Frisch aus der Blase

Ich habe einen Beitrag, der in meine Timeline geschwappt war, der facebookinternen Selbstkontrolle gemeldet. Der Grund war ein offenbar werbewirksamer Gesetzesverstoß. Ich bin froh, dass das in meiner Timeline gestrandet ist, denn sonst hätte ich die Hässlichkeit der Welt nicht so unmittelbar erfahren können. 

Im Rechtsstaat gibt es bekanntlich ja auch immer viel Unrecht, aber nicht so eine privatindividualistische Instanz, die noch mal eine Bewertung auspackt, die die Rechtslage neu deutet und sich ihr sogar entgegenstellt.

Jedenfalls konnte man mit den Richtlinien des Konzerns nichts anfangen, um dem geschilderten Rechtsverstoß auf die Spur zu kommen.

Und dann kam aus der Richtlinienblase ein gedankenloser Angriff mit rücksichtsvoller Sorge um mein Seelenheil: Zu meiner Entlastung hat man nur für mich – nicht für andere – die beanstandete Werbung einfach nur weggeknipst. Damit ist dann das passiert, was ich auf keinen Fall will: Eine sich selbst regulierende Scheinwelt wird an das künstlichen hergestellte Gefühl gekoppelt, man sei wirklich ein einflussreicher und geachteter Kapitän im Weltgeschehen. Die Facebookblase wird von Tag zu Tag also nichtssagender und fächert dort alles Unbedeutende nur auf, wo der mutmaßlich errechnete Bürgerwille erfahrungsgemäß so gern klickt. Reichweite bekommst du nur, wenn du dich irgendwie ausziehst. Die echte Innovation ist zu anstrengend für die Märkte.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine ganzen Facebook-Postings gar keinen Einfluss auf das allgemeine Weltgeschehen haben.

Das Kabel als Fortschritt

Die EU hat sich jetzt einen Fortschritt ausgedacht, der jedem Bürger helfen soll: Die Ladekabel für Elektrogeräte  werden vereinheitlicht. Das klingt auf den erste Blick ja fantastisch. Aber die Sache hat bei näherer Betrachtung auch Nachteile und ist schon fast aus der Zeit gefallen.

Die sich entwickelnde Vielfalt  in allen Lebensbereichen garantiert stets Verbesserungen für die Zukunft. 

Das gilt ebenfalls für Ladekabel. Wir haben es ja selbst mitbekommen, dass das zusammenstecken mit jeder Innovation, also mit jedem neuen Stecker einfacher und das Laden leistungsfähiger geworden ist. Solche Entwicklungen werden bei Vereinheitlichungen abgeschnitten. 

Diese schnöden Ladekabel stehen auch ohnehin schon vor dem aus, so wie damals die analoge Bildaufzeichnung. Jeder Stecker kostet Geld und ist störanfällig. Kabellos wird es voraussichtlich besser gehen. Und ein Handy ohne Stecker ist sogar im Dreck und unter Wasser robuster.

Ich habe mich zudem noch nie in einem Ladekabelsalat verheddert und verloren. Fabrikneuer Elektroschrott fällt trotzdem immer wieder an. Man glaubt es aber erst, wenn die Dinge für ein Jahrzehnt gehortet worden sind.

Eine Kramkiste von vielen …

Alles ist politisch, nur der ESC nicht

Mich beschäftigt gerade die Frage, ob der ESC eine politische Veranstaltung ist. Von mir aus wäre ich auf diese Fragestellung nicht gekommen. Aber nun gibt es nach Vorkommnissen bestimmte Presseberichte, die das behaupten.

Der ESC war in seinen Anfängen seit 1956 ein biederes Schlagerfestival mit guter Laune, geschöpft aus eher seichten Texten und mit einem Ambiente, das die Stimme der Sänger mit der Musik verband und schnörkellos darbot. Die Punktevergabe zur Siegerermittlung war langweilig, hielt das Publikum aber durch so eine Art Volks- und Experten-Abstimmung bei Laune. Daraus wurde mit den Jahren – seit ABBA – eine Showveranstaltung mit Kultstatus und Fangemeinde in ganz Europa und darüber hinaus. Gerade die abweichende Optik mit einem sympathisch aufgemotzten abweichenden Verhalten wirkte bombastisch, was nicht unbedingt gut bedeutet, aber stärker als je zuvor beachtet wurde. Man merkte durch die Jahre schnell, wie es um die länderübergreifenden Freundschaften bestellt war, die bei kühler Beleuchtung dann auch eher als eine Abhängigkeiten zu erkennen waren. An der Punktevergabe von Land zu Land konnte man das ablesen. Der ESC wurde politisch benutzt, obwohl die Darsteller samt Entourage mit der Politik nie etwas im Sinn hatten auch wenn sie ab und zu auch mal für den Weltfrieden im großen Theater gesungen und die Lampen immer wieder an und aus geknipst haben. 

Im Jahr 2024 war der ESC so schrecklich unpolitisch wie zuvor. Aber gerade deshalb bot er sich  an, für fragwürdige politische Botschaften genutzt zu werden und die breite mediale Öffentlichkeit damit aufzuladen. Aus dem Islam heraus wurde in zahllosen Demonstrationen in zahllosen Ländern, auch in der Veranstaltungsstadt Malmö vorgetragen, die israelische Sängerin dürfe nicht auftreten, weil Israel mit kriegerischen Mitteln gegen Palestinenser vorgeht. Dabei wurde durchgängig verschwiegen, dass dem israelischen Angriff ein beispiellos tödlicher und wahlloser Überfall an israelischen Bürgern durch die im Gasa regierenden Hamas vorausgegangen war. Bei aller berechtigten Kritik an der israelischen Regierung wurde in den Demos auch verschwiegen, dass Israel seit seiner Gründung als demokratischer Staat sehr gut funktioniert. In den mit der Hamas verschwisterten Ländern und Bewegungen ist das jedoch nicht so. Dort wird die Vernichtung Israels gefordert und angestrebt. Diese neuerlichen Demos im Umfeld des ESC stehen für eine ausgedachte Wahrheit, die mit allen Mitteln radikal verwirklicht werden soll und überall Aufmerksamkeit sucht, wo sich ein Trittbrett dazu anbietet.

Ich habe an keiner Stelle gesehen, dass der ESC politischer geworden ist. Die weltweit organisierten Fans wollen allesamt Spaß haben und in Ruhe gelassen werden, wenn es um mehr geht als einen Showpotpourri mit geringer Schöpfungshöhe.

Aus der Mistkäferliteratur

Über Mistkäfer, die kulinarische Ausflüge machen, gibt es unzählige Comics und Witze. Meistens ist es so, dass der Witz aus einem Comic herausgelöst wird und selbstständig durch die Welt vagabundiert. Damit verliert er meist unbemerkt seinen Status als urheberrechtlich geschützte Zeichnung mit Text. Dem puren Witz fehlt die Schöpfungshöhe eines schützenswürdigen Textes und es kann gar sei, dass ein Künstler einen bereits bestehenden Witz ohnehin nur illustriert hat. 

Ich komme darauf, weil ich letzens den Comic der Mistkäferfamilie beim Mittagessen geguckt und gelesen habe und zur Erweiterung den Witz über den Mistkäfer in der Eisdiele hinzugefügt habe. Der Autor des Comics hatte sofort parat, welcher seiner Berufkollegen den von mir erzählten Witz zum Comic gemacht hat. Zum Glück gibt es noch genügend Sätze in der Welt, die ungeschützt sind, weil sie an der Schöpfungshöhe scheitern: „Guten Tag! Ich hätte gern zwei Kugeln Scheiße!“

Gewalt ist allerorten

Ich beklage ja seit langem die Invasion von Gewaltbegriffen zur Förderung unnötig gesteigerten Beachtung nebensächlicher bis vernachlässigungswerte Sachverhalte.

Wenn Gewalt im Spiel ist, dann kommen gemeinhin Redewendungen wie „Bombe geplatzt“ „Geschmacksexplosion“ zur Anwendung. Dies gehört sich aber vor allem nicht in kriegerischen Zeiten zur Bezeichnung friedlicher Angelegenheiten.

Vom 9.4.2024  [Sport1 online] gibt es ein ganz hässlichen Beispiel:
„Manchester Citys Trainer Pep Guardiola hat vor dem Duell gegen Real Madrid, das nach spektakulärem Verlauf 3:3 endete für einen kleinen Paukenschlag gesorgt – allerdings notgedrungen.“ — Einer der Stars hatte nämlich vor dem Spiel ein Unwohlsein und nahm deshalb nur auf der Bank Platz.

Nun ist ein betonter und isolierter Paukenschlag eine musikalische Übersetzung einer grässlichen Naturgewalt oder einem ähnlichen menschgemachten Desaster. Der Vorfall im Dunst eines Fußballspiels hat nun  wirklich gar nichts damit zu tun. Aber der Paukenschlag war angeblich ja auch nur klein. Flötentöne wären vielleicht angemessener gewesen.

Memes ohne Weisheit

Unweigerlich lesen wir Memes. Sie gehören zur Netzkultur. Wir lesen sie, weil sie griffig kurz sind und unmittelbar die Essenz scharfer Gedanken versprechen. Abstracts zu Fachbüchern haben den gleichen Zweck, sind aber doch länger und an den Ursprungstext zurückgebunden. Und siehaben sich vor und neben dem Internet etabliert. Sie können auch etwas schlecht sein, aber eben nicht so sehr wie es Memes sein können.

Manchmal sind Memes Zitate und weisen damit den Weg der Erkenntnis hinter dem Zitat. Viele Zitate haben aber einen unbekannten Autor. (Einen Autor haben sie ja immer.) Meist ist der Autor genannt, aber dann selten belegt.  Zum Großteil sind diese Memes Fälschungen. Man liest ja gern zweimal, wenn beispielsweise Albert Einstein zitiert sein soll. Legendär sind gerade eben die Zitate von Einstein. Sie stimmen fast nie. Sie werden ihm nur großzügig in den Mund gelegt.

Ich habe gerade ein beliebiges Zitat zur „Seelenpflege“, einer beliebte Memekategorie. 

„Glücklich ist nicht der, der alles hat,
was er will, sondern der,
der zu schätzen weiss, was er hat.“
Autor unbekannt
Sprüche für die Seele 

Ich kommentiere den Text kurz, um ihn ins Licht zu zerren:
Da wollen wir erst einmal beide Protagonisten fragen, den Reichen und den Armen im materiellen Sinn.
Solche Sprüche kommen aus der Zeit, als man eine weit verbreitete und ungerecht verteilte Armut zum Lebensideal gemacht hat, damit die Reichen und die Armen auf unterschiedliche Weise zufrieden waren. Der Arme freute sich an dem, was ihm geblieben war. Der Reiche freute sich, dass ihm der Arme nicht auf der Tasche lag und seinen Reichtum in Frage stellte und er genoss die Annehmlichkeiten seines Reichtums.

Solche Memes verstopfen nur die Kommunikationskanäle, seitdem sich viele, dank der freiheitsgewährenden technischen Entwicklung, aufgefordert fühlen, ihre eigenen Programmdirektoren zu sein.

Ich schreibe meine Memes selbst und beziehe meine Aufmerksamkeitswendungen aus meinem Leben, auch vom Hörensagen.

No new news

Manchmal ist es langweilig und hat eine Zeitverschwendung zur Folge, wenn man sich tagtäglich die News reinzieht. Es gibt gute Gründe, über alles Mögliche öffentlich zu berichten. Aber manchmal gibt es eben keine neuen News. Offen gestanden geht mir das nun zu weit!

Ich werde seit Wochen überfüttert mit zwei Fragestellungen, denen bisher keine Antwort folgt.

Die 1. Fragestellung: Wer wird Leuchtturmwärter von Wangerooge?

Die 2. Fragestellung: Bekommt Sandra Hüller einen Oscar?

Übersinnlich

Seit Jahren hat mir mal wieder ein karnevalistischer Büttenredner in einer Fernsehsendung die volle Aufmerksamkeit abverlangt. Als er Siri sagte – offenbar ein Codewort, das eine gewisse Übergriffigkeit auszulösen imstande ist – schallte es sehr laut in der Wohnung: „Ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden habe.“ Es war sensationell erschreckend, zumal ich ja gar nichts gesagt hatte.

Zur Entwarnung fällt mir aber ein Erlebnis aus den weitgehend analogen 70er Jahren ein, als ich ein paar Tage in der Nähe einer talentierten multiethnischen tierischen Lebensgemeinschaft wohnte. Das einzige Pferd war mit der Kutsche zu einer Ausflugsfahrt unterwegs, als es in seiner Lebensgemeinschaft unverständlicherweise kräftig wieherte. Es stellte sich dann heraus, dass der Papagei ihn lautstark vertreten hatte.

Auf dem Boulevard flaniert

Die Boulevardisierung der öffentlich-rechtlichen Medien sehe ich als großes Problem. Wenn man sich in den Rundfunkanstalten nichts traut, bedient man den Mainstream. Dort ist der Zuspruch meist sicher. Wer anspruchsvoll Medien nutzen will, ist auf ungünstige Uhrzeiten angewiesen oder nutzt kleine Meinungsblasen im Onlinebereich.

Das Mittelschichtwandern der mittelprominenten Moderatorin Judith Rakers im gediegenen Mittelgebirge mit mittelunterhaltsamen Kommentaren ist so ein seltsames Ding, dem kaum etwas Besseres folgt noch voraus geht. Das ist ideal, um die wertvolle Zeit totzuschlagen. 

So lange die Rundfunkgremien konsensorientiert ausgerichtet sind wie Parlamente, bleibt das kreativ abweichende Potential an den Rändern der Gremien unentdeckt. Und anstaltsintern weicht man davon auch nicht so ganz gern ab. Das Potential der Medien liegt sicherlich außerhalb dessen, womit Privatsender Geld verdienen.