Vossianische Antonomasie als Floskel

Ich würde die Überschrift auch nicht verstehen, wenn ich sie mir nicht erarbeitet hätte.

Floskeln sind ja die Minitextbausteine der schnellen Medienwelt. Sie nutzen als erstes ideenlosen Journalisten und ihrem redaktionellen Überbau.

Betrachtet man ein berichtenswertes Ereignis, dann erhöhen Floskeln gern die Aufmerksamkeit des Lesers. Floskeln schieben das Ereignis aber auch in den Bereich der Fehldeutung und der Lächerlichkeit. Sie werden ja mittlerweile im Internet gut dokumentiert 🔲 . Beim Floskelleser werden Nachdenklichkeit, Kritik und Freude ausgelöst, wenn man eine Floskel einfach nur mal als Floskel betrachtet. Das ist aber meist nicht beabsichtigt, sondern ein Abstract in wenigsten Worten. So lange der Leser weiterliest, muss man sich über den weiteren Sinn der Floskel keine Sorgen machen.

Allerdings war die Floskel auch schon lange vor dem digitalen Zeitalter beliebt und wurde geradezu unsterblich in den Titelzeilen der Lokalpresse. Um gelesen zu werden bestand schon lange ein Konkurrenzdruck zwischen den Blättern und zwischen ihren Journalisten.

Eine dieser Floskeln läuft mir immer wieder über den Schirm: Sie lautet vereinfacht so: Politikerin X ist die Mutter Courage eines lokalen Bereichs X oder einer Institution Y. Also zum Beispiel: Regine Hildebrandt ist die Mutter Courage der SPD. Betrachtet man nun andere Personen oder andere Institutionen, findet man immer wieder so eine Mutter Courage. Eine gewisse Luise Albertz wird als Mutter Courage Oberhausens geführt. Eine Inge Donnep und eine Hannelore Kraft gar als Mutter Courage des Ruhrgebiets. Dies nur, um über ein Beispiel aufzuzeigen, wie gewaltig so ein Mutter-Couragismus um sich greift. Urheber kann doch nur ein unbewanderter Journalist auf der Jagd nach einer markanten Schlagzeile gewesen sein.

Nachdem Bertolt Brecht in den Wirren des Krieges das Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“ entworfen und in der Nachkriegszeit damit die Theater beschäftigt hat, zogen die Zeitungsredakteure daraus als unbestelltes Nebenprodukt eine Floskel.

In dem Drama selbst ist die Hauptfigur Mutter Courage unverbesserlich davon beseelt, als unbedeutende Marketenderin vom 30-jährigem Krieg zu profitieren. Das gelingt ihr nicht. Sie bleibt lernunfähig und veränderungsresistent. Selbst nachdem ihre drei Kinder dem Krieg zum Opfer gefallen sind, bleibt sie bei ihrer Ideologie.

Die Figur der Mutter Courage bietet sich also mit keiner Eigenschaft an, einen vielleicht verdienstvollen Menschen mit einer vossianische Antonomasie [X ist Y der Z] auszuzeichnen. An dem, was sie macht ist nichts verdienstvoll. Wir haben es hier also mit einem verfloskelten Selbstläufer zu tun, der – einmal in die Welt gesetzt – durch allerlei Schriftwerk wabert, ohne je befragt zu worden zu sein. Wenn man nun merkt, dass die jeweils „Ausgezeichnete“ auch nur eine Figur im Cosmos aller Mütter Courage ist, dann ist die Auszeichnung auch deshalb dahin. Man beschriebe viel besser, was die jeweilige Frau tatsächlich gemacht hat.

Ich bin der Herr der Daten, ich brauche nicht zu raten …

Das Wetter ist hart im ZWERGWERK

Doch meine Freunde von den Wetterapps übertreiben es ein wenig. Ich weiß ja, dass das akribische industrielle Messen und Rechnen manchmal auch Ergebnisse auswirft, die man gar nicht bestellt hat. Wenn also meine Wetterapp sich auch speziell um Wintersportorte kümmert, dann ist das sicher zunächst gut. Hier in der Gegend gibt es aber nun eine Skihalle, also einen Ort außerhalb üblicher Wintersportgebiete, dessen Besitzer sich ganzjährig ein gebäudebezogenes Kleinklima mit Winterallüren leisten. Dort gibt es kein schlechtes Wintersportwetter. Ski und Rodeln sind gleichbleibend so gut wie die Eintrittspreise. Man erfährt nun aber über meine WetterApp die exakten Wetterbedingungen außerhalb(!) des Gebäudes. Dort gibt es nichts, nicht einmal Events, die sonst den Wintersport begleiten. Alles ist indoor!

Immer wieder gibt es unbestellte Erfindungen, die es also nur gibt, weil sie technisch möglich geworden sind. Eine dieser Erfindungen ist übrigens auch der Rundfunk. (Brechts widmete sich in seiner Radiotheorie dem Thema erhellend.) Man kann allen alles sagen, auch wenn man zunächst überhaupt nichts sagen will. Ja und dann spricht man einfach mal los. Und es gibt einen extrem skurrilen Wetterbericht.

Geschichten aus Schnullerbü

Der urplötzlich jetzt nicht mehr „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius hat in großem Umfang Geschichten gefälscht.
Der Spiegel ist nun irgendwie untröstlich und folgt einer aufdeckenden Strategie, nachdem er bei ersten Auffälligkeiten eher zudeckend gearbeitet hatte. Ein aufdeckender Journalist des Spiegel hatte zunächst um seinen Job fürchten müssen.

Ich finde, die Fälschungen waren wohl nicht in der Absicht des Nachrichtenmagazins, aber trotzdem ohne eine besonders große Dramatik.

Es ist nie anders: Ein Ereignis begegnet uns stets mit einem Schleier von Fantasie. Der Mensch ist ja so neugierig. Er will unbedingt wissen, was selbst der beste Berichterstatter nicht weiß. Der Mensch will sogar wissen, wie eine Geschichte weitergeht, obwohl das in der Zukunft liegt. Deshalb hat sich eine Belletristik entwickelt, die die Fantasie höher bewertet als belegbare Fakten und häufig sogar ganz auf Fakten verzichtet. Man ist geneigt, die Belletristik einerseits und die wissenschaftliche Fachpublikation andererseits als Schreibergebnisse zu verstehen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Aber das Lebendige in der Welt geht über solche kategorisierenden Vereinfachungen hinweg. Ob Dokusoap oder Journalismus, wir finden bei näherer Betrachtung immer nur Mischformen, manchmal hart an der Wirklichkeit, aber auch manchmal noch härter an der Fantasie. Alles ist „faction“ – wie J. M. Stimmel seine Romane bezeichnete – eine Mischung aus Facts – am 13. Mai 1950 schien die Sonne … – und Fiction – … und er schwitzte beim Verzehr des Zigeunerschnitzels sehr.

Es ist also kein Wunder, wenn jemand über Hitlertagebücher berichtet, die es nicht gibt (Sternaffäre 1983) oder jetzt beim Spiegel, der über enttarnte Erfindungen des Redakteurs Claas Relotius berichtet. Dieser Redakteur hat damit seine Faktenbasis verlängert und sogar das journalistische Handwerk befördert. Seine Arbeiten waren gerade dadurch besonders eingängig glaubwürdig und sogar häufig preiswürdig. Er wurde mehrfach geehrt. Der Leser war geneigt, der speziell performen Dynamik zu folgen und eben nicht in eingeschliffener Lesermanier mitten im Text abzubrechen, um sich in knapper Zeit anderen Ereignissen und Texten zuzuwenden. Das gerade beim Spiegel sehr hochentwickelte System des Faktenchecks hatte versagt. Aber musste es nicht ohnehin selbstgefällig an der Fuzzylogic der Lebensvollzüge scheitern? Wir haben ja das gleiche Problem in der Wissenschaftstheorie: Wir mögen alle denkbaren Dimensionen und ihre Wechselwirkungen abbilden können, dennoch schwebt über allem ein erkennnisleitendes Interesse, das trotzdem Schwerpunkte setzt und auswählt. Die Welt ist eben zu komplex, um empirisch ausgemessen und abgebildet werden zu können.

Wenn der Mensch sich die Welt aneignet, dann arbeitet er ja nicht allein faktenorientiert. Die Zeitung „Die Welt“ am 23.12.18: „Am fünften November erzählte Donald Trump laut „Washington Post“ 139 Unwahrheiten, also eine alle zehn Minuten. In seiner Amtszeit Zeit waren 7546 seiner Aussagen entweder irreführend oder schlichtweg falsch.“ Offenbar gibt es einen großen Markt dafür, Fakten zu vernachlässigen und aufzuhübschen. Es fällt nicht schwer, eine Menge Länder aufzuzählen, in denen die regierende Politik völlig abseits aller Erkenntnisse gestaltet wird und bei der man vermuten muss, dass es dafür immer auch ein Volk gibt, das mitspielt. Ein bißchen hat die Politik also auch etwas von einem Roman, der sich allerdings an der harten Welt der Fakten mit inszeniertem Selbstbewusstsein locker vorbei schmuggelt.
Was machen wir denn da? Wir fragen ohne Unterlass nach dem erkenntnisleitenden Interesse. Ist das nicht langweilig und frustrierend zugleich? Und wenn wir müde werden, überholt uns lächelnd und ausgeruht so ein Messias der alternativen Fakten. Alle rennen hinter ihm her und an mir vorbei, weil es zu schön ist, um wahr zu sein. Die ewigen Kritiker aber werden als ewige Nögler an den „einfachen, guten Sache“ beiseite gestellt. Mit ihren angefallenen Daten wird schnell noch ihr „customer lifetime value“ gerechnet, um sie einer neuen Bestimmung zuzuführen. Den Job als Mit-Souverän sind sie los. Also dieser Claas Relotius hat uns „nur“ klar gemacht, was wirklich für uns zu erwarteten ist. Es läuft auch schon.

Merz ist mir gleichgültig, Spahn und Äikäikäi sind es auch

In der CDU gibt es seit sehr langer Zeit mal wieder eine Kandidatenauswahl für den Parteivorsitz. Was normal sein sollte, das ist einfach nur ein Sonderfall mit dem Anschein, dass das normal ist. Wen ich gern als Kanzler möchte, ist eine vernünftige Frage. Was aber interne Wahlen einer Partei betrifft, dazu habe ich keine Meinung, wenn mein Herz nicht für diese Partei brennt. Allgemein danach zu fragen, das ist sogar unsinnig. Wenn also jetzt immer in den Medien und durch Meinungsforschungsunternehmen gefragt wird, wen ich als Parteivorsitzenden der CDU bevorzuge, dann ist das unmittelbar an die Bindung des Befragten an diese Partei gekoppelt. Während der CDU-Anhänger vermutlich den nach seiner Ansicht fähigsten will, ist es bei Anhängern anderer Parteien und bei Menschen, denen die CDU insgesamt ein Graus ist, genau umgekehrt: In ihrem Interesse wäre es, wenn in der CDU der Unfähigste gewählt würde. Denn je schlechter es in der CDU läuft um so besser sind die Bedingungen für die konkurrierenden Parteien. Wenn ich also in meiner großen Distanz zur CDU beispielsweise für den Kandidaten Merz bin, dann verbinde ich damit nur die Hoffnung, dass dieser Merz die Partei so sehr abwirtschaftet, dass sie im Wählervotum an Bedeutung einbüßt.

Einfach quer durchs Land eine parteiinterne Abstimmung volksoffen nachzubilden, halte ich also für unredlich. Lasst doch die CDU das einfach mal machen. Denn: „Wichtig ist, was hinten raus kommt.“(Helmut Kohl)

Und wenn ich jetzt sagen sollte: „Ich bin für Merz!“, dann würden die meisten fälschlicherweise glauben, dass ich den gut finde.

Werbung, die ich mögen müsste

Gucke ich in meine Timeline, dann sehe ich seit Wochen zuerst und dann immer wieder eine freundlich, die Zähne zeigende Frau hinter einem aufgeklappten Laptop. Ich habe keine Ahnung, wofür sie wirbt. Aber damit sie bei mir erscheint, muß es schon recht teuer gewesen sein.

Nun weiß ich, dass Facebook meinen Geschmack nach all der Zeit gut kennt und weiß, warum ich einer bestimmten Zielgruppe zugeordnet bin. Nun habe ich die Möglichkeit, äußerst aktiv dafür zu sorgen, dass Facebook mich noch besser kennenlernt. Ich könnte nämlich dazu ganz einfach anklicken, dass mir diese Werbung nicht gefällt. Ich tue das aber nicht, weil ich sicher bin, dass Facebook mich dann seelenlos und ungefragt in eine andere Zielgruppe verschiebt und dass ich dann andere Ding sehen muss, die ich nicht mag, obwohl der Algorithmus vorgibt, dass ich sie mögen müsste. Damit wäre mir nicht geholfen, denn ich will eigentlich nur Werbung, die wirklich originell und gut gemacht ist. Die passende Zielgruppe hat Facebook aber nicht eingerichtet, weil sie immerzu Spaß haben, aber nichts kaufen will. Meinesgleichen bleibt also wirklich völlig egal, wofür geworben wird. Damit versinke ich in einer Leerstelle im Werbekonzept. Das Konzept kann in der Vereinigung der Werbenden mit dem Vermittler Facebook bei mir einfach nicht landen.

Ich befürchte, dass eines Tages Leute wie ich so behandelt werden, wie die ganzen Nippelposter, die jetzt schon rausgekickt werden, auch wenn sie Rubens zitieren.
Ich denke, die heutzutage gehandelten Werbetheorien gehören wieder einmal auf den Prüfstand. Wer einmal mit einer cineastischen Fragestellung ein Werbefilmfestival besucht hat, wird mich da verstehen. Der Weisheit letzter Schluss der Werbung ist noch unbekannt. Ich behalte ihn auch für mich. —

Was will die Zähne zeigende Frau eigentlich schon wieder von mir?

An dich und auch an dich …

Ich trage das NO bereits in meinen Initialen. Das Nein-sagen-können ist mir also in die Wiege gelegt. Und ich mache Gebrauch davon.

Wenn du mich beispielsweise aufforderst, dieses oder jenes zu liken oder zu teilen, dann tue ich das nicht. Dabei ist auch gleichgültig, ob es online oder offline sein soll. Mein Liken und Teilen ist eine positive Rückmeldung zu deiner Äußerung. Ich will also nur deine nackte Äußerung und sonst nichts. Sie muß mir also wirklich gefallen, damit ich sie zustimmend bewerte. Da musst du dir schon Mühe geben, wenn dir daran gelegen ist.

Manchmal ist es sogar so, dass ich geneigt bin, dir aus voller Überzeugung zuzustimmen. Und dann lese ich so etwas wie: „Wenn du auch der Meinung bist, dann liken und teilen …“ Ja, dann hast du Pech gehabt, weil ich nicht mehr unbeschwert auf deine Äußerung reagieren kann.

Wenn ich besonders leckeres Brot kaufe, dann erzähle ich das gern weiter, aber nicht, wenn der Bäcker mir die Verpflichtung dazu direkt mitverkauft.

Lassen sich Fans überhaupt schockieren?

Wir kennen die übertreibenden Schlagzeilen aus der Boulevardpresse. Sie haben dazu geführt, dass man auch unglaublichen Schlagzeilen folgt und bei einer Räuberpistole landet, die aber nur der geübte Leser als Attrappe erkennt. Die Verkaufszahlen machen die Boulevardpresse ingesamt trotzdem reich. Das wird auch dadurch verstärkt, dass man nahezu jede Idee zur Story aufblasen kann, wenn sie leicht zu konsumieren ist und deshalb auf Hintergründe und Zusammenhänge verzichtet. Man schreibt deshalb auch nur wenig. Oft ist die voraussichtliche Lesezeit in Sekunden angegeben.

Zunächst schienen mir andere Pressesegmente sicher vor Texten, die überhaupt nicht zur Überschrift passen wollen. Seitdem aber Klicks Beachtung und Einnahmen bedeuten, hat sich das zumindest bei den Onlineabteilungen der Blätter gewandelt. Und der Spaß an irrsinnigen Überschriften nimmt zu und droht, sogar in die Redaktionsstuben der Printfreunde zu schwappen.

Bisher hatte ich gedacht, dass die Branchen mit den drögen Themen von dieser Entwicklung unbeeindruckt bleiben. Sie mögen zwar alle nicht so gern die Fachprodukte in ihrem Segment schlecht machen, bleiben aber gleichwohl auf der Spur, Sachinformationen auszuliefern und lesergerecht zu bündeln. Für alles andere haben sie keinen Markt. –
Das dachte ich!
Bis ich jetzt lese: „Schock für Samsung-Fans„. Im Text stelle ich fest, dass Handys ohne Kopfhöreranschluß geplant sind. Aha! Der Konkurrent Apple liefert schon lange seine Handys ohne so einen Anschluss aus, ohne dass infolgedessen über eine Schockbehandlung von Fans berichtet wurde. Es gibt nichts zu berichten, aber sie tun es trotzdem.

Sollten wir eines Tages nur unsere eigenen Texte lesen, weil wir uns etwas von der Vermarktung und der unbedingten Zustimmung freigearbeitet haben? Auf der Straße sehe ich mittlerweile viele Menschen, die einsam so vor sich hin sprechen. Sie gehen Begegnungen aus dem Weg und werden auch selbst kaum beachtet.

– Shockproofed!

Die Post will das Briefporto erhöhen

Damals hatte sich das Briefscheiben und -lesen so fest etabliert, dass man seinen Briefträger mit Namen kannte. In meiner Kindheit wohnte ich genau auf der Grenze zweier großer Städte. Das hatte den Vorteil, dass man die Portokosten erheblich reduzieren konnte. Ich durfte nämlich immer für die ganze Familie zu den Briefkästen beider Städte laufen. Briefe im Ortsverkehr kosteten 10 Pfennig, im Fernverkehr jedoch 20 Pfennig. Hinzu kam auf jeden Brief noch die Notopfermarke, die 2 Pfennig kostete. Man war also sparsam, nutzte das Briefschreiben aber trotzdem intensiv.

Der Brief war das Medium der Wahl, wenn man sich über die unmittelbare Nachbarschaft hinaus unterhalten wollte. Es wurden Brieffreundschaften in aller Welt gehandelt und gepflegt.

Die Konkurrenz des Telefons etablierte sich zunächst nur langsam. Die Tonqualität war so schlecht, dass man zur Unterscheidung von drei anstatt zwei immer zwo sagen musste. Insgesamt war das Telefonieren eine extrem spannende Sache. Wenn es klingelte, stieg der Puls erheblich und man ging auf alle Fälle dran. Manche Leute trauten sich nicht auf die Toilette, weil ja zwischenzeitlich das Telefon klingeln könnte. Ausstöpseln könnte man das Telefon von Amts wegen nicht.

Weil ich – wie gesagt – auf der Stadtgrenze wohnte, tummelten sich in unserem Wohnzimmer fast täglich irgendwelche Menschen, die unbedingt telefonieren mussten. Dass bei uns eines der seltenen Telefone stand, hatte sich wohl herumgesprochen. Es kamen junge Mädchen, die unbedingt ihren Freund anrufen mussten oder andere Menschen in Notfällen, also wenn beispielsweise der Opa gerade ins Krankenhaus gekommen war. Manche Leute brachten zum Telefonieren eine ganze Rechtsanwaltsakte mit. Neben dem Telefon stand ein großer Kristallaschenbecher und die Leute sollten dann für das Ortsgespräch 20 Pfennig hinein legen. Für ein Ferngespräch wurde es kompliziert, weil der Preis auch damals schon zeitabhängig war. Es war nicht selten, dass sich Ortsgespräch dann doch nachträglich als kostspielige Ferngespräche entpuppten. Und an der Stadtgrenze war es durch einen kleinen Spaziergang eben auch möglich, ein Ferngespräch als Ortsgespräch zu führen.

Aktuell will also die Post wieder das Briefporto erhöhen. Das Telefon und die sogenannten neuen (?) Medien haben im Verbund das private Briefschreiben ausgebootet. Nur noch Werbung per Post und ein Teil der Geschäftspost überdauern noch. Am Markt müsste es allerdings eher eine Preissenkung geben, wenn man verhindern will, dass das Briefschreiben und das daran gekoppelte Brieflesen zu einer klitzekleinen Kulturnische für Wohlhabende wird.

Aber machen wir uns nichts vor: Urlaubseindrücke im Livestream zu schildern, ist der Ansichtskarte selbstverständlich in jeder Hinsicht überlegen. Deshalb neigen wir auch dazu, die letzte Ansichtskarte aus Rom gut wegzulegen, weil sie dann eine nett kolorierte Rarität bleibt.

Sollen sie doch mit dem Briefporto machen was sie wollen. Würde ich einmal einen Brief schreiben, dann würde mich das Porto jedenfalls nicht davon abhalten. Früher waren die Briefportotarife ein Politikum und standen für die Teilhabe am Leben. Das Porto festzulegen war infolgedessen eine hoheitliche Aufgabe. Es gab ein Postministerium, der Briefträger war Beamter und das Telefonwesen gehörte direkt auch dazu.

Das Telefon einfach nur ausstöpseln zu können, war in den 1980er Jahren eine bahnbrechende Errungenschaft, die mir irgendwie wichtiger war, als die Erfindung des Internet. Danach gab es kein halten mehr. Alte Briefe scanne ich gerade für die Weitergabe durch die Generationen. Meine Briefmarkensammlung hat ihren Gegenstand verloren und schlummert in einem Koffer. Ich bin ratlos, was ich damit machen soll, — etwa die Zacken zählen.

Toll, was du so alles weißt!

Man zeigt ja immer gern auf, wenn man die Frage des Lehrers beantworten kann. Und so kommt es auch, dass vor allem die ganz, ganz einfachen Fragen nach irgend etwas sehr beliebt geworden sind. Man kann scheinbar risikolos mitreden. Bei derart einfachen Fragen wird deine Antwort bestimmt keinen Shitstorm auslösen.

In den sozialen Netzen trifft man nun täglich auf das Schema „Wer erinnert sich noch …“ und dann kommt ein Ereignis zu dem man sich bekennen kann oder das man sogar auch noch spezifizieren kann. Heute wurde gefragt: „Wer erinnert sich noch an seine alte vierstellige Postleitzahl?“ Man könnte die Antwort gern für sich behalten, weil es anderen Menschen vermutlich nichts nutzt, wenn sie deine Postleitzahl von 1993 erfahren und sie auch nicht beeindruckt, dass du dich daran erinnerst. Der wer-erinnert-sich-noch-Trick wird auch liebend gern in in Überschriften von Zeitungen und Mediensendungen eingesetzt, weil das nach aller Erfahrung stets Leser beziehungsweise Zuhörer und Zuschauer in Bewegung setzt.

Obwohl es nichts zu sagen gibt, klicken jedenfalls in den sozialen Medien stets tausende Menschen trotzdem und fügen direkt auch noch im gegebenen Fall als Beleg die alte Postleitzahl an. Der, der da fragt, den kennt man meist nicht. Man trägt aber seinen Anteil dazu bei, dass er begehrte Daten bündeln kann. Er weiß, dass du schon ziemlich erwachsen bist. Er erkennt meistens dein Geschlecht und kann dich mutmaßlich in einer begrenzten Gegend verorten. Und er weiß von vornherein, dass du beispielsweise bei Facebook leichtfertig mit deinen Daten umgehst und möglicherweise auch anderswo. Wenn er nun für den Verkauf entsprechende Datensätze von zigtausend Menschen zusammenstellt, möglicherweise mit anderen Datensätzen verknüpft, dann verdient er Geld damit und du bekommst unerwarteten, manchmal auch unbemerkten, Kontakt zu anderen, die dir maßgeschneiderte Angebote unterbreiten, weil ihnen das den Weg zu deinem Geld ebnet.

Es ist in jedem Fall besser, auf Fragen nicht zu reagieren, wenn deren einziger erkennbarer Sinn darin besteht, massenweise Klicks einzusammeln.

Und das ist noch längst nicht alles!

Facebook beispielsweise sammelt alles auch noch einmal mit, um es ebenfalls zu verkaufen und hat mindestens 98 Daten von dir zur Ergänzung. Da kommen dann im Verkauf schon mehrere Milliarden Euro bei rum und man fragt sich welch weltbewegenden Dinge passiert sind, um dieses Geld zu erwirtschaften. Du hast ja eigentlich nur 4 belanglose Ziffern in die Öffentlichkeit getragen.

Wir werden von Stofftieren überrollt!

Mit den Stofftieren ist es ja so, wie es völlig zu Unrecht über Flüchtlinge behauptet wird: Es gibt zu viele davon. Familien verfügen regelmäßig über ein Kuscheltierghetto. Nur wenige Kuscheltiere schaffen es mit ihrem herausragenden Charakter und ihrer makellosen Beschaffenheit bis ins Kinderzimmer, es bleiben eben die schönen und gesunden. Anstatt alle anderen fachgerecht zu entsorgen

fachgerecht entsorgtes Kuscheltier

oder bereits an der Grenze abzuweisen, sickern sie durch, bis in die Familienhängematten. Mittlerweile treten viele naive und gutmütige Helfer auf den Plan, die ungeprüft behaupten, hier oder dort gäbe es einen Mangel an Kuscheltieren und ebnen den Weg zur Edelentsorgung der Kuscheltiere aus den Ghettos. Und die Kuscheltierempfänger sind stets so sehr vom inszenierten Lovebombing überwältigt, dass sie nicht einmal adäquat den Edelsondermüll ablehnen können und auch erst auf den zweiten Blick erkennen.

Das alles ist nichts anders als die Entsorgung des Zuckers über Süßigkeiten, zwischengelagert in Omas Schublade.

Eine Begebenheit zeigt, wie verlogen der ganze Kuscheltiertourismus wirklich ist:
In ein Fußballstadion in den Niederlanden – so wurde im letzten Jahr berichtet – wurden irgendwie als benachteiligt ausgewählte Kinder eingeladen. Dann haben irgendwelche Menschen massenweise Kuscheltiere auf die diese Kinder geworfen.

Es gibt sehr wohl Kuscheltiere, zu denen man eine Beziehung gestaltet – aber nicht auf diesem Weg.

Offenbar taugt das zur Serie. Es passiert nun auch anderen Orten und bei anderen Sportarten …