Ai Weiwei packt die Koffer

GermanEatArt

Als großer und sensibler Künstler unserer Zeit durfte Ai Weiwei irgendwann die Drangsal in seiner chinesischen Heimat verlassen. Das gilt wohl dauerhaft. Berlin war der Zufluchtsort seiner Wahl. Immerhin gilt Berlin ja auch nicht zufällig als Metropole der Entfaltung und des innovativen Geschmacks. Aber – wie das so ist – auch in Berlin ist nicht alles gut. Und sogar auch die Entfaltung hat Widersacher. Ai Weiwei stört sich daran nicht, sondern ausdrücklich an so etwas wie konkrete Taxifahrer mit fragwürdiger Weltanschauung und übergriffigem Argumentationsgehabe und einem dazu passenden Deutschland, das ihm tatsächlich nicht offen für Innovationen vorkommt. Von Taxifahrern der beschriebenen Art gibt es sicher eine Menge, auch in Berlin. Gleichwohl ist – dies nur als Beispiel – die Spekulation mit Wohnraum das weitaus größere Problem in Berlin, wenn man denn damit konfrontiert wird. In der Lebenswelt Ai Weiweis war es nun der eine und andere Taxifahrer. Um das Wesen der Deutschen zu ergründen hätte er sicherlich auch etwas mehr Zeit und einen gehörigen Blick in die Tiefe investieren müssen. Wenn Ai Weiwei nun ankündigt, den Ort zu wechseln, dann kann man nichts dagegen sagen. Wenn er allerdings den Beweggrund ohne Blick auf die Fülle urbanen Lebens von bestimmten Taxifahrern ableitet, dann klingt das aber etwas armselig und erscheint als Lösungsversuch am falschen Objekt.

Wer hypersensibel leidet und als Lösung den Ort wechselt, der kann das machen, verfehlt aber auf Dauer ein pragmatisches Glück. Da bin ich ziemlich sicher. Oder packst du auch die Koffer?

Ai Weiwei sagt ja: „Wer sein Ziel kennt, ist kein Flüchtling mehr.“ Er zeigt uns allen deutlich, dass er als ewiger Flüchtling agiert und nicht so ganz heimatfähig sein will. Es wäre schade, wenn es nicht doch ein Geschäftsmodell für herausragende Artisten ist.

Kehraus – „Guten Rutsch!“

Gelbe Säcke im Rollenformat aus Restbeständen

Hier in Mönchengladbach ist es anlässlich eines ernsten Vorfalls doch sehr, sehr lustig.
Ich fasse zusammen:

Das Duale System Deutschland (das das mit dem Vrerpackungsmüll bundesweit regelt) hat vor kurzem eine Firma beauftragt, die obligatorischen Gelben Säcke an die Haushalte zu bringen und die gefüllten Säcke dann ab AD 2019 nach und nach wieder abzuholen. Diese Firma ist nicht in der Stadt beheimatet. Die Stadtverwaltung hat – wenn alles klappt – nicht viel damit zu tun.

Seit einigen Wochen läuft die Verteilaktion mit den Säcken. Vermittelt über die Presse und die sozialen Netzwerke fällt nun auf, dass die Säcke aber nur in Einzelfällen angekommen sind. Fast alle haben überall in der Stadt bisher keinen gelben Sack gesehen. Allerdings heißt es, man habe an größeren Häusern auch einmal ganze Kartons voller Säcke gesehen, bis sie dann nicht mehr gesehen wurde. Ich habe bisher jedenfalls nichts bekommen — ich schwör, ey!

Auf Anfrage teilte die zuständige Firma zunächst mit, alle Säcke seien verteilt. Dann stellte man kleine Unregelmäßigkeiten fest und schließlich war von einem organisierten Diebstahl in großem Stil die Rede. Aber wer klaut denn solche Säcke? Man fragt sich unweigerlich, wer denn ganz konkret mit welchem Konzept die Säcke wie weit zu den Haushaltungen geschleppt hat und ob sich während der mühsamen Arbeit nicht gleich eine Idee der Säckeersatzverwertung ergeben hat. Jedenfalls drängt sich der Verdacht auf, dass während einer schwerpunktmäßigen Grobverteilung bereits in der Nebenstraße ein LKW wartete, um die Kisten wieder einzusammeln, bis jemand auf die Idee kam, sie praktischerweise erst gar nicht auszuladen. Aber all das ist Spekulation. Die an sich kostenlosen Säcke werden nun allerdings im Internet zu ganz erstaunlich blödsinnig hohen Preisen angeboten. Es gibt also eine Spur. Güter, die verknappt werden, steigen natürlich im Preis. In diesem Fall dann aber doch wohl nicht, weil die beauftragte Firma so oder so nachliefern muss, bis die Stadt in Plastiksäcken erstickt, die alle Wege in die Weltmeere so lange verstopfen, bis sie, von Wind und Wetter in Mikroplastik zerlegt, alle Sperren passieren. Und jeder, der jetzt einfach zu viele Säcke hat, sollte wissen, dass er damit für sich keine Teilhabe an der Gesellschaft und auch kein Ausgleich sozialer Ungerechtigkeiten bewirken kann.

Ich sage das nur, weil es doch für alle Beteiligten gut war, als damals die Müllwerker von Wohnung zu Wohnung gingen, ein frohes neues Jahr wünschten, dabei eine Infobroschüre über die Müllregelungen und gelbe Säcke mitbrachten und in alter Tradition ohne jede Verpflichtung gute Wünsche und ein Neujahrsgeld als Dankeschön bekamen, noch bevor Dinner for One im Fernsehen lief.

– Guten Rutsch! 

Nachtrag:
Jetzt sind wir im Jahr 2019 und haben bereits die heiligen drei Könige hinter uns gelassen. Bürger laufen meistens vergeblich zu den Läden, die nun als Verteilstellen fungieren sollen. Die Inhaber kriegen die Wut der Bürger mit und schützen sich bereits mit großen Hinweisschildern vor den Nachfragen. Nicht wenige wollen nun verständlicherweise auch nicht länger als Verteilstelle fungieren. Es wäre ja eine nette Geste, von den Restbeständen der Säcke der letzten Jahre etwas abzugeben. Aber dazu müsste man auch wissen, wann mit Nachschub zu rechnen ist. Ich vertraue jedenfalls nur noch auf die Vergabe der Säcke von Hand zu Hand. Die Zeit der Verlautbarungen ist vorbei.

Hängen im Schacht – ein paar Kohlen aus einem Leben …

Die Kohleförderung im Ruhrgebiet ist nach 200 Jahren beendet. Ich bin ja mitten im Ruhrgebiet groß geworden. Da ist man am Bergbau nur selten vorbeigekommen. Es hat sehr lange gedauert, bis mir klar war, dass das mit der Kohle eine Episode von geschichtlich sehr übersichtlicher Dauer war und bleiben würde.

Der Schacht, in dem ich einmal besuchsweise auf 1000 Meter durfte, der stand sogar auf einer grünen, umwaldeten Wiese. Da fiel es nicht schwer, zu rekonstruieren, dass die ganze Gegend noch zu Urgroßvaters Zeiten insgesamt grün und bäuerlich geprägt war. Und trotz aller urbanen Verdichtung kannte und kennt dort jeder irgendeinen Bauernhof in seiner Nähe.

Auf so einem ehemaligen Bauernhof in unmittelbarer Nachbarschaft der Zeche Rosenblumendelle habe ich meine Kindheit verbracht. Mein Vater hatte dort auch seinen Handwerksbetrieb, direkt gegenüber der Wohnung. Ich spielte auf dem Land und war doch ein richtiges Kind der Stadt. Beim Schichtwechsel töte die Sirene in einer Lautstärke, dass bis zum Abschwellent jedes Gespräch unmöglich war. Man stellte auch seine Uhr danach oder setzte mit der Sirene die Kartoffeln auf.

Wann das in meiner Familie mit dem Bergbau angefangen hat, das weiß ich nicht. Meine Oma sagte immer: „Wir dienen dem Hause Stinnes schon seit 150 Jahren.“ Sie hat dabei wohl alle Beschäftigungszeiten in der Verwandtschaft zusammengezählt. Mein Großvater väterlicherseits war Bergmann. Ich habe ihn noch 5 Jahre erlebt. Er war mit seiner Staublunge schon lange in Rente und total witzig. Er trug aus Zweckmäßigkeitsgründen eine Glatze, unterhielt die ganze Hausgemeinschaft, erledigte Einkäufe und kroste im Garten. Das war die Zeit, in der man auch noch gern als Selbstversorger Tabak anbaute. Für die Hühner und für mich schnitt er immer die Brotkrusten klein. Zum Geburtstag bekam ich einmal eine Riesentüte mit getrockneten Brotkrusten. Es war ein Spaß, aber ich habe mich gefreut. Einmal schickte er mich und die anderen Kinder durch die Nachbarschaft. Wir sollten Persil besorgen, um die Hühner zu waschen. Eines meiner Spielzeuge war eine Hühnerpfote, die man bewegen konnte, wenn man an der Sehne zog. In unmittelbarer Nähe – erzählte man – wurde infolge plötzlicher Bergschäden ein ganzes Fuhrwerk verschluckt. Das war mir unheimlich, machte aber niemanden ängstlich.

Mein anderer Opa arbeitete in weißem Hemd und Anzug in der Bergschädenabteilung. Irgendwo steht, er sei „Bergwerksbeamter“ gewesen. Er war wohl wichtig, aber was er genau gemacht hat, weiß ich nicht. Er hatte aber ein Telefon im Bureau. Er war ebenfalls frühzeitig, allerdings wegen einer Herzerkrankung, Rentner und für mich immer etwas unnahbar. Meine Oma erzählte noch lange, dass er bei seinem Betriebsjubiläum geweint habe, als der Bergmannschor das Steigerlied gesungen habe.

Mein Vater war auch auf dem Pütt. Als er mit 25 Jahren aus dem Krieg kam, war für ihn nicht daran zu denken, sein Maschinenbaustudium fortzusetzen. Essen, trinken und wohnen waren wichtig, garniert von kleinen Alltagsfreuden. Die Opas hatten ihm einen Job unter Tage besorgt, da konnte er erst einmal als gelernter Schlosser arbeiten. Es gab zunächst nur dort gutes Geld, ein Kohledeputat und allerlei Lebensmittelunterstützungen. Meine Mutter bekam wohl während der Schwangerschaft mit mir die legendären Butterbrote von der Zeche, weil sie die am besten vertrug. Nach zwei Jahren wechselte mein Vater zur AEG und bereitete unsere Auswanderung nach Kanada vor. Er hatte schon das Schiff gebucht. Mein Vater konnte gut französisch, meine Mutter gut englisch. Das hätte gepasst. Und das Ein- und Auswandern passt ja immer schon ins Ruhrgebiet.

Als dann beide Großväter 1952 starben, war das Familienkapitel Bergbau beendet und die Auswanderung auch, bevor sie begonnen hatte. Denn die Omas wollten nicht allein bleiben. Überliefert sind die Bergbaugeschichten meines Vaters. Ich habe viele davon gehört. Am meisten beeindruckt haben mich die Grubenpferde, die ihr Leben unter Tage beendeten, dort aber bestens versorgt und umsorgt wurden. Im Tageslicht wären sie erblinden und hätten auch sonst kaum kaum gesundheitlich überleben können.
Ebenfalls beeindruckt hat mich, dass man unter Tage von Zeche zu Zeche fahren konnte, also praktisch durch die ganze Stadt. Für mich war das eine fantasievolle Alternative zur Straßenbahn.
Heute erzähle ich alle Geschichten sehr gern weiter.

Nur mal so …

Ach, das passt doch auch zum Aufbruch ins neue Jahr 2019 …
begeht es mit Freude, achtsam und nachhaltig.

Klick kostet Kohle

Früher war alles besser.
Das Ersparte lag unter dem Kopfkissen und es galt als unmoralisch, das Geld bei der Bank arbeiten zu lassen. Bis heute hat man uns allerdings nach und nach beigebracht, dass es überaus vernünftig sein soll, das Geld der Bank zu geben. Es soll sich dabei um eine sogenannte Winwinsituation handeln, die sowohl der Bank als auch dem Sparer Geld einbringt. Was das Geld sonst noch bewirkt, das bleibt beim einfachen Sparen auf einem Sparkonto total im Dunklen. Über viele Jahre haben sogar Lehrer im Dienst und in der Kumpanei mit den Sparkassen, den Kindern das Taschengeld abgeluchst, damit es Zinsen bringen sollte.
Mittlerweile bringt der Spargroschen nichts mehr ein, aber wir sind doch angefixt auf die Bequemlichkeit des Onlinebankings. Dazu brauchen wir uns nur mit dem Laptop auf das Kopfkissen zu setzen, unter dem der Sparstrumpf auf seine Reaktivierung wartet. Das Onlinebanking wird immer kostspieliger, weil die Bank – wie sie sagt – ja einen erheblichen Aufwand treibt, das Geld zu verwalten. Von so einem kostspieligen Aufwand war nie die Rede, als die Bank bei maximalem Gewinn noch vergleichsweise dürftige Zinsen anbot. Der Sparer gab sich damit zu Frieden. Er wechselt bis heute lieber den Lebenspartner als sie Bank. Die Banken tun freilich so, als seinen bestimmte Kernleistungen weiterhin kostenlos, um sich im Konkurrenzkampf gut zu platzieren. Sie suchen aber möglichst versteckte Ecken, um trotzdem die Spargroschen abzugreifen.
Die Sparkasse in Soest hat sich beispielsweise etwas ganz tolles ausgedacht. Wenn man sich als Kunde vom Kopfkissen aus dort einloggt, wird pro Klick ein Cent fällig, zukünftig werden es gar zwei Cent sein. Der Grund soll sein, dass jeder Klick auf der Website der Bank eine ganze Menge auslöst. Es ist so wie im Spielsalon, jeder Klick bewirkt ne Menge und am Ende ist die Kohle weg.
Früher war nicht alles besser, aber es empfiehlt sich zumindest der Gedanke an die Reaktivierung des Sparstrumpfs und die Rückkehr zu den kostenlosen Klicks.

Der Klick zum „gefällt mir“ kostet … „Klick kostet Kohle“ weiterlesen

Lüge des Tages

Meine ganz persönliche Lüge des Tages:

Viele Menschen wissen nicht, dass die Klorollennutzung patentiert ist. Um zivilrechtlichen Ansprüchen vorzubeugen, ist es dringend empfohlen, die Toilettenrollen mit Hilfe der folgenden Vorschrift zu überprüfen und erforderlichenfalls deren Anbringung zu korrigieren.

klopapier

Heute klingelte schon jemand an meiner Tür und verschaffte sich unter dem Vorwand, er müsse schnell seine Notdurft verrichten, einen Zugang zu meiner Toilettenrolle.

In den nächsten Tagen werde ich wohl eine Rechnung über Abmahn- und Rechtsanwaltskosten im Briefkasten haben und die Aufforderung zu einer Unterlassungserklärung. Also das volle Programm …

Der Nikolaus – abseits ausgetretener Pfade

Der Nikolaus ist die Personifizierung des guten Menschen.

Das ist seit langem so, besonders in den Niederlanden.

Nun wird er dort aber begleitete vom „zwarte Piet“, dessen Charakter und Aussehen nicht so ganz makellos sein sollen. Es hat sich eingebürgert, dass er dem Nikolaus assistiert und das eigene Bedürfnis, seinen Auftritt etwas unberechenbar zu gestalten, nicht so sehr auslebt. Er ist so wie der gefährliche Hund, der nur seinem Herrchen ergeben ist. Zu Recht gilt der „zwarte Piet“ als Kind des Kolonialismus. Das, was nicht so ganz ins Bild passte, hat man damals gern den Kolonialländern zugeschrieben und es ist bis heute dabei geblieben. Es war, wie vieles in dieser Zeit, kräftige Schwarzweißmalerei. Geblieben ist davon die Tradition, die die Anmutung einer unmittelbare rassistische Schau verloren hat. In anderen Gegenden wechselt die Begleitfigur die Hautfarbe, aber kaum den Charakter. Der bayrische Krampus ist noch weitaus furchteinflößender und entstammt wahrscheinlich auch einer problematischen Randgruppe. Dass in Büchern, Opern und anderen Kulturgütern es nur so von Mohren mit zweifelhaften Rollen wimmelt, hat bisher kaum Kritik an einem eventuell überdauernden Rassismus hervorgebracht. Beim „zwarte Piet“ ist das anders. In den Niederlanden formieren sich seit ein paar Jahren Initiativen zur Ausrottung des rassistischen Beiwerks.

Weil ja Traditionen kein Selbstzweck sind und so durch die Jahrhunderte schlittern sollen, ist es durchaus erlaubt, dem Nikolaus, der unbeweglich gekleidet ist und zudem viel zu tragen hat, auch einmal andere Hilfsmöglichkeiten zukommen zu lassen. Es muss ja nicht gleich ein mit Rentierbasteleien verzierter Gabelstapler sein. Es tut auch ein kräftiger Engel oder mehrere zarte. Die Geschenke selbst unterliegen dem Wandel der Zeit. Der Nikolaus kommt mit vielen Änderungen auch gut zurecht. Der „zwarte Piet“ spricht privat schon lange mit der „groene Antje“. Da bahnt sich was an. Das wäre viel besser, als den dummen und willfährig kapitalistischen Weihnachtsmann gegen den Nikolaus auszuspielen oder irgendetwas auszurotten, weil man den Weg der Entwicklung nicht sieht.

Es ist auch vollkommen überflüssig, den Nikolaus als einen hinter einem Kunstbart versteckten Darsteller ins Gefecht zu schicken. Wenn es einmal kein Darsteller ist, sondern ein Mensch, der für kurze Zeit seine Identität wechselt, dann bewirkt er allein durch seine Rolle Wunder. Er ist dann der Nikolaus und nicht freigegeben für Spekulationen darüber, wer den denn da spielt.

Ich weiß, wovon ich spreche.

 

Selfiestick

Selfiesticks sind peinlich. Das lese ich fast überall. Bei Reisenden aus Ostasien ist allerdings aufgefallen, dass das Gefühl der Peinlichkeit sich nicht nachweisen lässt.

Ich vermute mal, dass das mit der Milch zusammenhängt. Die ist – umgekehrt – in Ostasien weitgehend unverträglich. Dass ich offenbar mitteleuropäische normal bin, merke ich daran, dass die Peinlichkeit mich voll trifft.

Ich sehe keine Chance, meine nun schon seit Jahrzehnten währende Selfieleidenschaft durch einen Selfiestick zu krönen. Meine Arme wachsen mir nun mal nicht in den Himmel. Die Gnade der Geburt am richtigen Ort ist nicht mehr menschenmöglich.

Nichts als einfach nur Glück!

Version 2

Ich habe mir mein Glückswort selbst ausgesucht.

Es ist sehr selten. Nicht einmal die Rechtschreibkorrektur in meiner bevorzugten Lebenswelt kennt es.

Es ist wie bei allen anderen Glückswörtern auch. Das Glück steht immer bevor – immer. Deshalb gibt es im Moment keine Belege für eine beglückende Wirkung.

Ich habe schon einmal mein Auto danach benannt. Es heißt Wurstfinger. Meine Datensticks heißen Wurstfinger 1, Wurstfinger 2 usw. In meinen Passwörtern … Ach, das sage ich lieber nicht.

Ursprünglich war Wurstfinger nur mein Lieblingswort. Ich habe es dann konsequenterweise irgendwann befördert, weil ja alle Welt nach dem Glück strebt. Die Namensgebung macht mich doch irgendwie rundum stolz und ehrlicherweise auch etwas glücklich. Man ist dabei ja auch viel freier als bei der Namensgebung für die eigenen Kinder.

Ein guter Tip

Jetzt ist wieder die Zeit, in der Tips von Psychologen hoch gehandelt werden. Sie sollen sagen, dass man in dieser Zeit der Terrorgefahr machen soll, was man gern macht, also zum Weihnachtsmarkt gehen. Sie formulieren das sehr unbestimmt. Das mit dem Weihnachtsmarkt wird nur als ein Beispiel angedeutet oder in Zeitungen redaktionell hinzu gefügt.

Ach, ich nehme die Psychologen sehr gern ernst. Ich habe diese Weihnachtsmärkte noch nie gemocht, weil sie die unbedeutenden Dinge dieser Welt so grenzenlos auffächern und Kaufkraft vernichten. Ich gehe lieber woanders oder nirgendwo hin. Und wenn mich nun jemand zu den tollen Weihnachtsmärkten locken will, dann weise ich darauf hin, dass ich lieber mache, was ich will, um der Terrorgefahr adäquat zu begegnen.

Das Zertifikat – ein schlechter Rat!

Zunächst galt der Pilot der Flugmaschine, die von ihm vor eine Felsenwand gesteuert wurde als 100% tauglich, so eine Maschine zu steuern. Jetzt wissen wir, dass er 0% tauglich war, also ohne Einschränkung untauglich. Wir fragen uns, warum es nach bestem Wissen und Gewissen zwei so sehr gegensätzliche Einschätzungen gibt.

Ich verdächtige den Zertifizierungswahn: Er setzt falsche Maßstäbe. Der Konsument wird der Aufgabe enthoben, sich selbst ein Bild zu machen und veranlasst, einfach nur dem Zertifikat zu vertrauen. Das erlaubt auf der anderen Seite, ein differenziertes Urteil auszusparen und aus wirtschaftlichen Interessen mit fragwürdigen Parametern zu prüfen.
Hinter einem glänzenden Zertifikat verbirgt sich also stets eine differenzierte Wirklichkeit mit allen Höhen und Tiefen, bisweilen sogar Untiefen. Nur der ungebundene, der Aufklärung verpflichtete Experte, stellt den Kontakt zu den tatsächlichen Wirkparametern wieder her.
Wir sollten die Deutungshoheit rechtzeitig zurück erobern.