allerlei Schriftwerk wabert, ohne je befragt zu worden zu sein. Wenn man nun merkt, dass die jeweils „Ausgezeichnete“ auch nur eine Figur im Cosmos aller Mütter Courage ist, dann ist die Auszeichnung auch deshalb dahin. Man beschriebe viel besser, was die jeweilige Frau tatsächlich gemacht hat.

Ich bin der Herr der Daten, ich brauche nicht zu raten …

Das Wetter ist hart im ZWERGWERK

Doch meine Freunde von den Wetterapps übertreiben es ein wenig. Ich weiß ja, dass das akribische industrielle Messen und Rechnen manchmal auch Ergebnisse auswirft, die man gar nicht bestellt hat. Wenn also meine Wetterapp sich auch speziell um Wintersportorte kümmert, dann ist das sicher zunächst gut. Hier in der Gegend gibt es aber nun eine Skihalle, also einen Ort außerhalb üblicher Wintersportgebiete, dessen Besitzer sich ganzjährig ein gebäudebezogenes Kleinklima mit Winterallüren leisten. Dort gibt es kein schlechtes Wintersportwetter. Ski und Rodeln sind gleichbleibend so gut wie die Eintrittspreise. Man erfährt nun aber über meine WetterApp die exakten Wetterbedingungen außerhalb(!) des Gebäudes. Dort gibt es nichts, nicht einmal Events, die sonst den Wintersport begleiten. Alles ist indoor!

Immer wieder gibt es unbestellte Erfindungen, die es also nur gibt, weil sie technisch möglich geworden sind. Eine dieser Erfindungen ist übrigens auch der Rundfunk. (Brechts widmete sich in seiner Radiotheorie dem Thema erhellend.) Man kann allen alles sagen, auch wenn man zunächst überhaupt nichts sagen will. Ja und dann spricht man einfach mal los. Und es gibt einen extrem skurrilen Wetterbericht.

Geschichten aus Schnullerbü

Der urplötzlich jetzt nicht mehr „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius hat in großem Umfang Geschichten gefälscht.
Der Spiegel ist nun irgendwie untröstlich und folgt einer aufdeckenden Strategie, nachdem er bei ersten Auffälligkeiten eher zudeckend gearbeitet hatte. Ein aufdeckender Journalist des Spiegel hatte zunächst um seinen Job fürchten müssen.

Ich finde, die Fälschungen waren wohl nicht in der Absicht des Nachrichtenmagazins, aber trotzdem ohne eine besonders große Dramatik.

Es ist nie anders: Ein Ereignis begegnet uns stets mit einem Schleier von Fantasie. Der Mensch ist ja so neugierig. Er will unbedingt wissen, was selbst der beste Berichterstatter nicht weiß. Der Mensch will sogar wissen, wie eine Geschichte weitergeht, obwohl das in der Zukunft liegt. Deshalb hat sich eine Belletristik entwickelt, die die Fantasie höher bewertet als belegbare Fakten und häufig sogar ganz auf Fakten verzichtet. Man ist geneigt, die Belletristik einerseits und die wissenschaftliche Fachpublikation andererseits als Schreibergebnisse zu verstehen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Aber das Lebendige in der Welt geht über solche kategorisierenden Vereinfachungen hinweg. Ob Dokusoap oder Journalismus, wir finden bei näherer Betrachtung immer nur Mischformen, manchmal hart an der Wirklichkeit, aber auch manchmal noch härter an der Fantasie. Alles ist „faction“ – wie J. M. Stimmel seine Romane bezeichnete – eine Mischung aus Facts – am 13. Mai 1950 schien die Sonne … – und Fiction – … und er schwitzte beim Verzehr des Zigeunerschnitzels sehr.

Es ist also kein Wunder, wenn jemand über Hitlertagebücher berichtet, die es nicht gibt (Sternaffäre 1983) oder jetzt beim Spiegel, der über enttarnte Erfindungen des Redakteurs Claas Relotius berichtet. Dieser Redakteur hat damit seine Faktenbasis verlängert und sogar das journalistische Handwerk befördert. Seine Arbeiten waren gerade dadurch besonders eingängig glaubwürdig und sogar häufig preiswürdig. Er wurde mehrfach geehrt. Der Leser war geneigt, der speziell performen Dynamik zu folgen und eben nicht in eingeschliffener Lesermanier mitten im Text abzubrechen, um sich in knapper Zeit anderen Ereignissen und Texten zuzuwenden. Das gerade beim Spiegel sehr hochentwickelte System des Faktenchecks hatte versagt. Aber musste es nicht ohnehin selbstgefällig an der Fuzzylogic der Lebensvollzüge scheitern? Wir haben ja das gleiche Problem in der Wissenschaftstheorie: Wir mögen alle denkbaren Dimensionen und ihre Wechselwirkungen abbilden können, dennoch schwebt über allem ein erkennnisleitendes Interesse, das trotzdem Schwerpunkte setzt und auswählt. Die Welt ist eben zu komplex, um empirisch ausgemessen und abgebildet werden zu können.

Wenn der Mensch sich die Welt aneignet, dann arbeitet er ja nicht allein faktenorientiert. Die Zeitung „Die Welt“ am 23.12.18: „Am fünften November erzählte Donald Trump laut „Washington Post“ 139 Unwahrheiten, also eine alle zehn Minuten. In seiner Amtszeit Zeit waren 7546 seiner Aussagen entweder irreführend oder schlichtweg falsch.“ Offenbar gibt es einen großen Markt dafür, Fakten zu vernachlässigen und aufzuhübschen. Es fällt nicht schwer, eine Menge Länder aufzuzählen, in denen die regierende Politik völlig abseits aller Erkenntnisse gestaltet wird und bei der man vermuten muss, dass es dafür immer auch ein Volk gibt, das mitspielt. Ein bißchen hat die Politik also auch etwas von einem Roman, der sich allerdings an der harten Welt der Fakten mit inszeniertem Selbstbewusstsein locker vorbei schmuggelt.
Was machen wir denn da? Wir fragen ohne Unterlass nach dem erkenntnisleitenden Interesse. Ist das nicht langweilig und frustrierend zugleich? Und wenn wir müde werden, überholt uns lächelnd und ausgeruht so ein Messias der alternativen Fakten. Alle rennen hinter ihm her und an mir vorbei, weil es zu schön ist, um wahr zu sein. Die ewigen Kritiker aber werden als ewige Nögler an den „einfachen, guten Sache“ beiseite gestellt. Mit ihren angefallenen Daten wird schnell noch ihr „customer lifetime value“ gerechnet, um sie einer neuen Bestimmung zuzuführen. Den Job als Mit-Souverän sind sie los. Also dieser Claas Relotius hat uns „nur“ klar gemacht, was wirklich für uns zu erwarteten ist. Es läuft auch schon.

Merz ist mir gleichgültig, Spahn und Äikäikäi sind es auch

In der CDU gibt es seit sehr langer Zeit mal wieder eine Kandidatenauswahl für den Parteivorsitz. Was normal sein sollte, das ist einfach nur ein Sonderfall mit dem Anschein, dass das normal ist. Wen ich gern als Kanzler möchte, ist eine vernünftige Frage. Was aber interne Wahlen einer Partei betrifft, dazu habe ich keine Meinung, wenn mein Herz nicht für diese Partei brennt. Allgemein danach zu fragen, das ist sogar unsinnig. Wenn also jetzt immer in den Medien und durch Meinungsforschungsunternehmen gefragt wird, wen ich als Parteivorsitzenden der CDU bevorzuge, dann ist das unmittelbar an die Bindung des Befragten an diese Partei gekoppelt. Während der CDU-Anhänger vermutlich den nach seiner Ansicht fähigsten will, ist es bei Anhängern anderer Parteien und bei Menschen, denen die CDU insgesamt ein Graus ist, genau umgekehrt: In ihrem Interesse wäre es, wenn in der CDU der Unfähigste gewählt würde. Denn je schlechter es in der CDU läuft um so besser sind die Bedingungen für die konkurrierenden Parteien. Wenn ich also in meiner großen Distanz zur CDU beispielsweise für den Kandidaten Merz bin, dann verbinde ich damit nur die Hoffnung, dass dieser Merz die Partei so sehr abwirtschaftet, dass sie im Wählervotum an Bedeutung einbüßt.

Einfach quer durchs Land eine parteiinterne Abstimmung volksoffen nachzubilden, halte ich also für unredlich. Lasst doch die CDU das einfach mal machen. Denn: „Wichtig ist, was hinten raus kommt.“(Helmut Kohl)

Und wenn ich jetzt sagen sollte: „Ich bin für Merz!“, dann würden die meisten fälschlicherweise glauben, dass ich den gut finde.

Werbung, die ich mögen müsste

Gucke ich in meine Timeline, dann sehe ich seit Wochen zuerst und dann immer wieder eine freundlich, die Zähne zeigende Frau hinter einem aufgeklappten Laptop. Ich habe keine Ahnung, wofür sie wirbt. Aber damit sie bei mir erscheint, muß es schon recht teuer gewesen sein.

Nun weiß ich, dass Facebook meinen Geschmack nach all der Zeit gut kennt und weiß, warum ich einer bestimmten Zielgruppe zugeordnet bin. Nun habe ich die Möglichkeit, äußerst aktiv dafür zu sorgen, dass Facebook mich noch besser kennenlernt. Ich könnte nämlich dazu ganz einfach anklicken, dass mir diese Werbung nicht gefällt. Ich tue das aber nicht, weil ich sicher bin, dass Facebook mich dann seelenlos und ungefragt in eine andere Zielgruppe verschiebt und dass ich dann andere Ding sehen muss, die ich nicht mag, obwohl der Algorithmus vorgibt, dass ich sie mögen müsste. Damit wäre mir nicht geholfen, denn ich will eigentlich nur Werbung, die wirklich originell und gut gemacht ist. Die passende Zielgruppe hat Facebook aber nicht eingerichtet, weil sie immerzu Spaß haben, aber nichts kaufen will. Meinesgleichen bleibt also wirklich völlig egal, wofür geworben wird. Damit versinke ich in einer Leerstelle im Werbekonzept. Das Konzept kann in der Vereinigung der Werbenden mit dem Vermittler Facebook bei mir einfach nicht landen.

Ich befürchte, dass eines Tages Leute wie ich so behandelt werden, wie die ganzen Nippelposter, die jetzt schon rausgekickt werden, auch wenn sie Rubens zitieren.
Ich denke, die heutzutage gehandelten Werbetheorien gehören wieder einmal auf den Prüfstand. Wer einmal mit einer cineastischen Fragestellung ein Werbefilmfestival besucht hat, wird mich da verstehen. Der Weisheit letzter Schluss der Werbung ist noch unbekannt. Ich behalte ihn auch für mich. —

Was will die Zähne zeigende Frau eigentlich schon wieder von mir?

An dich und auch an dich …

Ich trage das NO bereits in meinen Initialen. Das Nein-sagen-können ist mir also in die Wiege gelegt. Und ich mache Gebrauch davon.

Wenn du mich beispielsweise aufforderst, dieses oder jenes zu liken oder zu teilen, dann tue ich das nicht. Dabei ist auch gleichgültig, ob es online oder offline sein soll. Mein Liken und Teilen ist eine positive Rückmeldung zu deiner Äußerung. Ich will also nur deine nackte Äußerung und sonst nichts. Sie muß mir also wirklich gefallen, damit ich sie zustimmend bewerte. Da musst du dir schon Mühe geben, wenn dir daran gelegen ist.

Manchmal ist es sogar so, dass ich geneigt bin, dir aus voller Überzeugung zuzustimmen. Und dann lese ich so etwas wie: „Wenn du auch der Meinung bist, dann liken und teilen …“ Ja, dann hast du Pech gehabt, weil ich nicht mehr unbeschwert auf deine Äußerung reagieren kann.

Wenn ich besonders leckeres Brot kaufe, dann erzähle ich das gern weiter, aber nicht, wenn der Bäcker mir die Verpflichtung dazu direkt mitverkauft.

Lassen sich Fans überhaupt schockieren?

Wir kennen die übertreibenden Schlagzeilen aus der Boulevardpresse. Sie haben dazu geführt, dass man auch unglaublichen Schlagzeilen folgt und bei einer Räuberpistole landet, die aber nur der geübte Leser als Attrappe erkennt. Die Verkaufszahlen machen die Boulevardpresse ingesamt trotzdem reich. Das wird auch dadurch verstärkt, dass man nahezu jede Idee zur Story aufblasen kann, wenn sie leicht zu konsumieren ist und deshalb auf Hintergründe und Zusammenhänge verzichtet. Man schreibt deshalb auch nur wenig. Oft ist die voraussichtliche Lesezeit in Sekunden angegeben.

Zunächst schienen mir andere Pressesegmente sicher vor Texten, die überhaupt nicht zur Überschrift passen wollen. Seitdem aber Klicks Beachtung und Einnahmen bedeuten, hat sich das zumindest bei den Onlineabteilungen der Blätter gewandelt. Und der Spaß an irrsinnigen Überschriften nimmt zu und droht, sogar in die Redaktionsstuben der Printfreunde zu schwappen.

Bisher hatte ich gedacht, dass die Branchen mit den drögen Themen von dieser Entwicklung unbeeindruckt bleiben. Sie mögen zwar alle nicht so gern die Fachprodukte in ihrem Segment schlecht machen, bleiben aber gleichwohl auf der Spur, Sachinformationen auszuliefern und lesergerecht zu bündeln. Für alles andere haben sie keinen Markt. –
Das dachte ich!
Bis ich jetzt lese: „Schock für Samsung-Fans„. Im Text stelle ich fest, dass Handys ohne Kopfhöreranschluß geplant sind. Aha! Der Konkurrent Apple liefert schon lange seine Handys ohne so einen Anschluss aus, ohne dass infolgedessen über eine Schockbehandlung von Fans berichtet wurde. Es gibt nichts zu berichten, aber sie tun es trotzdem.

Sollten wir eines Tages nur unsere eigenen Texte lesen, weil wir uns etwas von der Vermarktung und der unbedingten Zustimmung freigearbeitet haben? Auf der Straße sehe ich mittlerweile viele Menschen, die einsam so vor sich hin sprechen. Sie gehen Begegnungen aus dem Weg und werden auch selbst kaum beachtet.

– Shockproofed!